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175 Kilometer langer Riss im ewigen Eis

Von der Antarktis bricht gerade ein gigantischer Eisberg ab. Eine 150 Meter dicke Eisfläche von der Grösse des Wallis wird dann Richtung Norden schwimmen und langsam abschmelzen.

Riss im Ewigen Eis: Dieses Bild wurde Anfang Juni über dem Larsen-C-Schelfeis aufgenommen.
Riss im Ewigen Eis: Dieses Bild wurde Anfang Juni über dem Larsen-C-Schelfeis aufgenommen.
Keystone

In diesen Tagen schauen Polar- und Klimaforscher aus aller Welt gespannt auf die Ereignisse in der Antarktis. Dort bricht gerade ein gigantischer Eisberg vom Larsen-C-Schelfeis ab.

Mit einer Grösse von mehr als 5000 Quadratkilometern – dies entspricht etwa der Fläche des Kantons Wallis – handelt es sich laut europäischer Raumfahrtbehörde ESA um einen der grössten Eisberge, die je registriert wurden.

Noch 13 Kilometer fehlen

Ein tiefer Riss, der den Tafeleisberg vom Schelfeis trennt, hat sich inzwischen über 175 Kilometer weit durch das Eis gefressen, nur noch 13 Kilometer fehlen, bis der Eisberg komplett abbricht.

«Allein in der letzten Maiwoche hat der Riss im Larsen-C-Schelfeis um 17 Kilometer zugenommen», sagt der Geophysiker Adrian Luckman vom «Project Midas», das mit einem Wissenschaftlerteam an der britischen Swansea University und der ­Aberystwyth University in Wales das Klimageschehen am Schelfeis beobachtet.

«Allein in der letzten Maiwoche hat der Riss im Larsen-C-Schelfeis um 17 Kilometer zugenommen.»

Adrian Luckman, Geophysiker

«Zudem hat sich die Spitze des Risses signifikant auf die Eiskante zubewegt, sodass die Zeit des Kalbens wohl unmittelbar bevorsteht», meint der Professor für Glaziologie.

Schuld ist wohl der Klimawandel. «Eisschelfe reagieren empfindlich auf atmosphärische Erwärmung und Veränderungen der Meeresströmungen und Temperaturen», meint Prof. Helmut Rott vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck.

«Die nördliche antarktische Halbinsel hat sich in den letzten fünfzig Jahren um etwa 2,5 Grad Celsius erwärmt, eine viel stärkere Entwicklung als der weltweite Durchschnitt, die den Rückgang und das Aufbrechen der Eisschelfe verursacht.»

So ist das Larsen-C-Schelfeis auch nicht das erste Opfer der Klimaerwärmung in der Antarktis. 1995 kollabierte das Larsen-A-Schelfeis. 2002 folgte das benachbarte Larsen-B mit einer Fläche von 3250 Quadratkilometern. Nasa-Satelliten hatten den Riss im Eis erst Ende Januar 2002 entdeckt, 35 Tage später war der riesige Eisberg schon abgebrochen.

Welchen Weg diese Kolosse nach dem Kalben einschlagen, liess sich lange nicht vorhersagen. Erst kürzlich ist es Wissenschaftlern des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven gelungen, den Drift antarktischer Eisberge durch das Südpolarmeer zu modellieren.

«Eisberge, die nicht länger und breiter als 2 Kilometer sind, drückt der Wind innerhalb weniger Monate aus dem Küstenbereich aufs offene Meer hinaus, wo sie dann im Laufe von zwei bis drei Jahren in kleinere Stücke zerbrechen und schmelzen.»

Ganz anders verhalten sich die grossen Giganten, bei denen der Wind zuerst einmal keine Rolle spielt. Interessanterweise ist die Oberfläche des Südpolarmeeres nämlich keine ebene Fläche, vielmehr neigt sie sich in Richtung Norden.

Das bedeutet, dass der Spiegel des Weddell-Meeres an der Südküste bis zu einem halben Meter höher liegen kann als das Zentrum. «Wenn grosse Eisberge treiben, rutschen sie zunächst die schräge Meeresoberfläche hin­unter», sagt Rackow.

«Die Corioliskraft der Erdrotation lenkt sie dann auf eine Bahn parallel zur Küste ab, ähnlich dem Verlauf des Küstenstroms.» Hier können sie durchaus drei bis vier Jahre verbleiben, bevor sie von dem Küstenstrom in nördlichere, wärmere Meeresregionen getragen werden.

Es könnte aber auch sein, dass die grossen Eisberge vorübergehend auf Grund laufen, im Packeis festfrieren oder in kleinere Stücke zerfallen.

Kurs Richtung Nordosten

Alles schwimmende Eis der Antarktis nimmt letztlich aber einen von vier «Highways» in Richtung Norden. Dabei können sie bis zu ihrem vollständigen Abschmelzen Tausende Kilometer zurücklegen. Der künftige Larsen-C-Eisberg könnte etwa ein Jahr lang entlang der antarktischen Halbinsel durch das Weddell-Meer treiben, meint Klimaexperte Rackow.

«Dann dürfte er Kurs Richtung Nordosten nehmen, das heisst, er würde ungefähr Südgeorgien und die südlichen Sandwichinseln ansteuern.» Acht bis zehn Jahre lang könnte seine Odyssee andauern, bis er gänzlich geschmolzen ist.

Der Meeresspiegel wird sich übrigens nicht unmittelbar durch das Abbrechen des Eisberges erhöhen, denn das Schelfeis schwimmt ja schon jetzt auf der Meeresoberfläche. «Fehlt das Schelfeis aber, so kann sich die Geschwindigkeit erhöhen, mit der das Eis der Gletscher ins Meer strömt», erläutern die ESA-Experten. So kann sich der Meeresspiegel dann doch noch erhöhen.

Die Wissenschaftler vom Project Midas informieren auf Twitter laufend über den aktuellen Stand.

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