Lady? Nein Mr. Gaga!

Der Dokumentarfilm «Mr. Gaga» von Tomer Heymann erzählt die Geschichte des israelischen Choreografs Ohad Naharin.

Der Trailer zu «Mr. Gaga». Quelle: <a href="https://www.Youtube.com/watch?time_continue=1&amp;v=FckplbUaxuo" target="_blank">Youtube.com/kinofilme</a>

Helen Lagger@FuxHelen

Ist er das männliche Pendant zum schrillen Popstar Lady Gaga? Nein. Hinter dem Spitznamen Mr. Gaga steckt der israelische Choreograf Ohad Naharin. Sein «Gaga» hat mit einer speziellen Tanzmethode zu tun. Der Dokumentarfilm «Mr. Gaga» von Tomer Heymann («Paper Dolls») begleitet den Künstler hautnah.

Gleich in der ersten Szene leidet man mit. Eine Tänzerin muss hinfallen. Mr.?Gaga ist nicht zufrieden. Wer sich unter seiner Fuchtel fallen lassen will, muss auch geistig loslassen. «Gaga» ist eine Bewegungssprache, bei der man auf den Körper hören muss, bevor man ihm sagt, was er tun soll. Explosive Kraft und Feingefühl haben dabei eine Einheit zu bilden.

Mr. Gaga, der Erfinder dieser Technik, ist für die Tänzerinnen und Tänzer eine ziemliche Zumutung . Der Mann mit dem strengen Löwengesicht wirkt oft guruhaft und unerbittlich – dabei war er einst selbst Tänzer. Naharin ging seinen Weg über die grossen Ballettschulen in New York und Paris, bis er sich nach einer Rückenverletzung ganz aufs Choreografieren konzentrierte und 1990 zum künstlerischen Leiter der israelischen Batsheva Dance Company wurde.

Der Chef kommuniziert zwar, meist ohne die Stimme zu erheben, aber oft bruchstückhaft und reagiert konsterniert, wenn die Truppe ihn nicht auf Anhieb versteht. Warum dennoch alle nach seiner Pfeife tanzen? Das Resultat – die Tänzer scheinen mal zu explodieren, mal zu implodieren –ist am Ende atemberaubend. Und Naharin hat eine Vermittlerin. Seine Frau, die japanisch-amerikanische Ausnahmetänzerin Mari Kajiwara, weiss immer wieder die Wogen zu glätten.

Sie verstarb 2001, fünfzigjährig an Krebs. Sie hatte New York vermisst, war nicht richtig heimisch in Israel geworden – auf Naharin lastem Schuld und Trauer schwer. Wie weitermachen? Der eigens von Naharin erschaffene Mythos, wie er einst zum Tanz fand, verweist auf seinen Glauben an die «heilende Kraft des Tanzes».

Er habe als Kind für seinen autistischen Zwillingsbruder getanzt, da man mit diesem nicht anders habe kommunzieren können. Dass es diesen Bruder gar nicht gab, spielt für Naharin keine Rolle. «Vielleicht hätte ich sowieso getanzt, aber die Geschichte gibt meiner Motivation zu tanzen eine andere Bedeutung», sagt er im Film.

Fakt ist , dass Naharin 1952 in einem Kibbuz zur Welt kam und eine lustige Grossmutter hatte, die für ihn tanzte. Regisseur Heymann flickt in seinen Film unscharfe Bilder einer heilen Hippiewelt ein. Unbeaufsichtigte barfüssige Kinder machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt.

Ein jähes Ende nimmt diese Zeit mit dem Jom-Kippur-Krieg, in dem Naharin diente. Eine Erfahrung, die ihn prägte und zum Menschenrechtler werden liess. «Tanz ist das Gegenteil von Machotum. Tanz ist jenseits von Gender», sagt der einstige Soldat.

Mr. Gaga läuft ab heute in den Berner Kinos.

Berner Zeitung

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