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Alles ist wichtig, nur das Essen nicht

Paul Imhof erklärt, warum Metzger gefälschte Bratwürste verkaufen.

Widmer

Warum betrügt ein Metzger beim Wursten? Weil er die Wurst mit ihrem traditionellen Namen verkaufen möchte – aber auch unter dem Preis, der dem authentischen Inhalt gebührt. Warum tut er das? Weil der Kunde ihn dazu zwingt. Weil der Kunde vom Metzger ein Produkt von einem bestimmten Niveau verlangt, aber nicht gewillt ist, den Preis dafür zu entrichten. Er drängt den Metzger in die Rolle eines Magiers, der Hasen aus dem Zylinder zaubern soll, aber nur Kaninchen mit Hasenlöffeln zustande bringt.

Ein Produkt hat einen Preis. Wer diesen Preis nicht bezahlen will, erhält auch nicht das Produkt, das er kaufen möchte. Drängt er trotzdem auf dieses Produkt, stellt er den Hersteller vor die Alternative: Verzicht oder Fälschung. Eine Kalbsbratwurst aus Schweinefleisch ist keine Kalbsbratwurst. So wenig ein Ferrari mit einem Cinquecento-Motor ein Ferrari ist.

Kunden in die Pfanne hauen

Beim Ferrari-Fake würden die Alarmglocken sofort schrillen, die Entrüstung ob des Versuchs, einen Kunden in die Pfanne zu hauen, wäre grenzenlos. Beim Essen dagegen braucht es viel mehr, bis der Topf des Erträglichen überläuft. Einerseits hat man sich seit langem damit abgefunden, die Ernährung – anders als ein Automobil der tatsächliche Antrieb des Lebens – der Industrie zu überlassen, andererseits ist es der Mehrheit wurscht, womit sie ihren Organismus malträtiert: Hauptsache, kostengünstig. Über Mittag drückt man sich beim Gehen ein bisschen Treibstoff ins Gekröse, in der einen Hand das Handy, in der andern ein Sandwich. Alles ist wichtig, nur das Essen nicht. Auto und Garderobe, Sonne und Surfen – da bleibt wenig übrig, um seinem Körper Nahrung zuzuführen, die ihn nicht nur mit Fett und Fasern, sondern auch mit Wohlbefinden erfüllt. Manche wären gewiss glücklich, könnten sie mit der Muttermilch ein Hamsterpolster im Körper aufbauen und dann ein Leben lang davon zehren.

Alles soll gut und billig sein

Das Grundproblem ist simpel: Alles soll möglichst gut und möglichst billig sein. Diese Gleichung geht nicht auf. Ein gutes Produkt hat seinen Preis, und zwar schon seit langem. Ein Porsche ist nicht erst seit gestern teuer, er war es schon immer. Ein erstklassiges Stück Fleisch ist noch nie billig gewesen, aber auch nicht teuer, sondern seinem Wert angemessen – wie auch Obst und Gemüse aus ökologisch verträglichem An- bau. Ein Kalb zu züchten, braucht mehr Aufwand als Schweinemast. Man kann ein Gericht mit synthetischen Aromen und kosmetisch aufgeblasenem Beigemüse aufpeppen, aber aus einem Schwein wird trotzdem nie ein Kalb. Wer nicht bereit ist, den Preis für ein adäquates Produkt zu bezahlen, aber darauf besteht, dieses Produkt trotzdem zu erwerben, wird eine Fälschung erhalten. Das macht auch gar nichts, denn die Mehrheit der Bevölkerung scheint die Täuschung dem Authentischen vorzuziehen, die Kopie dem Original. Der äusserliche Glanz reicht offensichtlich aus, um sich in einer Event- und Plastikwelt wohlzufühlen.

Plasmastäbchen statt Schnitzel

1943 fand die erste Olma in St. Gallen statt. Für dieses Ereignis wurde das Gewicht der originalen St. Galler Bratwurst von 110 auf 160 Gramm erhöht. Das neue Produkt erhielt den Namen Olma-Bratwurst. Es herrschte Krieg, die Bevölkerung war gezwungen, ihr Essen mit Bedacht zu organisieren. Die Olma-Bratwurst sollte ihr dabei helfen: als nahrhaftes Produkt zu einem erschwinglichen Preis. Damals gab ein durchschnittlicher Haushalt noch die Hälfte seines Einkommens für Lebensmittel aus. Heute sind es nicht einmal mehr zehn Prozent. Die Ansprüche haben sich gewandelt. Bald werden wir panierte Protoplasmastäbchen statt Wiener Schnitzel verdrücken.

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