Löw und die Gurus

Deutschland ist im Halbfinal, die allgemeine Diskussion dreht sich aber noch immer um das umgebaute Team und wer solche Entscheide fällt.

Was haben die Gurus schon wieder für tolle Tipps? Da können wir nur lachen. Joachim Löw, Thomas Müller und Philipp Lahm im Training am Tag nach dem 1:0 gegen Frankreich.

Was haben die Gurus schon wieder für tolle Tipps? Da können wir nur lachen. Joachim Löw, Thomas Müller und Philipp Lahm im Training am Tag nach dem 1:0 gegen Frankreich.

(Bild: Keystone Thomas Eisenhuth)

Ob Thomas Berthold wohl ein zweites Mal Weltmeister würde, wenn das am nächsten Sonntag gut gehen sollte mit der deutschen Mannschaft? Darf auch Olaf Thon dann noch einen weiteren Titel auf sein Visitenkärtchen schreiben, das er zurzeit – da auf Jobsuche – wahrscheinlich häufiger vorzeigt? Ist Armin Veh am nächsten Sonntag nicht nur ein Meister-, sondern vielleicht auch ein Weltmeistertrainer?

Joachim Löw bekommt viele Ratschläge zurzeit, aber keiner dieser Rat­geber sollte darauf vertrauen, dass er zum Dank einen Früchtekorb zugeschickt ­bekommt. Der vom DFB mit dem Trainermandat ausgestattete Löw hat um keinen dieser Ratschläge gebeten, genauer: Es ­interessiert ihn nicht, welcher Experte nun Lahm hinten rechts aufstellen würde und welcher hinten links, und am wenigsten interessiert ihn, dass Berthold nicht nur Lahm hinten rechts aufstellen würde, sondern auch Durm hinten links. Löw weiss: Würde er Durm hinten links aufstellen, bekäme er es wahrscheinlich sofort mit dem Kolumnisten Berthold zu tun. Die Schlagzeile ist einfach vorauszusagen: Wie heisst der? Drum? Wer soll das sein? Soll erst mal Stammspieler in der Bundesliga werden! Zu wenig Erfahrung!

Bis zur diffusen Stimmungslage

Inbegriffen im Gehalt eines Bundestrainers ist, solche Gurus auszuhalten. Gurus sind Menschen mit Vergangenheit, aber meist ohne Job, und jeden einzelnen Guru-Beitrag könnte Löw locker ­weglächeln. Bei 5 Guru-Beiträgen wird das schon schwieriger, und ab einer gewissen Anzahl summieren sich die Beiträge zur diffusen Stimmungslage, die in die Medien hinein- und von dort wieder hinausgetragen wird und bald nicht mehr zu kontrollieren ist. Dies kann dazu führen, dass selbst Assistent Hansi Flick mal genervt klingen kann: «Es wird doch ­keiner glauben, dass eine andere Person entscheidet als wir», sagt er.

Das deutsche Nationalteam steht im Halbfinal, und die Debatte heisst: Wieso hat Löw seine Mannschaft im Viertel­final so umgebaut? Ist ihm das selber eingefallen – oder hat er sich von der ­Öffentlichkeit (Gurus, Medien, Menschen) leiten lassen, von Kollegen im Trainerstab oder gar: von den Spielern?

Die Mannschaft sei «vorbereitet auf das, was ich plane», hat Löw nach dem 1:0 gegen Frankreich gesagt, und «natürlich» führe er da «auch Gespräche». Löw kennt die Debatte, sie ist so etwas wie ein roter Faden durch seine Bundestrainer-Karriere. Deutschland hat keinen lautstarken Bundestrainer, Löw ist keiner, der die harten und unmissverständlichen Entscheidungen liebt. Das hat längst dazu geführt, dass viele Personalien auf ihre Einflüsterer hin untersucht werden, und Goalietrainer Andy Köpke hat diesen Untersuchungen kürzlich unfreiwillig Vorschub geleistet, als er an ­einer Pressekonferenz sagte, Lahms ­Position werde «auch bei uns kontrovers diskutiert». Dass daraus ein Konflikt im Trainerstab abzuleiten ist, wird empört ­dementiert – ebenso die Unterstellung, die Aufstellung werde neuerdings von der Mannschaft gemacht.

Resultat einer Mischkalkulation

Natürlich sind sie im Stab nicht immer derselben Meinung, aber die Startformation fürs Frankreich-Spiel taugt nach allem, was man weiss, nicht zur Bildung von Legenden. Eine Mischkalkulation aus taktischen, hierarchischen und gesundheitlichen Erwägungen hat die Trainer dazu bewogen, Lahm rechts zu bringen, im Zentrum Schweinsteiger und Khedira zu vertrauen und den Sturm mit Klose zu besetzen.

«Bei der Analyse von Frankreich haben wir gesehen, dass durchs Zentrum kaum etwas möglich ist. Deshalb war es eine Überlegung, Philipp nach rechts zu stellen, wir wussten, dass wir mehr über aussen kommen müssen», sagt Löw. Das ist die spieltaktische Seite – dazu kommt aber, dass Löw zum ursprünglichen Wunschduo Schweinsteiger/Khedira zurückkehren wollte. Beide haben sich in Brasilien offenbar einem Fitnesszustand angenähert, der einen Einsatz zum kalkulierbaren Risiko gemacht hat.

Löws Beharren auf Lahms zentraler Rolle war stets an die Fitness seines Wunschduos gekoppelt; im Idealfall würde Löw wohl im Zentrum wieder so aufstellen wie gegen Frankreich. Ob der Idealfall gegen Brasilien aber erneut eintritt, ist offen; Schweinsteiger muss jetzt erst einmal drei Einsätze von Beginn an verkraften, und Khedira hat das Hitzespiel in Rio ebenso zugesetzt wie Klose. Vielleicht werden für den Halbfinal also weder Trainer noch Gurus oder Journalisten über die Startformation entscheiden – sondern die Physiotherapeuten.

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