Zubers kühne Zirkusschau

Für Hartgesottene: Konzert Theater Bern zeigt im ­Kubus Leoncavallos Opernhit «Pagliacci» in einer stark veränderten Version von Xavier Zuber. Der Operndirektor macht aus der tragischen Oper eine eher peinliche Posse.

«Pagliacci» auf den Kopf gestellt: Szene aus der Opernproduktion im Kubus mit John Uhlenhopp, Oriane Pons und Michele Govi (v.l.).

«Pagliacci» auf den Kopf gestellt: Szene aus der Opernproduktion im Kubus mit John Uhlenhopp, Oriane Pons und Michele Govi (v.l.).

(Bild: Annette Boutellier)

Vor dem Kubus auf dem Waisenhauspatz hat sich eine Schar Leute gebildet, das Spektakel zur ­Zirkusoper «Die Clowns» von Ruggero Leoncavallo beginnt vor dem Antrommeln. Gaukler balancieren auf Stelzen, Clowns pusten Seifenblasen in den Abendhimmel.

Kurz vor Einlass führt Tonio, der Capocomico, ins zubersche «Dramedy-Konzept» ein und schmettert die Bravourarie «Ridi Pagliaccio» in die Menge. Eine träfe Animation, auch wenn die Trompete dazu Schieflage hat. Im Foyer warten weitere Clowngestalten auf die Premierengäste. «Noch haben wir alles unter Kontrolle», ulkt ein Narr. Eine böse Vorahnung.

Die Atmosphäre im Zuschauerraum ist weniger berauschend als zuvor, Minimalismus statt Manegenzauber. Links von der Bühne hat sich die fünfköpfige «Pagliacci-Kapelle» postiert. «Pagliacci» von Konzert Theater Bern ist eine Opera povera für fünf Instrumente, Solisten und Chor.

Die Spieler im roten Dompteurkostüm à la Circus Knie transportieren entfernt den Zauber von I Salonisti, dem populären Quintett. Doch wie beim Blockbuster «Titanic» können die Salonmusiker den Untergang dieser unausgegorenen Produktion nicht verhindern.

Weit weg vom Verismo

Xavier Zuber, der für Regie, Konzept und Bühne verantwortlich zeichnet, entnimmt die Handlung dem Original. Als Ruggero Leoncavallo die Oper 1892 schrieb, huldigten Italiens Komponisten dem Verismo. Zwischen 1890 und 1920 entstanden expressive Opern mit gesanglicher Ausdruckskraft und ebenso opulenter wie ausdifferenzierter Orchestrierung.

In der Wahrhaftigkeit des Verismo fand man ein musikalisch direktes Abbild der Emotionen. Themen wie Eifersucht, Hass und Gewalt dominieren diese Werke. Auch Leoncavallo wählte für seine Oper Zündstoff. Diese handelt von einem Ehebruch unter Zirkusleuten und endet mit zwei Morden.

Die Idee, einen Klassiker im Provisorium auf den Kopf zu stellen, leuchtet ein. Doch die Umsetzung gelingt über weite Strecken nicht. Aus einer leidenschaft­lichen Oper wie «Pagliacci» lässt sich nun mal keine überzeugende Klamotte zimmern.

Tiefpunkt Tenor

Anfangs, wenn das Clownduo Tonio (Michele Govi) und Silvio (Robin Adams) die Hauptdarsteller aus dem Zuschauersaal wählen, hat das etwas. Ihr Klamauk ist authentisch witzig. Die Verdopplung der Figuren Nedda und einer Artistin in jeweils eine Colombina bringt jedoch Verwirrung statt Stringenz. Auch Canio, der gehörnte Gemahl von Nedda, kommt aus den Zuschauerrängen. Und so singt er auch. John Uhlenhopp zelebriert das forcierte Vibrato, von den hohen Tönen trifft der Tenor die wenigsten. Die Arie «Ridi Pagliaccio» pariert der Wagner-Sänger nicht ansatzweise und erntet Buhrufe.

Neben zu grellem Licht, uninspirierten Kostümen und Täfeli, die einen unvermittelt am Kopf treffen, ist der Chor von Konzert Theater Bern unter der Leitung von Zsolt Czetner ein Glanzpunkt, der sich wohltuend abhebt von dieser verunglückten Commedia dell’Arte. Hier betört der Gesang auch ohne grosses Orchester.

Von Bariton Michele Govi möchte man mehr hören, Kollege Robin Adams scheinen die Auftritte an grossen Häusern gut zu bekommen. Technisch auf solidem Niveau bewegt sich Sopranistin Oriane Pons als Nedda, ihrer Stimme fehlt es noch an Geschmeidigkeit. Bassbariton Markus Pettersson als Arlecchino beeindruckt mit sicherer Linienführung und temperiertem Forte.

Wem bei diesem Spektakel weder zum Lachen noch zum Weinen zumute war, kann sich trösten. Ende September zeigt das Opernhaus Zürich «Pagliacci» mit Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» in Star­besetzung.

Vorstellungen: bis 19. April, im Kubus, Waisenhausplatz. Tickets www.konzerttheaterbern.ch.

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