«Mit Messi hatte ich etwas ganz anderes zu klären»

Naticaptain Gökhan Inler trauert einer verpassten Chance nach, redet über den WM-Final, sagt, wie man taktisch gegen Messi spielt und weshalb er das Trikot der argentinischen Primadonna gar nicht wollte.

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Thomas Niggl@tagesanzeiger

Gökhan Inler, wo halten Sie sich gerade auf?
Ich bin in Zürich und geniesse noch bis zum 23. Juli meine Ferien, die ich dringend benötigt habe.

Weshalb dringend?
Es war doch eine lange Saison. Ich habe insgesamt 60 Spiele bestritten, das zehrt schon an der Substanz. Da muss sich der Körper regenerieren können, damit ich mit Napoli wieder frisch in die neue Saison steigen kann.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sehen, dass Argentinien, der Achtelfinalgegner der Schweiz, jetzt in den Final einzieht?
Ich denke natürlich immer noch an diese riesige Chance, die wir hatten, einen der ganz Grossen im Weltfussball auszuschalten. Wir waren in diesem Spiel absolut auf Augenhöhe mit den Argentiniern.

Warum hat es nicht funktioniert?
Der einzige wirkliche Fehler war eben schon einer zu viel. Wir hatten in der Vorwärtsbewegung einen Ballverlust, und diesen nutzten Passgeber Messi und Torschütze Di María eiskalt aus. Trotzdem hatten wir in den verbleibenden zwei, drei Minuten noch die Möglichkeit, uns ins Penaltyschiessen zu retten. Wir verzeichneten noch den Kopfball von Blerim Dzemaili an den Pfosten und hatten noch einen Freistoss aus 18 Metern von Xherdan Shaqiri. Das kommt in mir natürlich alles immer noch hoch. Es ist nicht auszudenken. Denn hätten wir uns gegen Argentinien durchgesetzt, wären wir vielleicht jetzt noch in Brasilien dabei.

Nach dem Spiel gegen Argentinien gingen Sie auf Messi zu, und dieser wies sie aber ziemlich schroff ab. Gewisse Medien haben das so interpretiert, als wollten Sie um Messis Trikot betteln, aber dieser habe abgelehnt.
Das ist völliger Schwachsinn. Ich würde niemals um ein Trikot betteln, auch nicht um dasjenige von Messi. Wenn ich wirklich ein Trikot eines Spielers haben will, dann bekomme ich es auch, das können Sie mir glauben. Mit Messi hatte ich etwas ganz anderes zu klären.

Und um was ging es dann?
Ich hatte gegen Messi kurz vor Schluss mit einem harten Einsteigen den Ball zurückerobert. Dann kam der Schlusspfiff, und Messi war immer noch emotional geladen und debattierte mit mir heftig über diesen Zweikampf.

Wie haben Sie reagiert?
Ich wollte ihn beruhigen und ihm erklären, dass das sicher kein Foul war, sondern ein fair geführter Zweikampf. Doch er war immer noch auf hundert. Wir hatten ihm zuvor das Leben auch ziemlich schwer gemacht und ihn während 120 Minuten bearbeitet. Und noch einmal. Bei diesem Disput ging es sicher nicht darum, dass ich ihn um sein Trikot gebeten hätte. Ich habe im Übrigen überhaupt mit keinem Argentinier das Trikot getauscht. Ich bin sofort in die Kabine verschwunden, weil ich nur noch traurig und enttäuscht war.

Was macht das Spiel der Argentinier aus, und wie geht man taktisch gegen sie vor?
Die Argentinier haben zuerst immer ihren gleichen, gemächlichen Rhythmus. Aber dann schalten sie blitzschnell um. Und dann fahren sie eine Welle mit einer unheimlichen Dynamik. Da muss man sofort parat sein und dagegenhalten können. Und wenn man diese Welle unterbinden kann, dann hat man viel Raum zum Kontern. Und diesen haben wir sehr gut genutzt und die Argentinier in grosse Schwierigkeiten gebracht.

Und wie löst man das Problem Messi im Speziellen?
Ich glaube, dass wir gegen Messi taktisch beispielhaft vorgegangen sind. Wir bearbeiteten ihn im Kollektiv. Er spielte meist in jener Zone, in der ich und Valon Behrami operierten. Wichtig ist, dass jener, der am nächsten beim ballführenden Messi steht, ihn sofort attackiert und ihm keinen Raum lässt.

Die Deutschen spielten bisher eine gute WM, waren gegen Brasilien im Halbfinal geradezu entfesselt, was man von den Argentiniern nicht unbedingt behaupten kann.
Das mag sein. Doch die Argentinier haben sich letztendlich auch immer durchgesetzt und sind deshalb absolut verdient in diesen Final eingezogen.

Wer ist für Sie der Favorit am Sonntag im Final zwischen Argentinien und Deutschland?
In einem WM-Final gibt es keinen Favoriten. Da entscheidet vor allem auch die Tagesform. Und Glück braucht es auch. Jenes Glück, das wir gegen Argentinien leider nicht hatten.

Was erwarten Sie für ein Endspiel?
Es kann ein spektakuläres, dynamisches, aber auch ein langweiliges, von der Taktik her geprägtes Spiel werden. Dann lauern beide auf den ersten Fehler des Gegners und versuchen, diesen sofort rigoros auszunutzen. Wir haben ja gegen die Argentinier am eigenen Leib erfahren müssen, welche Konsequenzen es hat, wenn man den einen Fehler zu viel begeht.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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