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«In den nächsten 10 Jahren fehlen 4000 Hausärzte»

Sven Streit, Leiter ­Nachwuchs am Institut für Hausarztmedizin der Universität Bern, über Löhne, Arbeitszeiten und Frauen in den Arztpraxen.

Mit 39 Jahren gehören Sie zur jüngeren Generation der Allgemeinmediziner. Warum sind Sie Hausarzt geworden?

Mich hat die Nähe zum Patienten und die Breite des Fachgebiets interessiert. Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich den starken Wunsch, zu helfen. Während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich mich davon immer mehr entferne. Bis ich zum ersten Mal als Arzt in einer Hausarztpraxis sass – da war dieser Wunsch wieder sehr stark da. Heute haben meine Frau und ich zusammen eine Hausarztpraxis in Konolfingen im Kanton Bern.

Der Lohn des Hausarztes ist ­tiefer als jener der Spezialisten, die Arbeitszeiten sind lang – der Hausärztemangel in der Schweiz kann da kaum überraschen.

Der Hausärztemangel hat verschiedene Ursachen. Der Lohn und die Arbeitszeiten sind ein Faktor, aber weder der einzige noch der wichtigste.

Woran liegt es dann?

Der Hausarztberuf fristete lang ein Mauerblümchendasein, die Vorbilder fehlten. Man hat auch nichts für die Nachwuchsförderung getan, weil man genug Ärzte hatte. Als ich 2002 mit dem Studium anfing, sagte man mir: Mach ja kein Medizinstudium, du wirst nie Arbeit finden! Man hat ausgeblendet, dass die Leute auch mal pensioniert werden. Wir sind in einem trägen System: Bis jemand in der Praxis ist, dauert es vom Studienbeginn an im Schnitt 15, 16 Jahre. Wenn der Hausarztmangel spürbar ist, dauert es also, bis man die Lücke schliessen kann, auch wenn man etwas für die Nachwuchsförderung tut – und das hat man getan, zum Beispiel beim Lohn.

Hausarzt Sven Streit. Foto: PD
Hausarzt Sven Streit. Foto: PD

Wie viel verdient ein Hausarzt heute?

Man kann nicht von Spitzenverdiensten reden, wie sie gewisse Spezialisten haben. Aber eine gute finanzielle Grundlage ist machbar.

In welcher Grössenordnung?

Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt zum Beispiel davon ab, ob der Arzt noch Medikamente abgibt oder ein Altersheim betreut. Im Schnitt sind es etwas über 158'000 Franken. Bei den Spezialisten hört man von Summen, die doppelt oder dreimal so hoch sind.

Und gleichzeitig arbeitet man als Hausarzt viel und muss ständig verfügbar sein?

Als Hausarzt mit eigener Praxis kann man selber über die Anzahl Sprechstunden und die Dauer der Konsultationen bestimmen. Bei den Notfalldiensten gibt es grosse regionale Unterschiede. In abgelegenen, ländlichen Gebieten wie dem Berner Oberland oder in den Skigebieten müssen viel mehr Notfalldienste geleistet werden, weil es hier nicht viele Ärzte gibt. Hier ist die Arbeitsbelastung gross.

Als Pfarrer muss man heute nicht mehr im Dorf wohnen, in dem man tätig ist. Wie ist das bei den Hausärzten?

Meine Frau und ich wohnen in ­Konolfingen, wo wir unsere Praxis haben. Aber in meinem Umfeld stelle ich fest, dass das heute oft nicht mehr so ist.

Weil man als Hausarzt quasi Allgemeingut ist und auch noch beim Einkaufen von den Leuten um medizinische Ratschläge angegangen wird?

Ich erlebe das anders. Ein grosser Teil der Bevölkerung ist einfach froh, dass es Hausärzte gibt: Jemanden, zu dem man gehen kann, wenn man ihn braucht. Wenn Hausärzte heute Wohnen und Arbeiten trennen, ist ein häufiger Grund dafür, dass sie in einer Partnerschaft leben. Der andere hat ja auch eine Arbeitsstelle. Und dann gibt es noch die Kinder.

Wie viele Hausärzte fehlen aktuell in der Schweiz?

Man schätzt, dass aufgrund der Pensionierungen in den nächsten 10 Jahren etwa 4000 Hausärzte fehlen werden. Eine Analyse der Universität Basel von 2015 zeigt: Wenn es so weitergeht, dass nur 20 Prozent der Studenten Hausarzt werden wollen, wird man in den nächsten Jahren nur jede zweite Praxis weiter betreiben können. Es braucht also deutlich mehr Nachwuchs. Glücklicherweise sehen wir aber an den Universitäten, dass das Interesse am Hausarztberuf deutlich zugenommen hat.

In der Allgemeinen Inneren Medizin ist der Frauenanteil in den letzten acht Jahren von 51 auf 64 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hört man, dass Ärztinnen oft nach ein paar Jahren aus dem Beruf aussteigen. Verschärft die Feminisierung den Hausarztmangel?

Das weise ich entschieden zurück. Das wird manchmal platt als Vorwurf formuliert: Die Frauen sind schuld, dass wir zu wenig Hausärzte haben. Wir haben mit dem Ärzteverband FMH die Daten zu den Aussteigern in den letzten 30 Jahren analysiert – und keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen festgestellt. Interview: Nadja Pastega, Dominik Balmer

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