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FortsetzungsromanLesen Sie die letzte Folge von «Balg»

Die Berner Literaturveranstalterin Tabea Steiner seziert in «Balg» eine schwierige Kindheit. Das berührt. Lesen Sie jeden Tag eine neue Romanfolge.

Buchcover «Der Balg» von Tabea Steiner.
Buchcover «Der Balg» von Tabea Steiner.
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Folge 59

Nach einer Pause sagt Lydia, «Und wo Antonia gestern Abend gesteckt hat, das weiss der Geier. Überhaupt, dass sie zulässt, dass dieser Kerl ihr Kind so verjagt. Unfassbar.»

Valentin schweigt immer noch; was soll er dazu sagen. Schliesslich fragt er nochmals, «Und das war gestern Abend?»

«Ja, Timon ist gestern bei mir eingezogen. Dieser Markus hat sich aufgeführt, als dürfe Timon nicht einmal mehr in seiner Wohnung duschen. Der arme Junge hatte danach keinen Appetit mehr auf seinen Lieblings- kuchen, den ich ihm extra gebacken habe.»

«Um wieviel Uhr war das denn?»

Lydia denkt nach, «Kurz nach acht, glaube ich.»

«Kurz nach acht», sagt Valentin und nickt dabei lange. Lydia schaut ihn irritiert an. Dann isst Valentin seinen Kuchen auf, trinkt den Kaffee leer.

«Und jetzt wohnt Timon also hier.» Lydia nickt.

«Bis wann?»

«Das weiss ich noch nicht. Solange er keine eigene Wohnung in der Stadt bezahlen kann, vielleicht, wer weiss.»

«Und unter der Woche ist er im Heim.»

Lydia nickt, dann sagt sie, «Ja, wenn es wenigstens das Internat wäre, nur kann sich Antonia das nicht leisten.»

Nach einer Weile steht Valentin auf, zögert, stellt seine Tasse neben die Spüle, «Danke für den Kuchen.» Lydia nickt, «Der wäre sonst nur trocken geworden, nehmen Sie noch ein Stück mit.»

Sie holt die Alufolie aus dem Schrank, schneidet ein grosses Stück Kuchen ab, wickelt es sorgfältig ein, über reicht Valentin das silberne Päckchen.

«Schicken Sie den Jungen bei mir vorbei, wenn er hier ist. Er kann mir im Garten helfen, ein kleines Taschengeld verdienen.»

Lydia schaut ihn erstaunt an. Valentin lässt sich nicht beirren. «Ob seine Mutter damit einverstanden ist oder nicht und ob darüber jemand redet oder nicht.» Valentin hält inne und legt seine andere Hand auf das kleine silberne Paket. Lydia schaut einen Moment lang auf seine Hände, dann beginnt sie, den Tisch abzuräumen, das Geschirr zu spülen, und erst, als Valentin sich umdreht und gehen will, sagt sie, «Da haben Sie vollkommen recht.»

Valentin schliesst die Tür hinter sich, geht über den Kiesweg, zögert, dann steuert er auf den Dorfplatz zu.

Ende

Die vorherigen Folgen zum Nachlesen:

Folge 1

Die Fruchtblase platzt, Chris fährt Antonia ins Krankenhaus in der nahen Kleinstadt, vierundzwanzig Stunden später wird die Geburt eingeleitet. Danach geht es schnell.

Nach wenigen Tagen können die beiden ihren Bub nach Hause nehmen, in die Wohnung im Dorf, in die sie erst vor wenigen Monaten als Erstmieter eingezogen sind. Der Bub trinkt viel, wächst schnell, und wenn er schläft, streckt er alle Viere weit von sich. Aus seiner Rückenlage heraus erobert er innerhalb von kurzer Zeit ein Maximum an Platz in der Welt.

Mit nur wenigen Schritten erreicht man vom Dorfplatz her den Zaun, der Valentins Garten von der kleinen Straße abgrenzt. Das Haus wirkt, als wende es sich vom Dorf ab.

Valentin steht mitten in seinem Garten, betrachtet die Wildnis, gegen Ende der Sommerferien gibt es immer viel zu tun. In wenigen Wochen wird die Schulhausglocke die Zeit wieder in Stücke hacken, noch liegt das Dorf wie gelähmt in der flirrenden Hitze.

Wicken blühen in allen Farben; wie kann man diese Pflanze für ein Unkraut halten? Valentin schneidet nur jene Triebe ab, die den Rosen das Licht nehmen.

Der Bub wächst, beginnt zu lachen, und wenn er nachts schreit, erwacht auch Chris, schaut zu, wie Antonia das Kind stillt. Dann schlafen alle weiter.

Wenn Chris morgens aufsteht und im kleinen Zimmer, wo schon das Kinderbett steht, zu arbeiten beginnt, gibt Antonia dem Kind die Brust. Sie schläft weiter, bis das Kind wieder hungrig ist, und während es trinkt, schreibt sie Kurznachrichten an die Freunde in der Stadt. Manchmal macht sie Bilder mit ihrem neuen Telefon, einige ihrer Freunde können noch keine Fotos empfangen. Antonia lädt die Bilder auf den Computer und verschickt sie als Mail, ewig dauert das.

Seit das Kind da ist, ist sie zu müde für alles.

«Das kommt schon wieder«, sagt Chris jeweils und geht zurück ins Arbeitszimmer. Sie muss auch bald wieder arbeiten und fährt zum Arzt ins Nachbardorf, der verschreibt ihr Eisen, das hilft nicht. Antonia lässt sich von einem anderen Arzt ein anderes Präparat verschreiben. Das hilft, sie wird wacher, nach zwei Wochen liest sie die Packungsbeilage. Stillende Frauen sollen ihren Arzt konsultieren; der Arzt hat nicht einmal gefragt, ob sie ein Kind hat. Ein dritter Arzt verschreibt ihr ein drittes Präparat.

Am Dorfplatz steht das alte Posthäuschen, das erste Telefon im Dorf hatte hier gehangen. Valentin öffnet die Tür, leert den Postkasten. Ein großer Stapel Umschläge, alle mit der gleichen Handschrift adressiert. Ihm kommt die Schrift bekannt vor, mit diesen langen Bögen, Valentin wendet einen Umschlag, kein Absender. Dann sortiert er alle Umschläge aus, die nicht frankiert sind. Er seufzt; wann hat das eigentlich angefangen, dass die Leute Post, die im Dorf bleibt, nicht frankieren, und warum hat er nichts dagegen unternommen? Aber man kennt sich ja.

Am Nachmittag sticht er im Garten die Erde um, die Kartoffeln lagern im Keller im eigenen Dreck, so halten sie am längsten. Valentin reibt sich die Hände, es ist kühl, dann treibt er die Schaufel wieder in den Boden. Das muss Antonias Schrift sein, auf den Umschlägen.

Vor wenigen Jahren hat er sie in der Dorfschule unterrichtet, und jetzt verteilt er als Postbote die Geburtsanzeige ihres ersten Kindes. Sie war hochschwanger, als er sie das erste Mal wieder im Dorf gesehen hat.

Das Wintergemüse muss er noch vor dem ersten Reif mit Stroh bedecken. Die langen Stängel der Sonnenblumen schneidet er nah am Boden ab, reißt die Wur zeln aus, die Blüten liegen bereits im Wohnzimmer zum Trocknen aus. Er prüft den Gartenzaun, rüttelt an den Brettern; der ist winterfest.

Das Gartenhaus ist überfüllt, Kunstdünger, Schneckenkorn, viel zu viel Sondermüll. An der Wand stehen die Geräte, dahinter hängen die beiden anderen Räder. Das Damenrad hat der Rost bald aufgefressen, samt Glocke, beim Kinderrad kleben die Pneus an den Felgen wie alte Ballone. Er sollte die beiden Räder endlich in die Mulde werfen, zum Alteisen. Im Frühling muss er hier Ordnung machen.

An Weihnachten bewegt sich der Bub schon alleine vorwärts, schiebt sich Richtung Weihnachtsbaum, darunter stapeln sich Geschenke. Antonia ist erleichtert, als der Kleine am Baum vorüberrutscht, sie hat sich vorgenommen, nicht immer gleich einzugreifen.

Sie macht eine Aufnahme vom Bub, wie er neben dem Tannenbaum bei den Pflanzen sitzt. Aus der Küche ruft Chris zum Essen, er hat den Braten stundenlang schmoren lassen. Antonia nimmt das Kind auf den Arm und zeigt Chris das Foto im Telefon.

«Was hat er denn im Mund?«, fragt er. Antonia stutzt und zoomt mit der freien Hand das Gesicht ihres Kindes näher. Da ist etwas Rundes, Helles, schnell legt sie das Telefon weg und drückt dem Kind Daumen und Zeigefinger zwischen Ober- und Unterkiefer. Es beginnt zu schreien, und jetzt sieht Antonia die zerquetschten Reste. «Sind das Pilze?», fragt Chris, er beugt sich über das Bild auf dem Telefon. Dann eilt er ins Wohnzimmer, kommt gleich wieder zurück und starrt Antonia entsetzt an, «Da wachsen Pilze im Topf!»

Hektisch pult Antonia dem schreienden Kind den braunen Brei aus dem zahnlosen Mund.

«Du solltest besser auf das Kind aufpassen, anstatt jeden Schritt zu fotografieren», sagt Chris. Antonia wirft die verdreckte Serviette auf den Tisch, schaut ihn an und sagt, «Er macht noch keine Schritte, und für die Pflanzen in dieser Wohnung bist du verantwortlich.»

Folge 2

Das Kind übergibt sich auf Antonias Bluse, braune Fetzchen bleiben im Stoff hängen. Antonia legt den Bub in die Wiege, säubert den Stoff mit einem Lappen. Chris hat im kleinen Zimmer den Computer hochgefahren und klopft mit den Fingern ungeduldig auf den Schreibtisch.

«Soll ich Tanja anrufen?», fragt Antonia und stellt sich hinter Chris. «Lass uns besser gleich im Krankenhaus anrufen, Tanja hat bestimmt frei, und ob das giftig ist, kann sie durchs Telefon auch nicht sehen», sagt Chris, ohne sich umzudrehen. «Dann ruf eben an», sagt Antonia. «Wen soll ich denn jetzt anrufen?», fragt er und dreht sich zu ihr. «Das Krankenhaus, denk doch selber.»

Antonia geht ins Schlafzimmer, wirft die säuerlich riechende Bluse aufs Bett, zieht etwas anderes an. Das Kind ist eingeschlafen, der Braten ausgekühlt.

Valentin wacht eine halbe Stunde später auf als gewöhnlich, setzt sich auf die Bettkante, schüttelt mit einer Hand das flachgelegene Kissen aus. Er betrachtet das zweite Kissen, steif und sauber liegt es da; diese Bettwäsche hat er ihr vor Jahren geschenkt, zu Weihnachten. Nicht einmal die wollte sie mitnehmen.

Valentin schaut auf den Boden, auf seine Knie. Er sitzt da in seinem Schlafanzug aus Flanell, sein Glied wehrt sich kraftlos gegen den weichen Stoff, verharrt wie ein müdes Tier, das sich nicht entscheiden kann, ist es jung, ist es alt.

«Steh auf», sagt Valentin laut zu sich selbst, wäscht sich, zieht Sonntagskleider an. Über Nacht hat sich Schnee angehäuft, Hauben hocken auf den Büschen, Vogelspuren streifen die weiße Fläche. Weit hinten schimmert das Flussband metallen auf. Von hier aus kann er die Straße sehen, auf der die Autos neben der alten Eisenbahnbrücke über den Fluss rasen.

Valentin schaltet das Radio ein. An Heiligabend hat er einen Topf Kartoffeln gekocht, er stellt sie in den Kühlschrank. Im Radio wird gepredigt, er schaltet es wieder aus und öffnet das Küchenfenster, klopft den Kaffeekolben im Eimer aus, schwarz rieselt der Satz über Eierschalen und schrumpelige Spiralen. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Äpfel zu schälen, ohne das Messer ein einziges Mal abzusetzen. Eine dieser Schalenspiralen lässt er auf und ab federn, dann lässt er sie in den Eimer fallen, schließt den Deckel. Der Deckel klemmt, der Eimer rutscht ihm beinahe aus den Händen, schabt kalt auf dem Sims. Ansonsten ist es still rundherum.

Das Kind schreit gellend, dann zieht es schon wieder Luft ein. Antonia wiegt es hin und her, sie soll dem Bub dreimal am Tag die Temperatur messen. Die Ärztin hat ihr ein Serum mitgegeben, das den Magen beruhigt. Es könne mit dem Pilz zusammenhängen, müsse aber nicht; dass Chris dann im Auto gesagt hat, dass sie dafür nicht ins Krankenhaus hätten fahren müssen, das ärgert sie immer noch. Er wusste doch auch nicht, was sie tun sollten, als der Bub, nachdem er sich diesen Pilz in den Mund gestopft hatte, die Luft so einsog und ganz blau wurde. Der Kleine hat so lange geschrien, bis bei Frau Meierhofer nebenan das Licht angegangen ist.

Der Bub beruhigt sich ein wenig, endlich, sie gibt ihm die Brust, holt Kleider aus der Kommode im kleinen Zimmer und zieht ihn warm an. Sie bleibt kurz hinter Chris stehen, der sitzt am Rechner, schaut sich nicht um. Dann zieht sie die Jacke an, frische Luft kann nie schaden.

Draußen schläft das Kind rasch ein, die Luft ist kalt und feucht, Antonia schließt kurz die Augen, alles an ihr ist müde.

Sie schiebt den Kinderwagen hinunter zum Wald, hinaus aus dem Dorf. Einzelne Häuser und Höfe liegen
verstreut in der Umgebung. Das neue Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnen, steht da, wo früher ein grosser Hof
stand. Antonia schaut nach, ob das Kind noch atmet, es schläft friedlich, mit rosa Wangen, sie versucht, sein Ge-
sicht mit ihren kalten Händen nicht zu berühren. Sie bleibt stehen, ihr bricht plötzlich der Schweiß aus; dass
sie das vergessen konnte. Gestern zum Braten hat sie ein Glas Wein getrunken, man muss vierundzwanzig Stun-
den warten, bis man ein Kind nach Alkoholgenuss wieder stillt. Sie geht schnell weiter.

Dann ist sie unten am Fluss, der in einer großen Schlaufe um das Dorf herumzieht, wie schwarze, dünne Tinte fließt das Wasser. Kalt sieht es aus, im Spätsommer hat sie sich vorgenommen, jeden Tag kurz hineinzuspringen, auch im Winter. Aber für dieses Jahr ist es zu spät, damit anzufangen, Antonia wendet, der Pfad steigt wieder an, die Räder bleiben im nassen Schnee stecken. Sie schwitzt immer noch.

Antonia öffnet die Tür, legt das schlafende Kind in die Wiege. Chris hockt vor der nackten Tanne, den Schmuck hat er bereits in den Schachteln verstaut und die Pflanzenecke mit ein paar groben Brettern vom Rest des Raumes abgetrennt.

«Sind wir jetzt ein Treibhaus?», fragt Antonia, Chris hantiert weiter, schaut nicht auf. Antonia setzt sich an den Tisch, stützt das Kinn auf die Hände, wartet, bis der Kaffee kocht. Im leeren Weinglas spiegelt sich ihr Gesicht, große Augen und in die Breite gezogene Wangen; sie hat gestern nur ein Glas Wein getrunken, so schlimm kann das gar nicht sein. Mit einer Gabel kratzt sie Krusten von den Tellern und Platten, schaut zu Chris; der würde besser die Küche aufräumen.

Valentin geht über den verschneiten Pfad, nach wenigen Minuten sieht er das Dach des Betagtenheimes in der Senke. Er fährt sich mit der Hand nochmals übers Hemd und betritt das Foyer.

Folge 3

Auf den kleinen Salontischchen liegen Zweige, man hat weiße Kerzen in Mandarinen gesteckt. Auf einer Kommode steht eine Fotografie, schwarzweiß; portrai­tiert hier einer regelmäßig die Bewohner, damit man dann ein aktuelles letztes Bild zur Hand hat? Aber gibt es nicht dieses Alter, da der Mensch beginnt, sich auch der äußerlichen Veränderung zu widersetzen?

Valentin entdeckt seine Mutter zuhinterst an der Glasfront, zwischen seiner Schwester Maria und Robert, ihrem Mann. Wie in einem Gemälde sitzen die drei vor der Schneelandschaft.

Das Essen wird aufgetischt, die Mutter hat ein Menu vorbestellt, «Damit wir nicht so lange warten müssen»,
sagt sie und beginnt zu essen.

«Hast du schön gefeiert?», fragt Maria, Valentin kaut und nickt. Die Mutter antwortet, «Sie haben hier gesungen, aber wieder die gleichen Lieder.» «Wer hat gesungen?», fragt Maria. Die Mutter sagt, «Diese Leute, von unten am Fluss, die kommen jedes Jahr. Aber den Braten haben die aus der Küche wieder dünn geschnitten, und für jeden gab es nur eine Scheibe, überall sparen sie.»

Die Mutter ist satt, schiebt den Teller von sich, wischt sich den Mund mit der Serviette ab, schaut in die Runde, «Wo sind die Kinder?» «Ich hab dir schon vor Wochen gesagt, dass sie nicht kommen, sie haben ihre eigenen Familien», sagt Maria. Die Mutter hört nicht hin, dreht sich zu Valentin, «Und wo ist Tanja, die hat doch keine Familie, oder?»

«Mutter», sagt Maria. Valentin stellt das Glas ab, heftiger als er wollte; Maria soll nicht auch noch für ihn antworten. Valentin schaut hinaus in die vergraute Kulisse, Robert sagt etwas von den Schafen, vom nassen Sommer und dem knappen Heu, Maria erzählt von diesem neuen Spiel, das sich Mona so gewünscht hat, «Jetzt kann sie gar nicht mehr aufhören damit.»

«Dieses neue Zeug», unterbricht die Mutter und bestellt mit spitz in die Luft stechendem Finger Kaffee. Valentin hört alles wie von weit weg; wie lange ist das her, dass er als Kind gar nicht mehr aufhören konnte, nach Weihnachten mit den neuen Sachen zu spielen. Der Kaffee wird aufgetischt.

«Wie lange schläft er denn noch?», Chris steht vor dem schlafenden Kind, Antonia stellt sich neben ihn, er legt ihr den Arm um die Schulter. Sie schaut ihn seitlich an; hoffentlich merkt er nicht, dass sie nicht lange genug gewartet hat mit Stillen. Chris sagt, «Vielleicht wirkt das Serum endlich.»

Antonia nickt, «Ja, das denke ich auch.» Chris beugt sich zum Kind hinab, zieht eine Feder aus der Decke und hält sie vor das kleine Näschen, die Feder bebt sacht.

Antonia setzt sich auf dem Bett auf; wie lange hat sie geschlafen? Sie geht ins Wohnzimmer; was ist das denn? Chris hat den ganzen Weihnachtsschmuck wieder an den Baum gehängt, sie umarmt ihn, zündet die Kerzen an. Chris wärmt die Essensreste vom Heiligen Abend auf, und als der Bub endlich erwacht, nehmen sie ihn in die Arme, er lacht, trinkt und schläft bald schon wieder ein.

Die Gläser klirren leise, draußen wirbelt Schnee, sie trinken beide ein zweites Glas Sekt.

Valentin breitet die Wollweste auf dem Bett aus; dass die Mutter immer noch so stricken kann. Nur spricht sie mit
ihnen noch immer, als wären sie Kinder, dabei ist Maria in Rente, und er auch schon bald. Und wie sie sich geweigert hat, Maria das Geschenk für Mona mitzugeben. «Mona ist alt genug», hat sie gesagt, «Mona muss es selber holen.»

Valentin schraubt die Flasche Selbstgebrannten auf, die ihm Robert zugeschoben hat. Er füllt ein kleines Glas, schaltet das Radio ein, ihm wird warm, er schenkt nochmals nach.

Antonia ist kaum eingeschlafen, da schreit schon wieder der Bub. Jede Nacht dasselbe, ihre Brüste sind hart, sie ist erschöpft, der Bub bald zufrieden. Antonia schläft sofort wieder ein. Mit einem Ruck setzt sich Chris auf, «Hast du jetzt das Kind gestillt?»

Antonia hebt leicht den Kopf, lässt ihn gleich wieder aufs Kissen fallen, sie will schlafen, endlich. Chris klammert sich mit einer Hand an ihren Arm, «Du hast gerade noch Alkohol getrunken!»

Jetzt ist Antonia hellwach, aber sie regt sich nicht, sie schaut auf das Gewebe des Kissens und lauscht, ihr Herz schlägt, der Kopf rauscht. Sie schließt die Augen, Chris rüttelt an ihrer Schulter, «Machst du das immer so?»

«Natürlich nicht», Antonia will seine Hand wegwischen. Er hält sie nur noch fester, «Weißt du eigentlich, wie schädlich das ist?» Antonia setzt sich auf, da lässt er ihren Arm endlich los, «Ja, das weiß ich, und jetzt kann ich es auch nicht rückgängig machen. Ich war müde, okay?» Sie steht auf, in der Küche trinkt sie im Stehen ein Glas Wasser.

«Hast du nicht gehört, dass ich gefragt habe, ob du mir auch Wasser bringst?», fragt Chris, als Antonia zurückkommt. Aber sie antwortet nicht, sie will jetzt schlafen, sie hat Kopfschmerzen, vom Schlafmangel, vom Alkohol. Vor dem Einschlafen haben sie noch gescherzt über ihre großen Brüste; soll doch Chris das Kind füttern, mitten in der Nacht. Chris macht Licht, dann steht er auf, stößt gegen einen Stuhl. Antonia kann hören, wie er direkt vom Hahn Wasser trinkt, wie er spült, da muckst das Kind auf, schläft gleich wieder, immerhin.

Valentin stellt den Besen in die Ecke und geht los, über den verschneiten Dorfplatz, hinüber zu Marias Hof. Sie hat angerufen, ob er Mona zu ihrer Großmutter begleiten könne. Seit seine Mutter alt geworden ist, gibt Maria den Tarif durch.

Folge 4

Valentin hatte Robert damals geholfen, den kleinen Anbau zu renovieren, in dem Mona wohnt, seit sie volljährig ist. Aus der Küche des Bauernhauses kann man über den Hofplatz hinweg sehen, ob im Anbau Licht brennt.

Valentin klopft ans Fenster und sieht Mona auf dem Bett sitzen. Sie hält etwas in den Händen, starrt es konzentriert an, stampft auf und wirft das Ding zu Boden. Valentin klopft noch einmal, Mona schaut ihn an, öffnet die Tür.

«Ich habe verloren!», sagt sie und stampft dann erneut auf, «Diesen Blödsinn spiele ich nie mehr.» Valentin bückt sich nach dem Gerät am Boden, drückt auf einen Knopf, es passiert nichts. Mona nimmt es ihm aus der Hand, «So, schau, spiel», sie reicht Valentin das Kästchen. Auf dem Bildschirm vor dem Bett hat das Spiel schon begonnen, Valentin schiebt die Hebel hin und her, bis eine verzerrte Melodie erklingt. Mona lacht laut, «Du hast verloren!» «Was ist denn passiert?» Valentin schaut auf dieses schwarze Kästchen in seinen Händen, Mona kugelt sich auf dem Bett, bis Valentin auch lachen muss.

«Komm, Mona, wir gehen raus, zu Großmutter, sie hat ein Geschenk für dich», sagt er und Mona steigt in
ihre Moonboots. Draußen nimmt sie den Hund von der Kette, Valentin geht den beiden hinterher, sie haben den Pfad nach dem Fluss hin eingeschlagen, das ist ein kleiner Umweg. Der Hund springt an Mona hoch und bellt, und Mona rennt durch den Schnee, sie lacht, der Hund bellt, vom Wald her schwappt das Echo über das verschneite Gelände.

Valentin geht an der neuen Siedlung vorüber, vorbei an der verfallenen Käserei und dem Moor, hinein in den Wald. Mona wartet, sie stützt sich schnaufend mit bei­den Händen auf ihren Knien ab und ruft nach dem Hund. «Er darf nicht frei im Wald herumrennen», erklärt sie Valentin und nimmt das Tier an die Leine.

Zu dritt gehen sie hangabwärts, der Hund steckt Pfote um Pfote in den Schnee. Eine Frau schiebt einen Kinderwagen aus dem Wald, kommt ihnen entgegen. Valentin bleibt kurz stehen, räuspert sich, es ist Antonia. Sie hebt nur kurz die Hand, als sie sich kreuzen, und geht weiter, auch Valentin watet weiter; anstrengend ist das in diesem hohen Schnee. Er bleibt stehen, dreht sich um, «Mona!»

Mona geht dem Wagen hinterher, erreicht ihn und hält sich daran fest. Antonia muss anhalten, sie schaut Mona empört an, dann schaut sie hinunter zu Valentin, sie sagt nichts, schaut nur zornig. «Mona, komm sofort!», ruft Valentin, seine Stimme ist belegt, der Hund bellt.

Mona beugt sich in den Kinderwagen, Antonia hält ihn fest und schiebt dann den Wagen weiter. Mona trottet einfach mit, den Kopf immer noch in den Wagen gesteckt, wie ein Kalb, das man an einem Strick davonzieht.

«Mona!», ruft Valentin nochmals, lauter diesmal. Mona lässt endlich los, schaut zu Valentin und kommt langsam auf ihn zu, steht mit einem Schmollmund vor ihm. Aus dem Wagen hört man das Kind schreien, Antonia rennt beinah den Hang hinauf. Valentin will etwas rufen, sich entschuldigen, Mona brummelt, «Sie hat mir nicht einmal gesagt, wie das Kind heißt.»

Valentin schaut seine Nichte an. Wie sie da steht, mit ihrer Enttäuschung im Gesicht; dass sie ausgerechnet bei Antonia so etwas machen muss, Mona ist doch trotz allem auch erwachsen. Er legt ihr die Hand auf die Schul-
ter, «Mona, hör mal, so etwas kannst du nicht machen.» Mona springt auf, «Der Hund!» Sie pfeift, reißt sich los und rennt dem Hund hinterher, der über das Feld jagt, «Du darfst nicht frei herumrennen, dummer Hund!»

Valentin geht in den Wald hinein, zertritt die Spuren des Kinderwagens, er erschrickt ein wenig, als eine kühle Schnauze seine Hand anstupst. «Ich habe nichts», sagt Valentin und schaut auf den Hund hinunter. Der Hund setzt sich und blickt zu Valentin hoch, bis der seine Taschen nochmals abtastet, sie sind wirklich leer. Da steht der Hund auf, Valentin trottet ihm hinterher, bis Mona die beiden einholt und zu reden beginnt, über das neue Computerspiel, über den Hund, der immer in den Wald rennt. Valentin schaut Mona von der Seite her an; den Kinderwagen hat sie wohl längst vergessen.

Chris startet den Rechner, diese neuen Seiten, die es jetzt gibt, er klickt sich durch die Bilder, ein Kumpel hat eine neue Freundin; das kann man ja alles kommentieren. Chris schreibt etwas, löscht es gleich wieder. Ein neues Bild taucht auf, die Bar im Hintergrund kennt er. Chris lehnt sich zurück und schaut hinaus; wenigstens kann man so vom Dorf aus zuschauen, was in der Stadt abgeht.

Er steht auf, geht auf den Balkon, raucht, schaut hinaus auf die verschneiten Wiesen; die haben alle keine Kinder, können Nächte durchfeiern, Chris stutzt. Dass er das schon wieder vergessen hat, dass Antonia in der Nacht das Kind gestillt hat, nachdem sie gestern Abend getrunken hatte. Das kann doch nicht sein, war sie denn so besoffen?

Er raucht, bläst kalten Dunst aus, hustet, sein Kopf ist müde. Es ist still hier, auf dem Land, sowas hat er sich immer vorgestellt, deswegen hat er Antonia auch vorgeschlagen, hierherzuziehen, als sie schwanger geworden war. Er hört, wie die Tür der Nachbarwohnung geht, Frau Meierhofer kommt nach Hause, ihr Enkel begleitet sie. Den erkennt er an der Stimme.

Beim Bauernhof drüben rennt ein Hund über den Platz, hinterher ein großes Kind. Oder ist es eine Erwachsene? Ein Mann folgt, ist das nicht der Postbote? Das muss eine seltsame Geschichte sein, der war früher Lehrer und arbeitet jetzt im selben Dorf als Postbote. Chris hat Antonia einmal gefragt, was da eigentlich war, sie scheint den Mann gar nicht zu mögen.

Folge 5

Dabei war sie doch im Internat, und ob sie zuvor noch im Dorf in die Schule gegangen war, weiß er gar nicht, Antonia gibt nicht viel von ihrer Kindheit preis.

Chris drückt die Zigarette aus, geht in die Wohnung, bevor Frau Meierhofer auf den Balkon kommt und wieder fragt, wie das Kind heißt. Er will aufgeräumt haben, bis Antonia zurück ist, geht in der Wohnung umher, öffnet die Fenster, rafft Kleider zusammen, die auf dem Kanapee liegen, räumt den Tisch ab.

Chris setzt sich nochmals an den Rechner. Da sind neue Kommentare, neue Fotos; dieses Ferngespräch läuft auch ohne ihn. Manchmal fehlen ihm all die Freunde, ob es die beste Idee war, hierherzuziehen, wer weiß das schon. Chris schaltet den Rechner aus und bleibt davor sitzen. Auf dem dunklen Bildschirm spiegelt sich sein Gesicht.

Antonia schiebt den Kinderwagen den Hang hinauf, sie rutscht, schwitzt. Jetzt heult der Bub wieder, sie hält das nicht mehr aus, diese Frequenz, jeden Tag diese Spaziergänge im grauen Wetter. Der Weg wird wieder flacher, Antonia bleibt stehen, wischt sich über die Stirn. Was sollte das vorhin, Mona ist fast in den Wagen gekrochen, hat den Bub aufgeweckt, und der Alte hat wieder nichts dazu gesagt, das gibt’s doch nicht.

Das letzte Licht legt sich auf den Schnee, der Bub hat sich beruhigt, endlich, er schläft, zuckt nur ab und zu. Antonia geht weiter; dass ausgerechnet sie wieder hier im Dorf gelandet ist, die Freundinnen von früher sind alle weg. Tanja ist die einzige, die sie noch ab und zu sieht, aber auch seltener, seit sie das Kind hat und Tanja ihre Oberarztstelle. Chris wollte unbedingt hierherziehen, «Das ist doch praktisch, wenn deine Mutter in der Nähe ist», und die Natur, und ein Garten, all der Quatsch. Arbeit hat er ja doch keine, sie beide nicht, ihre Mutter hat ihr vorgeschlagen, sie solle sich um den Job im Dorfladen bewerben. Dafür hat sie wirklich nicht studiert.

Ihre Schritte knirschen, die oberste Schneeschicht, die am späten Nachmittag kurz davor war, zu schmelzen, ist wieder hart geworden. Es wird kalt, Antonia hat geschwitzt, sie muss aufpassen, dass sie sich keine Erkältung einfängt. Das Kind winselt wieder im Wagen; warum kann eigentlich Chris nicht mal mit ihm raus, frische Luft würde dem käsigen Arsch auch gut tun.

Sie steht vor der Hauseinfahrt, manchmal denkt sie noch immer daran, wie die große Scheune niedergebrannt ist, an der Stelle, wo jetzt die Neubausiedlung steht. Das ganze Dorf hatte hier gestanden, mitten in der Nacht, bis heute weiß man nicht, warum der Hof abgebrannt ist. Antonia fasst sich an den Hals; die Kette, die hat ihr Chris gerade zu Weihnachten geschenkt, hat sie sie etwa verloren, vorhin, als Mona am Kinderwagen gezogen hat? Es ist schon fast dunkel, morgen muss sie früh raus und die Kette suchen.

Soll sie jetzt wirklich nach Hause, aufräumen, kochen, füttern, schlafen? Antonia bleibt kurz stehen, dann schiebt sie den Kinderwagen weiter; nur kurz rüber zur Mutter, die freut sich auch, und dann ist der Abend weniger lang. Sie muss mal wieder mit Freundinnen ausgehen, Chris geht dauernd aus, «Du hast ja deine Mutter im Dorf.» Dass er es tatsächlich wagt, sowas laut zu sagen.

Chris schaut auf die Uhr; warum kommt Antonia nicht, sie müsste längst zurück sein. Ihr Telefon liegt auf dem Tisch; dass sie das nie bei sich hat. In der Küche steht noch schmutziges Geschirr, er räumt es in die Spülmaschine, bleibt vor der rauschenden Maschine stehen, schaut hinaus in die Nacht.

Sie war so leidenschaftlich, letzte Nacht, dafür am Morgen angepisst, vielleicht war er wirklich ein wenig schroff, weil sie gestillt hatte nach dem Alkohol. Er ist eben erschrocken, das weiß man doch, wie schädlich das ist für ein Kind. Im Treppenhaus sind Schritte zu hören, Chris guckt kurz hinaus, da ist niemand.

Keine Nachricht auf dem Telefon, Chris setzt sich wieder an den Rechner. Irgendwann muss ja ein Auftrag hereinkommen, die einzigen neuen Mails haben ihm entfernte Bekannte geschickt. Geschäftsgrüße kurz nach Weihnachten, von Leuten, von denen man sonst nie was hört, interessant. Chris stützt den Kopf in die Hand; auf Arbeit zu warten, ist noch anstrengender, als zu arbeiten, und das Leben auf dem Land ist teurer als erwartet. Wenn man hier leben will, müsste man ab und zu wegfahren können, in die Stadt, in den Urlaub, nur können sie sich das im Moment wirklich nicht leisten.

Chris legt sich aufs Kanapee; Antonia schaut bestimmt bei ihrer Mutter vorbei, ist ja super, dass die manchmal aufs Kind aufpasst. Er hat halt trotzdem niemanden hier, seine Leute sind in der Stadt. Vielleicht muss er einfach mal ins Dorf, die Leute ansprechen, nur, wer hat denn dafür Zeit, auf dem Dorf bestellt auch jeder
seinen eigenen Acker.

Chris streckt sich aus, legt sich seitlich aufs Sofa, der Boden ist mit Brosamen übersät, das mag er jetzt nicht auch noch sauber machen. Er richtet sich halb auf; da liegt ja die Goldkette, die er Antonia zu Weihnachten geschenkt hat. Er hebt sie auf und legt sie auf das Tischchen.

Die Abende werden schon wieder länger. Valentin hat im Garten jede Menge Plastik ausgegraben, der Winter schwemmt alles Mögliche an, Tiere und Wind tun das ihre, er füllt alles in einen blauen Sack. Dann harkt er die Erde fein, schabt mit der hohlen Hand Gruben, pflanzt Setzlinge hinein, presst die Erde fest und gießt die Pflänzchen.

Schließlich streckt er seinen Rücken durch, sammelt die Werkzeuge ein und trägt sie zum Gartenhaus.

