Kleines Wort, grosse Wirkung

Mit einem Merci, das von Herzen kommt, zeigen wir Wertschätzung. Kinder müssen den Sinn dieses Verhaltens erst lernen. Wie das gelingt.

Echte Dankbarkeit führt von allein zu einem freundlichen Verhalten: Überraschungen für Mama. Foto: Getty Images

Echte Dankbarkeit führt von allein zu einem freundlichen Verhalten: Überraschungen für Mama. Foto: Getty Images

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Wenn das Grosi seinem Enkelkind zu Weihnachten selbst gestrickte Socken schenkt oder der Götti dem Patenkind ein Trottinett, dann erwarten beide zu Recht ein Dankeschön. Nicht nur, weil es sich nach den Spielregeln unserer Gesellschaft so gehört oder weil es von guten Umgangsformen zeugt. Ein Dankeschön macht die Oma und den Onkel glücklich, weil sie merken, dass sich die Kinder über die Geschenke freuen.

«Ein Dankeschön ist eine Höflichkeitsform, mit der ich anderen meine Anerkennung und Wertschätzung zeigen kann», sagt Caroline Märki, 45, Leiterin des Familylab in Männedorf und Mutter von drei Kindern. Für die Familienberaterin ist deshalb klar: «Kinder sollten lernen, sich zu bedanken.» Allerdings könne das Danksagen schnell zur leeren Floskel werden, wenn es den Kindern mit Lob («Das hast du gut gemacht!») und Tadel («Das geht aber besser!») andressiert werde wie einem Hund das Männchenmachen. Solche Kinder, weiss Caroline Märki, bedanken sich dann nur, um ihren Eltern zu gefallen, empfinden dabei aber keine echte Dankbarkeit.

Caroline Märki rät zu mehr Gelassenheit, wenn Kinder nicht gleich Danke sagen. Meistens lernen sie es ohnehin durch das Vorbild der Eltern, von anderen Erwachsenen oder gar von ihren Kollegen. «Meine Kinder haben sich einmal sogar für das Mitfahren bedankt», erinnert sich die Erziehungsexpertin und schmunzelt: «Wahrscheinlich hatten sie das bei einer anderen Familie so erlebt.»

Sollte der Nachwuchs einmal vergessen zu danken, wenn ihm eine Verkäuferin beispielsweise eine Schoggi schenkt, ist dies auch kein Drama. Vielleicht ist es mit den Gedanken woanders oder einfach zu schüchtern, sodass es sich durch ein «Willst du nicht Danke sagen?» vor aller Welt peinlich blossgestellt fühlt. Der dezente Hinweis «Das ist jetzt aber nett von der Frau!» dagegen hilft dem Kind weitaus entspannter auf die Sprünge. Und sollten dann «nur» die Augen leuchten, zeigt dies mehr von der Freude über das Geschenk als jedes Dankeschön.

«Echte Dankbarkeit macht uns bewusst, dass wir mit anderen verbunden sind.»David Schmid, Erziehungsberater

Statt die Kinder zum reflexartigen Aufsagen einer Höflichkeitsfloskel zu erziehen, sollten Eltern also eher darauf achten, dass ein Dankeschön von Herzen kommt. «Dann kommt es ganz von allein, dass sich Kinder aus eigenem Wunsch bedanken», ist Caroline Märki überzeugt. So wie bei ihrem Sohn, der mit Oma und Opa nach Irland zum Fischen durfte. Nach den Ferien kam der 13-Jährige so begeistert zurück, dass er, ansonsten schreibfaul wie viele Buben, den Grosseltern ein ewig langes SMS schrieb. Denn echte Dankbarkeit empfindet jeder als ein so angenehmes, freudiges Gefühl, dass sie, wie bei Caroline Märkis Sohn, von allein zu einem zugewandten und freundlichen Verhalten anderen gegenüber führt.

