Zum Hauptinhalt springen

Das dekonstruktive Zittern der Geisha

Die philippinische Tänzerin Eisa Jocson zeigte am Theater Spektakel ein anstrengendes Solo über Geschlechter-Stereotypen.

Der Schweiss tropft – so stark und seit mehreren Minuten, dass sich unter dem hautfarbenen BH die dunklen Brustwarzen von Eisa Jocson abzeichnen, die gerade ihre Finger zu einer Geste zusammenfügt, die man dem Repertoire der japanischen Geishas zuordnen kann. Aber Jocson presst ihre Finger derart kraftvoll aufeinander, dass alle Eleganz und Leichtigkeit der Geishas verloren gehen – und ihr ausgestreckter Arm von einem leichten Tremor erfasst wird.

Es sind wahrscheinlich genau solche Momente, in denen sich erfüllen soll, was uns im Ankündigungstext des Zürcher Theater Spektakels versprochen wurde: dass die Tänzerin von den Phi­lip­pinen uns als «‹one-woman-entertainment-service-machine› das gesamte Vokabular des weiblichen Unterhaltungstanzes» durchdekliniere – und dabei erlebbar mache, «wie die benutzten Stereotypien die Vorstellungen von Weiblichkeit prägen».

Aber ach, alles Grübeln über den Ankündigungstext erweist dem einstündigen Solo von Jocson allzu viel der Ehre. Denn in Tat und Wahrheit ist ihr «Host» nichts anderes als eine mit viel Kraft vollgepumpte Etüde, die derart konzeptionell wirkt, dass man beim Zugucken dauernd das Rascheln des Thesenpapiers zu hören glaubt. Und das hat damit zu tun, dass Jocson fast ausschliesslich mit Kontrasten und Klischees arbeitet, die sie reproduzieren muss, um sie kritisieren zu können. So gibt es bei Jocson zum einen die traditionellen Geisha-Bewegungen, die im Kimono mit heiligem Ernst zelebriert werden – bis hin zur Anbetung des Fächers, den die Tänzerin einmal vor ihre Füsse legt.

Das Staunen bleibt aus

Zum anderen performt Jocson für uns auch einige Bewegungschoreografien, die man aus dem Repertoire von Britney Spears kennt – und die uns an diesem einstündigen Abend in Lederstiefeln zum Besten gegeben werden. Darunter solche «Klassiker» wie die Zeigefingergesten, mit denen lasziv auf einzelne Zuschauer gezeigt werden, die in «Host» um eine niedrige Bühnenplattform herum versammelt sind.

Die dekonstruktive Pointe von Jocsons Solo sollte nun wohl darin bestehen, dass sie in einigen Passagen die Gesten des Pop mit dem Bewegungsvokabular der Geishas vermengt, was uns mutmasslich erstaunt erkennen lassen soll, dass sowohl die Bewegung von Britney wie auch diejenige der Geishas sowie alles «Weibliche» stereotypen Konventionen unterliegt. Selbstverständlich bleibt jedes Staunen aus, was damit zu tun hat, dass die Dekonstruktion von Geschlechterstereotypen ein Vierteljahrhundert nach dem Erscheinen von Judith Butlers «Gender Trouble» ein alter Hut ist. Auch in der Performancekunst. Andreas Tobler

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch