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Fussgänger Nummer eins

Miguel Anxo Fernández Lores, Bürgermeister der spanischen Stadt Pontevedra, ist ein Autoschreck. Und trotzdem sehr beliebt.

Ihm ist etwas gelungen, was viele Städte anstreben: Miguel Anxo Fernández Lores hat die Strassen zurückerobert von den Autos und sie den Fussgängern überlassen. Bild: PD
Ihm ist etwas gelungen, was viele Städte anstreben: Miguel Anxo Fernández Lores hat die Strassen zurückerobert von den Autos und sie den Fussgängern überlassen. Bild: PD

Ganz im Westen Europas, eingebettet zwischen grünen Hügeln und dem Atlantik, liegt Pontevedra, eine Kleinstadt mit grossem mittelalterlichem Zentrum, beliebtes Ziel für Tagestouristen, schön und ein wenig langweilig. Und doch gehört Pontevedra zur internationalen Städteprominenz. Regelmässig erscheinen Berichte über den Ort, aus der ganzen Welt reisen Planer dorthin, die Stadt hat mehrere Preise gewonnen. Das ist vor allem das Verdienst von Miguel Anxo Fernández Lores, der Pontevedra seit 1999 regiert. Ihm ist etwas gelungen, was derzeit viele Städte anstreben: Er hat die Strassen zurückerobert von den Autos und sie den Fussgängern überlassen.

Den Journalisten, die Lores empfängt, erzählt er stets die gleiche Geschichte. 1999 ging es Pontevedra schlecht. Die Altstadt sei ein schrecklicher Ort gewesen: überall Autos, Staus, eine gereizte Stimmung, die Luft verpestet, das einzige Geschäft, das lief, war der Drogenhandel. «Viele Leute zogen weg», sagt Lores im «Guardian», der «Süddeutschen Zeitung», «Le Temps» und anderen Zeitungen.

Lores gehört zum Nationalistischen Galicischen Block (BNG), einer links-grünen Partei, der er schon als junger Mann beitrat. Der heute 64-Jährige ist auf dem Land aufgewachsen, die Eltern hatten wenig Geld. Er studierte Medizin in Pontevedra, arbeitete als Hausarzt in der Altstadt. Dabei habe er sich so beliebt gemacht, dass ihn gewisse Anhänger nicht zum Bürgermeister wählten aus Angst, ihn als Arzt zu verlieren. Sein Sieg war ein kleines Wunder: Bis dahin regierten rechte Parteien die Stadt, Galicien ist eine konservative autonome Region.

Die Luft wurde sauberer

Kaum im Amt, erklärte Lores das historische Zentrum zur Fussgängerzone. Später liess er Transitstrassen sperren, strich fast alle oberirdischen Parkplätze, eröffnete unterirdische Parkhäuser an der Stadtgrenze. Rot­signale ersetzte er durch Kreisel, die Höchstgeschwindigkeit senkte er auf 30, Fussgänger bekamen Vortritt. Immer. «Peatonalización» nennt das Lores. Verfussgängerung. Die Philosophie dahinter klingt einfach: Es dürfe nicht sein, dass ein privates Ding, das Auto, den öffentlichen Raum besetze; dass es die Menschen daran hindere, ihre Strassen zu benutzen.

Erst kam das schlecht an. Doch bald belebte sich die 80'000-Einwohner-Stadt, Menschen zogen hinein, die Luft wurde sauberer. Seit 2009 ist niemand mehr gestorben im Verkehr, auf Parkplätzen entstanden kleine Pärke. Auch Lores profitierte: Schon viermal hat man ihn wiedergewählt. Universitäten in Europa laden ihn als Redner ein. Und die autofreie Stadt kommt dem Bürgermeister, der sich selber «Fussgänger Nummer eins» nennt, persönlich entgegen: Laut Medienberichten schlendert er gerne nach Hause, dabei grüsse er unzählige Bekannte, erzähle da eine Anekdote, platziere dort einen Witz. Als Regionalpatriot spreche er nur Galicisch, kaum Spanisch. Verbringt er Zeit mit seiner Familie oder Freunden, soll stets das Handy neben ihm liegen. Alle können ihn anrufen. Anhänger schätzen diese Nahbarkeit – Gegner nennen ihn einen Populisten.

2019 wird Lores 20 Jahre im Amt sein, manche halten das für zu lange. Um sein Vermächtnis muss er sich zumindest nicht sorgen. Gemäss Medienberichten wünschen sich nur wenige Pontevedriner die Autostadt zurück.

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