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Tour-KönigsetappeNicht einmal die Nahost-Koalition hilft Pogacar

Leader Primoz Roglic gibt an der steilen Bergankunft auf dem Col de la Loze den Patron. Sein nächster Herausforderer leidet erstmals schwer.

Hoch die Blumen, hoch den Löwen: Primoz Roglic feiert in Méribel mit Maske und in Gelb.
Hoch die Blumen, hoch den Löwen: Primoz Roglic feiert in Méribel mit Maske und in Gelb.
Foto: Christophe Petit-Tesson (Keystone)

Es gibt Bergetappen, die sind hart. Und es gibt welche, die sind brutal. Die Königsetappe dieser Tour gehört zur zweiten Sorte. Das liegt an den 4089 Höhenmetern, vor allem aber am Tour-Debütanten Col de la Loze, auf dessen Passhöhe das Ziel steht.

Egan Bernal mag sich die Premiere nicht mehr antun. Der schwer geschlagene – und angeschlagene (Knie und Rücken!) – Titelverteidiger gibt am Morgen in Grenoble seine Aufgabe bekannt. Vielleicht begegnet er am Bahnhof Stefan Küng. Dem Thurgauer fehlen nicht die Kräfte für das happige Tageswerk. Doch sein Kopf ist bereits beim nächsten Ziel: In einer Woche startet er in Imola zum WM-Zeitfahren. Der Rückzug fällt ihm leichter, weil es für ihn auf diesem Bergschlussbouquet nichts mehr auszurichten gibt, zumal sein Leader Thibaut Pinot nur im Rennen verbleibt, um sich nach mehreren Aufgaben zu beweisen, dass er Paris erreichen kann.

Was führt Landa im Schild?

Nicht so Mikel Landa: Er lässt seine Helfer von Bahrain-Merida bereits am Col de la Madeleine vorne einreihen und ein hohes Tempo anschlagen. Der Spanier ist bekannt für seine unberechenbaren Offensiven.

Landas Ambitionen freuen Tadej Pogacar, den Gesamtzweiten. Oder gibt es da etwa eine Nahost-Koalition? Hier das aus Bahrain finanzierte Team, da Pogacar von der von den Vereinigten Arabischen Emiraten alimentierten Equipe – der aber die Stärke für eine solche Aktion fehlt. Schliesslich erhöht die frühe Tempoarbeit den Druck auf Jumbo-Visma von «Maillot jaune» Primoz Roglic.

Doch grundlegend ändert sich die Situation nicht, die Favoriten kommen geschlossen unten am Col de la Loze an, 21 Kilometer sind es von hier noch. Ein Kinderspiel, könnte man meinen, zumal die nächsten zehn Kilometer ereignislos und zügig vorbeiziehen. Doch dann biegen sie in Méribel von der Hauptstrasse ab und in ein frisch geteertes Strässchen ein. Hier beginnt das wirkliche Leiden des Tages.

Die Spitzenfahrer haben diesen Berg-Radweg besichtigt, sie wissen, was ihnen noch bevorsteht. Und allen anderen reichte der Blick ins Roadbook am Start. Die letzten Kilometer bis zum Ziel auf 2302 Metern sind alle schwarz markiert – die Farbe hat dieselbe Bedeutung wie im Winter auf den Pisten: sehr schwer respektive sehr steil.

Wirklich wohl ist es in den Rampen nur Lopez

In diesen Rampen wirken für einmal auch diese weltbesten Bergfahrer menschlich, bewegen sich in einem Tempo, das auch Freizeitradsportler vom Bergauffahren kennen. Nur würden sie an derselben Stelle entweder Schlangenlinien fahren oder das Velo schieben.

Unterstützung von normalen Fans, aber auch von Echsen: Miguel Angel Lopez quält sich Richtung Etappensieg.
Unterstützung von normalen Fans, aber auch von Echsen: Miguel Angel Lopez quält sich Richtung Etappensieg.
Foto: Christophe Ena (Keystone)

Auch die Profis blättern nun ab, Landa übrigens, ohne auch nur ansatzweise in Erscheinung getreten zu sein. Die Stimmung am Fahrertisch von Bahrain-Merida dürfte am Abend entsprechend gewesen sein. Andererseits: Wirklich wohl scheint es hier nur mehr einem: Miguel Angel Lopez. Der Kolumbianer greift 2,5 Kilometer vor dem Ziel an und schaut nicht mehr zurück. «Auf dieser Höhe fühle ich mich wohl», sagt er, der auf 2500 Metern lebt, später. Durch seinen Exploit rückt er auch im Gesamtklassement auf Rang 3 vor.

Dahinter kurbelt Roglic scheinbar unbeeindruckt und im Sattel sitzend die Rampen hoch. Sein Herausforderer Tadej Pogacar dagegen muss erstmals richtig leiden. Es sind nur ein paar Meter, die er Roglic ziehen lässt. Dann kämpft sich der 21-Jährige noch zweimal wieder heran, doch bei der finalen Rampe zum Ziel muss er kapitulieren. Roglic vergrössert seinen Vorsprung um 17 auf 57 Sekunden.