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O du stiller Tannenbaum

Vor 200 Jahren wurde «Stille Nacht» zum ersten Mal gesungen. Das Lied hat einen Siegeszug rund um die Welt angetreten und behauptet sich nach wie vor, auch wenn die Konkurrenz durch andere Weihnachtslieder nie so gross war wie heute.

Marina Bolzli
Unser Weihnachtsbaum besteht aus den Wörtern der 136 deutschsprachigen Advents- und Weihnachtslieder, die auf Lieder-archiv.de zu finden sind. Je öfter ein Wort auftaucht, desto grösser ist es gesetzt. Welche Wörter können Sie einem Lied zuordnen? Grafik: Mathias Born
Unser Weihnachtsbaum besteht aus den Wörtern der 136 deutschsprachigen Advents- und Weihnachtslieder, die auf Lieder-archiv.de zu finden sind. Je öfter ein Wort auftaucht, desto grösser ist es gesetzt. Welche Wörter können Sie einem Lied zuordnen? Grafik: Mathias Born

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als alles aufregend war? Der Nachmittag des Heiligen Abends, und die Minuten rieselten so zögerlich dahin wie die Schneeflocken, die manchmal unverhofft aus dem Nebel purzelten. Eine Pein! Dabei lagen die Geschenke doch längst unter dem Weihnachtsbaum, in farbiges Papier verpackt, bereit zum Auspacken. Aber zuerst wurde gegessen, gesessen, gesungen. Lange gesungen. Sogar der Vater bewegte den Mund. Immer dieselben Lieder, nur die Reihenfolge änderte. «Stille Nacht», «O du fröhliche», «O Tannenbaum» und «Ihr Kinderlein kommet».

Und heute? Singen Sie noch? «Stille Nacht»? Oder vielleicht doch eher «Jingle Bells»? Oder lassen Sie «White Christmas» von Frank Sinatra laufen? Oder gar den Cola-Song von Melanie Thornton? Fakt ist, dass die Auswahl an Weihnachtsliedern in den letzten 50 Jahren enorm zugenommen hat, das ist sicherlich auch der Verbreitung von Radios, CD-Playern und Videos geschuldet.

Der Werbung auch, wenn grosse Firmen Jahr für Jahr ihren eigenen Weihnachtssong komponieren lassen. Und vor allem in den USA scheint das Geschäft mit Weihnachtsliedern für Musiker einträglich zu sein. Kaum ein Star, der noch kein Christmas-Album gemacht hat.

Aber wenn man im Bekanntenkreis nach dem Lieblingsweihnachtslied fragt, nennen dann doch verblüffend viele – vor allem Leute über 40 – traditionelle und deutschsprachige Lieder. «Es ist ein Ros entsprungen», «O Tannenbaum» und allen voran: «Stille Nacht». Immer ist der Grund derselbe: Kindheitserinnerungen.

Lied für den Frieden

Und ganz ehrlich: «Stille Nacht» klingt schon sehr feierlich, obwohl kaum eine ganze Weihnachtsgesellschaft die letzten Töne bei «Schlaf in himmlicher Ru-hu» trifft, was aber wiederum den Nachwuchs animiert, besonders laut und falsch zu singen. «Stille Nacht» ist familienverbindend. Und es ist das bekannteste deutschsprachige Weihnachtslied, vielleicht gar das bekannteste weltweit.

Eines, das mit vielen Sagen verbunden ist – und als das Friedenslied schlechthin gilt. Im Ersten Weltkrieg sei «Stille Nacht» am Weihnachtsabend im Schützengraben von den Deutschen angestimmt worden. Worauf die Engländer begonnen hätten mitzusingen. Das war 1914. Ob tatsächlich «Stille Nacht» der Auslöser war, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

Fakt ist: Es kam über Weihnachten im ersten Kriegsjahr tatsächlich zu einem Waffenstillstand an einigen Abschnitten an der Westfront. Es gab vereinzelt Warenaustausch zwischen den Engländern und den Deutschen und mehr als ein Fussballspiel in der Mitte des Schlachtfelds.

Spätestens im Jahr 1941 wurde «Stille Nacht» aber zum echten Friedenslied. Mitten im Zweiten Weltkrieg sangen der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill gemeinsam mit den versammelten Menschen im Garten des Weissen Hauses «Silent Night».

Es war die englischsprachige Version des in Österreich komponierten Lieds. Tatsächlich hielten damals viele Menschen das Lied für amerikanisches Kulturgut, eine Behauptung, die Schriftstellerin Hertha Pauli 1943 widerlegte, indem sie den wahren Ursprung des Lieds nachzeichnete. «Stille Nacht» war Kulturgut des damaligen Feindeslands.

Lied für die Hoffnung

Heute ist es genau 200 Jahre her, dass «Stille Nacht» komponiert wurde. Damals herrschte eine Notlage – die Napoleonischen Kriege waren erst kurz zuvor zu Ende gegangen. Österreich war nun zwar wieder frei. Aber es herrschte Hungersnot, die noch verstärkt wurde durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien.

Der Ausbruch von 1815 führte zu Missernten und Hungersnöten in ganz Europa für mehrere Jahre. Denn die Staubteilchen wurden durch Luftströmungen um die ganze Erde verteilt. Davon waren auch der junge Pfarrer Josef Mohr und der Dorflehrer und Organist Franz Xaver Gruber betroffen. Sie arbeiteten beide in Oberndorf bei Salzburg. Mohr hatte das Gedicht «Stille Nacht» zwei Jahre zuvor geschrieben, Gruber vertonte nun die Verse.

Am 24. Dezember 1818 führten sie das Lied erstmals gemeinsam in der Schifferkirche St. Nikola in Oberndorf auf. Natürlich ranken sich auch darum zahlreiche Sagen, zum Beispiel dass die Orgel wegen Kälte und Nässe nicht bespielbar war und Gruber und Mohr deshalb rasch ein Lied mit Gitarrenbegleitung schaffen mussten. Gesichert ist aber nur, dass sie das Lied erstmals an Heiligabend aufführten.

Lied für die Zukunft?

Von hier an trat «Stille Nacht» einen für diese Zeit doch aussergewöhnlichen Siegeszug rund um die Welt an. Durch fahrende Händler aus dem Zillertal, die das Lied in ihr Repertoire aufnahmen, verbreitete es sich rasch. Schliesslich hörte auch König Friedrich Wilhelm IV. von Preussen (1795–1861) davon – und war begeistert. Durch ihn sind auch die Autoren bekannt, denn seine Hofkapelle wollte im Jahr 1854 eine Abschrift des Liedes.

Oberndorf nennt sich heute «Stille Nacht»-Gemeinde, das Lied ist im immateriellen Kulturerbe der Unesco verzeichnet. Es wurde in über 300 Sprachen übersetzt. Auch wenn es zum Teil nur Dialektversionen sind, so gibt es etwa fünf Versionen auf Lateinisch und sechs in den friesischen Sprachen.

Und nun, mit dieser nie dagewesenen Vielfalt an Weihnachtsliedern – wird sich «Stille Nacht» behaupten? Und welches Lied werden unsere Kinder in ein paar Jahrzehnten nennen, wenn sie nach ihren Favoriten gefragt werden?

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