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Ein kleiner grosser Sänger

«Der Sänger» heisst der neue historische Roman von Lukas Hartmann. Er handelt vom jüdischen Tenor Joseph Schmidt, der 1942 in der Schweiz wegen mangelnder ärztlicher Hilfe starb. Das ist happige Kost.

Joseph Schmidt.
Joseph Schmidt.
zvg

Der Name Joseph Schmidt ist heute weitgehend vergessen. Dabei war der Tenor, der aus Czernowitz in der heutigen Ukraine stammte, in den 1930er-Jahren eine Sensation. Er trat auf der ganzen Welt auf.

Dank dem Spielfilm «Ein Lied geht um die Welt», in dem er das populäre Lied mit dem gleichen Titel sang, kannten ihn auch Menschen, die ansonsten keine Opern hörten. Insbesondere die Damenwelt lag dem nur 154 Zentimeter grossen Sänger zu Füssen.

Flucht aus Deutschland

Doch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Joseph Schmidts Lage als Jude in Deutschland immer bedrohlicher. Schliesslich flüchtete er 1942 über Österreich, Belgien und Frankreich in die Schweiz.

Zu diesem Zeitpunkt, kurz vor dem Grenzübertritt in die Schweiz, setzt der neue historische Roman von Lukas Hartmann ein. Der Berner Autor erzählt, wie Joseph Schmidt völlig entkräftet in Zürich ankommt, in das Internierungslager Girenbad bei Hinwil ZH geschickt wird und dort wegen schlechter medizinischer Versorgung im Alter von nur 38 Jahren an Herzversagen stirbt. Alles läuft auf dieses deprimierende Ende hinaus.

Es gibt bereits Bücher und Dokumentationen zu den wichtigsten Stationen in Joseph Schmidts Leben. Lukas Hartmann geht nun einen Schritt weiter. Der 74-Jährige erzählt nicht nur den tiefen Fall vom gefeierten Star zum knapp geduldeten Flüchtling, sondern er lässt Joseph Schmidt auch in Rückblenden die musikalischen Erfolge Revue passieren. So vermischen sich die Härte der Realität und der Zauber der Musik.

Beispielsweise wenn der Autor über den Tenor schreibt: «Er dachte daran, dass Wind und Wetter auch bei Verdi und Puccini vorkamen, das Rauschen des Regens in Harfenklängen, Flussgeplätscher mit Pizzicati und Flötenläufen. Nun war alles echt, und es ging, ohne Publikum, um sein eigenes Leben.» Das ist meisterhaft erzählt, wirkt jedoch gelegentlich etwas schwülstig.

Indirektes Bekenntnis

Wer darüber schreibt, wie die Schweiz im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge behandelte, erinnert unweigerlich an die heutigen Flüchtlingsdiskussionen. Lukas Hartmann, der mit der SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga verheiratet ist, nimmt zwar nicht explizit Stellung. Doch sein Mitgefühl gilt offensichtlich Joseph Schmidt und den einfachen Leuten, die ihm spontan und mit viel Herzlichkeit helfen.

Die Behördenvertreter im Roman dagegen wirken abgestumpft. Immerhin schildert der Autor auch ihr Dilemma: Sie wollen Deutschland um keinen Preis provozieren, indem sie dem gefallenen Sänger eine Sonderbehandlung zukommen lassen.

Das Fazit des Buchs ist aber eindeutig: Das geschundene Individuum hat Vorrang, ein tragisches Einzelschicksal lässt sich nicht mit dem Verweis auf die Staatsräson entschuldigen.

Lukas Hartmann: «Der Sänger», Diogenes, 286 Seiten. Buchvernissage: 28.4., 16 Uhr, Zentrum Paul Klee, Bern.

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