Riss eines Tragseils führte womöglich zu Brückeneinsturz

Italiens Professor in der Unfallkomission bezeichnet einen Riss als «ernste Arbeitshypothese». Die Regierung erhöht den Druck auf die Betreiber.

Das schwere Unglück: Die Autobahnbrücke bricht in der Stadt im Nordwesten Italiens ein. (Video: Tamedia)

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Der Einsturz der Autobahnbrücke in Genua mit mindestens 38 Toten könnte nach Einschätzung eines Experten möglicherweise durch den Riss eines Tragseils verursacht worden sein. «Dies ist eine ernste Arbeitshypothese, aber nach drei Tagen ist es nur eine Hypothese», sagte der Professor für Stahlbetonbau an der Universität Genua, Antonio Brencich, am Freitag vor Journalisten.

Brencich gehört einer vom Verkehrsministerium eingesetzten Unfallkommission an. Es gebe Zeugenaussagen und Videos, die in Richtung Tragseile wiesen, sagte er laut Nachrichtenagentur Ansa.

Dagegen schloss er eine Überlastung der Brücke als Grund aus. «Der Regen, der Donner, die Überlastung sind fantasievolle Hypothesen, die nicht einmal in Erwägung gezogen werden.»


Video: Fahrt über die Morandi-Brücke

Das Video zeigt eine Autofahrt über das Polcevera-Viadukt im Jahr 2012. Die eingestürzte Stelle ist bläulich eingefärbt. (Video: SDA/Tamedia)


Der vierspurige, etwa 1200 Meter lange Polcevera-Viadukt in Genua setzt sich aus drei Einzelbrücken zusammen, von denen eine am Dienstag einstürzte. Die von den Pylonen zum Fahrbahnträger reichenden Stahlseile sind in eine Betonummantelung eingeschlossen. Diese soll vor Korrosion schützen.

Die Zeitung «La Repubblica» (Freitag) schrieb, dass eine Studie des Polytechnikums Mailand schon 2017 Schwächen an den Seilen entdeckt habe. Die Zeitung zitierte ausserdem Augenzeugen des Unglücks, die gesehen hätten, wie die Spannseile nachgaben.

«Ich war am Steuer meines Autos und habe gesehen, wie die Seile an der Seite nachgaben. Gleich danach begann der Asphalt unter mir zu zittern wie bei einem Erdbeben», sagte die Ärztin Valentina Galbusera der Zeitung.

Neue Brücke bereits 2019?

Nach dem verheerenden Brückeneinsturz verstärken die italienischen Behörden den Druck auf die Betreibergesellschaft. Das Verkehrsministerium leitete eine Untersuchung von Autostrade per l'Italia ein.

Das Ministerium forderte das Unternehmen am Donnerstagabend auf, binnen 15 Tagen nachzuweisen, dass es all seinen Instandhaltungspflichten nachgekommen sei. Die Gesellschaft müsse ausserdem bestätigen, dass sie den Viadukt auf eigene Kosten vollständig wiederaufbauen werde.

Der Präsident der Region Ligurien, Giovanni Toto, und Verkehrsstaatssekretär Edoardo Rixi erklärten laut Nachrichtenagentur Ansa, Genua werde bis 2019 eine neue Autobahnbrücke haben. «Die Gesellschaft Autostrade wird sie bezahlen. Wer sie baut, werden wir abwägen», sagte Rixi.

Pausenlose Suche nach Vermissten

Italienische Einsatzkräfte bargen am späten Donnerstagabend die auf den Resten der Brücke noch stehenden Fahrzeuge. Darunter war auch der grüne Lastwagen, dessen Fahrer bei der Katastrophe am Dienstag wenige Meter vor der Abbruchstelle bremsen konnte. Lokale Medien zeigten ein Video von dem Lastwagen am Abgrund. Die Retter suchten in der Nacht ganze Nacht und am Freitag Freitag nach weiteren Opfern. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Genuas könnten noch 10 bis 20 Menschen unter den Trümmern sein. Die Aussichten, Überlebende zu finden, gelten drei Tage nach dem Unglück allerdings als gering.

Die Suche konzentrierte sich auf die Trümmer eines Brückenpfeilers am linken Polvecera-Ufer. Während eines Unwetters war ein fast 200 Meter langer Abschnitt des Viadukts in der italienischen Hafenstadt in die Tiefe gestürzt und hatte zahlreiche Fahrzeuge mitgerissen. Bei dem Unglück waren mindestens 38 Menschen ums Leben gekommen.

Aus Sicherheitsgründen wurden insgesamt 13 Wohnhäuser evakuiert. 558 Menschen verloren der Präfektur zufolge ihr Zuhause.

(nlu/sda)

Erstellt: 17.08.2018, 14:57 Uhr

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