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Die Gasparins gegen den Rest der Welt

Nach neun Winterspielen vor Ort sitzt unser Autor dort, wo alles begann: Vor dem Fernseher. Heute: Das neue Schweizer Gefühl beim olympischen Biathlon.

Ich nehme alles zurück, was ich je über Biathlon gesagt habe, und behaupte das Gegenteil. Ich werde nie mehr spotten, wenn auf deutschen Kanälen während des Winters zu jeder Tages- und Nachtzeit Skijägerinnen und Skijäger über den Bildschirm flitzen, sich schwarze Punkte in weisse verwandeln und sich Reporterstimmen in der Euphorie überschlagen. Denn seit gestern Nachmittag weiss ich: Biathlon ist verdammt spannend. Die teuflische Kombination aus Hetzen und Ganzruhigbleiben fesselt die Zuschauer. Es gibt wohl keine andere Sportart, in der Träume so telegen platzen können, und auch keine, in der so schön mit dem Konjunktiv gespielt werden kann – auch wenn das bei Fachleuten wie Mathias Simmen, unserem Co-Kommentator, verpönt ist. Bevor Reporter Herbert Zimmermann es wagte, Wörter wie «hätte» und «wäre» in den Mund zu nehmen, hatten wir Mathematiker auf dem Sofa längst ausgerechnet, dass es für Selina Gasparin eine Medaille gegeben hätte, wenn...

Ja, wenn nicht dieser Fehlschuss gewesen wäre. Nicht irgendein Fehlschuss, sondern der mit der letzten, allerallerletzten Patrone; eine Formalität nur, als der imaginäre Hirsch längst erlegt war. Unvorstellbar, wenn Wilhelm Tell seinerzeit Ähnliches passiert wäre mit seinem zweiten Pfeil, der auch der letzte war. Vielleicht wären wir jetzt noch immer Österreicher und würden neben dem Abfahrtsgold von Mathias Mayer auch den silbernen Biathleten Dominik Ladertinger feiern.

Bis gestern Sonntag war ich überzeugt, dass uns Schweizern die kombinatorischen Fähigkeiten fehlen, um zwei so unterschiedliche Sportarten wie Langlaufen und Schiessen miteinander zu verbinden. Und davon liess ich mich auch durch die guten Resultate, die Benjamin Weger und Selina Gasparin in meiner TV-Abwesenheit erzielt hatten, nicht abbringen. Zufall, dachte ich.

In meinem Olympiahirn sind Biathleten als Versager gespeichert. Die beiden Top-20-Klassierungen, die Thomas Frei und Simon Hallenbarter bei den letzten Spielen in Whistler erreichten, sind mir erst jetzt, als ich mich bei Wikipedia erkundigte, aufgefallen. Geprägt ist mein Biathlon-Bild vom Debakel von Innsbruck 1964, als die Schweizer mit ihren abgesägten Langgewehren mit 53 von 80 Schüssen das Ziel verfehlten und vier der fünf letzten Plätze belegten – geschlagen von den Mongolen. Oder vom Adelbodner Hans Burn, der uns 1980 in Lake Placid erklärte, dass ihm bei Schneefall die Augen tränten und er deshalb die Scheibe nicht richtig sehe. Oder von Jean-Marc Chabloz, den wir 1994 in Lillehammer mit diesem Zweiteiler beurteilten: «Elchlein nimm dich wohl in Acht, wenn des Chabloz' Büchse kracht.»

Das ist jetzt alles vergessen, und ich fokussiere mich auf mein nächstes grosses Biathlon-Rendezvous. Ich freue mich auf morgen Dienstag, 16 Uhr, wenn es heisst: Gasparin und Gasparin verfolgen den Rest der Welt.

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