Folge 6

«Guten Abend.» Valentin fährt zusammen, ein grosser Mann steht am Zaun. Valentin nickt, verräumt das Werkzeug, riegelt ab. Der Mann steht mit einem Kinderwagen bereits in seinem Garten und versucht, das Tor von innen zu schliessen. Er lächelt Valentin an, «Wie wird die Ernte?» Valentin kennt diesen Mann nicht, er wiegt den Kopf hin und her, dann sagt er, «Das wird der Herbst zeigen.»

Das Kind im Wagen beginnt zu wimmern, der junge Mann beugt sich darüber, das Kind schreit lauter. Er schiebt den Wagen vor und zurück, schaut immer wieder zu Valentin, lächelt, zieht die Schultern und die Augenbrauen hoch. Das Kind hört nicht auf zu schreien, bis es der junge Vater aus dem Wagen nimmt. Und da ist Valentin plötzlich klar, dass er diesen Wagen kennt. Das ist Antonias Mann, was will der hier?

«Schau, der schöne Garten», sagt der Mann, aber das Kind schreit weiter, «und das Gartenhäuschen.» Valentin steht da, in seinem Garten, neben seinen unerwarteten Besuchern, und dann sagt er, «Sie müssen das Kind anders herum halten. Die Ärmchen überkreuzen und es bäuchlings auf ihren Arm legen, das Köpfchen muss dabei ein wenig nach unten geneigt sein.» Der junge Mann schaut Valentin überrascht an, befolgt die Anweisung. Als das Kind verstummt, lacht er verwirrt, «So einfach geht das.»

Valentin ist selber überrascht, dass er sich immer noch an diesen Trick erinnert. Er nickt dem jungen Mann nochmals zu und geht hinüber zu den Setzlingen, im Nacken spürt er den fremden Blick.

Valentin stellt den blauen Sack an die Strasse, der junge Mann zeigt dem Kind den ganzen Garten, Sträucher und Büsche. Hier hat schon Antonia oft gespielt, als Kind, mit Tanja, nur hat Valentin die Schaukel längst abgebaut, auf der sie in die Lüfte geflogen sind; vielleicht sind die beiden ja immer noch befreundet, was weiss er schon. Zu dem jungen Mann sagt er, «Ich gehe mal rein.» Der junge Mann nickt, «Natürlich», er hebt die Hand, und dann fügt er hinzu, «danke, dass wir den Garten sehen durften.»

Valentin bleibt nochmals kurz stehen, nickt, hebt die Hand und geht ins Haus.

Halb zehn, geht ja noch. Chris steht auf, duscht, Kaffee, Mails, Kaffee.

Er hat einen Anruf von Antonia verpasst; vielleicht hat sie was vergessen. Sie geht früh los, seit sie diese Arbeitsstelle angenommen hat, bringt vorher das Kind zu ihrer Mutter, damit er zu Hause ungestört arbeiten kann. Chris steht auf, raucht auf dem Balkon. Antonia verdient ganz okay, nur bei ihm läuft es einfach nicht mehr, seit er von hier aus arbeitet, hie und da ein Auftrag, dazwischen an der Webseite basteln. Es klingelt, er drückt die Zigarette aus, der Lieferdienst bringt zwei Pakete, einen Untersatz für seinen Rechner, damit die Hitze abziehen kann, und Kinderkleider; hoffentlich gefallen sie Antonia, er hat die Kleider letzte Woche bestellt. Er raucht nochmals eine Zigarette, schaut hinaus auf die Felder, den Wald, den Frühsommer, diese Natur. Als sie hierhergezogen sind, hat er sich vorgenommen, immer früh aufzustehen und im Wald zu laufen, bevor er mit der Arbeit beginnt. Aber jetzt, mit dem Kind und mit Antonias neuer Arbeitsstelle, er kann ihr schlecht am Abend sagen, dass er nur im Wald war und sonst nichts. In der Balkonecke stapeln sich Gartenerde und Eternitkisten. Hier auf dem Balkon könnte man Gemüse ziehen oder Kräuter, unten auf der grossen Wiese darf man keine Beete anlegen, der Hausbesitzer will das nicht. Auf dem riesigen Rasen hält sich kaum einer auf, Federball und Fussball sind nur erlaubt, wenn der Rasen trocken ist, und die Bäume sind noch zu klein, um Schatten zu spenden.

Chris schüttelt einmal mehr den Kopf darüber. Dabei hatte er schon vor dem Umzug überlegt, was er hier anpflanzen könnte, in einem Garten, wie dieser alte Mann ihn hat, er hätte die Vorschriften genauer lesen müssen. Dieser alte Mann, ob der sich gefreut hat über seinen Besuch, da ist sich Chris nicht ganz sicher. Vielleicht war er auch einfach überrumpelt, wer versteht denn schon die Leute hier im Dorf. Er kann ja einfach mal wieder mit dem Bub da vorbeispazieren, so schlimm wie Antonia tut, wird der Alte bestimmt nicht sein. Und vielleicht erfährt er ja von dem alten Mann etwas darüber, was das für eine Geschichte war, um die Antonia so ein Geheimnis macht.

Sie könnten doch auf dem Balkon ein Haustier halten, ein Kaninchen, Chris raucht fertig und sucht im Netz nach einem Maschendraht, ist günstiger als erwartet. Ein Kaninchen, das wär was, wenn der Bub grösser ist, da könnte er lernen, mit einem Lebewesen umzugehen, füttern und saubermachen. Das fände Antonia auch gut, bestimmt.

Chris klickt auf Akzeptieren, die Bestätigung kommt sofort herein, der erste Schritt wär gemacht. Chris greift nach seinem Telefon; Idiot, er muss Antonia sofort zurückrufen, hat er glatt vergessen.

Es schlägt elf, Valentin hat schon die ganze Post ausgetragen. Es wird immer weniger, und im Berufsmagazin schreiben sie von Robotern, die in der Zukunft die Post austragen werden, diese Roboter muss dann auch jemand begleiten, zumindest am Anfang, und das ist dann wieder ein ganz anderer Beruf. Valentin holt in der Bäckerei Pralinen für Maria; wer kauft eigentlich diese Schokoladenkäfer, die in schillernde Folie gewickelt sind und seit Jahren hier ausliegen? Maria kocht immer pünktlich, heute ist er trotzdem viel zu früh dran. Valentin würde ihre Einladungen manchmal gern ausschlagen, aber wie, Zeit hat er ja, und das weiss Maria. Es ist einfacher, ab und zu bei ihr zu essen.

Folge 7

Valentin bleibt am hohen Zaun stehen, der den Schulhof eingrenzt. Lange Zeit hat er diesen Pfad gar nicht eingeschlagen, dann ist er jahrelang schnell vorübergegangen. Heute bleibt er stehen, schaut zu, wie auf dem Asphalt ein Junge mit einem Ball spielt; es ist noch gar nicht Mittag, warum sitzt der Bub nicht in der Schulstunde?

Valentin schaut zum spitzen Giebel des alten Schulhauses; als er zur Schule gegangen ist, stand hier eine hohe Mauer, die Sonne schien nur im Sommer in den Schulhof hinab. In seiner Zeit als Lehrer hatte er dann dafür gesorgt, dass man die Mauer abgerissen und einen Spielplatz eingerichtet hat. Auf den Hartplatz wurden Linien und Halbkreise gemalt, die noch immer zu immer neuen Regeln für Spiele aus aller Welt passen.

Der Junge schaut sich um, legt den Ball sorgfältig in die Kuhle in der Mitte des Platzes, geht rückwärts, holt Anlauf, kurze, kräftige Schritte. Der Ball schlägt klirrend am Maschendraht auf; tosender Applaus, der Knabe reisst die Arme hoch, rennt einen Halbkreis über den Rasen, verfolgt von Scheinwerfern und Kameras. Ein Hüpfer, ein Überschlag, Kusshände in die Menge, dann rennt der Knabe verschwitzt und entspannt dem Ball hinterher. Der Ball rollt an den Zaun, der Junge bückt sich danach, und erst, als er sich aufrichtet, sieht er Valentin, direkt vor sich. Der Knabe erschrickt, drückt den Ball an sich, macht ein paar Schritte rückwärts. So bald er etwas Abstand gewonnen hat, dreht er sich um und rennt davon. Valentin löst seine Hände vom Zaun, er hat sich festgekrallt. Der Junge schaut sich noch einmal kurz um, ängstlich, was hat der denn, er hat doch nur zugeschaut, sich nur ausgemalt, wie sich der Knabe vorstellt, ein Weltstar zu sein. Valentin geht weiter, hastig, nein, vor ihm braucht keiner Angst zu haben, nicht vor ihm.

Antonia holt den Bub bei ihrer Mutter ab, er kommt ihr schon im Korridor von der Küche her entgegen, fällt ihr in die Arme und lacht. Antonia küsst ihr Kind, «Du hast heute gehen gelernt», sagt sie und knuddelt den Bub. «Er kann das schon seit ein paar Tagen», sagt ihre Mutter. Antonia schaut auf, «Wie meinst du das?»

Der Bub löst sich aus Antonias Armen und tappt auf seine Grossmutter zu. Antonia steht auf, geht langsam hinter ihm her, leitet ihn mit den Händen, ohne ihn zu berühren, schaut auf seinen Kopf hinunter. Ihre Mutter streckt dem Bub die Arme entgegen, blickt dabei zu Antonia hoch, und die schaut jetzt von ihrem Kind auf und fragt, «Warum hast du mir das nicht gesagt?»

Der Bub verliert das Gleichgewicht, die Grossmutter fängt ihn gerade noch auf, drückt ihn an sich. Antonia starrt die beiden an und fragt nochmals, «Warum hast du mir das nicht gesagt?» «Ich habe einfach nicht daran gedacht, Liebes», sagt die Grossmutter, und leiser, «ich bin einfach auch müde, am Abend.»

Antonia setzt sich auf einen Stuhl in der Küche, plötzlich völlig erschöpft; sie arbeitet zu viel, einer muss ja Geld verdienen, all das Zeug bezahlen, das Chris bestellt, oder das Zeug zurückschicken, er kennt ja nicht einmal die Kleidergrösse des Kleinen.

«Wann kommt Chris wieder nach Hause?», fragt ihre Mutter. Antonia zuckt mit den Schultern, «Ende Woche.» «Was macht er denn da so lange?» «Mutter, er arbeitet, Kontakte knüpfen, Freunde treffen, er hat hier wirklich niemanden.»

Die Mutter zieht die Augenbrauen hoch, Antonia seufzt, steht auf und zieht den Bub an. Zumindest das Erinnerungsbuch will sie heute noch nachführen, die ersten Schritte wenigstens dort festhalten. «Hast du Fotos gemacht, von seinen ersten Schritten?», fragt Antonia im Türrahmen. «Ich war doch bei ihm», sagt ihre Mutter. Antonia nickt. Sie kann einfach irgendeinen Tag nennen, wenn sich ja doch keiner erinnert.

Ihre Mutter kneift den Bub in die Wange, der quietscht, wehrt ab. «He!», die Grossmutter hält seine kleine Hand fest, «Das darfst du nicht, die Grossmutter schlagen!» «Dann hör auf, ihn zu kneifen, Mutter.»

Antonia legt ihr Kind ins Bett, auf Chris’ Seite, rollt die Decke ein, damit es nicht hinausfallen kann. Nach ein paar Stunden wacht sie auf, immer noch in den Kleidern, sie hat Hunger, sie hat vergessen, etwas zu essen.

Valentin kratzt sich am Kopf, mit dem Messer in der Hand, was wollte er gleich noch holen? «Ach, Bohnenkraut», murmelt er, klemmt die Kräuter zwischen zwei Finger, schneidet ein paar Blumen, steht so rasch auf, dass ihm schwindelt; er muss aufpassen, mit dem Messer. Valentin schaut sich um, da steht ja wieder dieser Mann im Garten und stellt auch schon sein Kind auf den Boden, er hält es an beiden Händen und kommt langsam auf Valentin zu. Das Kind macht sich los, geht ein paar Schritte alleine, bis es ins Gras plumpst und hocken bleibt. Es winkt, Valentin steckt das Messer bei den Karotten in die Erde und winkt zurück; da winkt er in seinem eigenen Garten. Valentin schaut auf dieses Kind und seinen Vater, dann murmelt er, «Ich muss die Blumen einstellen.» «Wir warten hier», sagt der Mann zu Valentin, und zu seinem Kind sagt er, «Geh nicht zu den Karotten, da ist ein Messer.»

Valentin füllt die Vase, «Wir warten hier» klingt es in seinen Ohren nach, er schraubt den Wasserhahn zu. Warum kommt der junge Mann denn schon wieder hierher, oder hat Antonia ihn geschickt?

Der Mann trägt das Kind jetzt auf dem Arm, zeigt ihm die Rosenbüsche, und Valentin denkt, der muss doch bestimmt Tanja kennen. Er könnte ihn einfach fragen, was macht eigentlich meine Tanja, aber da fragt der junge Mann, «Was ziehen Sie denn alles?» «Alles Mögliche.» «Auch Tomaten?» Valentin nickt. «Kommen Sie», sagt er und geht um die Hausecke, «hier sind die Tomaten.»

Folge 8

Der Mann kniet vor dem Tomatenhäuschen nieder, hebt die Plastikfolie hoch, schaut die hellgrünen Knollen an, manche sind schon rötlich gefärbt. Das Kind will vom Arm des Vaters herunter, es greift in die Erde und schmiert sich alles ins Gesicht, der junge Mann lacht und sagt, «Jedes Kind braucht Dreck.» Da will es schon wieder zu seinem Vater auf den Arm, patscht ihm ins Gesicht. «Na, wir müssen dann mal», sagt der junge Mann. Er setzt sich das Kind auf die Schultern, verrenkt sich, um es von unten her anzuschauen und sagt, «Wir gehen zu Hause gleich zusammen in die Waschmaschine.»

Er zögert und bleibt nochmals stehen, schaut Valentin an, «Sie arbeiten doch als Postbote?», fragt er. Valentin nickt überrascht, der junge Mann macht eine Pause, bevor er fragt, «Und früher haben Sie hier im Dorf als Lehrer gearbeitet?»

Valentin nickt immer noch, warum fragt er denn, das wissen ja alle, und vor allem weiss es Antonia.

Der junge Mann guckt etwas verunsichert, steht noch einen Moment da mit seinem schmutzigen Gesicht und dem Kind auf den Schultern, bis er sagt, «Dann bis bald.»

Valentin schaut den beiden hinterher, wie das Kind auf den Schultern seines Vaters sitzt und mit einem Händchen winkt. Da hält der junge Mann nochmals an, kommt sogar ein paar Schritte zurück. «Dürfen wir vielleicht wiederkommen, zu Besuch?», fragt er, und nach einer kleinen Pause fügt er hinzu, «Wir suchen ein wenig Anschluss, hier im Dorf.»

Valentin nickt, der junge Mann zuckt mit den Schultern, als wolle er sich entschuldigen. Dann geht er durch das Tor aus dem Garten, das Kind hüpft auf seinen Schultern auf und ab; warum hat es jetzt plötzlich eine Karotte in der Hand?

Chris hockt auf dem Boden im Bad und liest Nachrichten, dann schaut er dem Bub zu, wie er plantscht; der alte Mann war heute schon viel freundlicher als beim letzten Mal. So ein Kauz ist er gar nicht, und das wär doch schön, ab und zu bei jemandem vorbeizuschauen, ältere Menschen haben oft niemanden mehr. Der Bub haut mit den Händen auf den Schaum, das Wasser schwappt hoch und fliesst über die Kacheln. Chris hebt die Füsse und legt die Zeitung auf den Klodeckel.

«Wer macht das wieder sauber?» Chris schaut auf, er hat nicht gehört, dass Antonia nach Hause gekommen ist. «Du bist schon da?» «Schon», sagt Antonia und streift im Korridor die Schuhe ab, dann steht sie im Tür rahmen, «das sagt man auch nur, wenn man nicht arbeiten muss.»

Chris blickt auf die überschwemmten Kacheln, die schmutzigen Kleider, die in der Pfütze liegen. Antonia sammelt alles ein, hängt die nassen Wäschestücke auf den Balkon zum Trocknen. Chris steht auf, seift den Bub ein, spült ihn ab, hebt ihn aus der Wanne. Da fängt er an zu schreien, Chris drückt den kleinen, nassen Körper an sich, wickelt ihn in ein Handtuch und legt ihn aufs Bett. Er geht zurück ins Bad, der Boden ist schon aufgewischt.

Antonia sitzt in der Küche, isst Brot und Käse, «Willst du nicht auf mich warten?» Sie schaut von der Zeitung auf, «Ach, hier», sie schiebt ihm Brot zu, Aufschnitt, Butter, Salz. Chris wollte Salat machen, dafür hat er eingekauft, Antonia ist schon fast fertig, allein Salat essen macht auch keinen Sinn.

Chris schaut Antonia an, wie sie in die Zeitung vertieft ist, an ihrem Hals blinkt die kleine Goldkette; ob sie sich wohl vorstellen könnte, eine kleine Brache zu bepflanzen, irgendwo im Dorf, mit einem Tomatenhäuschen? Oder doch den Balkon zu begrünen? Wenn sie einverstanden wäre, würde er das in Angriff nehmen. Antonia legt die Zeitung beiseite, steht auf, räumt ihren Teller weg. Chris bleibt sitzen, schaut ihr hinterher, sie geht ins Wohnzimmer, kein Wort zu ihm.

Als sie hier eingezogen sind, haben sie noch Scherze darüber gemacht, dass man hinter dem Haus kein Gemüse ziehen darf. «Dafür sind wir nicht aufs Land gezogen», haben sie gesagt, aber vor ein paar Wochen sind die Fetzen geflogen, als er den gleichen Satz gesagt hat. Dabei hatte er Antonia in keiner Sekunde einen Vorwurf machen wollen.

Chris räumt den Tisch ab, spült Geschirr; so ein Garten, das wäre schön, dann würde er öfter rauskommen aus der Wohnung. Und vielleicht könnte ihm der alte Mann ein Stück Garten verpachten. Er würde Antonia wirklich gerne fragen, was da genau war, mit diesem alten Mann, nur besser nicht heute, heute hatte er nicht einmal das Abendbrot vorbereitet gehabt, als sie nach Hause gekommen war. Am besten wartet er sowieso bis zum Frühling, wenn alles neu bepflanzt wird, jetzt im Sommer wächst schon alles.

Am frühen Morgen ist ein starker Regen niedergegangen, Valentin fährt vorsichtig. Am Fluss unten wird der Weg breiter, kleine Wellen stellen sich am Ufer auf und fallen plätschernd in sich zusammen.

Im untiefen Wasser steht ein Reiher, dem Fluss zugewandt, Valentin bremst. Ruhig zieht die gewaltige Wassermasse an diesem eleganten Vogel vorbei; wie still der Fluss ist, während kleinste Tropfen ohrenbetäubend laut auf Dächer knallen können.

Der Reiher steht reglos vor seinem Spiegelbild. Blitzschnell fährt er mit dem Schnabel ins Wasser, der kleine Fisch zappelt, für einen kurzen Moment schimmern die aufgeworfenen Wassertropfen in allen Farben. Der Vogel richtet sich auf, würgt den Fisch hinunter, Valentin schaut dem Fluss hinterher, wo die verschonten Fische weiterschwimmen. Mit ein paar kräftigen Flügelschlägen hebt der Reiher ab, zieht flussaufwärts.

Folge 9

Am andern Ufer steigen Nebelschwaden aus dem Wald. «Es kochen die Hasen», das hat seine Mutter immer gesagt, was für ein Unfug. Der Motor von Valentins Mofa knallt durch die Stille; ist da schon wieder etwas kaputt? Noch ein Knall, im Fahren beugt sich Valentin vor, um den Motor zu sehen, er sollte anhalten, sich alles genau anschauen. Sein Fuss rutscht auf dem Pedal aus, Valentin reisst den Lenker herum, da schlägt er schon auf dem Boden auf. Die Erde ist kalt, ein stechender Schmerz zieht ihm durch die Hüfte und über den Rücken.

Valentin versucht, sich aufzurichten, das geht nicht, alles schmerzt, das Mofa liegt auf seinem Bein; wo ist der Auspuff, er will sich nicht auch noch Verbrennungen holen. Der Schmerz bohrt sich durch den ganzen Rücken, kann er sich überhaupt je wieder bewegen? Der Fluss ist plötzlich feindlich laut, hier unten hört ihn keiner.

Ein Bellen direkt vor seinem Gesicht, Valentin erschrickt, der Schmerz fährt ihm durch den Rücken. Hat er geschlafen, oder war er bewusstlos? Der zottige Hund bellt nochmals und springt zur Seite, lässt Valentin dabei nicht aus den Augen.

Das Tier setzt sich, schnauft mit hängender Zunge, Valentin erkennt den Hund, der lebt hier unten am Fluss, bei Kati. Der Hund steht wieder auf, trottet davon, Valentin friert auf dem kühlen Waldboden, er dreht den Kopf zur Seite. Steinchen, Dreck, ein paar Tannzapfen liegen vor ihm.

«Was ist denn passiert?» Kati beugt sich über Valentin. Neben ihr wedelt der Hund, «Ja, braver Hund», sagt Kati und richtet sich mühsam auf.

«Wo tut es weh?», fragt sie. Valentins Stimme kratzt,

«Der Rücken und das Bein.» Kati blickt auf ihn herunter, humpelt einmal um das Mofa herum. Valentin sieht, wie sie ihren Stock unter das Mofa schiebt, sich mit erstaunlicher Kraft dagegenstemmt, bis es mit Geschepper auf die andere Seite kippt.

Er setzt sich auf, seine Glieder sind steif vor Kälte und Schmerzen, er wischt sich Tannnadeln vom Ärmel. Vorsichtig zieht er das eine Knie an, dann das andere, ein Schrei entfährt ihm, der Rücken.

Der Hund umkreist Valentin, tappt ans Flussufer, lappt Wasser, bellt, eine Ente paddelt eilig davon. Kati reicht Valentin den Stock, damit er aufstehen kann, Schritt für Schritt hinken die beiden der alten Mühle entgegen. Man sieht das Mühlrad schon von weitem, es fehlen ein paar Schaufeln, wie bei einem alten Gebiss.

«Hier, setz dich», Kati weist in der Stube auf den Ohrensessel. Sitzend schaut sich Valentin um, die Sonnenblumen auf dem Tisch haben gelbe Staubringe fallen lassen, daneben steht ein bauchiges Honigglas; Maria hat dieselben. Vor dem Fenster geht Kati vorbei, hinüber in den Kräutergarten.

Valentin beugt seine Knie, die Schmerzen im Bein haben nachgelassen. Er streckt vorsichtig den Rücken, steht auf, belastet das eine Bein, das andere, macht ein paar Schritte. Erst jetzt fällt ihm die zweite Tür auf, sie ist nur angelehnt, Valentin stösst sie auf.

Weit oben ist ein kleines Fenster eingelassen, das hier muss früher die Kornkammer gewesen sein, deswegen nennt man Katis Haus oben im Dorf Gottes Mühle. Holzbänke stehen in Reihen hintereinander, auf jedem Platz liegt ein schwarzes Buch. Valentins Augen gewöhnen sich an das Dämmerlicht, diesen Raum wollte er schon lange einmal sehen. Er nimmt eines der Gesangs-
bücher in die Hand, Ledereinband, Goldschnitt.

Vorn steht ein schmaler Katheder, an der Wand darüber hängt ein Holzkreuz. Valentin bleibt stehen; hier drinnen finden also diese Versammlungen statt. Er hat einige Kinder aus dieser Gemeinschaft unterrichtet, die Mädchen haben jahraus jahrein lange Röcke getragen und Zöpfe.

Es wird heller im Raum, Valentin dreht sich um, sein Rücken versteift sich, der Schmerz ist bereits schwächer geworden. Kati steht im Türrahmen und sagt, «Ich habe Tee gekocht.»

Sie trinken, schweigen eine Weile, bis Valentin sagt, «Ich denke, es geht wieder.» Kati nickt, «Es hat schlimmer ausgesehen als es ist.» Valentin erhebt sich, der Hund muckt auf, schlummert gleich weiter. Kati hält Valentin die Tür auf, dann sagt sie, «Wir kommen jeweils sonntags zusammen, um zehn.» Valentin schaut sie verständnislos an, bis sie sagt, «Im Saal, hinten.» Valentin versteht, er nickt, auch Kati nickt, der Hund kommt herbei und schmiegt sich an ihre Beine.

«Danke, und danke für die Hilfe», sagt Valentin. Dann geht er; hoffentlich fährt das Mofa noch. Er geht ein wenig schneller, im Nacken fühlt er die Blicke der beiden. Wann hat ihn denn das letzte Mal jemand eingeladen, einfach so. Der Reiher fällt ihm wieder ein, sein grauschimmerndes Gefieder, und wie er im richtigen Moment nach den Fischen hascht.

«Weisst du eigentlich, warum der Postbote aufgehört hat, als Lehrer zu arbeiten?» Antonia hält im Kauen inne, schaut Chris entgeistert an, trinkt, schluckt, «Müssen wir wirklich davon reden, nur, weil du ausnahmsweise gekocht hast?»

Chris wirft die Gabel in den Teller, rutscht mit dem Stuhl nach hinten; als würde er nicht sowieso meistens kochen. Soll er einfach wieder einmal die Goldkette erwähnen, die sie zwei Tage nach Weihnachten auf den Boden geworfen hat. Antonia legt rasch ihre Hand auf seine.

«Der war einfach überfordert im Beruf», sagt sie, mit einer Ungeduld in der Stimme, gleichzeitig wischt sie mit einem Lappen dem Kind den Mund sauber. Chris zieht den Stuhl wieder heran, hebt nur die Brauen.

Folge 10

«Und dann, naja, seine Frau hat ihn verlassen, nach all dem, und sie hat Tanja natürlich mitgenommen.»

«Tanja?»

«Tanja ist seine Tochter.»

«Deine Freundin, die Ärztin?»

«Jetzt stell dich nicht so an.»

Chris nickt einmal langsam, dann sagt er, «Ach so», und nach einer Weile, «Alles klar.»

«Was ist dir klar?»

«Die Verhältnisse, und woher du Tanja kennst.»

«Das wusstest du doch», Antonia runzelt die Stirn. Chris zuckt mit den Schultern, «Deine Freunde waren vor mir da, und woher genau du Tanja kennst, habe ich mir einfach nie überlegt.»

Sie schweigen, dann sagt Chris, «Tanja war ja noch gar nie hier.» «Ist ja klar», sagt Antonia, «ich würd auch nicht ins Dorf zurück wollen, wenn ich sie wäre.»

Sie schiebt den Teller von sich, und nach einer Pause sagt sie, «Und an meiner Stelle eigentlich auch nicht.»

«Das hatten wir doch schon», sagt Chris genervt. Antonia blickt ins Leere und sagt, «Ich war schon sehr traurig, damals, als Tanja weggezogen ist, aber ihre Mutter hat recht gehabt, das muss man sich nicht antun, und dem eigenen Kind erst recht nicht.»

«Was denn?»

«Na, einfach, diese Geschichte, und dass man so tut, als wäre nichts gewesen.»

«Welche Geschichte?», fragt Chris, und dann sagt er, «Wenn es dich auch betrifft, dann solltest du mir wirklich davon erzählen, Antonia.»

«Ach, lassen wir’s.»

«Nein, warum, sag es mir doch, Liebes», sagt Chris. Antonia steht auf, räumt das Geschirr zusammen, dann hält sie inne, ihre Augen werden eng und sie sagt, «Es kann doch nicht sein, dass einer lieber seinen Arbeitskollegen schützt als sein eigenes Kind.» Chris schaut zu Antonia auf, «Wovor hat er denn seinen Arbeitskollegen geschützt?» Antonia verdreht die Augen, sie seufzt, holt Luft, setzt zu einer Antwort an. Das Kind haut mit dem Löffel auf den Teller, Antonia springt auf, es hat mit den Händen den Brei im ganzen Gesicht verteilt. Chris muss lachen, «Na, du kleiner Scheibenwischer!» «Ist auch nur lustig, wenn man es nicht saubermachen muss», zischt Antonia und hebt das Kind aus dem Hochstuhl. Chris schaut ihr hinterher, wie sie das Kind ins Bad trägt; warum ist sie denn gleich so sauer. Vielleicht betrifft sie das alles ja tatsächlich, vielleicht hat sie das wirklich so gemeint, dass sie selbst auch nicht ins Dorf hatte zurückkommen wollen. Dann muss er es genauer wissen, das muss sie doch verstehen, und dann hätte er bestimmt nicht den Vorschlag gemacht, hierherzuziehen. Er räumt den Tisch ab, spült, pult Gemüsereste aus dem Abfluss, wischt den Boden. Antonia kommt in die Küche, er sagt zu ihr, «Ich sag noch dem Kleinen gute Nacht.» «Lass ihn, er schläft schon», sagt Antonia, geht ins Badezimmer und schliesst die Tür ab. Chris steht alleine mitten in der Küche. Eigentlich wollte er nochmals nachfragen, wovor der Briefträger Tanja nicht geschützt hatte, und was das alles mit Antonia zu tun hat. Und eigentlich sagt er dem Kind sonst auch gute Nacht.


Konrads Wagen steht noch auf dem Hofplatz bei Maria, wo er schon am Morgen stand; bei Konrad weiss man nie, wie lange es ihn an einem Ort hält, und auch nicht, wohin ihn seine Ausfahrten führen. Er kommt und geht, wie es ihm gefällt. Valentin hat das Schreiben an Konrad für den Schluss seiner Tour aufbewahrt. Er steigt vom Mofa, ein stechender Schmerz fährt ihm durch den Rücken, flacht gleich wieder ab, seit dem Unfall passiert ihm das manchmal. Er stützt beide Hände in die Hüfte, das hilft. Dann schaut er sich um, niemand ist zu sehen, rasch wechselt er die Strassenseite und verschwindet hinter der alten Kegelbahn, die gegenüber des Hofplatzes liegt. Er geht um den verfallenen Schuppen herum, am Haselstrauch vorbei, die Nüsse sind fast reif. Das Gras steht hoch; man sollte hier Tiere grasen lassen, auch gegen die Verbuschung.

Konrad schaut nur kurz auf, als Valentin den Umschlag auf den Bretterstapel legt. Er nickt Valentin zu, zieht an seiner Pfeife, hantiert weiter. Erst als sich eine Biene auf seine Hand setzt, nimmt Konrad die Pfeife aus dem Mund, «Fort mit dir, Madame.» Dann klopft er die Pfeife aus und schiebt sie unter das Dach des Bienenhauses. Zusammen gehen sie durch das hohe Gras, geredet haben sie nie viel. Aber damals, das vergisst Valentin nicht, hatte Konrad ihn in der Klinik besucht. Er war ohne anzuklopfen in sein Zimmer getreten, hatte ein Honigglas auf den Tisch gestellt und gesagt, «Komm, draussen ist es schön.» Sie hatten sich auf eine Bank am See gesetzt, ab und zu auf einen Wasservogel gedeutet. Konrad hatte da bereits in seinem Verhau gelebt, über dem Stall, zwischen Marias Wohnung und dem Schuppen, aus dem später Monas Anbau geworden war. Valentin hatte sich nur einen kurzen Moment über Konrads Besuch geärgert, und zwar deswegen, weil Maria immer alles herum erzählen musste. Dass ihm das unangenehm sein könnte, darüber hatte Maria nicht nachgedacht.

Vorn an der Strasse bleiben beide stehen, nicken einander zu. Konrad hebt den Umschlag ein wenig, als würde er sich dafür bedanken. Er geht über die Strasse, überquert den Hofplatz und steigt die steile Treppe hoch zu seinem Verhau, und Valentin fährt auch nach Hause.

Folge 11

«Wir waren heute spazieren.»

«Schön», sagt Antonia, «wo wart ihr denn?»

«Zuerst unten am Fluss, und dann haben wir einen Besuch im Garten gemacht.»

«In welchem Garten?»

«Beim Briefträger.»

Antonia wiederholt, «Beim Briefträger?» Ihre Augen werden eng, «Echt jetzt?» «Warum nicht?», fragt Chris. Er zuckt zusammen, als Antonia zu schreien beginnt.

«Nie wieder!», das ist das Erste, was er versteht. Nach einer Pause sagt Antonia scharf, «Könntest ja mal meine Mutter besuchen.»

Antonia dreht sich um und schlägt die Schlafzimmertür zu. Von nebenan ruft Frau Meierhofer etwas, es klingt, als würde sie eine Katze vertreiben. Das macht sie oft in der letzten Zeit, wenn es ihr zu laut wird, nur hilft es niemandem.

Chris bleibt eine ganze Weile sitzen; all der Streit, wie lange geht das nun schon so, und wie oft geht es um diese blöde Geschichte mit dem Briefträger und mit Tanja. Er will ja nur wissen, wo das Problem liegt und ob es Antonia auch betrifft, das ist doch sein gutes Recht. So kann das mit ihnen beiden jedenfalls nicht mehr lange weitergehen. Er startet den Computer, draussen ist es schon dunkel, Antonia ist immer noch nicht aus dem Schlafzimmer gekommen. Chris öffnet ein paar Seiten, es gibt durchaus bezahlbare Wohnungen in der Stadt. Für sich allein bräuchte er nicht viel Platz.


Der Benzinstand ist schon wieder tief; der leert sich wie von selbst. Immer wieder behauptet jemand im Dorf, es wären Fahrende unterwegs. Wenn die Leute nur reden können. Valentin stellt sein Mofa in den Schuppen.

Er kratzt sich am Kopf, diese Fahrräder hängen noch immer hier, er sollte sie endlich wegwerfen. Oder sie einfach im Frühjahr an die Strasse stellen, wenn das ganze Dorf Generationen von Arbeitsgeräten herausstellt und Kinder mit Leiterwagen durchs Dorf ziehen, alles einsammeln und in die Container werfen, die man dafür auf den Schulhof stellt. Wenn es an diesen Tagen dunkel wird, beginnt es in den Containern zu scheppern, im Schutz der Nacht sucht immer einer nach etwas Brauchbarem.

Valentin schliesst das Gartenhaus, er sieht, dass jemand am Zaun steht. Ist es wirklich der junge Mann, den hat Valentin schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. «Guten Abend», sagt der Mann und kommt mit seinem Bub an der Hand auf Valentin zu. Der Bub kann schon sehr gut gehen, macht ein paar Schritte zu Valentin hin, zeigt mit seinem Fingerchen auf ihn, dreht sich um und läuft seinem Vater in die Arme.

Der balanciert in seinen schönen Lederschuhen über den Weg aus eingelassenen Steinen, beinahe scheu sagt er, «Ich dachte, wir könnten wieder einmal vorbeischauen.»

«Wollen Sie hereinkommen?», fragt Valentin.

Der Kaffee kocht, der junge Mann hat dem Bub Apfelschnitze gegeben, an denen er mit seinen wenigen Zähnchen raffelt.

