Vom Segen einer Droge

Cannabis ist mehr als nur ein Rauschmittel: Die umstrittene Pflanze wird auch in der Medizin bei schwer the­rapierbaren Krankheiten eingesetzt. Und das in manchen Fällen mit Erfolg, wie unser Beispiel zeigt.

Weniger Verkrampfungen dank Cannabis: MS-Patient Daniel Staedeli lässt seine Beine von Neurologe Andreas Baumann untersuchen.

Weniger Verkrampfungen dank Cannabis: MS-Patient Daniel Staedeli lässt seine Beine von Neurologe Andreas Baumann untersuchen.

(Bild: Thomas Peter)

Stefan Aerni

Behutsam fasst Neurologe Andreas Baumann nach dem Bein seines Patienten. Dann hebt er es leicht an und versucht, es zu strecken. «Geht gar nicht so schlecht heute, oder?», sagt er sichtlich zufrieden. Der Patient nickt und lächelt nur stumm dazu.

Seit 25 Jahren leidet Daniel Staedeli (64) an Multipler Sklerose (MS), einer fortschreitenden Nervenkrankheit. Seinen Beruf musste der diplomierte Drogist und Fachlehrer deswegen bereits 2010 aufgeben.

Das schwere Leiden zwingt den Oberaargauer mittlerweile sogar in den Rollstuhl. Damit sind seine Beschwerden aber nicht vom Tisch. Selbst im Sitzen verkrampfen seine Beine immer wieder heftig. Dieses Phänomen, auch Spastik genannt, ist überaus schmerzhaft und lässt die Betroffenen kaum zur Ruhe kommen.

Lange Tradition in Heilkunde

Deshalb suchte Baumann, sein behandelnder Neurologie-Facharzt FMH, nach einem Medikament, das dieses lästige Symptom zumindest etwas zu lindern vermag. Dafür infrage kam auch Botox. Das von der Schönheitsmedizin bekannte Faltenglättmittel musste jedoch wieder verworfen werden; es hätte zu lokal gewirkt für Staedelis grossflächige Spastik.

Also versuchte es sein Arzt mit einer heiklen Alternative: Cannabis-Tropfen. Heikel ist dieses Mittel deshalb, weil die Hanfpflanze hierzulande immer noch vor allem mit Kiffen, Drogenrausch und Illegalität in Verbindung gebracht wird.

Dabei hat Cannabis in der Heilkunde eine lange Tradition. Schon vor 6000 Jahren soll die Hanfpflanze in China zu Heilzwecken verarbeitet worden sein. Und bei uns wurde das Kraut bis in die 1970er-Jahre in Arztpraxen und Apotheken ohne Aufhebens gegen allerlei Zipperlein abgegeben. Das änderte sich danach im Zuge der Hippiezeit und des aufkommenden Drogenproblems.

Gegen Schmerzen und Krämpfe

In den letzten Jahren jedoch gelangten die medizinischen Wirkungen der Pflanze wieder vermehrt ins öffentliche Interesse. Die Hinweise verdichten sich, dass Cannabis bei bestimmten Leiden tatsächlich einen Nutzen hat. So gilt heute als erwiesen, dass die Inhaltsstoffe Tetrahydrocannabinol (THC) muskelentkrampfend und Cannabidiol (CBD) schmerzlindernd wirken.

Beides sind Effekte, die inzwischen auch von der Schulmedizin weitgehend anerkannt werden. Dazu beigetragen hat besonders eine Metastudie der American Medical Association, die die Resultate von weltweit über 6000 Studien auswertete.

Nicht alle vertragen Therapie

Dennoch dürfen in der Schweiz Cannabismedikamente immer noch nur mit Sonderbewilligungen abgegeben werden. Ausnahme: Seit 2013 können Ärzte zumindest einen Mundspray direkt ohne bürokratischen Mehraufwand verschreiben.

Die Krankenkassen sind allerdings nicht verpflichtet, die Kosten – mehrere Hundert Franken im Jahr – zu übernehmen. Das könnte sich jetzt aber ändern, macht doch die Politik Druck (vgl. Infobox).

Bei Neurologe Andreas Baumann im Zentrum für Multiple Sklerose Oberaargau in Langenthal hat Cannabis schon jetzt ­seinen festen Platz. «Neben MS-Kranken kann es auch Unfall­opfern mit einem Schädel-Hirn-Trauma helfen oder Patienten mit sonst spastisch bedingten Beschwerden», weiss der Spezialist. Baumann warnt freilich auch vor zu grossen Hoffnungen. Bei rund der Hälfte seiner Cannabis-Patienten müsse die Behandlung abgebrochen werden, weil sie nicht vertragen werde oder nicht wirke.

Ähnlich sieht es Claude Vaney, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Schweizerischen ­MS-Gesellschaft und selbst Neu­rologe: «Cannabis ist kein Wundermittel, aber es kann in vielen Fällen nützen und Linderung verschaffen, wenn traditionelle Medikamente versagen.»

Bei Daniel Staedeli, unserem MS-Patienten aus dem Oberaargau, nützt es. «Die Tropfen erleichtern mir mein Leben – ich bin jedenfalls dankbar, dass wir es probiert haben.»

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