«Wir werden durchleuchtet»

Wer das Internet nutzt, hinterlässt Spuren. Der Handel mit diesen Daten floriert. Das sagt Christian Bennefeld, der die Branche aus dem Effeff kennt. Er erklärt, weshalb Werbung uns durchs Web folgt und wie die Reisebranche mit Preisen spielt.

Welche Produkte haben Sie sich im Onlineshop angeschaut? Das weiss oft nicht nur der Verkäufer.

Welche Produkte haben Sie sich im Onlineshop angeschaut? Das weiss oft nicht nur der Verkäufer. Bild: Fotolia

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Noch bevor unser Kind auf der Welt war, wurde ich online mit Windelwerbung eingedeckt. Weshalb wussten die Website-Betreiber, dass ich Vater werde?
Christian Bennefeld: Vermutlich haben Sie sich in einem Webshop für Kleinkinderartikel interessiert. Oder sie haben irgendwo Artikel zu Babythemen aufgerufen. Datensammler sind an diese Infos gelangt – zum Beispiel über die dort eingebunden Werbenetzwerke. Sie haben die Infos mit dem zusammengeführt, was sie über Sie wussten. Dann boten sie die Angaben auf dem Markt feil. Deshalb wurden Sie auf anderen Websites erkannt.

Ist viel Werbung personalisiert?
Ja, der Anteil nimmt sehr stark zu. Sie kriegen andere Werbung angezeigt als Ihre Arbeitskol­legin. Welche Annonce eingeblendet wird, entscheidet sich, während die Webseite aufgebaut wird: Die Werbetreibenden ­bieten in Echtzeitauktionen auf den zur Verfügung stehenden Platz.

Mit meinem Surfverhalten wird also kräftig Kasse gemacht?
Auch im Internet gilt: Es gibt ­wenig umsonst. Bei den meisten Diensten, die Sie kostenlos nutzen, sind Sie in Wahrheit nicht der Kunde, sondern das Produkt. Sie werden durchleuchtet. Die Informationen werden dann verkauft. Daten sind das neue Öl.

«Bei den meisten Diensten, die Sie gratis nutzen ­können, sind Sie nicht der Kunde, sondern das Produkt.»Christian Bennefeld

Mit einem Kniff versuche ich das Treiben zu unterbinden: Ich löschte die Cookies – also die kleinen Textdateien, in denen Infos zur Surfhistorie stehen.
In den 1990er-Jahren konnte man sich so wehren. Heute benötigen die Datensammler keine Cookies mehr. Stattdessen erstellen sie einen «Fingerabdruck» des Gerätes, der installierten Schrift­arten und Plug-ins. Noch einfacher wirds, wenn Sie sich bei einem kostenlosen Dienst angemeldet haben. Google etwa kennt, sobald Sie sich in eine App des Konzerns eingeloggt haben, die Geräteidentifikationsnummer.

Ist die Firma Google die grösste Datensammlerin?
Google sammelt mit Abstand am meisten Daten. Und das nicht nur mit den eigenen Diensten. Schätzungsweise 80 Prozent der Betreiber von Websites setzen Google Analytics ein, um das Surfverhalten der Besucher zu dokumentieren. Damit hat Goo­gle eine gigantische Reichweite. Wenn ich zudem ein Google-Konto besitze, werden die Daten meinem Profil zugeordnet. Google kennt somit einen Grossteil meiner Surfhistorie, weiss ­also ziemlich alles über mich.

Darf Google die Daten sammeln?
Die Nutzer erlauben es, indem sie beim Erstellen ihres Kontos die Datenschutzbestimmungen akzeptieren. Aber ja: Google trickst uns ziemlich aus. Wie diverse ­andere Anbieter auch.

Welches sind die anderen ­grossen Datensammler?
Auch Facebook ist sehr aktiv. Dann folgen Datenbroker wie Axion, Oracle und Experian. Allerdings gibt es zwei Geschäftsmodelle: Als Werbetreibender können Sie bei Google und Facebook Annoncen etwa bei Männern aus Bern einblenden lassen, die Mitte 30 sind und ein hohes Einkommen haben. Bei den Datenbrokern hingegen kriegen Unternehmen die vollen Daten, die sie weiterverarbeiten können. Das ist weitaus problematischer.

Sind diese Daten anonymisiert?
In der Tat stehen normalerweise keine Namen, E-Mail-Adressen oder Handynummern drin. Diese Angaben werden mit einer sogenannten Hash-Funktion codiert. Die Krux ist: Ein Hash ist eindeutig. Viele Unternehmen kaufen gigantische Datenmengen ein und durchsuchen sie nach Hashs von E-Mail-Adressen oder Mobilfunknummern aus der eigenen Kundendatenbank. So können sie die Codierung rückgängig ­machen. Deshalb spricht man nicht von anonymen Daten, sondern von pseudonymen.

Kaufen auch seriöse Unternehmen Daten en gros ein?
Ja, denn es geht um viel Geld. Krankenkassen sind an den Surfhistorien von potenziellen Neukunden interessiert. Habe ich im Internet zu Krankheiten recherchiert, kriege ich allenfalls keine Zusatzversicherung – selbst wenn ich für einen kranken Kollegen herumgesurft bin. Ähnlich gehen auch etwa Finanzinstitute vor der Vergabe von Krediten vor.