«Lange können wir nicht bleiben», sagt der junge Mann und zieht die Schultern hoch, «ich bin wieder in die Stadt gezogen.» Valentin schenkt Kaffee ein und schaut ihn erstaunt an.

«Ja, das ging plötzlich schnell», der junge Mann nickt ein paar Mal hintereinander, «Antonia und der Kleine sind hiergeblieben.»

Valentin rührt seinen Kaffee um, er ist froh, als sein Gast weiterspricht. «Ich bin nicht geschaffen für dieses Dorfleben, wo jeder jeden kennt. Und mit Antonia, das ging irgendwann nicht mehr, nur Timon, ich vermisse ihn schon sehr», er küsst seinen Sohn auf den Kopf. Valentin wiederholt, «Timon.»

Der Bub haut mit flachen Händen auf den Tisch, fischt nach den Apfelschnitzen. «Dieses Dorfleben, wo man beim Nachbarn klingeln kann, wenn einem ein Ei fehlt, und dann bleibt man das Ei auf ewig schuldig.» Valentin nickt, was soll er dazu sagen. Der junge Mann fragt, «Haben Sie selber nie ans Weggehen gedacht?»

Valentin schaut ihm in die Augen, soll er doch nach Tanja fragen, ob sie ihm noch immer nicht verziehen hat, aber er sagt, «Natürlich habe ich daran gedacht», und nach einer Pause, «Denken oder Machen, das sind einfach zwei Paar Schuhe.»

Der junge Mann nickt, das Kind schläft. Als Kleinkind ist Tanja oft bei ihm eingeschlafen, nachdem sie stundenlang geschrien hat. Valentin seufzt, «Und gemacht habe ich es dann trotzdem nicht.»

Der junge Mann nickt wieder, macht den Mund auf, sagt dann doch nichts. Er schaut auf die Uhr, «Wir müssen, leider.»

Behutsam steht er auf, streckt Valentin die linke Hand hin, weil er das schlafende Kind auf den rechten Arm genommen hat, «Chris.»

Als Valentin begreift, sagt er, «Valentin», und fügt an, «komm doch wieder einmal vorbei, wenn du im Dorf bist.»


«Das geht so wirklich nicht.»

Antonia starrt ihre Mutter an, diese hält ihrem Blick stand. Schliesslich antwortet Antonia, «Etwas sagen kannst du nicht, wie immer.» Antonia verschränkt die Arme, sie kann ihre Wut nicht mehr zurückhalten und fährt die Mutter an, «Wenn er nicht essen will, dann will er eben nicht essen!»

«Aber darum geht es doch gar nicht.»

«Worum geht es dir denn, wenn du überfordert bist, dann sag’s einfach, ja!»

Antonia steht vor ihrer Mutter und weiss genau, dass sie selber auch schon genauso dasteht und schaut.

Folge 12

«Timon hat mich gebissen, darum geht es», sagt die Mutter.

«Das hast du mir schon einmal gesagt, und du hast auch gesagt, dass das eine Phase ist!»

«Ja, das habe ich gesagt», und jetzt verschränkt auch die Mutter ihre Arme und sagt, «dann bring mir dein Kind bitte erst wieder, wenn diese Phase vorüber ist.»

Antonia packt Timon am Arm, die Kälte bohrt sich in ihre Haut, als sie draussen die bunten Knöpfe an Timons Stickjacke schliesst. Timon beginnt zu heulen.


Er sollte sein Briefmesser schleifen. Valentin zieht den Brief aus dem unfrankierten, zerfransten Umschlag; wer schreibt ihm denn? Eine Einladung, Valentin lässt das Papier sinken; ein Klassentreffen, mit dieser Klasse. Er stemmt die Hände in die Seiten, ein Stich bohrt sich durch seinen ganzen Rücken.

Er schaut zum Fenster hinaus in die trübe Februarluft, alles ist wieder da, als wäre es gestern gewesen, die schriftliche Vorladung, das Gespräch. Satzfetzen fallen ihm ein, «Ausfälligkeiten», «Nicht länger tolerierbar», «Scheinbar nicht auf den Unterricht vorbereitet», «Das Wohlbefinden der Kinder». Ein paar Tage später hatte die Schulpräsidentin ihn im Klassenzimmer aufgesucht, kurz vor Mittag, noch während des Unterrichts. Vor allem die Mädchen hatten sofort getuschelt.

Als die Klasse endlich gegangen war, war ihm alles im Hals stecken geblieben, was er hatte loswerden wollen. Dass er es einfach kaum aushalte, private Probleme, die Ehe in Scherben. Und diese Kinder, im Alter seiner eigenen Tochter, die hätten doch vor Kurzem noch bei ihm im Garten gespielt, und ausserdem, seit dem Vorfall mit seinem Kollegen die ständige Angst, selber unter Verdacht zu stehen, ganz generell, als Mann in diesem Beruf. Dass er vielleicht doch besser auf seine Frau gehört hätte, und vor allem, dass es ihm bestimmt eines Tages wieder besser, wieder gut gehen würde, wie all die Jahre zuvor. Er hatte nichts sagen, sich nicht einmal bewegen können in seinem Bürostuhl. Nachdem die Schulpräsidentin endlich davongerauscht war, war er noch eine ganze Weile reglos darin sitzen geblieben.

Valentin weiss nicht mehr genau, wie lange er nach diesem Schulbesuch noch unterrichtet hatte, die Erinnerungen an diese Zeit sind verschwommen. Er zerknüllt die Einladung, wirft sie weg, bleibt vor dem Mülleimer stehen. Das Datum des Klassentreffens, der Ort, die Zeit, alles hat sich ihm bereits eingebrannt. Am Vormittag hat er wieder einmal einen ganzen Stapel unfrankierter Umschläge zu verteilen gehabt. Dass so viele aus dieser Klasse tatsächlich immer noch hier im Dorf leben.


Antonia schliesst das Büro ab, hastet hinüber zur internen Kinderkrippe. Im Korridor hängt ganz allein die Jacke von Timon, die Krippenleiterin steht schon in der Tür.

«Wo ist Timon?», fragt Antonia. Die Krippenleiterin zieht die Augenbrauen hoch und sagt, «Guten Abend.» Dann dreht sie sich um, Antonia eilt ihr hinterher, vorbei am leeren Spielzimmer, vorbei am Schlafraum, wo die Fenster weit offen stehen. Die Krippenleiterin zieht ihren Schlüsselbund hervor, schliesst eine Seitentür auf und weist mit einer Hand in den Raum hinein.

Antonia bleibt neben der Krippenleiterin an der Türschwelle stehen, guckt in diese enge Kammer, in der ein riesiger Schrank vor dem Fenster steht. Timon schläft auf einer dünnen Matte.

Antonia kniet sich zu ihrem Jungen nieder, streicht ihm über die Stirn, dann schaut sie auf und fragt, «Ist er krank?» Die Krippenleiterin steht jetzt am Fuss der Matte, schaut auf Antonia und Timon herunter und sagt,

«Nein, er hat die anderen Kinder gebissen.»

Antonia betrachtet ihr schlafendes Kind, wie der Atem seinen kleinen Brustkorb hebt und senkt. Von weit weg hört sie die Stimme der Krippenleiterin, «Und geschlagen.»

Timon öffnet die Augen, «Mama?» Antonia nimmt den müden Jungen auf den Arm, trägt ihn wortlos an der Krippenleiterin vorbei, schnallt ihn im Kindersitz fest, fährt los.

Sie parkiert den Wagen vor dem Haus ihrer Mutter, hebt Timon aus dem Sitz, schliesst ab, prüft nochmals, ob der Wagen wirklich abgeschlossen ist. Ganz hat sie sich noch nicht an das kleinere Auto ohne Fernbedienung gewöhnt.

Bei ihrer Mutter legt sie Timon auf das Sofa, der Junge schläft gleich wieder ein. Antonia wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

«Dann bring ihn eben einfach wieder zu mir.» Antonia schaut an ihrer Mutter vorbei, die hastig weiterredet, «Ich werde schon mit ihm klarkommen, das sind doch keine Zustände, nachdem du so lange nach einer anständigen Arbeit gesucht hast.»

Antonia und ihre Mutter stehen sich gegenüber, Antonia im Mantel, die Mutter in ihrer Schürze und den kleinen, gefütterten Pelzpantoffeln. Sie schauen sich in die Augen, Antonia ist einen Kopf grösser. Die Mutter wischt mit den Händen über die Schürze und schaut als Erste weg. Dann sticht sie mit einem Finger in die Luft, als würde sie dirigieren.

«Kartoffelpuffer mit Apfelmus, das magst du doch.»


Mit einer Rechtsdrehung schliesst Valentin den Küchenschrank ab. Seine Hand bleibt auf dem Griff liegen; dass eine einzige Bewegung so viel Erinnerung freisetzen kann. Wie oft hat er den grossen Schulschrank mit einer Rechtsdrehung geschlossen.

Folge 13

Die Schulpräsidentin hatte ihn dann doch unterstützt, als er Antonia wenige Wochen später suspendiert hatte. Das Mädchen hatte ihre Mitschülerinnen dazu gebracht, geschlossen in der Umkleidekabine zu warten, bis der Turnunterricht zu Ende war. Zuerst hatte er einen der Buben geschickt, um anzuklopfen, dann hatte er mehrmals selber an die Garderobentür geklopft und gehört, wie Antonia gezischt hatte, «Keine von uns geht raus!»

Am ersten Tag, als Antonia gefehlt hatte, hatte ihm ein anderes Mädchen anstelle der Klassenarbeit ein leeres Blatt abgegeben, mit den Schultern gezuckt und sich wieder gesetzt. Ein zweites und ein drittes Mädchen hatten ihm ein leeres Blatt abgegeben, dann der erste der Knaben. Die gesamte Klasse hatte das Datum auf das Blatt geschrieben und alle ihren eigenen Namen, sonst nichts. Nur ein Junge hatte geschrieben «Wie geht es Tanja?» und ein anderer «Grüsse von Antonia».

Mit diesem Stapel leerer Blätter hatte er beim Lehrerkollegen angeklopft. Zwanzig erstaunte, verschwitzte Kinder hatten ihn angeguckt, er hatte ihnen angesehen, dass sie gerade noch konzentriert gearbeitet hatten. Danach erinnert er sich nur noch daran, wie der Kollege ihn am Arm gefasst und aus dem Schulzimmer geführt hatte und dass ihm diese Berührung unangenehm gewesen war, er es aber nicht gewagt hatte, den Arm wegzuziehen.

Nach diesem Tag war er einfach nicht mehr zur Ruhe gekommen. Er hatte nicht mehr geschlafen, bis tief in die Nacht Unterrichtsmaterial zusammengestellt, selbst dann noch, als er schon krankgeschrieben war. Irgendjemandem waren seine Unterrichtsvorbereitungen in die Hände gekommen, dicht beschriebene Blätter mit akribischen Anweisungen für die Schüler und sich selber, kaum lesbar.

An alles andere erinnert er sich nur sehr undeutlich, das Einzige, was er noch mit Sicherheit weiss, ist, dass er einfach nur Ruhe gebraucht hatte, um jeden Preis. Valentin schaut zum Fenster hinaus, er sieht wirklich nicht ein, weshalb er an dieser Klassenzusammenkunft teilnehmen sollte.

«Hör auf zu hopsen!» Timon kreischt, er ist im Kinderwagen aufgestanden und hüpft herum, ohne sich festzuhalten, er verliert das Gleichgewicht. Lydia springt nach vorn, packt ihren Enkel und stellt ihn auf den Boden.

«Dann gehst du eben selber, dafür sind deine Beine da.» Sie lässt den krähenden Bub stehen und geht weiter; der ist noch immer nachgekommen. Vor dem Dorfladen kramt sie ihre Einkaufsliste hervor, Timon fasst nach ihrem Hosenbein. Sie greift nach der kleinen Hand; einer muss doch nach dem Kind schauen, man kann so einen Buben nicht einfach einsperren.

Der Korb ist schwer, sie stellt ihn ab, prüft ihre Einkaufsliste und legt alles aufs Band, dann schaut sie sich um, «Timon?» Von Timon kommt keine Antwort. Marias Tochter Mona sitzt an der Kasse, scannt Stück um Stück ein, dreht alles in den Händen, bis sie den Strichcode findet.

«Timon?» Lydia geht um die Regale herum, dann fragt sie Mona, «Hast du vielleicht einen kleinen Jungen gesehen?» Mona schaut auf, schiebt die Unterlippe vor und schüttelt den Kopf, «Nein, einen kleinen Jungen habe ich nicht gesehen.» Lydia seufzt, packt ein, immer dieses Theater mit Timon. Und überhaupt schämt sie sich jedes Mal, wenn sie Mona im Dorfladen sieht, weil sie Antonia damals nahegelegt hatte, sich für diese Stelle zu bewerben. Antonia mit ihrem abgeschlossenen Studium. Als Kind hatten die beiden Mädchen ein paar Mal miteinander gespielt, nachdem Antonias beste Freundin in die Stadt gezogen war. Doch dann wollte Antonia plötzlich nicht mehr mit Mona spielen, «Die ist doch behindert», hatte sie gesagt. Kurz darauf war es ohnehin nicht mehr gegangen in der Schule, und Antonia war aufs Internat gekommen. Lydia ist es noch heute nicht recht, dass sie irgendwie erleichtert gewesen war, als der Lehrer in die Klinik gehen musste. So konnten die Leute sehen, dass nicht nur Antonia schwierig war. Das hatte sie damals gedacht. Immerhin hatte sie Antonia auf ein Internat schicken können, das war zwar teuer gewesen, aber besser als ein Heim, wo es Antonia dann doch nur mit anderen Problemkindern zu tun gehabt hätte.

Mona liest mit zusammengekniffenen Augen den Betrag an der Kasse ab, verzählt sich beim Restgeld. Lydia packt ihre Einkaufstasche voll und fragt nochmals nach Timon, «Du hast ihn wirklich nicht gesehen?» Da springt Timon hinter dem Drehstuhl auf, lacht, schüttelt sich die Haare aus der Stirn. In der Hand hält er einen Lutscher und schleckt mit seiner langen Zunge daran. «Du lügst mich einfach an?», Lydia steht wie angewurzelt da. Mona schaut bloss verwundert, «Nein, ich dachte, er ist ein Mädchen», dann schiebt sie wieder die Unterlippe vor und hebt Timon auf das Einkaufsband. Lydia stellt ihre Tasche gerade rechtzeitig auf den Boden, um Timon aufzufangen, der über das Fliessband läuft.

Draussen verstaut sie den Einkauf im Kinderwagen, seufzt, «Dafür bin ich einfach zu alt.» Timon kauert vor einem Hündchen, streichelt es so lange, bis es sich auf den Rücken dreht, mit den Pfoten strampelt, winselt und laut zu jaulen anfängt. Timon schreit auf, geht langsam rückwärts, dreht sich dann schnell um und rennt auf seine Grossmutter zu, klammert sich an sie und beginnt zu weinen.

Folge 14

«Das Hündchen will nur gestreichelt werden», sie streicht Timon über den Kopf, dann geht sie auf das Tier zu, krault ihm den Bauch, schaut Timon an. Timon klammert sich am Wagen fest und heult wie eine Sirene. Sie gehen nicht direkt über den Dorfplatz nach Hause, sondern machen einen Spaziergang rund um das Dorf; das tut beiden gut. Timon beruhigt sich rasch, er findet überall etwas am Wegrand. Er trippelt auf seine Grossmutter zu und streckt ihr ein Schneckenhaus entgegen.

Sie schiebt den Wagen weiter, wartet immer wieder; alles geht länger mit einem Kind, das war auch bei Antonia nicht anders, nur hatte sie damals weniger Zeit, viel weniger. Jetzt hat sie ja wirklich Zeit, sich um ihren Enkel zu kümmern. Das darf doch nicht wahr sein, dass die Kinder in der Krippe dieser Firma so schlecht behandelt werden. Sie schaut sich nach Timon um, eben kauerte er noch vor einem Abwasserdeckel, da brüllt er plötzlich von irgendwoher. Sie kann ihn nirgends sehen, geht dem Gebrüll nach, bis sie seine Beine entdeckt, er steht gebückt an einem Gartenzaun. «Timon!» Sie eilt zu ihm, Timons Kopf klemmt zwischen zwei Holzlatten im Zaun,

«Was machst du nur immer!» Lydia schiebt einen Himbeerast zur Seite, und als sie aufschaut, steht auf der anderen Seite des Zaunes der alte Lehrer. Er beugt sich herunter, biegt die Latten zur Seite, «Ziehen Sie», sagt er. Timon schreit nochmals laut auf, dann steht er mit feuerroten Ohren vor ihr. Lydia nickt dem alten Lehrer kurz zu, dann sagt sie zu Timon, «Kommst du jetzt?» Timon bleibt stehen und zupft an seinen Ohren. «Komm, die Einkäufe müssen in den Kühlschrank.» Timon dreht sich um und rennt dem Zaun entlang, vor dem Gartentor streckt er die Arme in die Höhe. Lydia geht ihm hinterher, packt ihn, da beginnt Timon wieder zu brüllen, schlägt um sich. Sie stellt ihren Enkel ab, der seine Arme sofort wieder dem alten Mann entgegenstreckt.

«Er kann schon hierbleiben», sagt Valentin. Lydia schüttelt energisch den Kopf; das darf sie Antonia nicht antun. Sie hatte sich so hilflos gefühlt und später, als er in der Klinik war, schuldig, und da wird sie plötzlich wütend, «So, jetzt kommst du aber sofort mit!» Sie packt Timon unter den Armen, presst ihn an sich, Timon zappelt und schlägt ihr die Fäuste an den Kopf. Lydia verliert beinahe das Gleichgewicht und stellt ihn wieder auf den Boden.

Sie geht zum Wagen, schiebt ihn an, marschiert davon; sie hätte bei Antonia nicht schon wieder so schnell nachgeben sollen. Wenn nicht einmal die Krippenleiterin dem Bub gewachsen ist, dann muss Antonia eben selber eine Lösung suchen. Da bleibt sie doch wieder stehen, schaut sich um, das Gebrüll hat aufgehört. Der alte Lehrer hebt Timon über den Zaun, stellt ihn im Garten ab und winkt ihr zu. Sie winkt zurück, es ist mehr ein Durch-die-Luft-fahren mit der Hand; er wird es schon verstehen. Sie geht rasch weiter; dass sie das Antonia eines Tages antun würde, damit hätte sie nie gerechnet. Sie seufzt, sie hatte ja immer schon klein beigegeben, nicht nur, als Antonia unbedingt ins Internat gewollt hatte.

Sie schaut sich nochmals verstohlen um. Der alte Lehrer zeigt Timon etwas, der Bub gibt ihm die Hand, zusammen gehen sie durch den Garten. Vielleicht wäre dieser Mann gerne Lehrer geblieben, und vielleicht würde er noch immer unterrichten, wenn zu allem anderen nicht noch die Sache mit Antonia hinzugekommen wäre.


Valentin schaut Timons Grossmutter hinterher. Da geht sie, diese Frau, die so allein in ihrem Leben steht, der Mann weg, keiner weiss, wo und warum. Manche behaupten, dass es nicht einmal Antonia weiss.

All die Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, er hatte selber auch nicht weitergewusst und war am Ende erleichtert gewesen, als Antonia plötzlich ins Internat gewollt hatte. Im Dorf hatte man geredet, woher die Frau das Geld habe, ihn hatte eher erstaunt, wie schnell Antonia ihren Willen hatte durchsetzen können.

Dass Antonias Bub jetzt bei ihm ist, wenn das jemand sieht, und wenn jemand gesehen hat, wie er ihn über den Zaun gehoben hat, obschon die Grossmutter mit dem Bub nach Hause wollte.

Es hat ihn dabei wieder im Rücken gezwickt. Der Knabe könnte sein Enkel sein, Valentin seufzt, schaut dieses Kind an. Timon ähnelt immer mehr seinem Vater; ans Weggehen hat er tatsächlich oft gedacht in seinem Leben, aber nicht einmal das hat er fertiggebracht.

In der Küche findet Valentin die uralte Schnabeltasse, kocht Schokoladenmilch, ein paar Schlucke laufen Timon beim Trinken über den Pullover. Valentin fährt mit dem Lappen darüber, er reibt den Fleck nur tiefer in den Stoff. Die Hosen des Buben sind auch schmutzig geworden, Timon hat ihm beim Umgraben geholfen und mit beiden Fäusten einen Wurm in die Länge gezogen.

Timon wacht aus seinem Nickerchen auf. Valentin hebt ihn hoch, trägt ihn aus dem Haus, geht die Strasse entlang, hinüber zum Haus von Timons Grossmutter.


Kartoffelschalen häufen sich auf dem Tisch; viel zu viele hat sie geschält, jetzt hat sie sich noch geschnitten. Blut sickert durch das Pflaster.

Timon mag ihre Kartoffelpuffer, schon Antonia hat sie gemocht. Wie der Bub seiner Mutter immer mehr gleicht, Lydia seufzt. Manchmal ist sie einfach nur deswegen glücklich, weil sie diesen kleinen Jungen so liebt, sie seufzt nochmals, dabei ist sie ihm schon jetzt nicht mehr gewachsen.

Folge 15

Sie schaut zum Küchenfenster hinaus, geht wieder an die Haustür, öffnet sie, blickt hinaus. Sie schaut auf die Uhr; wenn er nur bald kommt, sonst muss sie ihren Enkel holen, sie haben keine Zeit vereinbart. Manchmal kommt Antonia früher zurück von der Arbeit, selten zwar, aber man weiss es nie. Was hat sie da nur gemacht, Timon einfach beim alten Lehrer zu lassen, nur weil er ein bisschen geschrien hat. Dabei weiss jeder im Dorf, dass Antonia noch immer allergisch ist auf den alten Lehrer, dass sie sich mit Tanja solidarisiert und mit Tanjas Mutter. Als hätte Antonia nicht längst zugegeben, dass ihr selber nie etwas zugestossen ist, das hatte sie damals von ihrer Tochter ganz genau wissen wollen. Und auch das hatte ihr Antonia übelgenommen, dass sie als Mutter ihre eigene Tochter so löchert mit ihren Fragen.

Wenn bloss niemand gesehen hat, wie überfordert sie wieder war, vorhin, mit Timon, und wenn bloss niemand sieht, dass der alte Lehrer jetzt auf Timon aufpasst. Wenn Antonia das erfährt, nach der Geschichte mit der Krippe in der Firma, und wer weiss denn, ob Antonia nicht doch recht hat, vielleicht sollte man dem alten Lehrer wirklich keine Kinder anvertrauen. Woher will man denn heutzutage wissen, wem man noch vertrauen kann. Lydia zieht rasch die Schuhe an; sie muss Timon sofort holen und überhaupt, sie möchte doch den Buben um sich haben, so lange sie noch kann. Sie schaltet in der Küche die Herdplatte aus, damit die Kartoffeln nicht verkochen, fährt zusammen, greift sich ans Herz. Es hat geklingelt. Timon lacht sie durch die Glasscheibe in der Tür an, Lydia reibt die Hände an der Schürze trocken, öffnet, streckt dem Jungen die Arme entgegen. Timon weicht zurück, zeigt auf ihre Schürze; hat sie sich doch Blut angeschmiert. Rasch schiebt sie die verletzte Hand in die Schürzentasche.

«Komm rein», sagt sie zu Timon und hält ihn mit der anderen Hand am Handgelenk fest. Zum alten Lehrer sagt sie, «Danke.» Der nickt, streicht Timon über den Kopf, dreht sich um und geht durch den Garten davon. Timon winkt mit seiner freien Hand, er ruft dem alten Lehrer hinterher, «Papa!» Valentin legt eine Hand an seine Hüfte, dreht sich langsam um, hebt die Hand.

Lydia wechselt das Pflaster und die Schürze, nimmt die Kartoffeln aus der Pfanne, reibt sie, gibt Butter dazu. Timon beginnt laut zu schreien, als sie mit Speichel die Schokolade von seiner Wange reiben will, er lässt sich nach hinten fallen und schlägt mit dem Kopf auf und schreit noch lauter. Die Tür fällt ins Schloss, ein Luftstoss, Antonia wirft ihren Mantel in die Ecke.

Sie essen schweigend, dann fängt Antonia nochmals damit an, «Du weisst genau, dass ich ihm keine Schokolade gebe, er hat sowieso zu viel Energie, und dann beklagst du dich, du seist ihm nicht gewachsen.»

Antonia schiebt ihren Teller von sich, «Und die ganze Wäsche bleibt dann doch an mir hängen.»

Lydia blickt ihre Tochter an, sagt nichts, ist bloss froh, dass der Junge noch nicht richtig sprechen kann, und dass der alte Lehrer so rasch wieder gegangen ist. Sie schaut ihre Tochter an, dieser ewige Trotz in den Augen, da sagt Antonia auch schon, «Schau mich nicht so an, dein Mitleid brauch ich nicht.»

Antonia setzt sich Timon auf die Knie, er ist müde, und als er ein wenig später die Jacke anziehen soll, heult er sofort wieder los. «Na dann», sagt Antonia und klemmt sich den Jungen unter den Arm, «gehen wir eben ohne Jacke raus.»

Lydia winkt, dann verschränkt sie die Arme, es geht ein frischer Wind. Timon zappelt, er kräht und will sich losreissen, und dann ruft er, «Papa!» Antonia packt ihren Jungen nur umso fester, «Ruf du nur nach deinem Vater, solange ich stärker bin als du, trage ich dich dahin, wo ich will.»

Sie packt ihren Sohn ins Auto, startet den Motor, hupt und hebt die Hand. Lydia winkt den beiden, schliesst die Haustür ab; wie nennt Timon eigentlich seinen richtigen Vater, nicht einmal das weiss sie.

Valentin schrubbt die Milchpfanne, spült die Schnabeltasse. «Papa», hat ihm der Junge hinterhergerufen. Er könnte tatsächlich Timons Grossvater sein. Tanja, wer weiss, was sie macht. Vielleicht hat sie ein Kind, seit wie vielen Jahren hat er sie nicht gesehen, nichts vernommen, auch nicht von ihrer Mutter. Er hält inne; er hat heute das erste Mal, seit Antonia aufs Internat gegangen ist, mit ihrer Mutter gesprochen.

Die Abwaschbürste fällt ins Wasser, Valentin fasst sich an den Kopf; heute wäre diese Klassenzusammenkunft gewesen, dass er das vergessen hat, und dass er ausgerechnet an diesem Tag Antonias Kind gehütet hat.

Lydia sitzt auf dem Fauteuil und fragt, «Was spielst du denn?» «Hund», sagt Timon und streichelt das Kissen. Jetzt kann sie es auch sehen, wie das Kissen als Hund auf dem Rücken liegt, alle Viere von sich streckt und es geniesst, gekrault zu werden. Dass mit Kindern die eigene Fantasie plötzlich wieder erwacht, und wie der Bub doch friedlich spielen kann. Sie nimmt ein Heft, liest ein wenig, legt es auf die Knie.

Die Tür fällt zu; ist sie etwa eingenickt, das Heft liegt auf dem Boden, «Timon?» Die Haustür steht offen, der Junge stakst durch den Garten, schleift das Kissen am Boden entlang, rüttelt mit einer Hand am Gartentor. Lydia eilt hinaus, packt Timon gerade rechtzeitig, bevor er in Richtung Dorfplatz hinausrennen kann.

Der Junge zappelt, beinah schlägt er ihr die Brille hinunter. Sie lässt ihn los und richtet das Brillengestell, «Was fällt dir ein!» Der Kleine rennt davon, stolpert, fällt, heult auf und hämmert mit den Fäusten auf den Boden. Lydia schaut sich um, duckt sich hinter den Gartenzaun, hoffentlich hört niemand dieses Geschrei.

Folge 16

Als Timon endlich erschöpft ist und aufhört zu schreien, steht sie mühsam auf, hebt den Bub hoch und schleppt ihn hinein. Er hängt schlaff und schwer in ihrem Arm, das Kissen hängt genauso schlaff in seiner Hand.

«Wo wolltest du denn hin?» Timon sitzt auf dem Teppich und beginnt wieder zu weinen, diesmal ist es kein Heulen, sondern ein richtiges Schluchzen, «Papa!» «Dein Vater wohnt doch in der Stadt, und er kommt dich holen, du musst nicht selber hingehen.» Sie holt das Becken und wäscht Timon das Gesicht und die Hände, klebt ihm ein Pflaster auf die blutende Stirn.

«Papa im Garten!» Lydia schaut ihren Enkel verwundert an, wie deutlich der Bub schon sprechen kann, er macht Riesenschritte in den letzten Wochen. Timon streichelt wieder das Kissen, sie holt die Wolle, schneidet ein Stück ab und gibt es ihm, «Damit der Hund nicht wieder abhaut.»

Im Schrank sucht sie nach einer Kartonschachtel, «Schau, daraus machen wir ein Hundehäuschen, darin kann der Hund bei uns wohnen.» Timon spielt wieder ganz vertieft, legt den Hund an die Leine, stopft ihn in die Kartonschachtel. Lydia betrachtet ihn, «Papa im Garten», meint der Junge wirklich den alten Lehrer? Wenn der jetzt schon so ein gutes Gedächtnis hat, kann man sich auf was gefasst machen.

«Heute hat Timon den ganzen Tag friedlich gespielt.» Antonia schaut zu ihrer Mutter, dann auf den Jungen hinunter, der neben der Hundehütte mit dem Kissen im Arm schläft. «Nur kurz war er unzufrieden, weil er im Garten hingefallen ist.»

Timon erwacht, schaut sich um, beginnt laut zu heulen und rennt zu seiner Mutter. «Was ist denn?», fragt Antonia und streicht ihm über den Kopf. Timon zeigt schreiend auf das Kissen, und dann zeigt er auf die kaputte Strickarbeit seiner Grossmutter. Aufgelöste Maschen ragen wie spitze Zähne in die Luft. Lydia sieht sofort, dass das ein zweiter Hund ist, der Timon und seinen Hund knurrend bedroht und an der Leine reisst.

«Verstehe», sagt Antonia, sie zieht Timon an und geht nach Hause. Lydia ärgert sich trotzdem, dass der Junge ihre Strickarbeit kaputt gemacht hat; warum hat sie das nicht bemerkt, für die Hundeleine hat sie ihm doch billigere Wolle gegeben. Und dass Antonia einfach nie die Schuhe ausziehen kann, wenn sie Timon abholt, jetzt hat sie schon wieder Dreck hereingebracht.

Timon schleicht ins Bad, klettert auf den Wannenrand und streckt sich zum Wasserhahn, er macht sich lang und trinkt, wischt sich mit der Hand über den Mund. Im Wohnzimmer brennt noch Licht, er schliesst leise seine Zimmertür.

Timon wacht auf, er hat einen Schrei gehört, sein Hals tut weh. Es ist wieder still, nur seine Beine sind nass. Timon hört Schritte, sein Herz klopft. Mutter schimpft sicher wieder, weil er geschrien hat, und wenn sie merkt, dass alles nass ist. Die Tür geht einen Spalt auf, Timon bewegt sich nicht. «Du hast geschrien», sagt die Mutter. Timon macht die Augen fest zu; er hat ja schon geschlafen, aber wenn er die Augen zumacht, sieht er den Hund. Er macht die Augen auf.

«Timon, du sollst schlafen.» Wenn er doch nicht kann, Timon sagt nichts, hoffentlich schimpft die Mutter nicht, und hoffentlich kommt sie noch zu ihm ans Bett, merkt aber nicht, dass alles nass ist. Die Mutter seufzt, dann flüstert sie, «Timon, warum hast du geschrien?» Aber er sagt immer noch nichts, in seinem Hals steckt etwas Dickes, Kaltes. Die Mutter macht die Tür zu.

Timon lauscht, er will die Augen nicht zumachen, weil dann alles laut wird und der Hund ihn mit seinen spitzen Zähnen angreift. Er lauscht noch eine Weile, dann klettert er leise aus dem Bett, zieht die Decke herunter auf den Boden und wickelt sich darin ein.

So kann die Matratze trocknen, Timon muss nur aufwachen, bevor ihn die Mutter wecken kommt, dann merkt sie nichts. Sie hat nämlich gesagt, dass er am Abend nichts mehr trinken darf und dass er wieder Windeln anziehen muss, wenn er nicht aufhört, ins Bett zu pinkeln. Aber wenn er von einem Hund träumt, pinkelt er immer ins Bett.

Timon trägt seine blaue Kindergartentasche und die neuen Schuhe mit Klettverschluss. Er versucht, immer beide Füsse nach vorne zu stellen, damit man beide Schuhe gut sieht. Aber wenn er geht, ist ein Fuss immer hinten.

Die Mutter zieht ihn am Handgelenk, sie sagt den anderen Leuten Hallo, Timon kennt niemanden. Ein grosser Junge kommt zu Timon und sagt, dass er ihm alles zeigen wird und dass sie zuerst ein Foto machen müssen. Timon schaut sich um, hinter den anderen Kindern stehen Mutter und Vater. Er dreht sich um und schaut zu seiner Mutter hinauf, «Papa muss auch aufs Foto!»

Die Mutter dreht Timon an den Schultern wieder nach vorne, es tut ihm ein wenig weh. Timon guckt ganz kurz nochmals zu seiner Mutter hinauf, aber die Mutter schaut nicht zu ihm. Sie macht ein Fotogesicht.

Valentin bremst, Maria steht mit Robert und dem Tierarzt auf dem Hofplatz. Vor ihnen liegt ein totes Schaf.

Valentin ist nicht mehr bei Maria gewesen seit der Beerdigung vor ein paar Wochen. Die letzten Monate war es rasch abwärtsgegangen mit der Mutter, zur Beisetzung hatten sie nur den engsten Kreis eingeladen. Maria hatte sich im Restaurant neben Valentin gesetzt und nach Tanja gefragt. Er hatte einfach nur den Kopf geschüttelt, als Maria ihm zugeflüstert hatte, seine Tochter habe doch ein Recht, zu wissen, dass ihre Grossmutter gestorben sei.

Folge 17

Valentin starrt auf dieses Schaf, ihn fröstelt, es geht gegen Herbst. Dann trifft sein Blick den Marias, sie weint noch immer viel.

«Es war nichts mehr zu machen, es lag schon tot im Stall», sagt der Tierarzt zu Valentin. Maria putzt sich die Nase.

«Die Lämmer muss man mit der Flasche aufziehen, wenn man ihr Überleben sichern will», fährt der Tierarzt fort. «Und wer soll das denn auch noch machen, mehrmals am Tag?», fragt Maria.

«Ich nehme die beiden mit», sagt Konrad. Alle schauen überrascht auf, niemand hat ihn kommen hören.

«Ich weiss einen guten Ort für die zwei Schäfchen.»

«Sie sind erst ein paar Wochen alt, jemand muss sie mit der Flasche füttern», sagt Maria.

