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Jetzt mal ehrlich, gopferteli!

Schimpfen ist vielleicht unhöflich und vulgär. Aber es hat auch positive Seiten. Studien zeigen: Wer viel flucht, ist ehrlicher.

Ehrlich flucht am meisten: Menschen, die laut werden und fluchen, drücken ungefilterte, echte Gefühle aus.
Ehrlich flucht am meisten: Menschen, die laut werden und fluchen, drücken ungefilterte, echte Gefühle aus.
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Wir durften schon lesen, dass Fluchen Stress abbaut, Schmerzen lindert oder gar von Intel­ligenz zeugt. Und jetzt sind wir auch noch glaubwürdiger, wenn wir uns schlecht benehmen? Ein internationales Forscherteam hat jedenfalls einen Zusammenhang zwischen Fluchen und Ehrlichkeit festgestellt: «Wir fanden eine durchgängig positive Beziehung zwischen Fluchen und Ehrlichkeit; Fluchen steht in Ver­bindung mit weniger Lügen und Täuschen auf einem individuellen Level und mit höherer Integrität», schreiben die Forscher im Fachblatt «Social Psychological and Personality Science».

Sie baten 276 Freiwillige, eine Liste mit ihren am meisten verwendeten Schimpfwörtern zu erstellen. Ausserdem sollten sie in einem Lügentest mit Fragen wie «Wenn du sagst, du tust etwas, hältst du dann immer dein Versprechen, egal, wie unangenehm es sein könnte?» beurteilen, wie ehrlich sie sind. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die ein besonders grosses Arsenal an Schimpfwörtern hatten, nicht daran interessiert zu sein schienen, sozial erwünschte Antworten zu geben.

In einer weiteren Untersuchung werteten Gilad Feldman und sein Team Statusbeiträge von 7000 Facebook-Nutzern aus. Das Resultat: Wer sich durch besonderes und auch besonders derbes Fluchen auszeichnet, verwendet auch häufiger Pronomen wie «ich» und «wir». Das ist laut Psychologen wiederum ein Indiz für Ehrlichkeit.

Ungefilterte Gefühle

Es liegt nahe, dass den Autoren bei der Beschäftigung mit Beleidigungen der neue US-Präsident Donald Trump in den Sinn kommt. So weisen sie darauf hin, dass auch Trump oft flucht und schimpft. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – empfanden ihn seine Wähler als besonders glaubwürdig.

Die Wissenschaftler erklären den Zusammenhang damit, dass Menschen, die laut werden und fluchen, oft ungefilterte Gefühle wie Angst oder Frustration ausdrücken. Solche Situationen sind echt und meist spontan. Weil die Sprache in diesen Momenten nicht gefiltert wird, würden die Flucher auch den Inhalt ihrer Aussagen nicht anpassen. Also seien sie ehrlicher. «Unschuldige Verdächtige etwa benutzen beim Abstreiten der Anschuldigungen öfter Fluchwörter als jene Verdächtigen, die wirklich schuldig sind», so Feldman.

Zweifelsohne ist für das Visavis eine Fluchattacke nie angenehm. Doch eigentlich kann das Gegenüber froh sein, wenn jemand in seiner Anwesenheit ordentlich Tacheles redet. Denn ansonsten würde er es vielleicht heimlich denken, hinter dem Rücken lästern, und sein Groll würde noch mehr steigen.

Auch in der Amokforschung spricht man von der Gefahr des In-sich-Hineinfressens. Kriminalpsychologen, die Gutachten von Schulamokläufern erstellen, argumentieren mit dem Begriff der Kränkung. Nach aussen bemerkt lange Zeit niemand etwas, der Betroffene ist zurückhaltend, irgendwann bricht aber alles her­aus. Daher sei es gar nicht so schlecht, wenn insbesondere junge Menschen ihre Gefühle äussern würden – und auch wenn sie dabei mal über die Stränge schlügen.

Es gibt sogar eine Wissenschaft, die sich mit dem Fluchen beschäftigt: die Malediktologie (von lat. maledicere = schlechtreden). Timothy Jay, ein bekannter Schimpfwortforscher, hat das Buch «Why We Curse» («Warum wir fluchen») geschrieben. Laut Jay bestehen etwa 5 Prozent der Gespräche am Arbeitsplatz und über 10 Prozent unserer Freizeitunterhaltungen aus Schimpfen. Das sind aber nur Durchschnittswerte. Es gibt ja bekanntlich Arbeitsplätze, wo praktisch nur geflucht wird...

506-mal «Fuck»

Schimpf- und Fluchwörter unterliegen Moden. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz der emotionsgeladenen Sprache variiert. So gab ein Zitat des Filmes «Vom Winde verweht» von 1939 mächtig zu reden. Der Produzent liess Rhett Butler, gespielt von Clark Gable, den berühmten Satz «Frankly, my dear, I don’t give a damn» sagen. Im Deutschen harmlos mit «Es ist mir völlig egal» übersetzt, musste der Produzent eine Strafe von 5000 Dollar zahlen. In Zeiten, in denen vor der Kamera noch hemmungslos geraucht und gesoffen wurde, war also Fluchen nicht erlaubt.

Heute ist es gerade umgekehrt. Stolze 506 Mal kommt im Film «The Wolf of Wall Street» mit Leonardo DiCaprio das Wort «Fuck» vor. Und zwar in allen Varianten. Fäkalsprache, derbe Witze und sexuelle Anspielungen – insbesondere in US-Sitcoms und Late-Night-Shows werden sie durch den oberlehrerhaften Piepston noch stärker betont.

«Stuhlgang der Seele»

Fluchen und Meckern sei genauso wichtig für die Gesundheit wie Weinen und Lachen, sagen Psychologen. Wenn wir uns ärgern, sollten wir unsere Aggressionen loswerden, Dampf ablassen. Ansonsten könnten wir krank werden. Forscher bezeichnen das Schimpfen deshalb auch als «Stuhlgang der Seele».

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