Plädoyer für den StubentigerNicht alle Katzen sind Vogelmörder
BE-Post-Kolumnistin Cornelia Leuenberger wehrt sich gegen die Hetzjagd gegen Katzen – und belegt deren Harmlosigkeit mit einem Rechenbeispiel.
Werte Katzenkritikerinnen und -kritiker
Damit die Fronten geklärt sind: Ich liebe Katzen. Viele Jahre lang habe ich einer Obhut gewährt, sie durch ihr Leben begleitet und ihr Tun beobachtet.
Unser Vierbeiner – er war ein Kater – hat viel gemacht. Aber nur ganz selten einen Vogel gefangen. Er war zum Glück keines jener Monster, die nichts anderes im Sinn haben, als unter einem Busch zu lauern und Vögel zu töten. Nichts anderes machen Katzen nämlich.
Jedenfalls könnte man das jeweils meinen, wenn das Thema in den Medien aufgegriffen wird. Gerade erst war in der SonntagsZeitung darüber zu lesen. Die 1,85 Millionen Katzen im Land bringen, so lernen wir, gemäss einer Schätzung des Bundes pro Jahr 30 Millionen Vögel um.
Eine gewaltige Zahl, zugegeben. Aber lassen Sie uns kurz rechnen: 30 Millionen geteilt durch 365, das ergibt 82’200. So viele Vögel werden also pro Tag von Katzen erbeutet und getötet. Teilen wir nun diese Zahl durch die Anzahl Büsis im Land, ergibt sich eine Fangquote von 0,044 Vögeln. Oder andersherum: 22,5 Katzen teilen sich einen Vogel pro Tag.
Natürlich: Jeder Vogel, der im Schlund einer Katze endet, ist einer zu viel. Trotzdem scheint mir das Geschrei wegen der erbeuteten Piepmätze verlogen.
Denn Katzen fressen nicht nur Vögel, sondern auch Mäuse. Ich wage zu behaupten, mindestens gleich viele, wenn nicht sogar mehr. Nur regt sich darüber offenbar niemand auf. Warum wohl? Weil viele die kleinen Säuger aus mir unerklärlichen Gründen nicht niedlich, sondern eklig finden?
Mag sein. Wahrscheinlicher aber ist, dass bei Mäusen der Aufschrei ausbleibt, weil wir sie als Störenfriede wahrnehmen, die sich erfrechen, in Häuser einzudringen und die Vorräte zu plündern. Oder sich im Garten über die Wurzeln des Gemüses hermachen.
Mäuse sind Schädlinge, sie gehören bekämpft. Also stellt ihnen der Mensch Fallen, vergiftet sie – oder schafft sich eine Katze an. In diesem Fall ist es dann nämlich ganz praktisch, sind die kuscheligen Stubentiger von Natur aus eiskalte Jäger.
Zurück zu den Vögeln. Es ist eine unwiderlegbare Tatsache, dass sie immer weniger werden. Aber statt mit dem Finger auf Katzen zu zeigen, dürfte der Mensch ruhig vor der eigenen Tür kehren – bildlich gesprochen. Was ich damit meine, fragen Sie? Steingärten ausräumen und Sträucher pflanzen zum Beispiel.
Oder aufhören, aus jedem grünen Plätzchen einen makellos unkrautfreien Rasen machen zu wollen. Graben Sie um, sähen Sie eine Wiese an und staunen Sie, wie hoch Gräser werden, wenn man sie wachsen lässt.
Bald einmal stellen sich Bienen und andere Insekten ein. Es wird summen und brummen. Und in den neu gesetzten Sträuchern nisten die ersten Vögel.
Die Katze ist dann immer noch eine Beutegreiferin. Aber nur, weil es rund um das Haus mehr Vögel hat, wird sie nicht mehr jagen – das Zahlenspiel vom Anfang wird sich zugunsten der Vögel verändern.
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