«Ich kann dir die Tiere abkaufen», Konrad schaut Maria an. Dann geht er ohne ein weiteres Wort zu seinem Wagen, parkt rückwärts neben dem toten Schaf, holt Stroh und streut es in den Kofferraum.

«Wie viel wollt ihr für die beiden Lämmer?», fragt Konrad nochmals. Er schaut zu Robert, dann zu Maria, bis Robert antwortet, «Eigentlich haben wir genug andere Schafe.»

Konrad und Robert nicken sich zu. Dann öffnet Konrad die Hintertür und legt die Lämmer in den Kofferraum. Die Tiere blöken kläglich.

«Die werden bald hungrig sein», sagt der Tierarzt. Er packt seinen Koffer zusammen und verabschiedet sich, während Konrad seinen Wagen vorsichtig aus der Hofeinfahrt hinaussteuert. Valentin, Maria und Robert stehen noch einen Moment vor dem wolligen Leib, als sich an der Holzwand der alten Kegelbahn gegenüber etwas bewegt. Ein Kind starrt zu ihnen herüber, mit einer blauen Tasche und einer Leuchtweste, dann löst es sich von der Wand und rennt davon.

«Das ist doch der Kleine von Antonia», sagt Maria. Valentin schaut Timon hinterher; in den letzten Monaten hat er ihn kaum gesehen. «Papa», hatte der Bub gerufen, Valentin seufzt. Wenn es nach ihm ginge, dürfte Timon gerne ab und zu in seinem Garten spielen, so, wie früher Tanja und Antonia. Stundenlang haben sie geschaukelt, er hatte nur kurz von seinen Korrigierarbeiten hochschauen müssen, eine der beiden war immer in der Luft. Vielleicht hätte er Tanja eben doch ein Haustier kaufen sollen, sie hatte es sich so sehr gewünscht. Vielleicht hätte sie alles besser verkraftet.

«Schaut denn keiner nach dem Kind», sagt Maria schroff. Valentin erschrickt ein wenig, als Robert ergänzt, «Der Bub muss doch längst im Kindergarten sein.»


Timon hüpft auf einem Bein den Wegrand entlang. In der Wiese leuchten Tropfen, er kauert sich nieder. Wenn er die Augen zusammenkneift, leuchtet alles. Vor dem Kindergarten wartet Grossmutter. Timon rennt auf sie zu, der Schlüssel springt dabei an seinem Hals auf und ab.

«Wo kommst du her?», fragt die Grossmutter. Timon schiebt seine Hand in ihre, «Von zu Hause.» «Aber Bub, da bist du vor über einer Stunde weggegangen! Deine Mutter hat sich Sorgen gemacht, die Kindergärtnerin hat sie bei der Arbeit angerufen.» Timon schaut zur Grossmutter, dann zur Kindergärtnerin, die in der Tür wartet. Er ist ein bisschen stolz, weil alle auf ihn gewartet und wegen ihm telefoniert haben. Er steht hinten auf den Schuh und zieht den anderen Fuss heraus.

«Mach doch die Schuhe auf», sagt Grossmutter und kniet sich nieder, «komm, ich helfe dir, so gehen sie kaputt.» Timon setzt sich auf die Bank, schaut auf Grossmutters Kopf und streicht über ihre grauen Haare. Er nimmt eines zwischen Daumen und Zeigefinger und guckt es an.

«Au!», die Grossmutter stützt sich an der Bank auf,

«Du kannst mich doch nicht an den Haaren reissen, hörst du!» Sie packt Timons Hände und drückt sie zusammen,

«Schau mir in die Augen, wenn ich mit dir rede.» Timon nickt und presst die Lippen zusammen. Seine Hände tun weh, wenn Grossmutter sie so drückt. «Jetzt gehst du rein, und am Mittag hole ich dich wieder ab.» Timon nickt weiter, bis Grossmutter seine Hände loslässt. Die Kindergärtnerin streckt ihm ihre grosse Hand entgegen. Timon berührt sie kurz mit der flachen Hand und duckt sich unter ihrem Arm durch.

Er geht direkt in die Ecke, wo das Schloss mit den vielen Tüchern und Kissen aufgebaut ist. Hier bleibt er den ganzen Vormittag.

Am Mittag dürfen die anderen Kinder alleine nach Hause gehen, nur Timon muss auf Grossmutter warten. Die Kindergärtnerin redet lange mit ihr. Dann dürfen sie endlich gehen, aber die Kindergärtnerin ruft nochmal, und Timon und die Grossmutter müssen wieder hineingehen.

Die Kindergärtnerin hat alle Schafe, die Timon in der Schlossecke aus den Kissen befreit hat, in den Kreis gelegt.

«Woher hast du überhaupt meine Schere?», fragt die Kindergärtnerin. Die Grossmutter hält Timon fest an den Schultern. Die Kindergärtnerin hat alle Schafe zu einem einzigen Haufen aus kalter Wolle zusammengelegt. Jetzt bringt sie die leeren Kissen, die Timon aufgeschnitten hat und redet laut und aufgeregt mit der Grossmutter, bis diese sagt, «Ich bin nur die Grossmutter.»

Dann zieht sie Timon am Handgelenk über den Dorfplatz nach Hause. Timon muss sehr schnell gehen, sonst tut der Arm weh. Beim Mittagessen redet Grossmutter fast nichts.


Vorsichtig fährt Valentin den Hang hinauf. Er hat einen sauren Magen vom Kaffee, den Kati aufgetischt hat. Der Wald verfärbt sich bereits, im Laub stehen Pilze.

Ihm kommt es vor, als wäre Kati seit Jahren gleich alt; das hat schon seinen Reiz, dieses Leben so alleine da unten. Oben im Dorf leben sie alle in Rufdistanz zueinander.

Folge 18

Um Kati braucht sich keiner Sorgen zu machen, die kleine Gemeinschaft, die sich sonntags hier versammelt, kümmert sich um ihre Leute, und auch er fährt ab und zu hinunter an den Fluss. Vor kurzem hat er einen Bericht über Postdrohnen gelesen, die an entlegenen Orten eingesetzt werden.

Hierher kann man keine Drohne schicken, die würde sich nur in den Bäumen verheddern oder im Fluss landen. Und einer müsste das Ding ja warten, da kann genauso gut jemand ab und an nach Kati schauen. Der Wald lichtet sich. Valentin sieht, dass zwischen den Bäumen ein Mann steht und mit einer langen Stange in einer Baumkrone stochert. Er bremst ab.

Konrad schlägt mit der Stange an einen Ast, der krachend zu Boden fällt. «Die Bienen sind ganz durcheinander», sagt er durch seine Pfeife zu Valentin. Jetzt erst sieht Valentin das Bienenvolk um den Ast schwirren. Konrad wartet eine Weile, bis sich die Tierchen beruhigt haben, dann wirft er sein Netz über sie und hebt das Volk sorgfältig in den grossen Korb.

«Hoffentlich habe ich alle erwischt», sagt Konrad, «das ist schon das dritte Mal, dass sie ausgeschwärmt sind.» Er stellt den Korb in den Kofferraum, schliesst ab und sagt zu Valentin, «Die haben sich schön gefreut.» «Die Bienen?» «Nein, die Kinder, sie hatten auch noch Geburtstag, daran hatte ich nicht einmal gedacht.»

«Welche Kinder?», fragt Valentin. Konrad schaut erstaunt auf, «Meine Enkelinnen, ihnen habe ich doch die Lämmer gebracht.» «Ah», Valentin nickt.

Konrad schraubt die lange Stange auseinander, legt sie auf die Rückbank, stopft sich die Pfeife. Er bläst Rauch aus und sagt, «Für Kinder gibt es nichts Besseres, als eigene Tiere zu haben, die sie füttern und ausmisten müssen», er zieht an seiner Pfeife, «da können sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.»

Im Gartenhaus liegen noch immer alte Zaunlatten, Maschendraht hat er im Keller. Valentin vermisst, schneidet zu, schleift, lackiert. Er schliesst das Mofa ab, gewöhnlich lässt er es bei Nacht nicht draussen stehen. Der Lack muss hier im Schuppen trocknen.

Er muss an Konrad denken; da hat er wirklich recht, Tiere sind gut für Kinder. Er hat Tanja Unrecht getan, dass er ihr das nicht erlaubt hat, das wäre doch das Mindeste gewesen. Aber dass Konrad Kinder hat, Enkelkinder, das hat er sich einfach nie überlegt, trotz der Briefe, die er ihm hie und da gebracht hatte, die Adresse von Kinderhand geschrieben.

Seltsam, man kann sich als Postbote auf so manches einen Reim machen, wenn man will, und trotzdem hat er sich darüber, dass einer wie Konrad Grossvater sein könnte, nie Gedanken gemacht.

Am nächsten Nachmittag verschraubt Valentin die Latten, fixiert den Maschendraht und befestigt ein kleines Schloss. Im Keller sucht er nach einem Futternapf.

Gegen Abend zieht er die Jacke an. Er klopft beim alten Bauer zwei Häuser weiter an die Hintertür, die direkt in die Küche führt; es ist lange her, dass er das letzte Mal bei jemandem im Dorf geklopft hat, einfach so.

Der Bauer schüttet Schnaps in zwei blinde Gläser, der Geruch von Bratbutter steht in der niedrigen Küche.

«Weisst du denn, wie man Hasen am besten zubereitet?», fragt der alte Bauer. Valentin sagt zum zweiten Mal, «Ich will sie nicht kochen.» Der Alte steht auf und giesst Schnaps nach, «Dann hast du eine gefunden, die dir den Hasen kocht, prosit!» Der Bauer kippt das ganze Glas, stellt es ab und lacht, «Das ist ja eine Neuigkeit, hoffentlich hat sie ein gutes Rezept, Hasenfleisch kann zäh werden.»

Valentin nippt an seinem Glas, am Rand klebt etwas wie Butter. Er dreht das Glas in seiner Hand und sagt, «Ich möchte die Hasen wirklich nicht essen, ich hätte sie gerne als Haustiere. Im Winter bräuchte ich dann vielleicht noch Stroh und Heu.»

«Aha», der alte Bauer füllt nochmals sein Glas, «da hast du dann nicht viel davon.»

Valentin stützt sich an der Wand ab, er kann die Schuhe so besser ausziehen. Es sticht ihn heftig in der Hüfte, für so viel Schnaps ist er zu alt, schwindelig ist ihm auch. Die Hasen kratzen am Karton, klopfen auf den Boden,

«Kommt, kommt.» Valentin bückt sich mühsam und nimmt den braunen Hasen auf den Arm. Das Tier zittert, sein Bauch pumpt heftig, es zappelt und kratzt Valentin am Arm, «Beruhige dich doch.»

Er setzt den braunen zum schwarzweissen Hasen in den Karton. Beide ducken sich in die Ecke, legen die Ohren eng an, «Wenn ein Bub kommt, kratzt ihr ihn nicht, gell.» Valentin richtet sich auf, stützt sich mit dem Arm an der Wand ab. War das tatsächlich seine Stimme, er hat doch die Hasen nicht geholt, nur damit der Bub zu ihm kommt. Valentin schliesst die Augen; warum hat er nur so elend viel Schnaps getrunken?

Er nimmt seinen Arm von der Wand, er hat Blut an die Wand geschmiert. Valentin schaut auf die beiden Hasen herunter, die in ihrem winzigen Karton hocken. «Im Stall hat’s mehr Platz, müsst mich dann nicht mehr kratzen», sagt er mit lahmer Zunge. Mit schwerem Arm putzt er die Zähne, er schaut sich nicht im Spiegel an.

Er ist doch keiner, der Kinder anlockt mit Streicheltieren, er muss die Viecher zurückbringen, jetzt, nein, besser morgen früh, noch bevor der alte Bauer im Dorf etwas erzählt. Was hat er dem Alten überhaupt alles gesagt, nicht einmal das weiss er noch.

Folge 19

Die Mutter zieht Timon an der Hand zum Kindergarten.

«Komm schon, mach grosse Schritte!» Timon stemmt die Füsse gegen den Boden, das gibt eine Spur im Schnee.

«Ich kauf dir keine neuen Schuhe, kannst deinen Vater fragen», sagt die Mutter und zieht ihre Hand weg. Timon springt ihr hinterher und fasst sie wieder an der Hand.

Er schaut an der Mutter hoch, sie tippt etwas ins Telefon. An ihrem Ellbogen baumelt die Tasche und schlägt gegen Timons Arm. Der Schnee taut, Timon steuert die Mutter, damit sie mit den schönen Schuhen nicht in den Schmutz steht. Wenn sie etwas ins Telefon tippt, sieht sie nämlich nichts.

Auf dem Dorfplatz rennt Timon los, er wartet vor dem Schulhaus. Beim Busch reisst er ein Ästchen ab und nimmt es in den Mund. Er stellt seinen Fuss an die Wand und lehnt mit den Schultern an, macht die Augen zu und bläst in die Luft. Sein Dampf summt leise.

«Woher hast du das?»

Die Mutter zieht ihm das Ästchen aus dem Mund.

«Aua!»

«Woher du das hast!»

Die Mutter schaut böse. Timon zeigt auf den Busch, «Das habe ich hier abgerissen.»

Er stellt den Fuss wieder auf den Boden, die Mutter verdreht die Augen und sagt, «Ich meine, woher du das mit dem Rauchen hast.» «Aber ich rauche gar nicht, das ist nur ein kleiner Ast», sagt Timon. Jetzt seufzt die Mutter und streicht ihm mit der Hand über den Kopf, und dann sagt sie, «Komm jetzt.»

Sie klopfen den schmutzigen Schnee von den Schuhen und gehen hinein. Die Kindergärtnerin hat im Kreis drei Klötzchen aufgestellt und sagt zu Timon, «Es ist gut, dass du hier bist.»

Aber am Morgen hat sie doch geschimpft, Timon hat immer noch Bauchweh. Sie zeigt auf die Klötzchen, «Das bist du, das ist Alina und das ist Youssef.» Timon weiss nicht genau, warum sie alle Klötzchen sind. «Stell die Klötzchen einmal alle so hin, wie es am Morgen war.»

Timon sammelt die Klötzchen auf; er wär lieber das blaue Klötzchen. Alina hat gemalt, also legt er ihr Klötzchen auf den Tisch, Youssef hat mit ihm zusammen in der Küche gespielt, diese beiden Klötzchen legt Timon in der Spielküche auf den Boden.

«Was machst du denn?», fragt die Kindergärtnerin. Timon sieht, dass die Mutter ihre Hand auf die Stirn gelegt hat, das heisst nichts Gutes. Aber er muss doch den Kampf nachstellen. Die Kindergärtnerin sagt, «Ich wollte, dass du es im Kreis nachstellst.»

Der Kampf war gar nicht im Kreis, aber Timon hat gegen Alina und Youssef gewonnen, obwohl Alina Youssef geholfen hat und die Stärkste ist. Timon sitzt wieder auf seinem Stuhl und hört sehr gut zu. Seine Füsse erreichen den Boden immer noch nicht ganz.

Die Kindergärtnerin sagt, «Das muss aufhören, dass du dich immer prügelst.» Timon schaut zu ihr auf und nickt. «Schliesslich willst du doch im Sommer in die Schule, oder?» Timon nickt wieder, springt vom Stuhl und gibt der Kindergärtnerin die Hand. In der Garderobe muss er sehr lange warten, bis die Mutter endlich kommt.

Valentin steht vor den Klingelschildern, es gibt nur noch wenige ältere Menschen, denen er die Rente bar aushändigen muss. Bei Frau Meierhofer dauert es immer lange, bis sie an die Gegensprechanlage kommt.

Er schaut auf die Uhr, klingelt nochmals, wartet; die beiden Hasen, er freut sich jeden Morgen über sie, wenn er sie füttert. Das hätte er nicht gedacht, zum Glück hat er sie dem alten Bauern nicht zurückgegeben. Was der sich wieder gedacht hätte, nachdem er schon so lange gebraucht hatte, um zu begreifen, dass er die beiden Hasen als Haustiere haben wollte.

«Wer ist da?», kommt es aus der Gegensprechanlage, Frau Meierhofer ist heiser. «Ich bringe die Rente», sagt Valentin und will die summende Tür aufstossen. Beinah stolpert er in den Korridor, Timon schaut zu ihm auf, hinter ihm steht Antonia. Valentin räuspert sich umständlich. Antonia packt Timon an der Hand, «Morgen», sagt sie hastig und zieht Timon hinter sich her. Der bleibt auf der Schwelle stehen und schaut zu Valentin zurück.

«Komm jetzt!», sagt Antonia, die Tür schlägt zu, sie lässt ihren Jungen wieder los. Valentin wendet sich ab und steigt die Treppe hinauf. «Aber wenn ich doch nicht will!», hatte Antonia geschrien, draussen auf der Bank vor dem Klassenzimmer, nachdem sie sich schon über eine Stunde geweigert hatte, das Zimmer, in dem er sich befand, auch nur zu betreten.

Timon guckt zur Mutter. Sie sitzt am Küchentisch, schaut zum Fenster hinaus, liest weiter in der Zeitung. Timon hat Hunger. Leise holt er im Wohnzimmer einen Apfel, macht seine Tür zu und fängt mit den Aufgaben an. Timon liegt auf dem Boden und knabbert am Apfel.

Auf dem Blatt sind viele Aufgaben, die Lehrerin hat gesagt, er müsse alle lösen. Er stützt das Kinn auf den Boden, so kann er die Staubmäuse unter dem Bett sehen. Wenn er fast nicht atmet, schleichen sie herum, aber wenn er bläst, schweben sie. Und wenn er die Hand vor das Gesicht hält, liegen die Staubmäuse ruhig da und zittern fast nicht.

Timon hat den Staubmäusen Namen gegeben. Einmal hat Mutter alle eingefangen mit dem Staubsauger, dann haben sie gestritten und Timon hat die Mutter mit der Faust in den Bauch geschlagen. Das wollte er gar nicht, aber die Mutter hat ihn trotzdem eingeschlossen mit einem Teller Cornflakes. Ein wenig riecht der Teppich immer noch nach Milch, weil er den Teller umgeworfen hat.

Folge 20

Timon kriecht halb unter das Bett und bläst die Staubmäuse in die hinterste Ecke, wo sie ihr Versteck haben. Er rutscht zurück, der Apfel liegt jetzt unter dem Bett, aber Timon muss die Hausaufgaben fertigmachen. Den Apfel kann er nachher holen, aber er findet das Blatt nicht mehr. Timon steht auf, da segelt das Blatt auf den Boden, es hat an seinem Bauch geklebt. Jetzt ist es ganz zerknittert; das wirft er besser gleich weg, die Lehrerin schimpft sonst nur.
Valentin verschiebt den Auslauf, er hat ihn gebaut, als es wärmer geworden ist. An den Stellen, wo der Auslauf schon gestanden hat, haben die Hasen das Gras abgefressen, der Rasen sieht aus wie eine Quiltdecke in allen Grüntönen. Über Nacht müssen sie in den Stall, auch wegen des Fuchses, und seit ein paar Wochen versuchen die Tiere, Tunnel ins Freie zu graben. Valentin setzt die beiden ins Gras und kauert sich nieder, er schaut den Hasen dabei zu, wie sie fressend ihr neues Revier erobern. Als es kühler wird, bringt er die beiden in den Stall. «Was machst du?» Valentin fährt zusammen, er hat niemanden kommen hören. Hinter ihm steht der Junge mit einem Fahrradhelm auf dem Kopf.

«Timon?», fragt Valentin. Timon stemmt die Arme in die Seiten und fragt, «Warum schleppst du die Hasen an den Ohren?» «Ich trage sie nicht an den Ohren, sondern am Genick. Das macht ihnen nichts, weil sie sich ganz steif machen können», erklärt Valentin. Timon schaut auf den Hasen.

«Aber er bewegt sich nicht, ist er tot?»

Valentin schüttelt den Kopf, «Nein», er setzt das Tier in den Stall, «der ist ganz lebendig, guck, wie die beiden fressen.»

Timon geht zum Stall, kniet nieder, klammert sich am Maschendraht fest. Nach einer Weile schaut er unter seinem Helm zu Valentin auf und fragt, «Wie heissen sie denn?»

«Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht», sagt Valentin.

«Aber die Hasen müssen doch irgendwie heissen, sonst kannst du sie nicht rufen, wenn sie weglaufen.»

«Wie würdest du sie denn nennen?», fragt Valentin. Timon kauert nah am Stall, seine Nase berührt die Drahtmaschen. Dann sagt er, «Ich weiss nicht.»

«Du darfst ihnen einen Namen geben, wenn du willst», sagt Valentin nochmals. Timon guckt hoch und sagt, «Vielleicht heissen sie einfach Brauner und Schwarzweisser.»

«Willst du einen auf den Arm nehmen?», fragt Valentin und nimmt den Schwarzweissen wieder aus dem Stall. Timon fährt mit den Fingerspitzen über das Fell.

«Willst du ihn selber tragen?», fragt Valentin. Timon nickt, dann streckt er seine beiden Arme steif aus und Valentin legt den Hasen darüber.

Timon fährt wackelig davon, Valentin hält sich am Gartentor fest; warum fährt der Junge so alleine im Dorf herum? Und warum kommt er hierher, wusste er denn, dass er Hasen hält? Valentin geht zum Auslauf, verschiebt ihn einen halben Meter mit dem Fuss, damit der Tunnel, den die Hasen schon wieder gebuddelt haben, zu einer nutzlosen Mulde wird.
Timon streckt Valentin seinen Arm hin. Er muss die Augen fest zumachen, das Mittel brennt, dann klebt Valentin ein Pflaster über den Kratzer. Normalerweise gefällt es dem Braunen bei ihm. Timon trinkt den Becher leer, schnappt sich ein Stück Schokolade und rutscht vom Stuhl. Er steigt aufs Fahrrad und fährt zu Grossmutter.

«Wo bist du denn wieder gewesen?», fragt sie schon. Timon streckt ihr den Helm entgegen, zieht sich schnell das Pflaster vom Arm und sagt, «Ich bin in den Wald gefahren.»

«Allein?»

Timon nickt, «Und ich habe mich an einem Ast verletzt!»

«Zeig», die Grossmutter nimmt Timons Arm, dreht ihn etwas gegen das Licht. Sie schaut den Kratzer genau an; das tut weh, wie sie seinen Arm so verdreht. Vor Timons Augen wird alles ganz orange. Die Mutter hat gesagt, dass er gar nie mehr zu dem Mann mit den Hasen gehen darf. Und jetzt muss er immer zur Grossmutter, und die erzählt der Mutter alles weiter. Timon windet sich aus den Händen der Grossmutter, streift die Schuhe ab. In der Küche steht ein Glas Sirup auf dem Tisch.

«Weisst du, Grossmutter», sagt Timon und stellt das leere Glas auf den Tisch, «ich baue im Wald eine Hütte.»

«Das ist recht», sagt die Grossmutter und streicht Timon über den Kopf. Sein Kopf ist heiss, er guckt zu ihr hoch. Hoffentlich sagt sie nie, dass sie seine Hütte sehen möchte.
Chris legt das Telefon weg und macht sich wieder an die Arbeit. Eine ganze Menge Aufträge liegt auf dem Tisch. Vom Bildschirmschoner lachen Timon und der Kleine, beide mit geschlossenen Augen, geblendet vom Spätsommerlicht. Klar hat er gemerkt, dass Timon Rotz hochgezogen hat. Er hat ihn am Montagmorgen direkt in die Schule gefahren, das macht er in letzter Zeit manchmal, dann kann Timon eine Nacht länger bei ihm bleiben.

Dass Antonia gleich so ein Theater machen muss. «Was fällt dir ein, mit Timon im Herbst im See zu baden!», hat sie ins Telefon gekeift, und er hat gesagt, «Das ist gut für das Immunsystem!» Klar war das das Falsche, sie ausgerechnet damit aufzuziehen, aber seit er eine Freundin hat, ist alles das Falsche.

Chris schaut wieder das Foto seiner beiden Söhne an. Gestern sind sie zu viert an den See gefahren, zum Picknick, irgendwann hat er die Idee gehabt, ein letztes Mal in diesem Jahr ins Wasser zu springen. Timon hat sofort die Kleider von sich geworfen und ist vorausgerannt, er hinterher und danach, im Auto, haben sie gleich die Heizung aufgedreht.

Folge 21

Timon hat die ganze Fahrt über die Hand seines schlafenden Brüderchens gehalten, und als seine Freundin zu Timon gesagt hat, «Du warst selber einmal so winzig», hat Timon im Rückspiegel seinen Blick gesucht. Er hat genickt, und dann ist Timon auch eingeschlafen.

Timon erwacht, steht schnell auf und rennt ins Badezimmer, seine Unterhose ist ein wenig nass. Mutter sagt, dass er in der Nacht wieder pinkeln muss, weil er mit Vater im See gebadet hat. Timon stellt sich vor die Kloschüssel, das Klo ist so hoch, ein Tropfen fällt ihm auf den Fuss. Das ist eklig, er schüttelt den Fuss. Aber er hat nicht richtig ins Bett gemacht, und letzte Nacht hat Mutter nichts gemerkt. Timon drückt die Spüle und geht zurück ins Bett.

Am nächsten Mittag macht Timon mit dem Schlüssel die Wohnungstür auf, im Kühlschrank liegt eine Lasagne. Timon wärmt sie in der Mikrowelle, den Teller stellt er in die Spülmaschine. Im Zimmer findet er das Blatt mit den Übungen nicht, die er als Hausaufgabe lösen muss.

Er legt sich aufs Bett, kreuzt die Hände hinter dem Kopf. Youssef hat gesagt, er wolle nicht mehr mit ihm spielen, weil er ihn wieder geschlagen habe. Aber ihm doch egal, weil ihm immer etwas einfällt, was er machen kann.

Vater hat ihm von den toten Tieren erzählt, als er ihn in die Schule gefahren hat. Vater hat gesagt, dass er einmal, als Timon noch nicht auf der Welt war, ein Reh überfahren habe. Er hatte mit Mutter in die Stadt gehen wollen, und dann mussten sie das tote Reh zur Sammelstelle bringen.

Bevor man von der Stadt ins Dorf kommt, fährt man durch einen Wald. Vor dem Wald steht das Feuerwehrhaus, und dahinter werden die toten Tiere gesammelt. Vater hat es ihm gezeigt. Timon macht die Augen zu und denkt scharf nach, bis er wieder ganz genau weiss, wo das Feuerwehrhaus steht.

Timon muss gut schauen, er ist jetzt auf der schnellen Strasse, die durch den Wald ins nächste Dorf führt. Da kommt ein Lastwagen aus dem Wald geschossen. Der Lastwagen fährt fast auf der Mittellinie, Timon klammert sich an seine Lenkstange. Der Laster rast auf ihn zu und jetzt hupt er laut und lang. Timon macht die Augen zu, schreit, alles wird grell und orange. Es schüttelt ihn am ganzen Körper, es donnert und rumpelt. Dann ist es still und das Orange wird dunkler.

Timon macht die Augen auf. Überall ist Gras, er liegt auf dem Boden. Er steht auf, schaut sich um, sein Fahrrad liegt ein paar Schritte entfernt. Das hintere Rad dreht noch, aber die Strasse ist weit vorne.

Timon muss husten, das tut weh. Wenn er tot wäre, wären alle traurig, aber es ist nur seine Hose dreckig und Mutter wird schimpfen. Und jetzt kommt Timon der Lastwagen in den Sinn, er schaut zurück. Auf der Strasse ist nichts.

Timon schiebt sein Fahrrad über das Gras und muss immer wieder husten. Er möchte nicht durch den Wald fahren, aber er muss, wenn ihm doch sogar Grossmutter glaubt, dass er eine eigene Hütte im Wald baut. Die Mutter glaubt es auch und wollte sie sogar sehen. Er hat gesagt, sie sei noch nicht fertig, und das muss er jetzt immer sagen, weil sie sonst merken, dass er sie angelogen hat.

Timon schaut gut nach beiden Seiten, dann fährt er auf der Strasse weiter. Die Bäume stehen dunkel da. Manchmal sieht es aus, als verstecke sich jemand hinter einem Baumstamm, aber wenn Timon hinschaut, ist niemand dort. Sein Herz klopft. Endlich wird es wieder heller, und er fährt aus dem Wald heraus und sieht bereits das andere Dorf. Genau hier ist er mit Vater durchgefahren.

Timon hört die Hunde von Weitem bellen. Da rennen sie schon auf ihn zu, sie sind riesig, und das Bellen wird immer lauter und schwappt dunkelgrün über Timons Kopf. Er steht auf dem Fahrrad auf und tritt in die Pedale, bis das Bellen wieder leiser ist. Das hat sehr viel Mut aufgebraucht. Aber als Timon wieder langsamer fährt, merkt er, dass noch viel mehr Mut aus ihm heraus will.

Jetzt sieht er den Platz. Timon biegt ab, es stinkt sehr. Er legt das Fahrrad auf den Asphalt und geht auf Zehenspitzen näher heran. Er kann die toten Tiere nicht sehen; aber wie die stinken, Timon hält sich die Nase zu. Vorne sieht er eine Rampe, er geht näher. Unten an der Rampe stehen Container, einer ist offen.

Timon drückt sich die Hände vor die Nase und den Mund. Er muss wieder husten, schaut nur zwischen seinen Fingern hervor.

Aus dem Container ragt eine Klaue, die fast durchsichtig ist. Timon beugt sich vor und sieht einen Hund und eine flache Katze. Der Container ist nur halb voll, aber es stinkt so eklig.

Timon verzieht das Gesicht. Er macht einen kleinen Schritt vorwärts und stupst den Container mit dem Fuss leicht an. Eine Wolke Fliegen zischt heraus, Timon rennt weg, so schnell er kann. Er duckt den Kopf, aber der Gestank kommt ihm hinterher und sicher auch die Fliegen.

Timon rast durch den Wald, zum Glück kommen die Hunde nicht wieder. Zu Hause muss er husten, er wäscht seine Hände sehr lange mit Seife und trocknet sie gut ab.

«Komm, es gibt Essen», sagt Mutter. Timon streckt ihr die Hände entgegen, «Ich habe die Hände gewaschen.»

«Das ist gut, mein Lieber, was möchtest du aufs Brot?»

Timon beisst in sein Butterbrot. Dabei kann er an den Händen schnuppern, sie stinken wirklich nicht mehr. Mutter liest Zeitung, und ohne aufzuschauen sagt sie, «Heute lag schon wieder ein fauler Apfel unter deinem Bett.»

Folge 22

Timon nickt und nimmt einen grossen Bissen. Mutter liest weiter, er kaut und schaut sie an. Plötzlich schaut sie ihn auch an, «Wo warst du denn am Nachmittag? In deiner Hütte?», fragt sie. Timon hört kurz auf zu kauen, er weiss nicht, was er sagen soll, und kaut schnell weiter.

Die Mutter sagt, «Es waren zwei Jungs da, die nach dir gefragt haben.»

Jetzt schluckt Timon alles ganz schnell herunter.

«Wer?»

«Ich weiss es nicht. Ich habe ihnen gesagt, dass du wahrscheinlich in deiner Hütte bist.»

Timon legt sein angebissenes Butterbrot auf den Teller, «Waren sie aus meiner Klasse?» «Wahrscheinlich schon», sagt die Mutter, sie runzelt die Stirn und greift wieder nach der Zeitung.

«Aber du weisst doch, mit wem ich in die Schule gehe», sagt Timon zur Mutter.

«Naja, die verändern sich eben schnell.»

«Aber du weisst doch, wie sie heissen?», fragt Timon. Die Mutter legt plötzlich die Zeitung auf den Tisch, «Nein, Timon, ich weiss nicht, wie sie alle heissen, ich kenne nicht das ganze Dorf. Du musst doch selber wissen, wer deine Freunde sind.»

Timon hat einen trockenen Mund. Er schenkt sich Milch ein, nimmt Schokoladenpulver und rührt es in die Milch. Schnell noch einen Löffel mehr, Mutter guckt nicht. Timon rührt die Milch um, bis es einen Wirbel gibt. Es gibt einen Sturm, wilde Fische rasen durchs Wasser, «Ein Tsunami!»

«Trink endlich aus!», sagt die Mutter. Timon schaut zu ihr auf, trinkt aus und legt leise seinen Löffel in die braune Milchlache auf dem Tisch. Er schiebt sich vom Stuhl und huscht ins Wohnzimmer, klettert auf einen Stuhl und stellt sich auf die Zehenspitzen.

Ganz oben steht sein Fotoalbum, wo Mutter das Kindergartenbild eingeklebt hat. Wenn er Mutter das Bild zeigt, weiss sie sicher, wer am Nachmittag geklingelt hat. Und hoffentlich ist es jemand Cooles, die anderen müssen nicht wissen, dass er eine Hütte hat.

Timon streckt sich und berührt mit den Fingerspitzen das Album. Er streckt sich, so hoch er kann, bis er das Album erwischt. Sein Rücken biegt sich nach hinten, dann hört er sich selber schreien.

«Timon?» Mutters Gesicht ist ganz nah, sie schüttelt Timon, «Was ist denn passiert!» Timon guckt an die Decke, sein Kopf tut weh, er liegt auf dem Boden. Die Mutter legt ihn auf das Sofa. Später macht Timon die Augen wieder auf, die Mutter legt ihm einen nassen Lappen auf die Stirn. Timon sieht Tiere vor den Augen. Er will sie wegwischen, aber jetzt stinken seine Hände doch wieder.

Timon hat Kopfschmerzen, es ist laut und dann ganz dunkel, ohne Farben.

Das Gras wächst nur noch langsam. Valentin muss schon bald den alten Bauern um Heu für die Hasen bitten und im Gartenhaus Platz dafür freiräumen.

Er verschiebt den Auslauf, am Maschendraht hängt ein Fetzen Fell, Valentin pflückt ihn ab, schaut ihn genau an. Es geht gegen Herbst, da sollten sich die Hasen ein dickes Fell wachsen lassen. Valentin nimmt zuerst den Braunen, dann den Schwarzweissen auf den Arm, prüft ihr Fell, schaut ihnen in die Augen; ungesund sehen sie eigentlich nicht aus.

Valentin zupft sich die Hasenhaare vom Kittel, reibt sie zwischen den Fingern; ein Knabe fällt ihm ein, den er als junger Lehrer unterrichtet hatte. Ganz überraschend waren diesem ein zweites Mal alle Haare ausgefallen, nachdem man schon geglaubt hatte, er habe sich erholt.

Der Junge war ein fleissiger Schüler gewesen, der den verpassten Stoff bald wieder aufgearbeitet hatte. Aber nach dem zweiten Haarausfall war es mit ihm rasch zu Ende gegangen, als hätte er mit den Haaren auch die letzte Kraft verloren.

Valentin seufzt, schüttelt sich die Hasenhaare von den Fingern; er sollte nicht gleich das Schlimmste befürchten, nur, weil Timon ein paar Wochen lang nicht hierhergekommen ist. Und überhaupt, solche Dinge ver nimmt man im Dorf, immer.

