Seine Recherchen brachten ihn ins Gefängnis

Der russische Aufdecker-Journalist Ivan Golunov wurde als angeblicher Drogendealer verhaftet. «Breaking Bad» – im Zentrum Moskaus?

Er berichtete von Moskau aus über dreckige Geschäfte: Ivan Golunov. (Foto: Keystone)

Er berichtete von Moskau aus über dreckige Geschäfte: Ivan Golunov. (Foto: Keystone)

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Glaubt man der Moskauer Polizei, dann ging ihr vorgestern ein richtig grosser Fisch ins Netz: Fünf Säcke voll mit einer synthetischen Droge habe man gefunden, heisst es in einer Medienmitteilung, dazu Glasgefässe und Waagen, die offenbar der Produktion des Rauschgifts dienten. «Breaking Bad» – im Zentrum Moskaus? Es darf an dieser Version gezweifelt werden. Denn das angebliche Labor ist die Wohnung eines der bekanntesten investigativen Journalisten Russlands, der sich besonders mit Korruption in der Hauptstadt beschäftigte.

Ivan Golunov arbeitete für das russische Nachrichtenportal «Meduza», das vom sicheren Boden der Europäischen Union – aus der lettischen Hauptstadt Riga – das System von Staatspräsident Wladimir Putin kritisch durchleuchtet. Der 36-jährige Golunov berichtete von Moskau aus über dreckige Geschäfte mit dem Müll oder über den Reichtum des Moskauer Bürgermeisters Sergei Sobjanin, eines Freunds Putins. Zuletzt hatte der Journalist im vergangenen Dezember über das Immobilienimperium eines Moskauer Vizebürgermeisters und seiner Familie geschrieben, denen unter anderem neun Penthäuser gehören.

Donnerstagmittag war Golunov im Moskauer Zentrum auf dem Weg zu einem Informanten, als ihn zwei Polizisten in Zivil verhafteten. 14 Stunden lang wurde ihm der Kontakt zur Familie, seiner Freundin oder seinem Anwalt verweigert. Golunov berichtet auch, er sei von Polizisten geschlagen worden. Das Innenministerium dementiert.

Die Chefredaktion von «Meduza» ist überzeugt, dass ihr Mitarbeiter unschuldig ist und für seine journalistische Arbeit bestraft werden soll.

In der Medienaussendung des Ministeriums heisst es, die Partydroge Mephedron sei im Rucksack Golunovs und in seiner Wohnung gefunden worden. Auch Fotos der Drogensäcke und des Labors wurden veröffentlicht. Golunovs Kollegen meinen hingegen, acht von insgesamt neun Fotos der Polizei stammten gar nicht aus seiner Wohnung. Und auf den Zetteln an den Drogensäcken sei nicht seine Handschrift zu sehen.

Die Chefredaktion von «Meduza» ist überzeugt, dass ihr Mitarbeiter unschuldig ist und für seine journalistische Arbeit bestraft werden soll. Sie berichtet von vielen Drohungen, die Golunov zuletzt erhalten habe.

Putin kann keine Skandalenthüllungen brauchen

Ein erfahrener Journalist, der mit seinen Enthüllungsgeschichten die Mächtigen provozierte, lagert zu Hause Säcke mit Drogen? Diese Annahme ist für den TV-Sender des Oppositionellen Alexei Navalny einfach nur «absurd». Andere Freunde des Verhafteten glauben, dass der «Drogenfund» absichtlich so plump inszeniert worden sei, um damit anderen kritischen Journalisten eine deutliche Botschaft zukommen zu lassen: «Wir kriegen euch, wenn wir wollen.»

Anfang September wird in Moskau das Stadtparlament gewählt, und Putins Partei Einiges Russland kann zuvor keine Skandalenthüllungen brauchen. Nach der Verhaftung Golunovs wies Bürgermeister Sobjanin den Moskauer Polizeichef an, die Ermittlungen gegen den Journalisten persönlich zu überwachen.

Auch diese Anweisung wird unter Golunovs Kollegen als massive Drohung aufgefasst.

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