Woher wissen Sie das?
Weil ich in diesem Geschäft tätig war. Vor 17 Jahren habe ich das Unternehmen eTracker gegründet. Im Auftrag von Firmen analysieren wir das Surfverhalten der Website-Besucher. Allerdings halten wir uns dabei – als eine von ganz wenigen Firmen in der Branche – an die Datenschutzgesetze. Obwohl viele Datenbroker bei uns anklopften, haben wir die Daten nie verkauft. Ich weiss nun aber, wie das Geschäft funktioniert und wie schmutzig es ist. Und ich weiss, was alles in den Datensätzen zu finden ist: Nebst der Einkommensklasse und der Haushaltsgrösse interessieren sich die Broker auch für gesundheitliche Probleme, sexuelle Präferenzen und die politische Orientierung.

Weshalb haben Sie schliesslich die Seite gewechselt?
Ich wollte nach so vielen Jahren etwas Neues anpacken. Zwar ­hätte ich mich auch vorzeitig zur Ruhe setzen können. Wenn man aber weiss, was in dieser Branche abgeht, und die Möglichkeit hat, etwas dagegen zu tun, dann kann man nicht kneifen. Einige – meist aus den USA stammende – Unternehmen verhalten sich wie im Wilden Westen: Wer zuerst den Colt zieht, gewinnt. Sie scheren sich nicht darum, dass ihr Treiben ­hierzulande illegal ist. Ich möchte solches unautorisiertes Datenabsaugen unterbinden. Denn ich sehe darin auch eine ­Gefahr für die Demokratie. Diese basiert ­darauf, dass sich die Menschen vertraulich austauschen können. Andernfalls werden wir mani­pulierbar und erpressbar. Die Privatsphäre ist eine wichtige ­Errungenschaft unserer Zivili­sation. Wir müssen alles daransetzen, sie zu bewahren.

«Einige aus den USA stammende Unternehmen ­verhalten sich wie im Wilden Westen.»Christian Bennefeld

Bevor ich den letzten Flug buchte, beobachtete ich starke Preisschwankungen. Ich wurde den Verdacht nicht los: Der Preis wird individuell gesteuert.
Tatsächlich werden viele Preise dynamisch festgelegt. Weiss ein Verkäufer, dass Sie eine be­stimmte Band lieben, wird er Sie beim Erscheinen eines neuen ­Albums entweder mit einem ­Spezialangebot zu ködern versuchen oder aber einen höheren Preis verlangen, da Sie sowieso kaufen werden. So versucht er den Profit zu maximieren. Gleich läufts bei Reisebuchungen. Wenn Sie häufig ein Angebot ­aufrufen, registrieren die Systeme: Da ­besteht eine hohe Kauf­absicht. Entsprechend darf der Preis höher sein.

Spielt es eine Rolle, welches Gerät ich beim Buchen benutze?
Manchmal müssen Besitzer von teuren Geräten fürs gleiche Produkt mehr hinblättern. Eine Rolle spielt auch, woher der Kunde kommt. Verwenden Sie beim Buchen des nächsten Flugs eine israelische Internetadresse. Dann müssen Sie wohl weniger bezahlen.

Christian Bennefeld (48) ist Mitentwickler des Geräts eBlocker. Zuvor hatte er das Unternehmen eTracker entwickelt, an dem er noch Aktienanteile hält. Er lebt und arbeitet in Hamburg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.04.2017, 11:16 Uhr

Mit einem Würfel gegen Datensammler

Wer internetfähige Geräte hat, wird ausspioniert. Ein kleiner Würfel namens eBlocker soll die eigene Privatsphäre schützen. Doch funktioniert das?

Ein Virenscanner schützt gegen Schadsoftware. Eine Firewall blockt Angriffe von Hackern. Die Privatsphäre hingegen muss mit einer Kombination von Werbeblockern, Datenverkehrsumleitungen und Verschleierungstechniken geschützt werden – auf jedem Gerät einzeln. Ausser auf vielen Mobilgeräten: Dort fehlen entsprechende Möglichkeiten.

Da kommt der von Christian Bennefeld (siehe oben) mitentwickelte eBlocker gelegen: Der Würfel soll das lokale Netzwerk vor Datensammlern schützen.

Die Installation ist einfach: Der eBlocker wird an den Router angeschlossen. Nach wenigen Minuten läuft der gesamte Datenverkehr über die kleine Box. Diese filtert nun Werbung heraus, die persönliche Daten sammelt. Auch Systeme, die das Nutzerverhalten aufzeichnen, werden ausgesperrt. Bevor gefährliche Websites angezeigt werden, kommt eine Warnung.

Das funktioniert in unserem Test gut. Via eine Leiste, die oben im Browser eingeblendet werden kann, lassen sich die Funktionen steuern. Der Schutz lässt sich gezielt für eine Website oder ein bestimmtes Gerät deaktivieren.

Der eBlocker kann aber noch mehr. So lässt sich der Datenverkehr übers Tor-Netzwerk umleiten. Auf diese Weise wird die eigene Identität verschleiert. Auf Knopfdruck kann Webseiten vorgegaukelt werden, dass man einen anderen Webbrowser als den tatsächlich eingesetzten nutzt. Das kann hilfreich sein, um etwa auf Reiseplattformen den besten Preis zu ergattern. In der Familienedition ist zudem ein Filter ­integriert, der den Zugriff auf radikale und pornografische Inhalte unterdrücken soll.

Der eBlocker ist in mehreren Varianten im Fachhandel sowie unter Anonym-surfen.ch erhältlich. Die einfachste Version mit Aktualisierungen für ein Jahr kostet 275 Franken. Die teuerste – die Familienedition mit unbeschränktem Abo – schlägt mit 476 Franken zu Buche.

Dieser kleine Würfel schützt gut vor Schnüfflern. (Bild: zvg)

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