«Ich gehe heute wieder arbeiten.»

Timon liegt unter der Wolldecke auf dem Sofa und nickt. Die Vorhänge sind zu, auf dem Tischchen liegt immer noch das Fotoalbum.

«Timon, hast du mich gehört?», die Mutter schaut vom Türrahmen her ins Wohnzimmer. «Kannst du alleine sein?»

Timon nickt noch einmal. Die Mutter kommt näher, setzt sich aufs Sofa und legt ihm die Hand auf die Stirn,

«Ich muss wieder arbeiten», sagt sie und deckt Timon zu.

«Im Kühlschrank steht Essen, und auf dem Tisch Cola, wenn etwas ist, gehst du klingeln bei Frau Meierhofer. Ich rufe dich an, sobald ich kann, aber ich muss wieder arbeiten.»

Timon macht die Augen zu, er weiss doch, dass Frau Meierhofer ihm nicht helfen kann, sie erkennt ihn ja nie. Und er weiss auch, dass Mutter wieder arbeiten muss,

«Ich weiss, du musst das nicht mehr sagen.»

Mutter schaut ihn an, kommt mit dem Kopf ein wenig näher, gibt Timon einen Kuss, wuschelt durch seine Haare. Timon dreht den Kopf weg, er tut ihm immer noch weh. Die Mutter steht auf, zieht ihren Mantel an und dann fällt die Tür zu.

Timon friert ein bisschen, die Decke kratzt. Er schiebt sie mit den Beinen weg, bis sie auf den Boden fällt. Er beisst ins Kissen, haut die Fäuste darauf, er will draussen spielen, aber er darf nicht. Dabei hat das nur die Mutter gesagt und nicht einmal der Doktor, sie sind gar nicht zum Doktor gegangen.

Mutter kann nicht sagen, wann er gesund ist, das kann nur der Doktor.

Folge 23

Als Timon wieder aufwacht, hat er Hunger. Er trinkt von der Cola, sie hat keine Kohlensäure mehr. Warum macht Mutter das immer, die Kohlensäure rausschütteln. Sie behauptet, das sei besser für den Magen. Timon nimmt sich ein Stück Brot und setzt sich mit dem Album aufs Sofa. Auf einem Foto sind alle drauf. Timon schaut jeden an. Youssef hat sicher nicht bei ihm geklingelt. Aber irgendjemand hat geklingelt, vielleicht hat er ja wirklich zwei Freunde. Und mit denen zusammen könnte er eine richtige Hütte bauen im Wald.

Er zieht die Schuhe an, die Jacke, nimmt die Mütze. Timon weiss gar nicht, wie kalt es ist. Er musste mehr als eine Woche zu Hause bleiben.

Das Haus von Karl steht in einem grossen Garten, ein wenig hinter allen anderen Häusern. Timon klingelt, macht einen Schritt zurück und wartet dort, so macht das die Mutter auch. Eine Frau kommt an die Tür.

«Ist Karl da?», fragt Timon, ihm ist wieder ein wenig schwindlig. «Wer bist denn du?», fragt die Frau. Timon sagt, «Timon.» «Bist du denn mit Karl verabredet?»

Timon schüttelt den Kopf, und die Frau guckt ihn an und runzelt die Stirn. Dann dreht sie sich um und ruft laut die Treppe hinauf, «Karl!» Ihre Stimme leuchtet in Timons Kopf, das tut weh.

«Simon ist da!», ruft jetzt die Frau, weil keine Antwort gekommen ist.

Karl ruft herunter, «Wer?»

«Simon!», ruft sie noch lauter. Timon sagt leise, «Timon.»

Karl erscheint oben an der Treppe. Er kommt bis zur drittuntersten Stufe und sagt, «Hallo.»

«Hast du dich denn verabredet? Du weisst doch, dass du fragen musst», fragt die Frau streng. Karl zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf, «Ich hab mich gar nicht verabredet.»

«Aber magst du mit mir spielen?», fragt Timon.

«Bist du nicht krank?», sagt Karl und zuckt nochmal mit den Schultern, dreht sich um und geht wieder die Treppe hinauf. Die Frau schaut auf Timon herab, «Müsst euch halt verabreden.»

Sie legt ihren Kopf ein wenig schräg und sagt, «Karl muss fragen, wenn er jemanden treffen will.»

Die Tür fällt zu, Timon berührt mit der Nase fast das Holz. Es ist ihm jetzt schwindliger als vorher.
Valentin hat fast die ganze Zwetschgenernte eingeweckt. Er trägt die frisch aufgefüllten, lauwarmen Gläser in den Keller, nimmt die alten, immer noch vollen Gläser aus dem Regal, prüft die Etiketten. Ein Glas steht seit zehn Jahren hier, ein grauer Pelz ist über die eingekochten Früchte gewachsen.

Was haben wir denn noch alles hier? Valentin zieht aus dem untersten Regal eine Kiste hervor. Winterkleider, Skihosen, er richtet sich auf, leuchtet mit der Taschenlampe auf diese alten Kleider. Hat er doch nicht alles weggeräumt? Wenigstens die Sachen von Tanja hätte seine Frau mitnehmen können. Sie wollte ihren klaren Bruch, kein einziges Mal hat sie sich noch freiwillig bei ihm gemeldet. Auch Tanja nicht, nur, wenn es um Formalitäten ging, und die sind längst erledigt.

Valentin leuchtet die anderen Regale aus, alles Leergut. Da hinten, an der Wand, er geht näher, kratzt mit dem Fingernagel am Verputz; das ist Schimmel. Er muss oben nachschauen, ob die Wände angegriffen sind, das Bad liegt direkt über diesem Regal. Valentin stellt die alten Weckgläser in eine Kiste, da klingelt es.

«Komme», sagt Valentin. Er steigt die Treppe hinauf und stellt das Glas mit den verschimmelten Früchten auf den Küchentisch, wäscht die Hände gründlich.

Vor der Tür ist niemand zu sehen, Valentin geht ums Haus. Neben dem Hasenstall sitzt der Junge, «Timon?»

Timon schaut auf, zieht die Knie etwas näher an sich, auf dem Arm hält er den Schwarzweissen. Valentin bleibt kurz stehen; hat sich der Junge verändert, oder hat er ihn einfach nur so lange nicht gesehen? Kinder verändern sich so schnell. Valentin geht näher, der Junge schaut ihm unverwandt ins Gesicht. Dabei schiebt er sich mit den Füssen noch näher an die Wand, sein Blick immer auf Valentin gerichtet, den Hasen fest an sich gedrückt.

«Bleib nur», sagt Valentin, er weiss selber nicht recht, warum er das sagt. Timon löst seinen Blick von Valentin, streckt die Beine wieder etwas aus, streichelt den Hasen. Valentin nickt.

«Ich bin krank», sagt Timon plötzlich.

«Was?»

Erst jetzt fällt Valentin auf, dass der Junge eine Schiebermütze trägt, wie jener Schüler, nachdem ihm das erste Mal die Haare ausgefallen waren. Hastig fragt er, «Was hast du denn?»

«Ich muss einfach immer auf dem Sofa liegen, weil ich umgefallen bin.»

Valentin atmet auf. Unter der Schiebermütze schauen Haarsträhnen hervor, sie fallen Timon bis in die Stirn; warum sollte der Junge denn auch gleich schwerkrank sein.

Timon steht auf, setzt den Schwarzweissen zurück in den Stall und sagt, «Ich muss jetzt gehen.»

«Du kannst wiederkommen», sagt Valentin und schiebt hinterher, «wenn du willst.»

Timon ist wirklich bleich, er dreht sich um, geht durch das offene Gartentor und macht es von aussen zu.

Seine Schiebermütze bewegt sich knapp über dem Zaun davon, dann ist der Junge verschwunden. Valentin steht noch da; dass der Knabe zu ihm kommt, obwohl er krank ist. Vielleicht sollte er ihn begleiten, wenigstens ein Stück.

Folge 24

Valentin schaut nochmals nach den Hasen, das Tor steht weit offen; zum Glück haben es die Tiere nicht bemerkt. Er giesst frisches Wasser nach, schiebt Grashalme durch das Gitter. Wenn der Junge wieder gesund ist, muss er ihm unbedingt sagen, dass er das Tor jedes Mal verschliessen muss, wenn er die Hasen herausnimmt.

Valentin schüttet das modrige Obst in die Kloschüssel, spült. Hinter der Badewanne hat tatsächlich Schimmel angesetzt. Dann steigt er nochmals in den Keller, das Licht hat er brennen lassen, die Kleiderkiste steht auch noch auf dem Boden. Er schiebt sie mit dem Fuss zurück ins unterste Regal; gründlich ausmisten muss er hier, doch zuerst wird der Schimmel behandelt.

Chris fährt langsam durch den Wald, junges Licht fällt auf das helle Grün; da, ein äsendes Reh! Dass er es in dieser Idylle so lange ausgehalten hat. Wenn Timon in ein paar Jahren in die Stadt kommen will, suchen sie eben eine grössere Wohnung. Antonia würde wütend werden, sie kann ja selber in die Stadt, wenn sie will, als Jugendliche hat sie auch ihren Willen durchgesetzt, als sie ins Internat wollte. Für alles ist er nun wirklich nicht mehr verantwortlich.

Chris greift nach dem Telefon auf dem Beifahrersitz; schon fünf Minuten zu spät, auf dem Display vorwurfsvolle Leere. Er wirft das Gerät zurück auf den Sitz, fährt schneller. Timons neue Lehrerin hat darauf bestanden, dass beide Elternteile zum Gespräch kommen.

Als Bub hatte er auch einmal mit den Eltern antraben müssen. Wie war er eigentlich damals auf die Idee gekommen, der Banknachbarin den halben Zopf abzuschneiden? Chris lacht laut auf. Die hatte ihre Nase überall hineingesteckt, pausenlos geschwatzt, ständig nach links und rechts geguckt und den ganzen Tag ihre dummen Zöpfe herumgeschleudert, bis ihm einer der Zöpfe ins Auge geschlagen war.

Chris parkt den Wagen, zehn Minuten Verspätung; Antonia trommelt bestimmt seit fünf Minuten mit ihren Fingern auf den Tisch. Chris hört schon, wie sie später zu Timon sagen wird, «Nein, dein Vater bleibt nicht hier. Nein, auch nicht zum Abendessen.» Sie versucht es ganz genau so zu machen wie die Mutter dieser Tanja, Kontakt zum Vater nur, wenn’s unbedingt sein muss, nur wenn’s gesetzlich verordnet ist, darüber hinaus gibt’s nichts. Das Geld überweist er pünktlich, und nicht zu wenig, dabei würde er Timon lieber öfter zu sich holen, damit der eine Beziehung zu seinem kleinen Bruder aufbauen kann. Ein Wochenende im Monat und die Ferien sind wirklich zu wenig.

Dann geht er eben danach bei Valentin vorbei, der hat nämlich ganz bestimmt keinem Kind je etwas zuleide getan. Antonias Mutter hatte selber einmal zu ihm gesagt, dass Antonia in dieser Sache einfach nicht über ihren eigenen Schatten springen könne. Ein anderes Mal hat sie gesagt, «Die tut gerade so, als wäre ihr das passiert, was Tanja passiert ist». Und das hatte ihr dann sofort wieder leidgetan und sie hatte sich bei ihm dafür entschuldigt, dass sie so über ihre eigene Tochter gesprochen hatte. Deswegen hatte er dann wieder nicht nachgefragt, worum es bei dieser Geschichte eigentlich ging.

Chris seufzt; er will es längst nicht mehr wissen. Valentin freut sich bestimmt, wenn er ihn besucht, er ist ja nicht mehr der Jüngste, da weiss man nie.

«Das kommt davon», die Mutter steht mit verschränkten Armen in der Tür. «Im Kühlschrank steht dein Essen, das kannst du aufwärmen, Brot ist da.» Nach einer Weile steht die Mutter immer noch im Türrahmen und schaut Timon an. Aber Timon sagt nichts, dann schaut er sie kurz an, «Seit wann musst du am Samstag arbeiten?», und guckt wieder auf den Boden. Mutter schliesst die Wohnungstür von aussen ab.

Timon hat die Beine angezogen, am Wochenende darf er nicht mehr rausgehen, und nach der Schule muss er immer sofort zur Grossmutter. Das ist so langweilig, Timon haut auf die Matratze. Er weiss doch nicht, war um er sich prügelt, wie kann er das der Lehrerin erklären? Aber wenn ihn etwas ärgert, macht er Fäuste, und wenn die anderen genau dann lachen, hat er eben die Fäuste schon parat.

Timon steht auf, guckt aus dem Fenster, auf den bunten Wald, auf der Wiese stehen Schafe herum. Um die Schafe ist ein Netzdraht aufgebaut, der ist elektrisch. Timon hat ihn einmal angefasst und dann war er kurz wie eingefroren.

Da ist schon wieder keine Cola. Timon nimmt Orangensaft aus dem Kühlschrank, schraubt die Flasche auf, sie rutscht ihm aus der Hand. Überall sind Scherben, seine Socken werden schnell nass und gelb. Timon wischt alles auf, der Lappen tropft auf dem Weg zum Spülbecken. Warum kauft Mutter Orangensaft in Glasflaschen? Alles klebt, die Socken schmatzen bei jedem Schritt. Timon zieht sie aus und legt sich wieder ins Bett.

Er weiss nicht, wann Mutter kommt, er weiss auch nicht, was er tun soll. Weil wenn er was anfängt, kommt sie sowieso gleich und sagt, er müsse aufhören. Timon weiss nicht, wo Mutter hingegangen ist, und er möchte lieber zu Vater. Aber Vater darf nie bei ihm bleiben, nachdem er bei der Lehrerin war. Die will nämlich immer mit Vater und Mutter reden, dabei soll sie einfach nur die Mutter dazu überreden, dass er häufiger zu Vater darf.

Und manchmal muss Timon mit zu den Gesprächen in der Schule. Er muss dann sagen, warum er die anderen schlägt, und Timon erklärt ihnen, wie das mit den Fäusten funktioniert, aber sie verstehen das nicht.

Folge 25

Timon steht auf. Er zieht die Jacke an, die Schuhe; die Wohnungstür ist ja abgeschlossen! Timon trommelt mit den Fäusten gegen die Tür. Dann geht er zu Mutters Zimmer, sie hat nämlich noch einen Schlüssel, den will er jetzt suchen, aber sie hat ihr Zimmer auch abgeschlossen. Timon tritt gegen die Tür, dann hockt er sich im Korridor auf den Boden. Und dann geht er in sein Zimmer und schlägt die Tür zu und schliesst ab. Mutter kommt nie mehr in sein Zimmer, nie mehr, er lässt den Schlüssel von innen stecken. Timon vergräbt sich unter seiner Decke.

Timon erwacht, weil es an die Tür hämmert. «Timon, schliess nicht ab!»

Er macht nicht auf, nie mehr. Er kriecht unter die Decke und hält sich mit beiden Händen die Ohren zu.

Es ist schon wieder Samstag, die Mutter ist schon wieder weg. Timon reisst die Kühlschranktür mit beiden Händen auf. Er stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut in jedes Regal, aber Mutter hat kein Essen in den Kühlschrank gestellt. Es gibt nur Brot.

Timon geht in sein Zimmer; er will kein Brot. Nie sagt Mutter, wohin sie geht, aber sie parfümiert sich jedes Mal. Einmal ist sie erst am Morgen zurückgekommen. Sie glaubt sicher, er merkt nichts.

Aber dann geht er wieder in die Küche, die Mutter merkt nämlich selber nichts. Timon hat den Schlüssel gesucht, als die Mutter nicht da war, und in der Küche in die Schublade getan. Der Schlüssel ist noch da. Timon späht in den Korridor, macht einen Schritt vor die Tür, hüpft schnell wieder in die Wohnung. Er schneidet zwei Scheiben vom Brot ab. Unten nimmt er das Fahrrad; wann kriegt er endlich ein neues, es ist ihm viel zu klein. Timon steuert zum Schulhaus, kaut Brot, nach der ersten Scheibe hat er genug. Er wirft die andere in die Luft.

Die anderen sind noch nicht hier, nur ein Ball liegt da. Timon kickt ein paar Mal aufs Tor, wartet; haben die anderen vergessen, dass sie abgemacht haben zum Fussballspielen? Alleine kicken ist langweilig, Timon setzt sich an die Schulhausmauer und streckt die Beine aus.

Gestern in der Pause haben alle gesagt, dass sie heute Fussball spielen. Aber jetzt ist keiner da, wo er schon mal raus kann, haben sie das extra gemacht? Timon zieht seine Kapuze über den Kopf; was soll er jetzt tun, soll er zu Karl, der ist nur nett zu ihm, wenn er etwas will. Timon haut ein paar Mal auf den Ball, dann steht er auf. Hoffentlich sind die Hasen noch da, er war schon lange nicht mehr bei ihnen. Logisch, wenn die Mutter ihn einsperrt, die blöde Kuh.

Beide Hasen sitzen weit hinten, sie schnaufen gemütlich. «Kommt», sagt Timon, aber die Hasen reagieren nicht. Timon kriecht ein wenig in den muffigen Stall hinein, der Braune scharrt im Stroh, dann nimmt er eben den Schwarzweissen. Timon zieht ihn mit beiden Händen am Bauch nach vorne, Stroh fällt heraus.

Der Schwarzweisse ist schwer geworden und zappelt.

«Au!» Timon fasst sich ins Gesicht, der blöde Hase hat ihn gekratzt, vor Schreck hat er ihn fallen lassen. Der Schwarzweisse hoppelt davon, durchs hohe Gras in die Wiese hinein, «Nein!» Timon rennt ihm hinterher, der Hase macht Zickzack, «Stopp!» Timon stürzt sich auf das Tier, erwischt es, «Du blödes Vieh!»

Der Schwarzweisse zappelt wild. Timon fällt ein, wie der alte Mann den Hasen getragen hat. Er fasst den Schwarzweissen mit beiden Händen an den Ohren, aber der Hase quietscht wie blöd. Er versucht, Timon am Bauch zu kratzen, Timon schüttelt ihn. Dann schwingt er den Hasen nach links und rechts, da hört er auf zu zappeln. Timon muss lachen, er schwingt den Schwarzweissen noch weiter, im Kreis, bis ihm selber schwindlig wird. Dann setzt er ihn wieder in den Stall. Der Schwarzweisse bleibt liegen.

«He», sagt Timon, jetzt kommt der Braune und schnuppert am Schwarzweissen. Timon bläst ihm Wirbel ins Fell, «Bist du jetzt so müde?» Er stupst den Schwarzweissen an, der wackelt ein wenig, bleibt liegen. Timon klaubt das Stroh zusammen, das vorher herausgefallen ist. Der Schwarzweisse guckt immer noch in die Luft, muss der nicht blinzeln? Timon rüttelt am Hasen, aber der starrt stur geradeaus, und jetzt macht Timon schnell das Tor zu. Ein kühler, kleiner Hasenköttel klebt an seiner Hand, er schüttelt ihn hastig ab.

Timon setzt sich an die Hauswand, seine Hose ist unten nass geworden, weil er durch das hohe Gras gerannt ist. Er nimmt Steinchen und schnippt sie in die Wiese, dann steht er auf und schlendert zu seinem Fahrrad.

«Gehst du schon?» Timon erschrickt, schaut sich um, am Gartenzaun steht der alte Mann, er hat ihn gar nicht gesehen. Timon tritt in die Pedale, schnell nach Hause, bevor Mutter kommt. Der alte Mann ruft etwas, Timon versteht nichts, guckt nochmals zurück, wieder nach vorne, und dann sieht er die Zaunlatten näher kommen.

Timons Wange tut sehr weh, der Kopf auch. Der alte Mann beugt sich zu ihm herunter, «Hast du dir weh getan?» Timon heult, er will nicht heulen und schüttelt den Kopf, aber das geht gar nicht, weil er auf dem Boden liegt. Der alte Mann hebt das Fahrrad auf. «Wie hast du das denn gemacht?», fragt er. Das vordere Rad klemmt senkrecht zwischen zwei Zaunlatten. «Komm», sagt der alte Mann und greift Timon unter die Arme, «du blutest ja, das müssen wir reinigen. Das ist jetzt wichtiger als das Fahrrad.»

Es tut Timon weh im Gesicht, als der alte Mann das Blut abtupft. Am Ellbogen ist sein Pullover kaputt gegangen. Timon legt sich auf das Sofa, er ist so müde, er will nach Hause.

Folge 26

Valentin klingelt, wartet. Ihm fällt auf, dass auf dem Klingelschild der Name von Chris übermalt ist, bis in die Winkel der Gravur. Er späht ins beleuchtete Treppenhaus, hier hat er schon am Nachmittag Timon hinterhergeschaut, wie er bleich die Treppe hochgeschlichen ist. Der Junge war ihm auf dem Sofa eingeschlafen. Er ähnelt immer mehr seinem Vater, und dass Chris ihn vor ein paar Wochen besucht hatte, einfach so, das war schön.

Timon hatte sich vorhin plötzlich auf seinem Sofa erbrochen, da war es Valentin lieber gewesen, den Jungen nach Hause zu bringen. Vor der Haustür hatte Timon gesagt, «Ich gehe selber».

«Hallo?»

Valentin räuspert sich. Da kommt schon wieder Antonias Stimme, «Hallo?»

Valentin deutet auf das kleine Fahrrad, das neben ihm steht, er räuspert sich nochmals. Aus der Gegensprechanlage klingt es jetzt ungeduldig, «Wer klingelt denn um diese Zeit, es ist Samstagabend!»

«Entschuldigen Sie, ich bin’s, ich habe Timons Fahrrad geflickt.»

«Timons Fahrrad?»

«Ja, er ist in meinen Zaun gefahren.»

«Heute?»

«Ja, nach dem Mittag.»

Antonia macht eine Pause, dann fragt sie, «Und darf ich jetzt noch wissen, mit wem ich spreche?»

«Natürlich, Entschuldigung, ich bin es, Valentin.» Antonia atmet hörbar, «Oh, danke.»

Valentin muss sich wieder räuspern, um zu fragen,

«Geht es ihm denn besser?»

«Jaja», sagt Antonia, und nach einer Pause, «also, danke.»

In der Leitung knackt es. Valentin steht immer noch neben dem kleinen Fahrrad. Er guckt es an, diesen Drahtesel, dann stellt er es an die Wand. Valentin kann nicht aufhören, an den Schwarzweissen zu denken, der am Abend steif und kalt im Stall lag, als er die beiden füttern wollte. Die Spuren im Gras, und wie Timon so schnell davonwollte. Im Treppenhaus geht das Licht aus, in der Glastür erscheint Valentins Spiegelbild. Er geht.

Timon guckt an die Wandtafel, schreibt sich rasch die Hausaufgabe auf einen Zettel, stopft den Zettel in die Schultasche; schnell raus. Er schlüpft in die Schuhe, die Jacke lässt er hängen, ist sowieso zu warm, auf dem Fussballfeld steht es schon zwei zu null.

«Kann ich auch mitspielen?», ruft Timon. Ein paar Minuten später ruft er es nochmals, aber ein Junge aus der anderen Klasse antwortet ihm, «Die Gruppen sind jetzt super ausgeglichen.» Timon bleibt am Spielfeldrand stehen und schaut zu. Vor dem Tor stehen zwei Mädchen, sie kichern, und da kommt der Ball, «Drei zu null!» Die Mädchen haben den Ball nicht einmal gesehen, sie stehen nur blöd vor dem Tor, und deswegen hat der Torhüter den Ball nicht gesehen. Aber jetzt sagt er zu den Mädchen, «Die Sonne hat mich geblendet.»

Timon geht näher und ruft den dreien nochmals zu,

«Kann ich auch mitspielen?» Die beiden Mädchen schauen nur kurz rüber, der Torhüter schüttelt den Kopf und die Mädchen kichern wieder; die interessieren sich ja nicht einmal für Fussball. Timon geht weg, schaut den Kleinen beim Hüpfspiel zu; aber da will er sicher nicht mitmachen. Er guckt auf den Boden; eigentlich wünscht er sich neue Schuhe.

Jetzt im Frühling scheint die Sonne hell in den Wald. Valentin fährt dem Dorf zu, atmet tief, sein Herz klopft schnell; er hätte nur einen Kaffee trinken sollen bei Kati.

Heute Nachmittag will er den Keller aufräumen, den ganzen Winter über hat er immer wieder Mittel gegen Schimmel gespritzt. Und die Kisten will er ausmisten, das muss endlich alles weg. Ein Auto überholt ihn, verlangsamt und bremst. Konrad kurbelt die Scheibe herunter, lehnt den Arm aus dem Auto und sagt, «Die kleinen Lämmer sind ganz ordentlich gewachsen.»

Konrad nimmt die Pfeife vom Nebensitz, steckt sie an, zieht, schaut aus dem Wagen heraus und sagt, «Richtig gross sind sie geworden. Die Mädchen führen derzeit einen Kampf gegen die Eltern, damit die Schafe nicht geschlachtet werden.»

Valentin nickt. Konrad zieht an der Pfeife und sagt, «Auf einem Bauernhof sind eben nur Nutztiere erwünscht.»

Die Pfeife mottet leise, Konrad redet weiter, «Die Mädchen wollen am liebsten einen ganzen Streichelzoo, neuerdings wollen sie noch Hasen.»

«Ich habe einen Hasenstall und nur noch einen Hasen», sagt Valentin. Konrad nimmt einen tiefen Zug,

«Und?»

«Die Mädchen könnten den Stall haben und den Hasen dazu, der ist ja so alleine», antwortet Valentin.

Konrads Wagen verschwindet im Wald. Valentin stützt sich auf sein Mofa. Den ganzen Winter über hat er Timon nicht gesehen, kein verstreutes Heu oder Stroh auf dem Boden vor dem Stall, keine Spuren im Schnee. Timon ist nie beim Braunen gewesen, kein einziges Mal, seit der Schwarzweisse gestorben ist.

Valentin schaut nachdenklich in den Wald hinein, wo das Auto verschwunden ist; was macht Konrad eigentlich dort unten?

Er kann den Hasen nicht einfach weggeben, vielleicht kommt Timon ja doch einmal wieder, oder sein Vater, oder beide zusammen. Das wäre schön.

«Putz die Zähne!»

Timon ist schon unterwegs, als die Grossmutter nochmals ruft. Er schnappt seinen Roller und saust über den Dorfplatz. Aber das holpert so blöd auf diesen Steinen, und die Lenkstange ist viel zu niedrig. Er sieht die anderen auf dem Fussballplatz, Timon bremst und kehrt um. Denen schaut er sicher nicht zu beim Fussballspielen. Die spielen so schlecht und lassen sogar die Mädchen aufs Feld, in Timon steigt eine Wut auf.

Folge 27

Er hüpft vom Roller, der fällt scheppernd zu Boden, er kickt ihn, das tut weh. Timon springt auf und hält seinen Fuss, da hört er, wie jemand lacht. Es sind die Mädchen, die schon auf dem Fussballfeld so blöd gelacht haben. Timon hat sie vorher gar nicht gesehen, er will auf sie los, aber sie rennen weg. Logisch.

Timon kickt nochmals in seinen Roller, das tut zwar wieder weh, aber ihm egal. Er will sowieso nur neue Schuhe, aber das ist der Mutter egal und Vater kauft ihm keine. Der hat gesagt, er müsse schon dem kleinen Bruder Schuhe kaufen. Dabei kann der noch gar nicht richtig gehen.

Timon hebt den Roller hoch, fährt vom Dorfplatz weg, hinüber zum Bauernhof. Es holpert wieder, das schüttelt ihn am ganzen Körper. Sogar im Kopf spürt er es, aber einen Helm hat er auch nicht, er will nämlich Tricks üben. Aber ohne Helm, und alleine, er kennt ja keine Tricks, und jetzt nervt ihn das Geholper wirklich. Timon packt den Roller und schmeisst ihn vor der alten Kegelbahn in den Haselbusch. Irgendwo schnauft und raschelt es. Timon guckt in den Busch hinein, da rennt ein Igel heraus, direkt auf den Roller zu. Der Igel versucht darüberzuklettern, aber das kann der nicht, der hat viel zu kurze Beine; Missgeburt, mit deinen Stacheln. Timon lacht, zu hoch und irgendwie heiser, er schaut sich um; niemand hat ihn gehört. Der Igel rennt um den Roller herum und über die Strasse. Timon zieht den Roller wieder aus dem Busch und fährt dem Igel hinterher, der mit seinen viel zu kleinen Stummeln davonrasselt. Timon ist schneller, er kann den Igel überholen. Aber er überholt den Igel nicht, er fährt in ihn hinein. Der Igel pfeift, dann stoppt er und bäumt sich auf, und erst dann kugelt er sich ein. «Machst dich fett!»

Timon stupst den Igel mit dem Fuss an. Der rennt wieder los, macht schnellere Bewegungen, er ist trotzdem noch langsamer als vorher. Der Igel rennt gar nicht, er zappelt nur, Timon muss wieder heiser lachen. Dann holt er Schwung und fährt nochmals in den Igel, von der Seite her. Das holpert, aber diesmal fährt er ganz über den Igel. Der macht sich klein und Timon bremst ab,

«Fahr doch deine Stacheln aus!»

Timon beugt sich zum Igel hinab. Dann holt er wieder Anlauf und fährt zum zweiten Mal über den Igel drüber und dann noch einmal. Jetzt holpert es fast nicht mehr. Timon geht näher zum Igel, tupft mit dem Finger einen Stachel an. Der ist wirklich hart, Timon kann ihn nicht ausreissen. Der Igel schnauft pfeifend aus, und jetzt sieht Timon, dass etwas aus dem Igel herausläuft, gelber dicker Schleim. Timon muss fast kotzen. Er fährt schnell davon.

Die Schulglocke klingelt, Timon wirft seinen Roller neben die anderen. Im Korridor ist niemand mehr, er zerrt sich die Schuhe von den Füssen, die Klassenzimmertür ist noch offen. Timon setzt sich an seinen Platz, nimmt rasch den Bleistift in die Hand. Die Lehrerin merkt nichts.

Valentin wacht auf, setzt sich an den Rand des Kanapees. Die Schulglocke weckt ihn zuverlässig aus dem Mittagsschlaf.

Er steht auf, macht ein paar Schritte, um sich warmzulaufen. Er setzt einen Kaffee auf, schüttet den Kaffeesatz in den Kompostkübel vor dem Fenster. Direkt darunter steht der Hasenstall; Konrad ist noch immer nicht gekommen, um den Hasen abzuholen. Er will doch den Hasen gar nicht mehr weggeben, er will lieber wieder einen zweiten Hasen kaufen. Der Braune ist ihm zu sehr ans Herz gewachsen, und Timon, der muss sich doch furchtbar erschrocken haben über den toten Schwarzweissen im Stall.

Timon kritzelt mit dem Bleistift auf das Pult, vorn redet die Lehrerin etwas. Timon setzt sich gerade hin und legt den Bleistift weg; so fällt er nicht auf. Die Lehrerin redet immer noch, jetzt fragt sie, «Mag das irgendjemand von euch etwa?»

Sie macht eine Pause, niemand sagt etwas. Timon weiss nicht, worum es geht, und schaut zu den anderen, aber die schauen alle gleich weg. Timon nimmt wieder den Bleistift, es ist sehr leise im Schulzimmer.

Und dann sagt die Lehrerin wahnsinnig langsam, «Ich glaube nicht, dass es jemand von euch mag, wenn man ihm mit einem Auto über den Bauch fährt.» Die Mädchen, die Timon vorher auf dem Schulweg ausgelacht haben, kreischen und halten sich die Ohren zu. Wie blöd sind die, wenn sie ja selber den Lärm machen.

Timon zuckt zusammen, die Lehrerin steht vor ihm. Er hat gar nicht gemerkt, dass sie nähergekommen ist.

«Timon, du kannst zur Schulleiterin, sie weiss Bescheid.» Jeder kennt diesen Ton, da muss man einfach gehorchen. Timon steht auf, packt zusammen, an der Schultasche klebt etwas Gelbes, Timon wird beinah übel. Es ist immer noch ganz still, Timon spürt genau, dass alle zu ihm schauen. Aber er schaut die sicher nicht an, sondern trägt die Schultasche ganz normal hinaus und macht die Tür zu.

Im Korridor rennt er los, aufs Klo, reisst Klopapier ab. Er kauert auf den Boden und wischt das gelbe Zeug ab, reibt Seife in den Stoff. Da geht die Tür auf und Karl gafft hinein. «Du musst ins Büro», sagt er und schaut wie ein Onkel. Timon steht sehr schnell auf, zieht den Arm hinter den Rücken und macht eine Faust. Aber Karl kneift nur die Augen zusammen und Timon öffnet seine Hand wieder. Er schultert seine Tasche und geht einfach an Karl vorbei, der immer noch in der Tür steht. Timon schaut ihn nicht an, und überhaupt, warum hat die Lehrerin Karl geschickt? Denkt sie etwa, er habe Angst vor der Schulleiterin?

Folge 28

«Schau mir wenigstens mal in die Augen», sagt die Schulleiterin. Timon schaut ihr in die Augen; warum guckt die so blöd. Er muss gleich wieder wegschauen. Endlich klingelt es, Timon steht auf. Die Schulleiterin sagt, «Bleib noch einen Moment hier, jetzt sind alle anderen Kinder im Korridor.»

WEITER NACH DER WERBUNGAber wenn es klingelt, kann man gehen, sie hat sowieso hundertmal das Gleiche gesagt. Timon öffnet die Tür und geht. Die Schulleiterin ruft nochmals, dann schreit sie. Timon drängelt sich schnell in all die Kinder hinein, an seinem Klassenzimmer vorbei.

Diese beiden Mädchen kommen gerade heraus, schauen ihn an und tuscheln und dann rennen sie davon. Blöde Verräterinnen, aber Timon ist immer schneller. Er holt sie ein, stellt seinen Fuss quer, kurz und genau richtig. Eine fällt hin und rutscht ein wenig auf dem Bauch, und dann stolpert die andere über sie und beide heulen. Timon beisst die Zähne zusammen, damit er nicht lachen muss und spaziert vorbei. Mit kreischenden Mädchen will er nichts zu tun haben.

Timon liegt auf dem Bett. Seine Hände brennen von der Seife, er hat den Schulsack zu Hause nochmals geschrubbt. Er guckt an die Decke, zählt die Astlöcher in den Tannenbrettern; jeder weiss, dass Tanne das billigste Holz ist. Und überhaupt stand die Tanne doch nur friedlich im Wald, bis einer gekommen ist, sie umgehauen und hier an die Decke genagelt hat.

Timon setzt sich auf; was soll er hier drin. Auf dem Boden liegt das Heft, er schleudert es durchs Zimmer. Er macht sicher keine Hausaufgaben, nie mehr, und er will sich gar nicht verabreden. Er will nur in den Fussballklub, ohne die doofen Mädchen. Und ohne Karl, er wäre sowieso viel besser im Fussball als Karl, aber die Mutter lässt ihn ja nicht.