«Echte Dankbarkeit macht uns bewusst, dass wir mit anderen verbunden sind», erklärt David Schmid, 46, Leiter der Erziehungsberatung des Kantons Bern, warum es sich so gut anfühlt, wenn man dankbar ist. Doch diese Verbundenheit ist nicht einseitig, sondern löst eine positive Reaktion aus: «Wenn mein Gegenüber Dankbarkeit erfährt», erklärt der Berner Kinderund Jugendpsychologe weiter, «erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass es mir gegenüber ebenso sozial, also beispielsweise hilfsbereit und zugewandt, handelt.» Insofern ist Dankbarkeit, wie der Soziologe Georg Simmel bereits 1907 feststellte, eines der stärksten Bindemittel, ohne das «die Gesellschaft auseinanderfallen» würde.

Möglichkeit, um Dankbarkeit zu lehren: Ein Kind schreibt einen Dankesbrief. Foto: Getty Images

Heute weiss man zudem, dass Menschen, die dankbar sein können, positiver durch das Leben gehen und sich allgemein wohler fühlen. Dankbarkeit fördert die Achtsamkeit, den Enthusiasmus und den Optimismus, haben etwa die amerikanischen Psychologen und Glücksforscher Robert Emmons und Michael McCullough in einer Studie festgestellt. Sie baten dafür eine Gruppe von Probanden, Umstände und Erlebnisse zu notieren, für die sie dankbar waren, und eine zweite Gruppe, aufzuschreiben, was ihnen als lästig erschien. Bereits neun Wochen später beschrieben sich die Mitglieder der ersten Gruppe als aufgeschlossener und leidenschaftlicher und berichteten generell von grösserer Lebensfreude.

Eltern in der Pflicht

Verbundenheit mit anderen, Wohlbefinden, Lebensglück: Bei so viel positiven Auswirkungen wäre es natürlich gut, wenn Kinder von Herzen dankbar sein können.

Doch das Gefühl der Dankbarkeit können sie nicht von Geburt an empfinden. «Dankbarkeit müssen Kinder erst lernen, so wie ihre Hausaufgaben», sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm, 66, emeritierte Professorin an der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern. Dies können sie allerdings frühestens ab einem Alter von drei Jahren. Erst dann beginnen sich Kinder allmählich in andere Menschen hineinzuversetzen und erkennen, dass diese eigenständige Personen mit eigenen Gefühlen und Vorstellungen sind. Und erst dann können sie langsam begreifen, dass die Handlungen einer anderen Person nicht selbstverständlich sind, sondern dass diese aus persönlichen Motiven etwas Gutes tut.

Damit Kinder dies verstehen, braucht es eine Werteerziehung, in der soziale Kompetenzen wie Hilfsbereitschaft, verantwortung anderen gegenüber, Ehrlichkeit, aber vor allem die Dankbarkeit eine wichtige Rolle spielen. Denn über das Thema Dankbarkeit können Kinder erkennen, welche Absichten, Einstellungen und Interessen andere Menschen haben.

Dankbarkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für soziale Kompetenz.

Dabei sind insbesondere die Eltern in der Pflicht, mit ihren Kindern über Dankbarkeit zu reden. «Sie können beispielsweise mit den Kindern überlegen, was sie empfinden, wenn sie jemanden beschenken», rät Margrit Stamm. Oder ihnen erklären, warum die Oma jede Weihnachten die gleichen kratzigen, selbst gestrickten Socken schenkt. Die Kinder werden die Socken deshalb nicht häufiger tragen, aber begreifen, wie viel Liebe in dem Geschenk steckt.

Kinder lernen so, nicht mehr nur von den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen auszugehen, sondern auch zu berücksichtigen, was andere Menschen wünschen, denken und meinen.

