Das Fussballfieber reicht bis in den Regenwald

Die WM-Euphorie in Brasilien hat auch die Indios im Amazonas erfasst. Tief im Dschungel verfolgen die Ureinwohner jeden Schritt von Stürmerstar Neymar.

Metropole mitten im Urwald: Newsnet-Reporter Sebastian Rieder vor der Oper in Manaus.
Sebastian Rieder@RiederSebastian

Die eleganteste Art, sich der Hitze von Manaus zu entziehen, ist eine ausgedehnte Bootsfahrt in den Amazonas. Das klebrige Leibchen löst sich schon mit dem ersten Luftzug von der Haut, der Schweiss auf der Stirn verschwindet in Windeseile. «Haltet euch fest, der Wellengang ist ziemlich stark heute», ruft Steuermann Toto nach hinten. Mit über 40 Stundenkilometern brettert er über den Rio Negro, mehr als eine Stunde dauert die Fahrt flussaufwärts zu den Ureinwohnern im Regenwald. Ein kleiner Mann mit starkem Händedruck und breitem Federschmuck begrüsst uns am Ufer, Amanari nennt er sich und stellt sich als Stammesführer von São Joao do Tupe vor, einem Nest mit acht Familien und über 40 Bewohnern.

Der Häuptling führt uns hinauf aufs Plateau zu seiner Tochter Miriãn und ihrem Haus, einer kleinen Hütte aus Holz und Backstein. Brasilianische Fahnen verzieren das Vordach aus Wellblech und lenken den Blick auf einen übergrossen Flachbildschirm, angetrieben von einem kleinen Stromgenerator. «Den Fernseher habe ich mir extra für die WM zugelegt», sagt Miriãn und grinst stolz in die Menge. Das halbe Dorf hat sich vor ihrem TV für das letzte Gruppenspiel von Brasilien gegen Kamerun versammelt. Eifrig werden noch die letzten Wetten abgeschlossen, niemand zweifelt an einem Sieg der Seleção. «Wir sind natürlich für unser Team, vor allem jetzt, wo Brasilien zu Hause eine WM spielt, müssen wir sie unterstützen», sagt Miriãn.

Die 30-jährige Mutter einer Tochter hat ihre traditionelle Tracht für einmal gegen ein Trikot von Superstar Neymar getauscht. «Er ist ein Indio wie wir, mein absoluter Lieblingsspieler», sagt sie und tippt auf vier Treffer gegen Kamerun. Die erste Bestätigung bekommt sie bereits nach einer Viertelstunde, als Neymar den Torreigen eröffnet. «Er ist einfach der Beste», sagt sie, schaut zu ihrem Vater, der sich wenig später über den Ausgleichstreffer von Kamerun enerviert.

Ein grosser Schluck aus der Bierdose beruhigt die Nerven des Dorfältesten, der wegen seiner eingeschränkten Sehkraft ganz dicht vor dem TV ein Plätzchen gefunden hat. Der Ärger ist schnell verflogen, als Neymar noch vor der Pause Brasilien wieder in Führung bringt. «Mit ihm werden wir die WM gewinnen», sagt Amanari. Die WM ist auch für das 83-jährige Oberhaupt des Dorfes ein aussergewöhnliches Ereignis. «Bei der ersten WM in unserem Land war ich noch ein junger Mann», das war 1950, als Brasilien im Endspiel Uruguay unterlag. «Das habe ich alles verpasst, das moderne Leben war damals ganz weit weg», sagt Amanari, «und natürlich hatten wir noch keinen Fernseher.»

Heute hat im Dorf jedes Haus eine Flimmerkiste, dank dem Tourismus geniessen die Ureinwohner eine für ihre Verhältnisse hohe Lebensqualität. Die WM im eigenen Land hat die Zahl der Regenwaldbesucher noch einmal potenziert, für Miriãn ein Segen, kritische Fragen lächelt sie weg. Weder das neue teure Fussballstadion in Manaus noch die fehlenden Gelder für Bildung und Gesundheit kritisiert sie. «Wir sollten die WM hier geniessen, weil es eine einmalige Sache ist, und man weiss nie, wann wir das wieder erleben dürfen», sagt sie und gewinnt dank dem 4:1 von Brasilien den Jackpot aus dem Tippspiel – ein bisschen Geld, um den grössten Fernseher im Dorf zu amortisieren.

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