Timon wärmt sich in der Küche Essen auf, schaut auf den Arbeitsplan der Mutter. Heute arbeitet sie lange, das ist gut, aber die Lehrerin hat sowie schon bei ihr angerufen. Das haben die abgemacht, als er neu in die dritte Klasse kam, dass die Lehrerin immer gleich anruft. Aber wenn sie dann anruft, verdreht Mutter sicher trotzdem die Augen, das macht sie sogar bei Grossmutter. Und der Grossmutter hat sie eingeschärft, dass er nicht zu den Hasen darf, nur weil der alte Mann ihr Lehrer gewesen ist. Dabei hat der früher sicher nicht so oft bei Grossmutter angerufen wie jetzt seine Lehrerin.

Timon stellt den Teller ins Waschbecken. Er lässt kaltes Wasser darüberlaufen und reibt den Teller mit dem Finger sauber. Er weiss nicht, was er an diesem Nachmittag machen soll, immer nur heimlich zum Hasen gehen ist langweilig.

Vor dem Hasenstall liegen Körner, Valentin zerreibt sie mit dem Fuss. War Timon wieder da? In den letzten Tagen muss er mehrmals hier gewesen sein, der Braune hatte immer frisches Wasser, frisches Gras, einmal lag sogar eine Karotte im Stall. Nur den Bub hat er nie gesehen.

Valentin öffnet den Stall, streichelt dem Braunen das Fell. «Guter Hase», sagt er, tastet das Stroh ab, es ist noch frisch genug. Dann richtet er sich auf, stützt sich an der Wand ab, schliesst das Tor, zuckt zusammen.

«Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken», Konrad steht hinter ihm.

«Ich habe dich nur nicht kommen hören», sagt Valentin. Konrad kommt näher, öffnet den Stall, «Ein schöner Hase», sagt er.

Valentin schaut Konrad zu, wie er den Braunen aus dem Stall nimmt, sich aufrichtet und den Hasen wie ein Kind auf dem Arm hält. Valentin räuspert sich, «Du kommst wegen dem Stall.»

WEITER NACH DER WERBUNGKonrad nickt, «Und wegen dem Hasen.» Jetzt nickt Valentin auch, lange.

«Willst du wirklich nichts dafür?»

Valentin schluckt. Konrad fährt fort, «Ich kann dir gerne etwas dafür bezahlen», und trägt den Hasen zu seinem Auto. Valentin zögert, dann geht er Konrad rasch hinterher, «Ich kann ihn nicht weggeben.»

Konrad öffnet den Kofferraum und schaut Valentin an.

«Ich kann den Stall nicht weggeben», sagt Valentin wieder.

Konrad wendet sich Valentin zu, immer noch mit dem Hasen auf dem Arm.

«Und den Hasen auch nicht», Valentin atmet flach. Das Tier beginnt zu zappeln, kratzt Konrad am Arm.

Der geht zum Stall zurück und setzt das Tier hinein. Valentin geht ihm hinterher, bleibt ein paar Schritte vom Stall entfernt stehen, «Er würde mir fehlen.»

Konrad schliesst den Stall. Valentin sagt nochmals, «Der Hase würde mir wirklich fehlen.»

«Na dann», sagt Konrad, «das kann ich den Kindern schon beibringen.»

Valentin schaut Konrad zu, wie er auf der Wiese ein paar Grasbüschel ausreisst, sie dem Braunen in den Stall gibt und das Stroh aufschüttelt, «Musst ihn mal wieder ausmisten.»

Konrad stellt den Wagen auf dem Hofplatz ab. Maria öffnet das Küchenfenster, lehnt sich hinaus und fragt, «Hast du schon gegessen?»

«Ja, bei Valentin.»

«Bei Valentin?» Konrad nickt.

«Ja dann», Maria zieht die Brauen hoch, aber sie fragt, «Wie geht’s den Schafen?»

«Gut.»

«Und den Mädchen?»

«Auch gut, die wachsen alle wie verrückt.»

Folge 29

«Was hast du denn bei Valentin gesucht?»

Konrad macht eine wegwerfende Bewegung, «Ich wollte den Hasenstall holen.»

«Ach, für die Mädchen», sagt Maria.

«Genau, nur wollte er den Hasen jetzt doch behalten», sagt Konrad.

«Aha», Maria runzelt die Stirn.

«Ja, er hat gesagt, er würde ihn vermissen.» Maria winkt ab, «Ein Kauz ist er, mein Bruder.»

«Wer ist das schon nicht.»

Maria schliesst den einen Fensterflügel und fragt, «Und was hat er gekocht?»

«Pellkartoffeln mit Käse.»

«Das nennst du kochen!»

Maria lacht, «Es wird kühl, gute Nacht», sagt sie und schliesst das Fenster. Konrad steigt hinauf in seinen kleinen Verschlag.

Valentin wäscht sich die Hände, der neue schwarzweisse Hase ist noch ganz klein. Seit er wieder zwei Hasen hat, sind noch keine Körner auf dem Boden gelegen, kein frisches Gras im Stall. Er trocknet seine Hände, setzt sich an den Küchentisch, greift nach der dünnen Zeitung. Schon wieder Mitte Juli, viel steht nicht im Tagblatt. Valentin schiebt die Zeitung von sich; warum soll er lesen, was gestern geschrieben wurde, während die Zeitung von morgen schon gedruckt wird. Vor kurzem hat er gelesen, dass immer weniger Menschen Zeitung lesen, weil sie sich im Internet schneller informieren können. Er horcht auf; wer klingelt denn um diese Zeit, die Uhr zeigt schon nach neun. Valentin öffnet, Antonia steht vor der Tür und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

«Guten Abend», sagt Valentin. Antonia blinzelt ins Licht und sagt hastig, «Ich wollte mich noch bedanken.»

Valentin macht die Tür etwas weiter auf. «Wegen dem Fahrrad», schiebt Antonia hinterher, «das Sie geflickt haben.»

«Ach so», Valentin nickt. Antonia streift sich ihre Strähne hinters Ohr, «Danke, und Entschuldigung, dass ich erst jetzt komme.»

Valentin richtet sich ein wenig auf, «Keine Ursache.»

Antonia sagt noch hastiger als zuvor, «Und, ja, also», sie schluckt, «vielleicht war ich ja unfreundlich.»

Valentin will etwas sagen, Antonia kommt ihm zuvor,

«Also, ich meine, nicht nur, als Sie das Fahrrad gebracht haben.»

Sie streckt Valentin eine Tüte hin, «Das ist für Sie.»

«Aber», Valentin schaut in die Tüte, eine Weinflasche liegt darin.

«Das war doch gern geschehen, das mit dem Fahrrad.» Antonia verzieht ihr Gesicht zu einem Lächeln.

«Also», sagt sie und geht rückwärts eine Stufe auf der Treppe hinunter.

«Wie geht es Timon denn?», fragt Valentin. Antonia bleibt stehen und schaut zu Valentin hinauf, sie zögert, dann sagt sie, «Gut, er ist bei seinem Vater während den Schulferien.»

Valentin nickt, schweigt; das hätte er besser nicht gefragt.

«Also, danke nochmals», sagt Antonia und wendet sich ab. Der Kies knirscht unter ihren Schuhen, es klingt, als würde etwas hastig gekaut. Valentin schaut ihr hinterher, bis sie in der Dämmerung verschwindet.

Valentin öffnet die Schranktür mit einer Rechtsdrehung. An der Innenseite hat er den Gemeindekalender aufgeklebt, damit er die Termine der Müllabfuhr nicht vergisst; die Schulferien dauern noch weitere zwei Wochen.

Der Wein schmeckt voll und fruchtig.

Valentin geht durch den Wald, er hat die schönen Schuhe angezogen an diesem Sonntagmorgen. Es knackt, ein Reh steht reglos vor ihm auf dem Weg, schaut ihn aufmerksam an, dann verschwindet es. Wie Antonia sich ständig die Haarsträhne hinters Ohr gestrichen hat, das hatte sie schon als Kind gemacht, als sie mit Tanja bei ihnen gespielt hatte. Gottes Mühle taucht zwischen den Bäumen auf; Kati hat ihn schon so oft zu diesen Versammlungen eingeladen, und warum sollte er nicht einfach einmal hingehen.

Kati steht an der Eingangstüre. «Was für eine Freude!», sagt sie und weist Valentin in den Raum neben der Stube. Er setzt sich hinter zwei Mädchen, die auf ihren Stühlen knien und sich wie auf Kommando nach ihm umdrehen; die gleichen sich ja wie ein Ei dem andern. «Setzt euch jetzt», sagt die Mutter der beiden. Die Mädchen setzen sich kerzengerade hin, die straff geflochtenen Zöpfe liegen auf ihren Schultern, vier Füsse baumeln in der Luft.

Vorne steht ein Mann auf und sagt, «Wir singen gemeinsam.» Alle beginnen in einem schwarzen Buch zu blättern. Valentin späht beim Nachbarn nach der Seitenzahl, da beginnt der Mann schon zu singen. Beim dritten Ton fallen alle mit ein, Kati schliesst die Tür und setzt sich zuvorderst hin. Valentin zählt etwa dreissig Menschen im Raum, alle singen, und kaum ist das Lied verklungen, ruft jemand eine neue Liednummer. Wieder blättern alle, und jetzt setzt sich der Mann ans Harmonium. Ein neuer Gesang schwillt an und weht durch das kleine Fenster weit oben hinaus in den Wald und in alle Welt, begleitet vom klagenden Klang dieses alten Instruments, das schon bessere Zeiten gesehen hat.

Nach dem Gottesdienst stellen die Leute Kuchen auf den Stubentisch. «Bleib doch noch», sagt Kati zu Valentin.

«Vielleicht das nächste Mal.»

«Gut, dann das nächste Mal», sagt Kati.

Frische liegt in der Luft. Valentin hat alle Post ausgetragen, er will noch in die Bäckerei.

«Guten Tag», sagt eine junge Frau, die gerade aus der Tür tritt und stehenbleibt, «wie geht es Ihnen?» Fast hätte er sie nicht erkannt, die junge Frau hat seine Mutter gepflegt, am Ende.

Folge 30

Valentin tritt auf den Dorfplatz und bleibt kurz stehen; all das Misstrauen all die Jahre, dabei sind die Menschen doch eigentlich freundlich. Wer reden will, soll eben reden, was hat ihn das bloss gekümmert. Er legt das Brot und das Stück Schokoladenkuchen, das er sich zum Nachtisch gekauft hat, zuoberst in die Tasche.

Die Schulglocke schrillt über den Dorfplatz; daran hat er gar nicht mehr gedacht, heute beginnt die Schule wieder. Die Tür wird aufgestossen, Kinder schwärmen nach allen Seiten aus, sausen auf Rollern vorüber. Timon ist nirgends zu sehen. Valentin geht auf das Schulhaus zu, eine Frau tritt aus der Tür und bleibt oben an der Treppe stehen.

«Suchen Sie etwas?», fragt sie.

«Nein.»

«Warten Sie auf eins der Kinder?»

«Ich warte auf Timon.»

«Sind Sie der Grossvater?»

Da kommt Timon, Valentin sagt zu ihm, «Da bist du ja.»

Timon geht an ihm vorbei zu seinem Roller.

«Wirf deinen Roller nicht immer auf den Boden, Timon, dafür gibt es Ständer», sagt die Frau streng. Timon rüttelt mit dem ganzen Rücken seinen Schulranzen zurecht, schüttelt den Kopf und schaut unter seinen Haaren hervor zu Valentin.

«Blöde Kuh», sagt Timon leise. Valentin schaut sich nach der Frau um, «Deine Lehrerin?»

Timon nickt.

«Hast du schöne Ferien gehabt?»

Timon nickt wieder und schiebt den Roller mit einem Fuss vor und zurück. «Kommst du wieder mal zu den Hasen?» Timon sagt, «Darf ich nicht.»

«Warum?»

Timon schaut Valentin nur kurz an und zuckt mit den Schultern.

«Meinst du wegen deiner Mutter?», fragt Valentin und schaut in seine Tüte. Er nimmt den Schokoladenkuchen heraus, «Hier, willst du den?»

Timon schaut auf. Er nimmt den Kuchen in beide Hände und beisst ein Stück ab. Den Rest legt er in den Schulranzen und sagt mit vollem Mund, «Ja, wegen Mutter, sie hat ein Problem.»

Valentin nickt, dann sagt er, «Deine Mutter war bei mir. Ich denke, dass du jetzt wieder zu den Hasen kommen darfst. Und es sind wieder zwei Hasen, einer ist noch ganz klein.»

Timon schüttelt sich wieder die Haare aus dem Gesicht, kneift die Augen zusammen und fragt, «Wann?»

«Wann du willst.»

«Ich meine, wann ist Mutter zu dir gekommen?»

«In den Ferien.»

«Und warum ist sie zu dir gekommen?»

Valentin schaut Timon an, dann antwortet er, «Wegen deinem Fahrrad.» Timons Haare sind wieder ins Gesicht gerutscht, er sagt langsam, als wäre es eine Frage, «Okay.»

Timon wirft seine Fransen zurück und fährt davon, ohne noch etwas zu sagen. Er fährt mit Schwung, Valentin sieht die Sohlen seiner Schuhe.

Er hört, wie jemand aus dem Schulhaus kommt. Valentin geht auf sein Mofa zu, startet den Motor. Jetzt hat er keinen Nachtisch, aber was würde die Verkäuferin denken, wenn er nochmals käme. Die Lehrerin geht an ihm vorbei, schaut ihn an, sagt nichts. Valentin fährt rasch los.

«Häng nicht so faul im Stuhl!»

Timon schaut zur Mutter und setzt sich etwas gerader hin.

«Du hast noch fast nichts gegessen.»

Die Mutter schiebt Timon die Schüssel hin, füllt ihr Glas nochmals und gähnt. Timon schüttelt den Kopf, «Ich habe keinen Hunger.»

«Warum denn?» Die Mutter nimmt die Zeitung und fragt, «Hast du deine Hausaufgaben gemacht?»

Timon nickt, er hat den ganzen Nachmittag gebraucht, aber fertig geworden ist er trotzdem nicht. Die Mutter liest, sie sieht gar nicht, dass Timon nickt. Er steht auf, geht um den Tisch herum und lehnt sich an die Mutter. Sie schaut erstaunt auf, schiebt die Zeitung von sich und legt den Arm um Timon.

«Ich habe Schokoladenkuchen gegessen», sagt Timon. Die Mutter dreht sich ganz zu ihm hin, «Was für Schokoladenkuchen?»

«Vom alten Mann.»

«Von welchem alten Mann?»

Die Mutter hält Timon jetzt an den Schultern fest und schaut ihm ins Gesicht.

«Der alte Mann, der die Post bringt.»

Timon guckt auf den Boden. Die Mutter sagt scharf, «Wann hat er dir Kuchen gegeben? Schau mir in die Augen.»

«Heute nach der Schule.»

«Heute?»

«Er hat auf mich gewartet.»

«Wo? Wo hat er auf dich gewartet?»

«Vor dem Schulhaus.»

«Und was wollte er?»

«Er hat mir Schokoladenkuchen gebracht, und gesagt, ich soll wieder einmal zu den Hasen kommen.»

«Timon!», die Mutter krallt sich noch mehr in Timons Schultern. «Hör zu, du erzählst mir keinen Quatsch, damit macht man keinen Spass, du weisst genau, dass ich das nicht will.»

Die Mutter schüttelt ihn, Timon nickt und presst die Lippen aufeinander. Jetzt muss er gut aufpassen, dass sie nichts merkt. Aber sie hat ja auch nie gemerkt, dass er gar keine Waldhütte hatte. Er will einfach nicht, dass die Mutter zum alten Mann geht, das darf sie nicht. Sie darf sich nicht überall einmischen, das ist sein Geheimnis, und wenn es nicht mehr verboten ist, zum alten Mann und den Hasen zu gehen, dann ist das auch nur langweilig. Timon kneift die Augen zu und bläst die Backen auf und jetzt kommt endlich eine Träne. Es ist wirklich sehr blöd von der Mutter, dass sie zum alten Mann gegangen ist und mit ihm geredet hat, sie muss sich nicht plötzlich mit ihm anfreunden. Immer macht sie alles kaputt. Die Träne rollt über Timons Wange; wenn er weint, dann glaubt ihm Mutter alles.

Folge 31

Mutter steht auf, ihr Stuhl fällt nach hinten.

«Wie blöd war ich denn, als würden sich Menschen jemals ändern!», schreit sie.

Sie rennt in der Wohnung herum, «Wo ist mein Telefon, ich rufe die Polizei!»

Sie wählt die Kurznummer, Timon hört, wie es am anderen Ende klingelt. Mutter steht vor Timon und redet ganz schnell auf ihn ein und zeigt dabei mit dem Finger auf ihn, «Er hat wirklich vor der Schule auf dich gewartet?»

Timon nickt zuerst, dann sagt er ganz schnell, «Nicht vor der Schule, also doch, aber er hat gesagt, ich soll hinter das Schulhaus kommen.»

«Hinter das Schulhaus!»

Das Telefon klingelt immer noch unbeantwortet, «Und dort hat er dir Süssigkeiten gegeben?»

Ihr Finger zeigt bei jedem Wort zitternd auf Timon.

«Und du bist einfach mitgegangen? Hinter das Schulhaus!», schreit sie.

Die Mutter legt auf, geht in der Küche hin und her, dann trocknet sie Timon die Träne ab. Sie flucht schon wieder, «Dieses Aas, dieses verdammte Aas!» Leise sagt Timon, «Aber ich bin davongerannt.»

Die Mutter nickt, schenkt sich Wein nach und trinkt das Glas leer und gleich noch eines. Sie stützt den Kopf auf die Hände, so dass ihr Gesicht verzerrt wird und flucht vor sich hin. «Ist eben doch ein Aas», zischt sie, «und dass er diesen Kerl nicht angezeigt hat. So einer gehört selber angezeigt. Wenn der wüsste, was er Tanja damit angetan hat, kein Wunder, will sie mit so einem Vater nichts zu tun haben!»

Timon schaut seine Mutter an, er versteht nicht genau, was sie mit all dem meint, sein Herz klopft laut. Er zuckt zusammen, weil die Mutter das Glas auf den Boden wirft. Dann steht sie auf, starrt zum Fenster hinaus, sie schnauft wie ein Bulle.

Timon schleicht sich ins Zimmer. Es klirrt wieder, er schliesst leise die Tür, lauscht, ob die Mutter nochmals telefoniert. Aber es bleibt ruhig, nur einmal knallt noch ihre Schlafzimmertür. Frau Meierhofer steht sicher wieder mit dem Koffer im Korridor, das macht sie immer, wenn es so knallt. Sie glaubt dann, dass sie aus dem Haus muss, weil es wieder brennt.

Timon schiebt den Stuhl ans Fenster und klettert hinauf. Wenn er auf die Zehenspitzen steht, kann er von hier aus sehen, ob beim alten Mann noch Licht brennt. Timon lauscht nochmals ganz genau, er möchte nicht, dass sie die Polizei anruft, denn dann geht die Polizei und holt den alten Mann.

Timon schaut hinaus. Er muss sich gar nicht mehr auf die Zehenspitzen stellen, um zum Haus vom alten Mann hinüberzusehen. Er schaut in die Nacht hinaus, ballt seine Faust, so stolz ist er. Jetzt weiss er, wie er es machen muss, wenn er will, dass etwas verboten ist. Er weiss jetzt ganz genau, was er zu Mutter sagen muss.

Valentin lauscht, liest weiter, da hört er wieder ein Geräusch. Er öffnet das Küchenfenster und schaut in die Dunkelheit, «Ist jemand da?» Niemand antwortet; er hört doch ganz deutlich Atemgeräusche. Valentin schliesst das Fenster und zieht sich an. In den letzten Wochen hat er immer wieder Spuren gesehen, Futter auf dem Boden, Fussabdrücke im Gras.

«Was machst du denn hier?» Timon presst sich mit dem Rücken an die Mauer, hält den Braunen auf dem Arm und schaut Valentin nicht an.

«Ist dir nicht kalt?», fragt Valentin. Timon schüttelt den Kopf, schaut kurz auf, kneift die Augen zusammen und schaut gleich wieder weg. Valentin realisiert erst jetzt, dass er dem Jungen direkt ins Gesicht leuchtet.

«Ich kann dir eine Tasse heisse Schokolade machen.» Timon schüttelt den Kopf, haucht dem Hasen warmen Atem ins Fell. «Dann geh ich jetzt wieder rein», sagt Valentin. Er bleibt noch einen Moment stehen, bevor er sich mit dem Lichtkegel den Weg zurück bahnt.

«Okay», sagt Timon und steht schon neben Valentin. Gross ist er geworden, nur, dass er gar nicht mehr gekommen ist, seit Antonia hier war, das ist schon seltsam.

Valentin geht durch den tiefen Schnee, hinauf ins Dorf. Es schneit fast jede Nacht.

Heute ist er früh aufgestanden und hat zum ersten Mal mitgeholfen, den Raum für den Gottesdienst einzurichten. So lange Jahre hatte auch er die Versammlungsleute ein wenig belächelt, dabei ist es bei ihnen so einfach, dazuzugehören.

Frische Rehspuren führen in den Wald hinein; er kann es immer noch nicht recht glauben, dass er nie auf den Gedanken gekommen ist, dass Konrad zu den Versammlungsleuten gehört. Sie hatten sich vorhin nur kurz unterhalten, dann waren die zwei kleinen Mädchen mit den Zöpfen gekommen und hatten sich an Konrads Beine geklammert. Eine Schneeflocke fällt auf den dunklen Stoff seines Mantels. Valentin betrachtet sie, dann löst sie sich auf; irgendwann in diesem Leben muss er einfach doch wieder mit Tanja Kontakt aufnehmen.

Timon geht in die Küche. Oben im Schrank liegen jetzt immer Süssigkeiten, die Mutter hat ihm das sogar gezeigt und wieder gesagt, dass er nie mehr etwas vom alten Mann nehmen darf. Aber er glaubt nicht, dass sie die Polizei wirklich angerufen hat.

Meistens nimmt Timon Süssigkeiten mit in die Schule, und die anderen fragen jetzt manchmal, was er dabeihat. Nur einmal hat die Mutter gesagt, dass Timon wohl so viel Süsses isst, weil er noch wachsen muss.

Timon schaut zum Küchenfenster hinaus. Der Himmel ist grau, es liegt Schnee, er hat keine Lust, rauszugehen. Er läuft ins Zimmer und legt sich aufs Bett. Er möchte Musik hören oder sonst wenigstens einen eigenen Hasen haben, der könnte zum Beispiel auf dem Balkon wohnen. Sein Zimmer ist ja sowieso zu klein.

Folge 32

«Komm herein!»

Konrad klopft sich den Schnee vom Mantel und stellt ein Glas Honig auf den Tisch.

«Einheimischer Honig», sagt Konrad und fügt hinzu, «nicht dass du nur am Sonntag Honig aufs Brot streichst.»

Valentin öffnet eine Flasche Wein, füllt die Gläser, die beiden Männer nicken sich zu.

«Dich habe ich nicht erwartet bei Kati», sagt Konrad. Valentin nickt und trinkt. Konrad hebt sein Glas, «Auf dich», sagt er. Dann schweigen beide lange.

«Jetzt komm endlich!»

Antonia packt Timon am Jackenärmel, der will sich losreissen.

«Lass mich!», schreit er.

«Nein, du kommst jetzt nach Hause! Und schrei nicht so, man hört dich im ganzen Dorf.»

«Mir doch egal!«, schreit Timon noch lauter und reisst sich los. Antonia steht mitten auf dem Dorfplatz, ein paar Meter vom Haus ihrer Mutter entfernt. Sie stellt die volle Tüte ab; warum macht ihre Mutter immer so viele Weihnachtsgeschenke, sie muss wirklich nicht den Geiz von Chris kompensieren.

Antonia rennt los, packt Timons Kapuze und zischt durch die Zähne, «Du kommst jetzt sofort mit nach Hause!»

Timon wehrt sich und brüllt, «Ich gehe jetzt zu den Hasen!»

«Was für Hasen?», zischt Antonia. Da begreift sie es schon selber, «Du gehst da jetzt ganz bestimmt nicht hin!»

Sie zieht Timon an der Kapuze näher und diktiert ihm ins Ohr, «Du gehst da nicht hin. Kapierst du denn nicht, weshalb Grossmutter und ich dich jeden Tag von der Schule abholen?»

«Ihr kapiert selber nichts!», schreit Timon, seine Stimme überschlägt sich. Er zieht blitzschnell den Reissverschluss seiner Jacke nach unten, schlüpft aus den Ärmeln und rennt im Pullover davon. Antonia steht mit Timons Jacke in den Händen auf dem verschneiten Platz neben der Tüte mit all den Bescherungen.

«Timon!», ruft Antonia. Im Nachbarhaus ihrer Mutter geht ein Licht an.

Antonia stopft Timons Jacke in die Tüte. «Der spinnt doch», sagt sie. Die Einzige, die es hören kann, ist sie selber. Sie schleicht über den Platz, nach Hause, Lichter gehen an und wieder aus.

Timons Jacke wirft sie in sein Zimmer, dann trinkt sie in der Küche im Stehen zwei Gläser Wein. Sie blickt auf die magere Weihnachtstanne, dann an sich hinab; sie sollte Timon nicht immer einsperren und alleine lassen, wenn sie selber wegfährt, aber etwas muss doch jeder haben vom Leben. Vielleicht muss sie Markus doch mal mit nach Hause bringen, dafür ist Timon eigentlich alt genug. Den Rest des Weins kippt sie in die Spüle. Antonia wäscht sich das Gesicht, kämmt die Haare, putzt die Zähne. Sie füllt ein grosses Glas Wasser, trocken kann sie keine Schlaftablette schlucken. Sie horcht noch eine Weile in die Nacht, ob die Tür geht, und dann stellt sie sich einfach vor, Timon wäre ein paar Tage in der Stadt. Das hilft.

Durch den Garten verlaufen neue Spuren. Valentin schaut kurz nach, der Stall steht offen; zum Glück haben die Tiere nichts bemerkt. Er füllt frisches Wasser auf, Würfelfutter ist noch da. Er lockert das Stroh, jetzt im Winter kann man den Stall nicht ausmisten, man würde den Hasen das Nest zerstören. Eine halbe Karotte fällt auf den Boden, Valentin hebt sie hoch. Sie ist noch frisch, sogar geschält, er hält die Karotte ans Licht; was für ein sorgfältiges Kind.

Die Sonne bricht durch die Nebeldecke, der Schnee beginnt zu leuchten. Valentin steckt seine Hände tief in die Manteltaschen und macht sich auf den Weg.

Maria holt den Braten aus dem Ofen. «Wir können auch einmal bei mir Weihnachten feiern», sagt Valentin nach dem Essen. Robert schaut erstaunt auf, und Maria fragt, «Hat es dir nicht geschmeckt?»

«Doch, natürlich, aber jetzt, da Mutter nicht mehr dabei ist, könnten wir uns abwechseln.»

Maria schaut Valentin verständnislos an, «Das ist doch viel einfacher hier! Wie meinst du das denn?»

Valentin schaut auf seinen Teller, Maria legt ihm nochmals zwei Scheiben Braten darauf.

Valentin schliesst seine Haustür auf; immerhin hat er diesmal rechtzeitig daran gedacht, Geschenke zu besorgen. Er stellt den Selbstgebrannten von Robert auf den Tisch, die Rauchwurst und die Seife, öffnet die Flasche, riecht daran, trinkt ein Gläschen.

Dabei schiebt er das blaue Päckchen, das noch auf dem Tisch liegt, hin und her; es ist ja nur etwas Kleines. Soll er es anschreiben und vor den Hasenstall legen? Hoffentlich hat Timon Freude daran.

Valentin steht draussen auf der Treppe, lauscht in die Nacht. Eine Feuerwerksrakete zischt heulend in die Luft, dann schlägt die Kirchenuhr, viermal hell, zwölfmal dumpf und dann das Glockenspiel.

Die Menschen kommen aus den Häusern, plötzlich sind überall Stimmen und Lichter, ein Hund jault auf. Valentin zieht den Mantel enger um sich; als er noch ein Bub war, hatte er an Silvester mit seinen Kameraden das ganze Dorf mit Kuhglocken aus den Betten geläutet.

Aus dem Wald kriechen zwei Lichter, kommen näher, der Wagen hält vor seinem Haus. Konrad öffnet die Hintertür, «Kommt!» Zwei Mädchen springen heraus und bleiben vor der Treppe stehen.

«Ein gesegnetes neues Jahr», sagt Konrad.

«Danke!» Valentin schaut die drei erstaunt an, «Wollt ihr hereinkommen?»

«Wischt eure Schuhe ab», sagt Konrad. Valentin setzt den Mädchen in der Küche eine heisse Schokolade vor,

«Seid ihr denn nicht müde?» Sie schütteln die Köpfe, dass die Zöpfe fliegen.

Folge 33

«Nicht so wild!», sagt Konrad und zu Valentin, «Wir haben dich vermisst.»

«Wann?»

«Bei der Neujahrsmesse.»

«In der Dorfkirche?»

«Nein, bei uns.»

Die Mädchen stellen ihre Tassen hin, «Du hast gesagt, dass wir zu den Hasen gehen!»

Sie ziehen ihren Grossvater an beiden Händen, «Ich komme ja schon.»

Konrad lässt die Tür offen stehen. Valentin sitzt vor seinem Glas, trinkt nicht, starrt nur hinein; warum hat ihm niemand gesagt, dass heute eine Versammlung stattfindet? Er dreht das Glas in den Händen; aber mitten in der Nacht herkommen, die Tür offen stehen und die Kälte herein lassen. Er trinkt sein Glas in einem Zug leer.

Konrad hält die Hasen am Genick und setzt sie in der Küche ab. Die Mädchen kauern sich zu den Tieren nieder, spielen mit ihnen, bis sie Lust auf eine zweite heisse Schokolade haben. «Zum Trinken setzt ihr euch», sagt Valentin. So barsch wollte er es gar nicht sagen. Die Mädchen schlürfen leise. Beide halten in der einen Hand die Tasse und im anderen Arm einen Hasen, und dann springen sie schon wieder vom Stuhl. Sie hoppeln mit den Hasen durch die Küche, den Korridor, die Wohnstube, hüpfen aufs Kanapee und wieder herunter, zurück in den Korridor.

«Nein, halt, raus!» Valentin springt auf, «Die Hasen kommen mir nicht ins Schlafzimmer.»


Jetzt lehnt Mutter ihren Kopf an diesen Kerl, Timon kann gar nicht hinsehen. Warum hat ihm die Mutter nicht gesagt, dass auch die zwei Typen zu Silvester kommen. Sie hat nur gesagt, dass Tanja kommt, die kennt er. Aber der eine Kerl hat ihm so eins auf die Schulter gehauen, Timon sticht die Gabel in ein Stück Fleisch. Er schiebt es auf dem Teller hin und her.

«Und du bist danach nie mehr zurück ins Dorf?», fragt der Kerl, der Timon gehauen hat.

Tanja sagt, «Ich war noch zweimal hier oder dreimal, höchstens.»

«Und du hast das Dorf nie vermisst?»

«Naja, meine Freunde schon, aber sonst?»

Die Mutter stösst den Kerl an, da sagt Tanja, «Schon gut, Antonia. Ich sage, wenn ich nicht weiter drüber reden will.»

Sie hebt das Glas und sagt, «Ich kann ja sogar damit leben, dass du wieder hier lebst.»

Die Mutter guckt Tanja ein wenig verschreckt an.

Die redet einfach weiter, «Einmal wollte meine Mutter noch mit mir herkommen. Sie hat dann plötzlich den Wagen gewendet, gleich bei der Kadaversammelstelle. Kein Wort hat sie gesagt, und dann sind wir einfach wieder nach Hause gefahren.»

Beide Männer nicken; so wie die aus der Wäsche gucken, verstehen sie genauso wenig wie Timon. Aber die Mutter sagt, «Das einzig Richtige!»

Tanja lacht, «Ja, und am einzig richtigen Ort gewendet hat sie auch.»

Jetzt lachen alle vier. Sie lachen laut und gleich schon wieder über etwas ganz anderes, weil sie sich an den Ellbogen einhaken und so aus den Gläsern trinken. Timon schaut zu, die Mutter hat rote Wangen, er zieht den Kopf ein wenig ein. Sie stellen die Gläser wieder ab und jetzt beginnen sich Tanja und der eine Kerl zu küssen, und die Mutter schaut den anderen Kerl an und dann schaut sie kurz zu Timon, bevor sie selber den anderen Kerl küsst. Sie macht die Augen zu, öffnet sie aber nochmals kurz und guckt genau zu Timon. Er sieht nur ein Auge und schaut schnell weg.

Die hören alle nicht mehr auf zu küssen und fassen sich an den Hals. Timon schiebt den Stuhl zurück, duckt sich und schleicht vom Tisch. Im Korridor nimmt er die Jacke, die Schuhe, die Mütze, macht die Tür leise zu. Er hört nochmals, wie sie lachen, nimmt schnell Stufe um Stufe und ist draussen.

Timon rennt, damit er nicht friert, drinnen war es heiss. All das Zeug, das die geredet haben, das war so peinlich, vor allem die Mutter und erst recht dieser Kerl.

Beim alten Mann brennt noch Licht. Timon schleicht durch den Garten, das Stalltor steht offen. Aber wo sind die Hasen?

Timon schaut sich um. Oben in der Küche brennt Licht, er geht der Wand entlang und späht durch die Glastür in den Korridor.


Konrad öffnet die Haustür. «Wer klingelt denn um diese Zeit?», sagt er und dreht sich zu Valentin um. Valentin legt Timon die Hand auf den Kopf und führt ihn in die Küche, «Komm.»

Timon steht in der Küche und schaut zu den Mädchen, die beide einen Hasen im Arm haben. Valentins Blick fällt auf das kleine Paket, «Schau mal, das ist für dich.» Timon schaut zu Valentin, zögert, dann nimmt er das Paket, «Danke.»

Valentin schenkt Wein nach, die drei Kinder spielen mit den Schnauzbärten, die im Paket waren, kleben sie sich gegenseitig auf und müssen sehr lachen. Dann gehen sie mit den Hasen wieder in die Stube, und als die beiden Männer nachschauen, sind die drei auf dem Boden eingeschlafen. Alle haben noch immer einen Schnauzbart aufgeklebt.

«Woher kennst du diesen Jungen?», fragt Konrad.

«Er lebt im Dorf.»

«Und er kommt oft hierher?»

«Hie und da», sagt Valentin. Nach einer Weile fragt Konrad, «Und er kommt alleine in der Nacht hierher?»

Valentin wiegt nur den Kopf. Konrad schweigt, bis er nochmals fragt, «Muss der Junge denn nicht nach Hause?» Er schaut Valentin besorgt an, «Oder sollte man seine Eltern anrufen?»