Für die Erziehungswissenschaftler ist Dankbarkeit deshalb eines der wichtigsten Voraussetzungen für die soziale Kompetenz eines Kindes. «Das Kind fühlt sich nicht mehr als kleiner König, der immer im Mittelpunkt steht», erklärt Margrit Stamm, «sondern kann sich zunehmend in die Eltern, in die Betreuungspersonen in der Kita und natürlich in andere Kinder besser einfühlen und so zu diesen Personen eine echte Beziehung aufbauen.» Eine Fähigkeit, die nicht nur im Privatleben, sondern zuerst in der Schule und danach im Beruf wichtig ist. «Denn dort», so die renommierte Erziehungsforscherin Stamm, «zählt nicht nur die Leistung, sondern auch die Bildung und der Erhalt von guten Beziehungen.»

Vorbild sein

Auch David Schmid empfiehlt den Eltern, in der Erziehung zur Dankbarkeit aktiv zu werden. «Eltern und Kinder können vor dem Schlafengehen überlegen, was sie tagsüber Schönes erlebt haben», schlägt der Kinderund Jugendpsychologe vor. «Geschichten über Dankbarkeit lesen oder Bilder von Momenten aufhängen, für die sie dankbar sind.» So geht der Blick der Kinder weg von materiellen Dingen, über die sie sich freuen können, hin zu den kleinen Ereignissen und Begegnungen im Alltag, die ihr Leben lebenswert machen. «Sie lernen grundsätzlich, dankbar zu sein, weil sie begreifen, dass ihr Leben wertvoll ist», so David Schmid.

Vor allem aber ist das Vorbild der Erwachsenen und allen voran der Eltern am allerwichtigsten, wenn es um Dankbarkeit geht. «Eltern sollten ihren Kindern zeigen, dass sie selber gute Dinge wertschätzen, die um sie herum passieren», meint Erziehungsberater Schmid.

Dabei merken Kinder schnell, ob die Eltern ehrlich sind. «Wenn Eltern sagen, dass man dankbar für das sein muss, was man hat, beim Abendessen aber neidisch über das neue Auto des Nachbarn sprechen, ist das nicht glaubwürdig», warnt David Schmid. So wird die Erziehung der Kinder zur Dankbarkeit nicht nur an Weihnachten auch zur Herausforderung für die Erwachsenen, meint Margrit Stamm: «Wir müssen zuerst selber in den Spiegel blicken und schauen, wie wir uns in dieser Frage verhalten!»



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(Schweizer Familie)

Erstellt: 25.12.2017, 08:08 Uhr

Anleitung zur Dankbarkeit

Vorbild
Seien Sie Vorbild, indem Sie sich freundlich bei anderen bedanken und auch Ihre Dankbarkeit für die schönen Momente im Leben zeigen.


Dankbarkeitstagebuch
Kinder können darin mit Texten, Zeichnungen oder Fotos regelmässig festhalten, wofür sie dankbar sind.


Abendgespräch
Die Kinder erzählen den Eltern vor dem Schlafengehen, was sie Gutes erlebt haben, oder die Eltern lesen eine Geschichte vor, welche Dankbarkeit und Wertschätzung zum Thema hat, und reden mit den Kindern darüber.


Dankbarkeitswand
Kinder und Eltern hängen Notizen oder Bilder mit Situationen oder Dingen auf, für die sie dankbar sind, und erklären sie den anderen.


Gespräch suchen
Die Eltern stellen Fragen als Gesprächsimpuls: Worüber hast du dich gefreut? Welche Menschen machen dich froh und glücklich? Wie ging es dir, als du jemandem etwas schenktest? Was möchtest du in deinem Leben nicht vermissen?

Dankesbrief
Nicht als Befehl, sondern in einem zwanglosen Rahmen. Etwa nach Weihnachten in gemütlicher Familienrunde, in der alle ihre Dankesbriefe schreiben. So kann man gemeinsam einen Text überlegen, Anstösse geben oder diskutieren, warum es jemandem schwerfällt, einen Brief zu schreiben.

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