«Das ist doch nicht nötig», sagt Valentin.

«Die müssen wissen, wo ihr Kind ist, an Silvester.»

«Das wissen die bestimmt», sagt Valentin, er spürt, wie Konrad ihn von der Seite anschaut.

«Bist du sicher?»

Folge 34

Folge 34Valentin schweigt, schaut ins Leere.

«Warum willst du sie denn nicht einfach anrufen?»

«Um diese Zeit?»

«Wenn das Kind um diese Zeit bei dir ist, kannst du doch auch die Eltern anrufen.»

Konrad steht auf. «Das sind doch keine Zustände», sagt er und geht in die Stube. Valentin geht ihm hinterher, sie schauen hinab auf die schlafenden Kinder.

«Ich bringe jetzt sowieso die Mädchen nach Hause», sagt Konrad, «sag mir, wo der Junge wohnt, den nehm ich gleich mit.»

Valentin schaut dem Wagen hinterher, wie er langsam durch den Neuschnee steuert, «Das sind doch keine Zustände.»


«Muss er nicht bald wieder arbeiten?», fragt Timon. Die Mutter stellt die Kaffeekanne auf den Tisch.

«Heute nicht», sagt dieser Markus. Timon hat gar nicht mit ihm geredet. Aber der redet einfach weiter, «Heute habe ich noch frei, und wir machen einen Ausflug.»

Timon schaut Markus nun doch an, von schräg unten, und der sagt, «So können wir beide uns ein wenig kennenlernen.»

Timon beisst in sein Butterbrot. Die Mutter brät Speck und sagt zum Tisch herüber, «Und zwar alle gemeinsam, nicht wie an Silvester, ist das klar?» Markus schaut Timon an und sagt, «Aber sag mal, warum isst du schon, wenn deine Mutter noch nicht mal mit uns am Tisch sitzt?»

Timon hält im Kauen inne, schluckt alles hinunter und dann sagt er zu Markus, «Du kannst ihr ja helfen beim Frühstückmachen.»

Die Mutter stellt die Bratpfanne auf den Tisch und setzt sich.

«Siehst du, das habe ich gemeint», sagt sie. Sie versucht sogar, Markus dabei anzulächeln, und dafür hasst Timon seine Mutter. Aber dieser blöde Kerl lacht laut und sagt nur, «Na, das geht vorüber.»

Und dafür hasst Timon Markus, der sich Speck und Brot in den Mund schiebt und schmatzt und irgend etwas sagt mit vollem Mund, und dann küsst die Mutter ihn auf diesen vollen Mund. Timon ekelt sich; hat der eigentlich gar keine Manieren. Er stellt seine Tasse auf die andere Seite vom Teller, damit Markus ihm nicht hineinspuckt.

Aber dann haut Markus ihm wieder die Hand auf die Schulter, dass es ihm dunkel im Kopf dröhnt. Timon duckt sich unter dieser Hand, starrt auf seinen Teller. Er schaut ein wenig zur Seite, bewegt sich fast nicht; wann nimmt Markus die Hand endlich weg?

Der schaufelt sich mit der Gabel in der anderen Hand sein Frühstück in den Mund. Er kaut, dann klopft er Timon nochmals auf die Schulter und lässt ihn endlich los. Timon rutscht von seinem Stuhl und verschwindet im Zimmer.

«He, du kommst mit!», ruft Markus. Timon hört, dass die Mutter sagt, «Lass ihn, er kommt dann schon. Einschliessen kann er sich ja nicht mehr.»


An diesem zugefrorenen Weiher war Timon noch nie, nicht einmal im Sommer. Den hat ihm die Mutter nie gezeigt, dabei sind sie nur über den Fluss und nachher gar nicht lange gefahren, bis sie hier waren.

Seine Füsse sind eiskalt. Timon geht am Ufer herum, die Zehen frieren gleich ab; er will hier gar nicht sein, er will nicht auf dem gefrorenen Weiher stehen, aber sie haben ihn gezwungen.

Timon steckt die Hände in die Hosentaschen, spuckt auf den vereisten Boden. Die Mutter hängt sich an den Arm von diesem Markus, Timon dreht sich um; er will das nicht sehen. Dann stehen sie schon vor ihm.

«Ist das nicht schön!», sagt die Mutter und rutscht auf dem Eis fast aus. Markus fängt sie auf, das hat sie sicher absichtlich gemacht.

«Was ist daran jetzt so geil?», fragt Timon. Er wollte es eigentlich nur leise sagen, aber Markus kommt schon ganz nah zu Timon hin, «Kannst du eigentlich auch mal Danke sagen?»

Timon schaut Markus nur kurz an, macht einen Schritt zur Seite, und dann sagt er, «Wofür sollte ich dir danken?»

Die Mutter zündet sich eine Zigarette an. Markus schaut erstaunt zu ihr, runzelt die Stirn und sagt, «Ich dachte, du bist nur Gelegenheitsraucherin?» Jetzt verdreht die Mutter die Augen, genau so, wie wenn die Lehrerin anruft. Sie hat recht, denkt Timon, und schaut ihr zu, wie sie ein paarmal tief an der Zigarette zieht. Dann schaut sie Markus ins Gesicht und sagt zu ihm, «Wenn das keine Gelegenheit ist.»

Markus wird rot im Gesicht, und das findet Timon ganz okay, auch deswegen, weil sie jetzt endlich wieder ins Auto steigen und Markus auf der Fahrt einmal nicht redet.

Am Abend heult die Mutter trotzdem; dabei ist es doch gut, dass Markus weg ist. Die Mutter sitzt am Tisch, schiebt ihr Telefon hin und her und zieht Rotz hoch. Timon weiss nicht genau, was er sagen soll, weil sie sonst nur heult, wenn sie mit Timon Streit hat.

»Er kann ja wiederkommen», sagt er zu ihr. Die Mutter putzt sich die Nase, wischt mit der Hand über die Augen und lächelt Timon an. Timon stellt seinen Teller in die Spüle und geht in sein Zimmer. Er setzt sich auf das Bett; irgendwie ist es blöd, dass er das gesagt hat. Dann springt er plötzlich auf, stürmt in die Küche und ruft,

«Er muss wiederkommen!»

Die Mutter sagt, «Moment, Tanja», und nimmt ihr Telefon vom Ohr. Sie schaut Timon erstaunt an, und dann sagt sie, «Markus kommt schon wieder, aber morgen muss er arbeiten.»

Timons Fäuste beben, «Nein, er muss sofort wiederkommen, er hat meinen Schlüssel!»

Folge 35

Timon sitzt neben dem Hasenstall, seine Hand liegt auf einem Stein. Er blinzelt gegen die Sonne zu Valentin hinauf. Dann hebt er die Hand und nimmt einen Zug von der Zigarette und bläst den Rauch aus.

«Es wird Frühling, schön», sagt Valentin, er stützt seine Hände in die Hüften. Timon sagt, «Ja, dann muss man nicht immer so viel anziehen.»

Valentin nickt, dann fragt er, «Hast du bald Ferien?»

«Glaub schon», sagt Timon und hustet. Valentin stützt sich an der Wand ab, dann kniet er vor das Stalltor, macht es auf, die Hasen haben frisches Gras, frisches Wasser.

«Hast du die Hasen gefüttert?»

Timon nickt, «Ja, das Gras habe ich auf der Wiese ausgerissen. Aber gehört denn diese Wiese überhaupt dir?»

«Nein, die gehört dem Bauern.»

«Dem Bauern mit dem Schnauz? Dem gehört auch das Haus, in dem ich wohne.»

«Ja, dem gehört alles», sagt Valentin und richtet sich mühsam wieder auf.

«Schon seinem Vater hat alles gehört, und schon der hatte den gleichen Schnauz. Mein Vater hat ihn immer Seelöwe genannt.»

«Wegen dem Schnauz?»

«Auch wegen dem Schnauz, aber vor allem wegen dem Unternehmen Seelöwe.»

«Was ist das Unternehmen Seelöwe?», fragt Timon.

«Das war ein gescheitertes Kriegsmanöver, von Hitler», sagt Valentin. «In der Schule reden auch alle von Hitler», sagt Timon.

«In Geschichte?»

«Nein, in der Pause.»

«Was reden sie denn?»

«Weiss auch nicht», sagt Timon. Er nimmt einen Zug und hustet, dann fragt er, «Wer ist denn eigentlich Hitler genau?»

Valentin hält inne, dann fragt er, «Hast du schon einmal vom Zweiten Weltkrieg gehört?»

«Ja», sagt Timon und schaut auf. Valentin schaut auch auf, «Hat jemand gerufen?»

Konrad kommt um die Ecke. «Hier bist du», sagt er. Konrad bleibt stehen, blickt auf den Jungen, «Was machst du denn da?»

«Ich schaue nach den Hasen.»

«Mit einer Zigarette in der Hand?», fragt Konrad. Er schaut zu Valentin, und dann gleich wieder zu Timon, der einen Zug nimmt, und fragt, «Sag mal, wie alt bist du denn?»

«Im Sommer werde ich elf», sagt Timon, und dann fragt er, «und Sie?»

Konrad antwortet nicht darauf, er fragt, «Woher hast du denn die Zigarette?»

Er dreht sich zu Valentin, aber Timon antwortet, «Von meiner Mutter.»

«Und die gibt sie dir etwa?»

Konrad wendet sich wieder Valentin zu, «Und du sagst nichts dazu?» Valentin schaut zu Konrad, dann zu Timon; ja, der Bub raucht, das hat er schon gesehen, nur ist es ihm irgendwie trotzdem nicht aufgefallen, das erschreckt ihn jetzt selber. Valentin will Konrad etwas antworten, da sagt Timon, «Aber hier darf ich rauchen.»

«Das ist nicht dein Ernst!», sagt Konrad zu Valentin.

«Wenn ich doch zu Hause nicht rauchen darf», sagt Timon. Dabei zieht er die linke Augenbraue hoch, das hat Valentin bei dem Jungen noch nie gesehen.

Timon legt die Zigarette unter einen Stein, dann steht er auf und sagt, «Ich muss gehen.»

Timon schaut nochmals in den Hasenstall hinein, winkt Valentin kurz zu.

Dann geht er davon, so, als würde er über Steine in einem Bach balancieren.

Konrad steht jetzt ganz dicht bei Valentin, «Ist das wirklich dein Ernst?» Valentin antwortet nicht gleich; was soll er sagen, er ist doch auch schockiert. Verboten hat er dem Jungen das Rauchen tatsächlich nicht, er hat es ja bisher nicht einmal bemerkt. Und gerade eben, da hat Timon so selbstverständlich geraucht, dass es ihm wirklich erst aufgefallen ist, als Konrad nachgefragt hat.

Konrad redet weiter auf ihn ein, «Das ist noch ein Kind, Valentin!» Er sagt es in diesem Ton, Valentin schnauft. Plötzlich macht ihn das alles wahnsinnig wütend; dafür ist er einfach nicht verantwortlich, sicher nicht er alleine.

«Timon ist nicht mein Kind.»

Darauf schweigt Konrad eine Weile. Valentin hofft, dass er einfach wieder geht; er hat nicht einmal gesagt, warum er überhaupt hergekommen ist. Konrad fängt wieder an zu reden, er hat plötzlich eine belegte Stimme, «Es ist ja schon eine Weile her. Aber ich muss dir das einfach noch sagen, wegen Silvester. Das war nicht gut, dass du die Mutter nicht angerufen hast, gar nicht gut.»

Konrad hält inne, Valentin spürt, dass er ihn anschaut.

«Sie hat sich grosse Sorgen gemacht, und als ich ihr gesagt habe, wo der Junge war, ist sie sehr wütend geworden. Der Junge hat nur geschrien, sich die Ohren zugehalten und ist ins Zimmer gerannt. Und Gäste waren auch noch da, vor denen hat sich die Mutter geschämt.» Valentin dreht sich langsam zu Konrad um. Der stockt, bevor er sagt, «Sie hat mir gesagt, dass du den Jungen zu dir lockst, mit Süssigkeiten.»

«Was?», ruft Valentin, lauter als er wollte. Und viel leiser sagt er, «Lügen konnte sie schon immer gut.»

Valentin presst die Lippen zusammen, schaut Konrad mit schmalem Blick in die Augen.

«Komm wieder zu uns», sagt Konrad, «du fehlst uns.» Valentin schiebt mit dem Fuss einen Stein zur Seite, darunter kommen Zigarettenstummel zum Vorschein.

Er bückt sich, sammelt sie alle auf, hebt andere Steine auf. Er legt sich all die Stummel in die Hand, bemüht sich, dass man ihm die Rückenschmerzen nicht ansieht.

Konrad spricht immer noch weiter, es klingt, als wäre er weit weg. Valentin wendet jeden Stein, macht einen Haufen aus den Stummeln. Überall sind Zigarettenstummel; wann hat der Junge hier so viel geraucht?

Folge 36

Er nimmt alle auf und geht damit auf das Haus zu, ohne sich noch einmal nach Konrad umzusehen. Er wirft die Stummel in den Abfall und wäscht sich gründlich die Hände.

Valentin setzt sich an den Tisch, stützt den Kopf ab; Konrad hockt bestimmt schon wieder bei Maria in der Küche. Oder unten bei Kati, Hauptsache, sie können reden. Das ändert sich nie, wie konnte er überhaupt daran glauben, dass die Leute aus Gottes Mühle anders wären. Dabei hat sich gerade eben ein richtiges Gespräch mit dem Jungen angebahnt. Valentin schlägt die Faust auf den Tisch, dass er selber erschrickt; dann soll Konrad eben bei Maria in der Küche hocken und mit ihr über Timon reden oder seinetwegen unten am Fluss mit all seinen Rechtschaffenen über ihn reden. Er wird sich ganz bestimmt nie und nimmer bei Antonia in Timons Erziehung einmischen.

Im Bistro gleich um die Ecke gibt es ein günstiges Mittagsmenu. Eigentlich kann sich Antonia das gar nicht leisten, hin und wieder geht sie trotzdem mit; die anderen müssen nicht wissen, wie knapp sie immer dran ist.

«Na, wie läuft es bei euch?», fragt Claudia. Antonia kaut und schluckt und wiegt den Kopf hin und her.

«Ganz gut», sagt sie und trinkt einen Schluck Leitungswasser.

«Scheint ja ein guter Fang zu sein», sagt Sibylle und lacht. Antonia lacht mit, dann sagt sie, «Nur mit Timon, das ist schwierig.»

Sie isst weiter; warum hat sie das jetzt gesagt, das geht keinen was an. Da fragen sie schon nach, «Mit Timon und deinem Freund?»

Antonia nickt.

«Ist doch ganz normal», sagt Claudia, «mein Freund hat auch zwei Kinder. Das ist nicht ganz einfach, sie wollen am Sonntagmorgen nicht zu uns ins Bett kommen. Die Kleinere kommt zwar, seit Silvester, das haben wir als gutes Zeichen für das neue Jahr ausgelegt.»

«Ich geh mal rauchen», Antonia steht auf. Ihr zittern ein wenig die Knie, draussen scheint ihr die Sonne ins Gesicht. Sie nimmt schnelle Züge, mit dem Rücken zum Fenster, schliesst die Augen; warum hat sie mit dem Thema angefangen.

Die Sonne wärmt ihre Augenlider, Antonia atmet tief durch und geht wieder hinein.

«Wir haben schon mal abräumen lassen», sagt Claudia.

Antonia hat eigentlich noch Hunger, aber das kann sie ja nicht sagen, soll der Kellner etwa den Teller wieder bringen? Sie nickt und sagt, «Okay.»

Der Kellner bringt Kaffee und schaut Antonia an. Sie sagt, «Ich muss mal weiterarbeiten gehen», und zum Kellner, «kann ich bezahlen?»

Antonia kramt ihre Geldbörse hervor, der Kellner wartet; sie war doch gestern nicht einkaufen. Der Kellner guckt in die Luft, sie sucht; gestern hat sie Geld abgehoben, auch zwischen den Zetteln ist nichts, da sind nur noch ein paar Münzen.

«Kann ich mit der Karte bezahlen?»

«Erst ab zwanzig.»

Sibylle deutet mit der Hand auf ihr Portemonnaie. Antonia winkt ab und sagt rasch, «Dann nehm ich doch einen Kaffee.» Die anderen haben ihren Kaffee schon getrunken, Sibylle beginnt etwas zu schwatzen, Claudia sucht ihren Schal. «Geht nur, ihr müsst nicht auf mich warten», sagt Antonia. Claudia steht wirklich auf und sagt, «Bis gleich.»

Antonia versucht zu lächeln, winkt den anderen nervös mit den Fingern zu. Der Geldbeutel war immer in der Tasche, die Tasche hing immer neben ihr im Büro, und zu Hause hat sie die Tasche an die Garderobe gehängt, neben den leichten Mantel. Frau Meierhofer kommt ja nicht einfach in die Wohnung, so verwirrt ist sie noch nicht, und Besuch war gestern keiner da.

Timon dreht die Musik auf. Dazu muss er aufstehen, die Fernbedienung funktioniert nicht. Aber er hat endlich eine eigene Musikanlage, von Vater, weil der sich eine neue gekauft hat. Und er kann sie richtig laut stellen, Timon steht nochmals auf und dreht noch lauter. Er schaut nach, ob er seine Tür wirklich abgeschlossen hat. Dann legt er sich hin und hört Musik, so laut wie möglich. Im Kopf hat er tausend Farben.

Er blättert im Heft; das lesen alle in der Schule und wissen dann, welche Musik gut ist. Timon hat es sich gestern gekauft, er hat im Laden getrödelt, bis das Mondgesicht an der Kasse war. Die andere Verkäuferin hätte sicher gemerkt, dass er mit einer Hunderternote bezahlt. Timon lauscht; hat es geklopft? Egal. Er liest weiter; hier, das sind die Bilder, die er bei Karl auf dem Mäppchen gesehen hat. Timon geht zum Pult und schneidet die Bilder aus.

Dann legt er sich wieder aufs Bett, auf den Rücken, er schliesst die Augen; die Musik, der Bass, sein Herz schlägt laut und blau und schön im Takt. Aber dann schreckt er auf; warum steht Markus plötzlich im Zimmer? Vom Türrahmen aus schaut die Mutter hinter Markus hervor.

Markus packt ihn am Arm. Timon wehrt sich; der darf ihn nicht anfassen, und ausserdem tut es weh. Markus macht einen Schritt zurück und schützt seine Eier, das sieht sehr blöd aus, und die Mutter macht ein verschrecktes Gesicht.

«Du gibst jetzt sofort das Geld heraus!», sagt Markus.

Er macht einfach die Musik aus.

«Mach sofort die Musik wieder an!», schreit Timon.

Markus baut sich vor Timon auf, «Wo ist das Geld von deiner Mutter?»

Timon ist sich ganz sicher, dass er sein Zimmer abgeschlossen hat, er hat ja extra nachgeschaut. Warum hat Markus wieder einen Schlüssel in der Hand, haben sie den nachmachen lassen?

Folge 37

«Das ist mein Zimmer!», schreit Timon, «Also hau ab!» Er legt sich wieder aufs Bett, verschränkt die Hände hinter dem Kopf, hält die Füsse gekreuzt. Markus kommt näher, jetzt fängt er an, Timon zu schütteln. Timon lässt ihn zuerst einfach machen und tut, als würde er nichts merken. Dann streckt er plötzlich ein wenig sein Bein, kickt ein bisschen mit dem Fuss, und Markus schreit auf wie ein Tier. Er lässt Timon sofort los und sackt zusammen, krümmt sich auf dem Boden, und erst jetzt bewegt sich die Mutter wieder. Sie rennt zu Markus und beugt sich über ihn, der brüllt nur.

Timon springt auf, an Markus vorbei, die Mutter will ihn am Fuss fassen. Sie erwischt ihn aber nicht und Timon ist draussen.

«Ihr Arschlöcher!», sagt er laut vor sich hin. Er nimmt den Roller und saust davon, aus dem Dorf und über die Brücke, durch den Wald, hinüber ans andere Flussufer. Hier war Timon noch nie alleine.

Antonia schnieft und putzt die Nase; jetzt heult sie schon vor der eigenen Mutter. Eigentlich kommt es darauf auch nicht mehr an.

«Markus hat gesagt, er kommt nur noch, wenn Timon weg ist», Antonia wischt sich mit dem Ärmel über die Augen. «Ich würd mir das ja auch nicht gefallen lassen», sagt sie.

Die Mutter legt den Arm um Antonia, «Vielleicht muss Markus einfach ein wenig Geduld haben mit Timon.»

Antonia rückt weg und die Mutter lässt ihren Arm sinken.

«Zweihundert, sagst du?», fragt die Mutter und geht zur Kommode.

«Nein, Mutter, lass das!»

Die Mutter streckt Antonia zwei Scheine hin, «Hier, das kannst du doch sowieso brauchen.»

Antonia seufzt, steckt das Geld ein und sagt, «Hundert hat er in sein Sparschwein gelegt. Ein guter Rest war in seiner Hose, das Geld hat mir der Polizist gegeben.»

Antonia schliesst kurz die Augen; wie die Polizisten sie angesehen haben. «Dass man ein Kind so lange nicht vermisst!», hat der eine gesagt und auf die Uhr geschaut. Dann hat er ihr das Protokoll zum Unterschreiben hingestreckt und erklärt, Timon sei vermutlich gestürzt. Er müsse auf der Strasse liegengeblieben sein, ungeklärt bleibe, warum das Gefährt einen Totalschaden erlitten habe. Timon hat den Roller sowieso nie gemocht. Die Mutter bringt Weingläser, «Trink!»

Sie füllt ihr eigenes Glas und sagt, «Timon ist eben einfach am liebsten draussen, das ist doch nur gesund für so einen Jungen. Erinnerst du dich, wie er sich schon als kleiner Junge eine eigene Waldhütte gebaut hat?»

Und nach einer Pause sagt ihre Mutter, «Und wegen dem Geld, wir beide hatten doch auch unsere Schwierigkeiten.»

«Habe ich dir jemals Geld geklaut?»

Antonias Stimme überschlägt sich beinah. Die Mutter streicht sich mit der Hand über ihr eigenes Knie, hin und her. Antonia schaut ihre Mutter von der Seite an; sie weiss ja selber, dass das Internat alles restliche Geld von ihrem Vater aufgefressen hat. Leise sagt sie zur Mutter, «Wenn ich nur mal eine Weile meine Ruhe hätte.»

Die Stubenuhr tickt, wie sie immer schon getickt hat. Antonia steht auf, streicht ihrer Mutter zum Abschied nur ganz kurz übers Haar. Ihre Hand zittert dabei ein wenig.

Wer klingelt denn jetzt noch? Antonia steht auf, aus Timons Zimmer kommt kein Laut; Markus hat ihm Kopfhörer geschenkt.

Es klingelt ein zweites Mal, «Ja?»

«Kann ich mal hochkommen?», fragt eine Frauenstimme.

«Wer spricht denn da, und worum geht es überhaupt?»

«Es geht um mein Kind», sagt die Stimme, und nach einer Pause, «ich muss was mit Ihnen besprechen.»

«Wer sind Sie denn?», fragt Antonia, den Türöffner hat sie schon gedrückt. Im Korridor sind Schritte zu hören, Antonia legt sich die Hand auf die Stirn.

«Na?», sagt Antonia. Vor ihr stehen eine Frau und ein Knabe, der versteckt sich hinter seiner Mutter und weint in den Ärmel seines Pullovers. Antonia schaut sich nochmals nach Timons Zimmertür um, dann fragt sie, «Was hat er denn?»

Die Frau zieht den Bub an sich und streicht ihm über den Kopf, «Jetzt musst du es eben sagen.»

Da heult der Junge laut auf. Antonia dreht sich reflexartig um; wenn Timon das nur nicht mitkriegt. Der Bub klammert sich ans Bein seiner Mutter. Die legt ihm wieder die Hand auf den Kopf, «Also, dann sag ich es eben.»

Sie schaut Antonia in die Augen, «Geraucht hat er.»

Antonia muss kurz auflachen, die Augen der Frau werden schmal.

Antonia legt sich rasch die Hand vor den Mund, dann verschränkt sie die Arme und fragt, «Und deswegen klingeln Sie hier?»

Die Frau spricht langsam weiter, «Er hat mit Ihrem Sohn zusammen geraucht.»

Antonia bleibt mit verschränkten Armen stehen. Sie blicken sich bewegungslos in die Augen; wie unentschlossene Tiere, die noch nicht wissen, sollen sie angreifen, sollen sie fliehen. Antonia wiederholt, «Und eben, deswegen klingeln Sie bei mir? Um diese Zeit?»

Die Frau betont jetzt jede Silbe, «Ja, ganz genau. Ich klingle hier, weil Ihr Sohn meinen Bub zum Rauchen verführt hat. Ich weiss zwar nicht, woher er die Zigaretten hat, aber ich weiss, dass das nie mehr vorkommen wird.»

Folge 38

Antonia schaut an der Frau vorbei, sieht, wie die Tür zu Frau Meierhofers Wohnung zugezogen wird. Der Junge schluchzt noch immer; wenn Timon jetzt aus dem Zimmer kommen würde, hätten sie etwas, über das sie gemeinsam lachen könnten. Das ist schon lange nicht mehr vorgekommen, dass sie miteinander gelacht haben. Wie sich dieser Symbiont freiwillig an seinen Wirt kettet. Symbiont und Wirt, über derlei Systeme hat sie schon lange nicht mehr nachgedacht.

«Geht klar», Antonia spreizt die Finger ab, während ihre Arme verschränkt bleiben. Dann nickt sie und fügt hinzu, «Ich werde das im Auge behalten.»

Die Frau nimmt ihren Bub an der Hand und wendet sich ab, bleibt nochmals stehen. «Sonst müssen Sie mit mir rechnen.»

Antonia schliesst die Tür, lehnt sich an die Wand, schliesst die Augen. Es scheppert aus der Gegensprechanlage, «Da lebt also dieser Balg!» Die Frau lacht spitz auf und redet weiter, «Sei froh, dass du eine Mama und einen Papa hast.»

Antonia knallt den Hörer auf die Station. «Dieser Balg», sie starrt an die Wand. Dass sie verdammt noch mal jedes Mal vergisst, den Hörer der Gegensprechanlage aufzulegen.


«Und du denkst, bei uns auf dem Hof würde sich das legen?», fragt Maria. Lydia verwirft die Hände, «Ich dachte nur.»

«Man hört ja immer wieder davon, dass man diese Kinder auf Bauernhöfe bringt», sagt Maria und steht auf.

«Kaffee?»

Maria hantiert, verschüttet Pulver, schimpft, setzt sich wieder, «Wir sind alt, Robert und ich, das weisst du.»

Lydia nickt, «Ja, ich weiss selber, wie das ist.»

«Und viel machen können wir nicht. Der Bub kann hier jederzeit davonlaufen, zu den Kameraden. Er kann meinetwegen auf dem Feld helfen, nur, ob er dann wirklich kommt?»

«Ich verstehe. Ich dachte nur, weil Timon so gerne draussen ist, im Wald, und bei den Tieren.»

«Hat er denn eigene Tiere?»

«Eben nicht, dabei würde ihm das gut tun. So ein Einzelkind braucht doch einen Kameraden.»

Lydia schlürft den heissen Kaffee, dann sagt sie, «Sein Vater hat halt eine neue Familie, einen kleinen Jungen. Und dieser Freund von Antonia, ich weiss einfach nicht. Da ist es mir doch lieber, Timon ist bei Valentin, da kann er sein, wer er ist.»

Die beiden Frauen schweigen, dann steht Maria auf und öffnet die Haustür, «Konrad!»

Der steigt gerade aus seinem Wagen.

«Komm, wir sind in der Küche.»

Konrad setzt sich, stützt die Ellbogen auf den Tisch, hört aufmerksam zu, nickt, «Verstehe. Meine Tochter lebt mit ihren Kindern auch auf einem Hof. Meine Enkelinnen kennen Timon bereits, und die sind ihm bestimmt gewachsen.»

Lydia knetet die Hände, dann sagt sie, «Wenn sich Timon wirklich so gut mit den beiden Mädchen versteht?»

Konrad nickt.

«Vielleicht könnte er eine Weile auf dem Bauernhof deiner Tochter leben?»

«Ich frage sie», sagt Konrad.

«Das wäre doch prima», sagt Maria, «so wäre er eine Weile weg von seinen Kameraden.»

«Die Kameraden sind weniger das Problem», sagt Konrad ernst, und dann fragt er, «Weiss Timons Mutter, dass der Bub raucht?»

Lydia fährt auf, «Wer raucht?»

Konrad schaut sie an, «Timon. Er raucht hinter Valentins Haus.»

«Woher willst du das denn wieder wissen?», fragt Maria.

«Ich habe es gesehen», sagt Konrad.

«Weiss das Valentin?»

«Der stand dabei und hat nicht reagiert, als der Bub gesagt hat, dass er bei ihm rauchen darf.» «Das darf doch nicht wahr sein!», sagt Maria, «Hat er also doch nichts dazugelernt!» Sie schaut düster drein, «Dabei hatte ich in den letzten Monaten den Eindruck, dass Valentin sich verändert hat. Ich meine, positiv verändert.»

Maria schaut zu Konrad, «Seit er zu euch kommt. Das darf man ja auch einmal sagen.»

Konrad schaut nachdenklich, dann sagt er, «Valentin kommt schon eine ganze Weile nicht mehr zu den Versammlungen.»

Die drei schweigen, bis Konrad fragt, «Was meinst du denn damit, er hat nichts dazugelernt?»

Lydia macht eine wegwischende Bewegung, sie hat immer noch nichts gesagt.

Maria schüttelt den Kopf, dann sagt sie, «Der Zusammenbruch, damals.»

Konrad nickt, und Maria fährt fort, «Das war nicht nur der Beruf.»

Konrad schaut abwechselnd die beiden Frauen an, «Aber du hast mir nur das gesagt, damals. Was war es denn?»

Maria seufzt. «Er hätte einfach einwilligen müssen, es ging immerhin um seine eigene Tochter.»

«Wozu denn einwilligen?» Lydia zieht ihre Kaffeetasse näher zu sich hin und legt ihre Hände darum.

Maria sagt, «Seine Frau hat schon recht gehabt, da muss man einfach Anzeige erstatten. Ich wäre auch gegangen, an ihrer Stelle, wenn der eigene Mann sich weigert, seinen Lehrerkollegen anzuzeigen.»

Konrad kneift die Augen zusammen.

«So etwas verjährt eben nur auf dem Papier», sagt Maria nach einer langen Stille. Sie steht auf, «Kaffee, wer nimmt noch eine Tasse?»


«Warum hast du sie geschlagen?», fragt das Mädchen, das nicht geheult hat.

Beide schauen Timon an, hocken mit angezogenen Knien und hängenden Zöpfen auf dem Stroh. Timon zuckt mit den Schultern.

«Weisst es nicht mal, oder was?», sagt das eine Mädchen wieder und dann zum anderen, «Komm, soll er halt draussen bleiben.»

Folge 39

Die Mädchen gehen einfach aus dem Schuppen. Beide haben die Schultern auf der gleichen Höhe, wie ein richtiges Team.

Timon schaut ihnen nach, steht auf, wischt das Stroh von der Hose. Dann geht er auch hinaus, niemand ist auf dem Hofplatz. Er huscht hinüber zu den Schweinen, die machen Lärm, sie sind gerade gefüttert worden. Die haben so kleine Äuglein, und das Futter klebt ihnen an der Schnauze, Timon muss lachen. Ganz hinten quieken die kleinen Schweinchen und kämpfen um den besten Platz an den Zitzen der grossen Sau, die dort liegt. Timon zieht Rotz hoch, die Muttersau guckt ihn an, sie hat gelbe Wimpern.

«Hast du mich nicht gehört?»

Timon fährt herum. Der Bauer steht hinter ihm.

«Nein, warum?»

«Essen ist fertig.»

Der Bauer füllt die ganze Stalltür aus.

«Ich habe keinen Hunger.»

«Essen musst du trotzdem», sagt der Bauer und geht. Timon geht hinterher, er weiss selber nicht genau, warum er das Mädchen gehauen hat. Er hat es einfach gemacht, aber er will nicht darüber reden.

Der Bauer versperrt den ganzen Platz im Korridor. Alles an ihm ist gross, die Hände, die Stiefel. Timon steht hinten auf den Schuh und zieht den Fuss heraus.

«So gehen die Schuhe am schnellsten kaputt», sagt der Bauer, «Mach die Schnürsenkel auf, ist sonst schade.» Der Bauer reibt seine Hände am Waschbecken mit Seife ein. Timon kauert nieder und versucht, die Schnürsenkel zu lösen, es geht nicht. Timon steht also auf den zweiten Schuh und zieht den Fuss heraus.

Alle sitzen schon am Tisch, die Teller sind voll. Timon will gar nicht so viel, er schaut auf den Teller und fängt an zu essen.

«Wir sprechen noch ein Tischgebet», sagt die Bäuerin. Timon legt die Gabel leise ab; das vergisst er jedes Mal.

«Willst du noch mehr?», fragt der Bauer. Er füllt Timons Teller und lacht, «Hast eben doch Hunger?»

Timon nickt und isst, da fängt eins der Mädchen an zu reden, und Timon hört auf zu kauen, «Heute Morgen haben wir …» «Schluck zuerst runter», unterbricht die Bäuerin.

Timon schluckt alles unzerkaut herunter, legt die Gabel weg. Er hat wirklich keinen Hunger mehr. Jetzt sagen die Mädchen alles, und dann kommt er dran. Sie fangen sowieso gleich an zu heulen und dann muss er wieder nach Hause, warum sind Mädchen einfach immer nur blöd? Dabei könnten sie ja zurückschlagen, schauen, wer stärker ist. Timon umklammert die Gabel mit der Faust, holt mit dem Bein aus, zielt, der Tisch wackelt. Timons Schienbein schmerzt, ihm wird halb übel.

«Hast du dir wehgetan?» Die Bäuerin schaut erschrocken, «Was ist denn passiert?»

Timon schüttelt den Kopf. Er schaufelt wieder Essen in sich hinein; so muss er nicht reden. Die Mädchen haben fertig gegessen, dann sollen sie eben petzen.

«Heute Morgen haben wir die kleinen Katzen gefunden!»

Timon schaut auf, «Wo?»

«Sagen wir nicht!»

Timon kneift die Augen zusammen, schluckt alles herunter.

«Sie haben schon die Augen offen», sagt das eine Mädchen. Das andere sagt, «Wenn du sie sehen willst, musst du den Test machen.»

Timon kneift die Augen zusammen. Warum haben sie nichts gesagt, und warum haben sie überhaupt kleine Katzen. «Welchen Test?»

Die Mädchen kichern blöd. Nur die Bäuerin gibt Antwort, «Kleine Katzen muss man sorgfältig behandeln. Man darf sie nicht zu früh berühren, sonst riecht die Mutter den fremden Geruch und lehnt ihre Jungen ab. Dann können die kleinen Kätzchen nicht überleben.» Timon hört der Bäuerin gut zu, die erzählt weiter,

«Einmal hat eine Katzenmutter ihre Jungen unten im Schrank auf den Winterjacken geboren. Aber das Nest war ganz sauber, ich musste nicht einmal die Jacken waschen.»

«Iiii!», rufen beide Mädchen. Die Bäuerin lacht,

«Quatsch, natürlich habe ich sie gewaschen.» Jetzt muss auch der Bauer lachen.

«Du kommst jetzt mit uns», sagen die Mädchen, nachdem sie den Tisch abgeräumt haben. Timon schleicht nur langsam hinterher, die Mädchen wollen sich schon wieder im Schuppen verstecken. Sie kauern nieder, winken Timon ganz nah heran, er soll mit ihnen die Köpfe zusammenstecken. Er muss sie einfach fragen,

«Warum habt ihr nichts gesagt?»

«Psst!»

Beide legen Timon eine Hand auf den Mund, er wischt sie weg.

«Das ist unser Geheimnis!»

«Ich meine, wegen heute Morgen, dass ich eine von euch …», Timon kann gar nicht fertigsprechen. «Eben, das ist unser Geheimnis, hör einfach auf damit, okay?» Timon schaut die Mädchen an. Meinen die das ernst, wollen die gar nicht darüber reden?

Sie kommen mit den Köpfen so nah, dass er sie gar nicht richtig anschauen kann. Er schaut nur auf die Zöpfe, die vor seinem Gesicht hängen.

«Also, hör zu», wispert die eine, «du musst nämlich gar keinen Test machen. Aber du darfst den Eltern niemals sagen, wo die Kätzchen sind. Die kommen sonst und wollen die Kätzchen anschauen, das machen sie immer.»

«Warum hast du es ihnen überhaupt gesagt?», schimpft das eine Mädchen.

Aber das andere fährt einfach fort, «Und dann berühren sie jedes Mal die Kätzchen, weil sie glauben, dass sie genug nach Stall stinken, aber die Katzenmutter geht trotzdem weg. Also, wenn du irgendwas machst, die Kätzchen berührst oder jemandem sagst, wo sie sind, dann verhauen wir dich. Okay?»

Folge 40

Jetzt gehen die Mädchen mit den Köpfen ein wenig zurück, schleudern sich die Zöpfe auf den Rücken und schauen Timon scharf an. Timon schaut von der einen zur anderen, ganz hat er das jetzt nicht verstanden. Er nickt trotzdem, «Okay.»

Valentin zieht Karotten aus der Erde, schneidet Blumen.

«Wird die Ernte gut?»

Er erschrickt, Konrad steht hinter ihm. Sie schauen sich wortlos an, bis Konrad sagt, «Ich dachte, ich komme wieder einmal vorbei.»

Valentin nickt, in einer Hand Karotten und Blumen, in der anderen die Gartenschere. Konrad räuspert sich, dann fragt er, «Wie geht es dir?»

Valentin weist mit der Schere über den Garten,

«Gut.»

Konrad schabt an einem Stein Dreck von seinem Schuh, «Das freut mich.» Valentin schaut Konrad direkt in die Augen und fragt, «Was bringt dich hierher?»

Konrad räuspert sich nochmals und sagt, «Ich komme wegen Timon, er ist bei meiner Tochter.»

«Wie meinst du das?»

«Timon, der Junge, der manchmal bei dir ist. Er ist jetzt in den Ferien, bei meiner Tochter, der Mutter der beiden Mädchen.»

«Ich weiss, wer Timon ist.»

Das Schweigen wird zu einem Kräftemessen, bis Valentin sagt, «Und wie kommt’s?»

Konrad macht einen Schritt auf Valentin zu. Valentin weicht zurück und sagt, «Ist das der Grund, weshalb du zu mir kommst?»

Konrad knetet seine Hände, «Ich wollte sowieso wieder einmal vorbeischauen.»

Valentin zieht die Augenbrauen hoch.

«Das mit dem Rauchen», Konrad spricht langsam, macht eine Pause, «Timon hat auch angefangen zu stehlen, da dachten wir, es wäre gut, wenn er eine Weile andere Luft schnuppern könnte.»

«Wer wir?» Valentins Stimme klingt scharf. Konrad geht hin und her, «Nun, das war die Idee von Timons Grossmutter und Maria.»

«Maria?»

«Lydia wollte ihn eigentlich zu Maria auf den Hof schicken.»

Valentin kneift die Augen zusammen, lässt Konrad nicht aus den Augen.

«Es sollte vor allem ein Ort sein, wo der Junge nicht rauchen kann. Wo er mal weg kommt von allem, auch von den Kameraden.»

Valentin hört Konrads Stimme wie von weither. Und dann hört er sich selber sagen, «Und wer hat dich zu mir geschickt?»

Konrad bleibt abrupt stehen und schaut Valentin an.

«Niemand», sagt er, «ich dachte, du möchtest das vielleicht wissen.»

Valentin verfolgt noch immer jede Bewegung von Konrad. Der geht wieder hin und her und sagt, «Und eben, wegen dem Rauchen.»

«Wer sagt denn, dass ich es ihm erlaubt habe!», fährt Valentin dazwischen. Dann schaut er Konrad an und sagt, «Du glaubst das einfach.»

Konrad steht still, «Dann hat Timon gelogen?» Darauf sagt Valentin nichts, bis Konrad einen Schritt auf ihn zukommt und sagt, «Einmal hast du auch gesagt, dass Antonia lügt.»

Valentin verschränkt die Arme und sagt, «Sind wir hier eigentlich in Afrika?»

Konrad bleibt stehen und runzelt die Stirn, «Was willst du denn damit sagen?»

Valentin hebt die Brauen, «Denkst du wirklich, dass es euch alle braucht, um dieses Kind zu erziehen?»

«Aber warum Afrika?»

«Das ist eine afrikanische Redewendung», sagt Valentin, «dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen.»

Er steckt die Gartenschere ins Beet, geht ins Haus, putzt die Karotten, stellt die Blumen in die Vase, räumt auf. Irgendwann ist er sicher, dass Konrad nicht mehr in seinem Garten steht.

Valentin wirft die Umschläge ein. Er kennt schon lange nicht mehr alle, die im Dorf leben, persönlich. Viele sind neu zugezogen; die wissen nicht einmal mehr, dass hier, wo dieses Wohnhaus steht, einmal ein grosser Hof stand, der bis auf die Grundmauern niedergebrannt ist, und dass niemand weiss, warum.

Neben ihm wird ein Briefkasten zugeschlagen. «Guten Tag!», sagt er. Er hat Antonia nicht kommen hören. Sie schaut nur kurz zu ihm herüber, zerrt am Schlüsselchen, es klemmt. «Kann ich helfen?», sagt Valentin und geht einen Schritt näher. Da lässt sich das Türchen doch öffnen, Antonia macht einen Schritt zurück und verzieht ihr Gesicht.

«Wie gefällt es Timon?», fragt Valentin. Antonias Blick wird noch düsterer, Valentin sagt schnell, «Er ist doch auf dem Bauernhof?»

Antonia legt den Kopf leicht schräg und zischt, «Da halten Sie sich einfach raus, ja?»

Sie wird noch leiser, «Sonst hole ich die Polizei.»

Antonia verschwindet im Hauseingang. Valentin schaut ihr hinterher; war er denn jetzt irgendwie unfreundlich?

Antonia knallt die Post auf den Tisch.

Woher weiss der Alte, wo Timon ist, haben die das etwa mit ihm ausgemacht? Die stecken wieder alle unter einer Decke, und überhaupt, warum glaubt Mutter, sie könne einfach mit anderen zusammen darüber beraten, ob Timon eine Luftveränderung braucht.

Hier soll sich gefälligst nie mehr einer in ihr Leben einmischen, schon gar nicht dieser verdammte Alte, der nicht einmal den Mut hatte, seinen Lehrerkollegen anzuzeigen, obwohl es um seine eigene Tochter ging. Das war schon immer so, hier, in diesem verdammten Scheissdorf, dass alle dreinreden, und wenn es wichtig wäre, schauen sie nur zu und keiner sagt was.

Folge 41

Antonia wirft sich aufs Sofa, schlägt mit den Fäusten auf die Kissen ein; sie hat nicht einmal nachgefragt, was das für Leute sind auf diesem Bauernhof und woher Timon die beiden Mädchen kennt, die angeblich dort leben. Wie blöd ist sie eigentlich? Timon kann dort nicht bleiben, ganz bestimmt nicht, nachdem sich wieder einmal alle gegen sie verschworen haben. Hier kann man niemandem vertrauen, hier traut man am besten nur sich selber. Das hat dieser Kerl ja gerade wieder bewiesen mit seinen verdammten Süssigkeiten.

Antonia steht auf, wäscht ihr Gesicht, trinkt einen starken Kaffee und steigt ins Auto.

Es ist schon ganz hell, Timon schaut aus dem Fenster. Er reibt sich die Augen, guckt auf den Wecker, es ist fast Mittag. Die Tür fliegt auf.

«Komm schnell!», rufen die Mädchen und schnaufen aufgeregt.

«Was ist denn?», fragt Timon. Er klettert in seine Hose, zieht irgendein Shirt an, rennt die Treppe runter, den Mädchen hinterher und klettert im Schuppen auf den wackeligen Strohballenturm.

«Du darfst sie jetzt in die Hand nehmen», sagen die Mädchen. Wie weiche Bälle tappen die Kätzchen herum. Sie klettern den Kindern auf die Arme und bis zu den Schultern, rutschen ab und verhaken sich mit den Krallen im Stoff. «Autsch!» Timon blutet ein bisschen an der Schulter, tupft das Blut mit dem Finger weg, «Macht nichts.»

Eins der Mädchen sagt, «Du hast das Shirt sowieso verkehrt herum an.»

«Am liebsten würde ich ein Kätzchen mit nach Hause nehmen», sagt Timon und nimmt das mit dem roten Fell in beide Hände.

«Das müssen wir besprechen», sagen die Mädchen gleichzeitig.

«Wie meint ihr das?», fragt Timon. Eins der Mädchen sagt, «Wir müssen abmachen, welches Kätzchen du haben kannst, und die Eltern fragen.»

«Ihr würdet mir sowieso keine Katze schenken», sagt Timon.

«Warum nicht? Wir dürfen niemals alle behalten.» Das rote Kätzchen tappt davon, es torkelt über das Stroh und bleibt mit der Pfote in einer Spalte zwischen zwei Strohballen stecken. Es sinkt ein, Timon muss lachen.

«Die Kätzchen müssen an einem guten Ort zu Hause sein», sagt ein Mädchen.

«Was ist ein guter Ort?», fragt Timon.

«Einfach bei Leuten, die gern Kätzchen haben.»

«Aber ich habe das Kätzchen doch gern.»

«Ja, eben.»

Timon schaut die Mädchen an, meinen die das ernst, aber eigentlich sehen sie nicht so aus, als würden sie Spass machen. Da reckt das eine Mädchen den Kopf, «Psst, was ist das!» Ein Auto fährt auf den Hofplatz. Das andere Mädchen zischt, «Köpfe runter!»

Die drei legen sich flach aufs Stroh, lauschen, robben weiter nach vorne und spähen zwischen den Strohballen auf den Hofplatz hinunter. Aus dem Auto steigt Timons Mutter. Die Kinder schauen sich an, sagen nichts, robben mit so wenig Bewegung wie möglich rückwärts. Dann bleiben sie liegen und gucken sich stumm an. «Ich bin einfach nicht da!», flüstert Timon leise und presst sich flach aufs Stroh. Das rote Kätzchen krabbelt ihm auf den Arm, das kitzelt. Und das Stroh sticht Timon in den Bauch und überallhin; aber egal, was macht seine Mutter hier? Er darf nämlich noch eine Woche hier bleiben, und dann darf er das rote Kätzchen mitnehmen, das haben die Mädchen wirklich ernst gemeint, sie müssen nur die Eltern fragen. Er presst den Kopf auf die Strohballen, schliesst die Augen, hält sich die Ohren zu. Er versteht trotzdem jedes Wort, das die Mutter sagt, «Nein, er kommt auf der Stelle nach Hause.»

Timon nimmt die Hände weg von den Ohren. Der Bauer spricht viel leiser, Timon kann nicht verstehen, was er sagt. Dann hört er wieder Mutters Stimme, «Ich muss mich ganz bestimmt vor niemandem rechtfertigen, wie ich mein Kind erziehe!» Jetzt sagt die Bäuerin etwas, Timon versteht nur den Schluss, «Wenigstens bis zum Wochenende könnte er doch bleiben?»

Timon hält sich wieder die Ohren zu, die Mutter ist so laut. «Glauben Sie nicht, dass Sie sich auch noch einmischen müssen!» Aber es mischt sich ja gar niemand ein, nie. Timon liegt erschöpft auf dem Stroh, schnauft flach, sein Herz klopft dumpf in die gepressten Strohballen hinein.

Die Mädchen warten beim Auto, der Bauer und die Bäuerin stehen daneben. Timon wirft seine Tasche auf den Rücksitz. Mit verschränkten Armen und zusammengepresstem Mund steht die Mutter neben der Fahrertür. Und auch sonst sagt niemand etwas. Timon gibt beiden Mädchen die Hand. Die Bäuerin streicht ihm über den Kopf und geht zu Timons Mutter, reicht ihr die Hand. Der Bauer bleibt stehen, wo er ist. Die Mutter setzt sich ans Steuer, «Steig ein.» «Dein Kätzchen!», schreit eins der Mädchen und rast davon. «Stimmt!» Das andere Mädchen klopft der Bäuerin aufgeregt auf den Arm, «Timon darf das rote Kätzchen haben! Das haben wir abgemacht!»

Timons Mutter steigt noch einmal aus dem Auto, geht zum Mädchen und zischt sie an, «Das kommt gar nicht in Frage.» Zu Timon sagt sie, «Und du steigst sofort ein, sonst setzt’s was.»

Timon sitzt auf der Rückbank. Die Mutter muss den Motor zweimal zünden, die Reifen spulen im Kies. Timon schaut aus dem Heckfenster, er sieht, wie die Bäuerin dasteht mit einem Mädchen an der Hand, wie sich der Bauer an den Kopf greift und wie das andere Mädchen mit dem roten Kätzchen aus dem Schuppen gerannt kommt. Es rennt und rennt und wird doch immer kleiner.

Valentin hockt auf seinem Küchenstuhl. Er starrt auf den Boden, das Muster der Platten wird vor seinen Augen grösser, dann wieder kleiner. Er steht auf.

Folge 42

Er geht hinaus, bringt die Hasen in den Auslauf, mistet den Stall, wirft den Mist auf den Kompost. Der Gestank brennt in der Nase, die Gedanken vertreibt er trotzdem nicht; dass Antonia gleich mit der Polizei gedroht hat, das macht man doch nicht. Und warum hat Konrad geglaubt, er müsse ihm mitteilen, dass Lydia den Jungen ursprünglich zu Maria bringen wollte.

Valentin geht zurück ins Haus, setzt sich an den Küchentisch. Man hat Timon also auf einen Bauernhof gebracht, das ganze Dorf ist involviert, und Konrad wird vorgeschickt, um es ihm schonend beizubringen. Valentin schüttelt den Kopf, dann hockt er einfach lange da.

Klar hat Timon hier geraucht, aber das hatte er nicht gewusst, bevor Konrad es entdeckt hatte. Was hätte er denn tun können, er war ja selber überrumpelt gewesen, als der Junge einfach gesagt hatte, dass er das hier darf. Und was hätte er denn damals tun können, vor Jahren, als das alles losgegangen war. Den Kollegen anzeigen, das war es, was seine Frau gewollt hatte, und sie war deswegen gegangen, weil sie nicht damit leben konnte, dass er den Kollegen nicht anzeigen wollte. Dass er im ersten Moment nicht damit leben wollte, dass der Kollege wegen seiner Anzeige die Stelle und womöglich seine Frau verlieren würde. Das hatte sie nicht akzeptieren können.

Er hatte alles aussergerichtlich abwickeln wollen; wem hätten denn strafrechtliche Konsequenzen etwas gebracht. Valentin nickt lange vor sich hin; mit seinem eigenen Leben jedenfalls hatte er weitermachen müssen, alleine. Natürlich ist ihm längst klar, dass er die Anzeige hätte machen müssen, das ist man seinem Kind schuldig, aber was hilft ihm das, jetzt, da alles verjährt ist.

Die Fensterläden sind geschlossen, Timon liegt auf dem Bett und hört Musik. Plötzlich steht die Mutter vor ihm, er hat die Tür nicht gehört.

«Du gehst am Wochenende zu deinem Vater.»

Die Mutter geht wieder und lässt die Tür offen. Timon setzt sich halb auf und schützt mit der Hand die Augen vor dem grellen Licht.

«Geh ich nicht!», ruft er laut.

«Gehst du doch», sagt die Mutter und schaut nochmals ins Zimmer.

«Hau ab!»

Die Tür fällt zu. Timon wirft sich wieder auf das Bett, schnuppert an seinem Shirt, es riecht noch ein wenig nach Stroh. Er kratzt sich das eingetrocknete Blut von der Schulter.

«Ich gehe», sagt Timon und zieht seine Schuhe an, «zu Vater.» Die Mutter sitzt vor einem Teller Pasta, sie nickt mit vollem Mund und schaut gar nicht auf.

«Kann ich vielleicht auch was essen?», fragt Timon. Die Mutter reagiert immer noch nicht, Timon kneift kurz die Augen zusammen, presst die Lippen aufeinander. Dann holt er sich einen Teller und eine Gabel, schlägt die Schublade zu. Die Mutter zuckt zusammen; sie schaut extra nicht zu ihm hin. Timon häuft Pasta und Tomatensauce auf den Teller und will Käse aus dem Kühlschrank nehmen. Der Kühlschrank ist voll mit Bier und Wein.

«Wo ist der Käse?», fragt Timon, «Und wofür hast du eingekauft?»

Jetzt gibt die Mutter endlich Antwort, «Markus kommt am Wochenende.»

«Wer?»

«Du kennst Markus, stell dich nicht so an.»

«Aber Käse kaufen kannst du nicht.»

Timon nimmt eine Bierflasche, öffnet sie, es zischt.

Die Mutter schaut auf, «Lass das, sofort!»

Timon hält die Flasche in die Luft. Die Mutter springt auf, «Es reicht, dass du rauchst!», schreit sie und stürzt auf Timon zu. Timon öffnet seine Hand, macht einen Hüpfer zur Seite, es klirrt, schneller Schaum fliesst durch die Küche.

«Du putzt das sofort auf!», schreit die Mutter, ihre Stimme ist so hoch, dass sie quiekt. Timon lacht heiser auf, dann nimmt er seinen Teller und geht ins Zimmer, er hinterlässt Bierpfötchen.

Die Mutter kommt hinterher, «Das putzt du sofort auf!» Gerade noch rechtzeitig dreht Timon den Schlüssel um.

Antonia wringt den Lappen aus, wischt alles nochmals auf. Dann setzt sie sich an den Tisch, stützt den Kopf in beide Hände; warum hat sie Timon nur zurückgeholt. Manchmal versteht sie sich selber nicht, sie hätte die Ruhe so gebraucht. Immerhin geht er am Wochenende zu seinem Vater, dafür muss sie den auch noch sehen. Aber den Jungen bei dieser Familie lassen, diese Versammlungsleute, da weiss man ja doch auch nie genau. Antonia setzt sich wieder gerade hin, isst ihren Teller leer, die Pasta ist lauwarm.

Chris hockt seitlich auf dem Fahrersitz, der eine Fuss steht auf dem Asphalt. Timon zieht die Reisetasche vom Hintersitz, schlägt die Tür zu, schleift das Gepäck zum Haus. Antonia schliesst von innen die Haustür auf, Timon geht an ihr vorbei, verschwindet im Treppenhaus. In seinem Zimmer geht Licht an, Musik wird laut.

Chris steigt aus, Antonia bleibt in der offenen Tür stehen.

«Na?», sagt Chris.

Antonia antwortet, «Na?», und verschränkt ihre Arme.

Sie hält sich mit den Händen an den Oberarmen fest.

Chris sagt, «Es war schön», und fügt hinzu, «mit Timon.»

Antonia schaut ihn nur an.

«Sprichst du nicht mit mir?», fragt Chris.

«Doch, ich dachte nur, da kommt noch was.»

Chris holt tief Luft, dann atmet er ruhig wieder aus.

«Na dann», sagt Antonia und dreht sich um. Sie hält die Tür nur noch mit der Schulter auf. Chris hebt die Arme etwas an, öffnet die Handflächen und fragt, «Kann ich noch was trinken?»

Folge 43

«Wenn du willst», sagt Antonia und zieht die Augenbrauen hoch.

«Na, dann nicht.»

«Wie du willst.»

Chris zögert, dann sagt er, «Timon hat mir nicht mal Tschüss gesagt.»

«Ich schick ihn nochmals runter», sagt Antonia und schon in der Tür fügt sie hinzu, «ich geh mal hoch.»

Chris stellt rasch den Fuss in die Tür, er soll wohl draussen warten, er bleibt so stehen, mit nur einem Fuss im Haus. Er schaut die Klingelschilder an; es hat keinen Mieterwechsel gegeben, seit er ausgezogen ist. Nur sein Name ist mit schwarzem Marker übermalt, immerhin hat sie die Kanten sorgfältig ausgemalt. Die Tür wird schwer, der Fuss schmerzt. Chris stemmt den Ellbogen dagegen, das war doch ein gelungenes Wochenende, der Kleine hängt sehr an Timon. Nur muss man manchmal auf Timon ein Auge haben, wenn er zum Kleinen schaut. Zum Glück ist nichts passiert, als er ihn in der Schaukel hat hängen lassen. Im Treppenhaus sind Schritte zu hören, Timon steht vor ihm.

«Na?», sagt Chris. Timon fragt, «Was ist?»

«Na, tschüss!»

«Tschüss», Timon zieht die Schultern hoch.

«Bis bald», sagt Chris. Timon steht nur da in seinem viel zu grossen Kapuzenpulli.

«Na dann, mach’s gut», sagt Chris. Timon nickt, wickelt seine zu langen Ärmel um die Hände, dreht sich um, rennt plötzlich los, nimmt zwei Stufen auf einmal. Chris lässt die Tür zufallen. «Mit mir hast du nicht in der Stadt gewohnt», hat Timon im Auto gesagt, sonst nichts. Nur diesen einen Satz, den er genau so schon längst kennt, von Antonia. Er hat einfach keine Lust mehr, darüber zu diskutieren.

«Was wollte dein Vater?», fragt die Mutter.

«Nichts», sagt Timon.

«Warum musstest du denn nochmals runter?»

«Weiss nicht.»

«War’s schön?»

«Okay.»

«Was habt ihr denn gemacht, in der Stadt?»

«Nichts.»

Es ist kühl, Valentin schliesst sein Mofa vor der Bäckerei ab. Kinder stehen auf dem Platz herum und schauen auf ihre Telefone; oder sind das schon Jugendliche?

«Kann ich deinen Hotspot?»

«Nein.»

«Aber ich?»

«Du schon.»

War das nicht Timons Stimme? Valentin schaut genauer hin.

«Timon», sagt er und hebt die Hand. Erst vor ein paar Tagen hat der Junge die Hasen ausgemistet. Timon ist einen Kopf kleiner als die anderen Kinder, die herumstehen; hat er ihn gar nicht gehört? Valentin ruft lauter, «Timon!»

Timon schaut auf und gleich wieder weg. Er zeigt einem Mädchen etwas auf seinem Telefon, das Mädchen stupst ihn an und zeigt auf Valentin. Sie sagt etwas und schaut Timon neugierig ins Gesicht. Timon schaut nicht auf, schüttelt nur den Kopf.

Valentin wendet sich ab und geht die Treppe hinauf. Hinter ihm schliesst sich die Schiebetür und verschluckt die Geräusche von draussen. «Das dunkle Brot ist ausverkauft», sagt die Verkäuferin. «Dann bitte zwei kleine vom hellen.»

Valentin braucht trockenes Brot für die Hasen, damit sie ihre Zähne wetzen können. Er nimmt das Rückgeld, ohne es zu zählen, geht an den Kindern vorüber, zündet den Motor, schiebt an und fährt los. Es holpert sehr, Valentin steigt ab; was ist mit dem Reifen, liegen hier Scherben? Er schaut sich um. Die Kinder schauen verstohlen zu ihm herüber und dann schnell wieder auf ihre Telefone. Valentin kniet sich nieder, der Reifen ist der Länge nach aufgeschnitten, er tastet den Schnitt ab, dann steht er langsam auf.

«Wir waren es nicht», sagt ein Junge, der grösser ist als die anderen, und macht einen Schritt auf Valentin zu, seine Stimme ist tief. Zwei Mädchen tuscheln, ein Junge hat sich die Hand vor den Mund geschlagen.

In der Küche schneidet Valentin das Brot auf, legt die Scheiben aufs Blech und schiebt sie in den Ofen; vor Jahren war der Religionslehrerin das Fahrrad geschlitzt worden. Er hatte der Klasse die Leviten gelesen, und weil es keiner zugeben wollte, hatten sie den Schaden aus der Klassenkasse bezahlt. Aber dass das ihm passiert, sollte er Anzeige gegen Unbekannt erstatten? Aber die Kinder waren ja alle auf dem Platz gewesen. Valentin fasst sich ans Auge, eine Träne fällt vor ihm auf den Tisch. Rauch quillt aus dem Backofen; er hat den Ofen viel zu heiss eingestellt. Nur Timon war nicht mehr da gewesen, als er aus der Bäckerei gekommen war.

Timon späht über den Zaun, im Garten ist niemand. Er öffnet das Tor, rennt über die Steinplatten, huscht der Wand entlang zum Stall und nimmt den Braunen heraus.

«Du miefst», flüstert er dem Hasen ins Ohr und schnuppert an seinem Pelz. Er drückt das Tier an sich und bläst ihm Wirbel ins Fell. Der Hase sitzt ruhig da und atmet schnell, seine Augen flitzen herum. Timon reisst Grasbüschel aus und hält sie dem Hasen vor den Mund. Er zieht die Knie an, drückt den Hasen an sich, der beginnt zu strampeln und zu kratzen, «Au!» Timon fasst sich ins Gesicht, an der Hand ist Blut, er packt den Hasen mit beiden Händen und sperrt ihn in den Stall. «Mistvieh!»

Timons Arme sind auch zerkratzt, das brennt, überall ist Blut. Timon kickt gegen den Stall und geht, an der Hausecke prallt er mit dem alten Mann zusammen.

«Was ist denn mit dir passiert?»

Timon fährt schnell mit dem Ärmel über das Gesicht,

«Nichts.»

«Du blutest im Gesicht, zeig mal her.»

Timon will davon, er schaut dem alten Mann nur kurz in die Augen und dann gleich wieder weg.

Folge 44

«Ich muss gehen», sagt er und duckt seinen Kopf ein wenig. Aber der alte Mann schaut ihn immer noch so an, Timon traut sich nicht, einfach wegzugehen.

«Hat dich einer der Hasen gekratzt?», fragt der alte Mann jetzt. Timon presst die Lippen zusammen und nickt.

«Das musst du desinfizieren», sagt der alte Mann.

Timon schüttelt heftig den Kopf.

«Da kannst du dir eine Blutvergiftung holen», sagt der alte Mann. Timon schaut zu ihm auf; meint der das ernst? Sein Herz beginnt schneller zu klopfen, er will keine Blutvergiftung haben. Der alte Mann geht ins Haus, Timon schleicht ihm hinterher, eine Blutvergiftung will er wirklich nicht.

«Die sind richtig tief», sagt der alte Mann und tupft die Kratzer ein zweites Mal ab und schaut die Wunde an der Stirn genau an. Timon beisst die Zähne zusammen, er zuckt.

«Bin ich jetzt vergiftet?2, fragt er.

«Nein, nein», murmelt der alte Mann und streicht Salbe über die Kratzer.

Timon packt seine Hand und fragt, «Habe ich jetzt eine Blutvergiftung?»

«So schnell geht das nicht.»

«Aber kriege ich eine?»

Timon hat jetzt wirklich Angst.

«Wenn wir das gut reinigen, dann bestimmt nicht, und auch sonst eher nicht.»

«Hast du es gut gereinigt?»

«Ja, und du musst es am Morgen und am Abend reinigen, bis die Kratzer nicht mehr rot sind.»

«Woher weiss ich, dass ich sicher keine Vergiftung habe?»

«Wenn die Kratzer geschwollen bleiben und rot werden, dann musst du zum Doktor.»

«Aber sie sind geschwollen und rot!»

«Viel zu wenig, und eine Blutvergiftung fängt nicht sofort an.»

«Wann fängt sie denn an?»

«Ich bin kein Doktor, ich weiss es nicht, nach ein paar Tagen vielleicht.»

«Aber meine Mutter geht nicht mit mir zum Doktor», sagt Timon.

«Warum denn nicht?»

Timon zuckt mit den Schultern, «Das ist viel zu teuer.»

Timon merkt, dass er immer noch die Hand vom alten Mann hält und lässt schnell los.

Valentin räumt die Apothekenkiste auf, stellt sie zurück in den Schrank. Die Wattebäuschchen liegen auf dem Tisch, das Blut hat sich hineingearbeitet und die Fasern bräunlich verfärbt. Er wirft sie weg.

Dieser Junge, wie seltsam er heute war, und diese Panik, dass er eine Blutvergiftung haben könnte und dass er dann so lange im Bad geblieben war und Wasser hatte laufen lassen. Valentin schiebt den Duschvorhang beiseite; der Schimmel ist weg. Er öffnet das Fenster, lehnt sich hinaus und schaut an der Fassade hinunter. Da ist nichts, Valentin sieht sich selber im Spiegel in die Augen; woher hat er denn den dummen Verdacht, dass der Junge bei ihm einen Einbruch plant und deswegen so lange im Badezimmer geblieben ist. Valentin setzt sich auf den Wannenrand; dass der Doktor zu teuer sein soll, das sind doch keine Zustände.

Soll sie jetzt wirklich klingeln? Lydia fasst sich ein Herz und drückt die Hausglocke. «Kommen Sie herein», sagt Valentin erstaunt, und dann fügt er an, «Timon war gerade noch hier.»

«Tatsächlich?», fragt Lydia, und dann sagt sie mehr, als sie es fragt, «Er kommt oft hierher, ja.» Die beiden schauen sich an. Valentin nickt und sagt, «Ja, in der letzten Zeit kommt er wieder öfter.»

Lydia nickt auch, schaut sich in der Küche um; es ist ihr jetzt doch nicht ganz recht, dass sie einfach hierhergekommen ist. Aber man muss doch einfach einmal miteinander reden. Sie verschränkt die Arme und sagt genau das, «Man muss doch einfach einmal miteinander reden.»

«Wie meinen Sie das?»

Lydia zögert, dann sagt sie, «Es wird so viel geredet, und offen gesagt, ich glaube nicht einmal die Hälfte davon.»

Valentin setzt sich an den Küchentisch, weist auf den Stuhl gegenüber. Lydia rückt sich darauf zurecht und sagt, «Die Leute sagen, er darf hier rauchen.»

«Meinen sie Timon?»

«Ja, und sie sagen, dass Sie ihm Süssigkeiten bringen.» Valentin verschränkt seine Arme.

«Ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen», sagt Lydia.

«Schon gut», sagt er.

«Es ist nur», Lydia unterbricht sich selber. Valentin atmet tief ein und sagt, «Man kann hier machen, was man will, es wird darüber geredet.»

Sie nickt, nimmt nochmals ihren Mut zusammen und sagt, «Und deswegen wollte ich jetzt einfach einmal mit Ihnen reden, von Ihnen wissen, was es damit auf sich hat.»

Beide schweigen lange, bis Lydia sagt, «Wissen Sie, mir ist es lieber, wenn der Bub hier ist. Hier ist kein Markus, der ihn erziehen will.»

«Was für ein Markus?», fragt Valentin.

«Antonias neuer Freund.»

Lydia will aufstehen, sie sagt noch, «Und überhaupt, so ein Junge muss sich eben einfach ein bisschen austoben können. Da muss man nicht immer gleich alles hinterfragen.» Lydia zieht ihre Strickjacke enger um sich, es ist später geworden, als sie dachte. Dieser Valentin, dem wird einfach Unrecht getan, mit dem ewigen Geschwätz der Leute. Sie verabschiedet sich mit einer vagen Handbewegung und läuft rasch nach Hause; vielleicht hat sie doch ein wenig viel geschwatzt heute.

Folge 45

Immer ist es Sommer, nie hat Mutter Geld. Timon will auch mal irgendwohin fliegen, alle anderen reden schon davon, wohin sie im Sommer fliegen werden. Mit der Mutter will er gar nicht weg. Wenn, dann lieber mit Vater, aber da ist sein Bruder, der immer grösser wird und rumbrüllt und alles Geld braucht. Das behauptet jedenfalls Vater, wenn Timon auch mal was möchte.

Timon schaut aus dem Fenster, erschrickt, weil ein Blatt vor seiner Nase aufs Pult segelt. Hinter der Lehrerin schwebt eine Parfümwolke her, bei jedem Blatt, das sie austeilt, klirren ihre goldenen Armreifen. Alle beginnen sofort zu lesen. Aber Timon kann sich nicht auf das Blatt konzentrieren; solche Armreifen sind sicher sehr teuer. Die Lehrerin bleibt stehen, schaut sich um und sagt, «Ich habe zu wenige Blätter, bin gleich zurück.» Ihre Absätze klopfen wie lautes Pink durch den Korridor. Timon steht von seinem Stuhl auf, reckt sich, späht zum Lehrerpult, der Geldbeutel liegt noch da. Er geht nach vorn, heut hat er Glück und zieht die Scheine aus dem Geldbeutel. «Was macht der?», flüstert jemand. Timon hört es genau, reagiert aber nicht darauf. Er legt die Geldbörse zurück und geht an seinen Platz. Er schaut keinen an, obwohl er spürt, dass alle ihn anschauen. Vor einem Mädchen stoppt er, geht ganz nah zu ihrem Gesicht und zischt, «Was gaffst du!» Das Mädchen zuckt zusammen und wischt sich angewidert den Mund mit dem Handrücken ab. Timon setzt sich an seinen Platz, beugt sich über das Blatt, beginnt zu lesen. Im Korridor nähern sich wieder die Schritte, die Tür fällt ins Schloss.

Die Erdbeeren sind regional und sauteuer. Antonia hält einen Karton in der Hand; vor einem Monat haben sie halb so viel gekostet. Sie stellt den Karton wieder hin, nimmt die günstige Pasta, Tomaten aus der Büchse. Seit Kurzem gibt es hier Kokosmilch, Timon mag Kokosmilch. Sie nimmt eine Dose in die Hand, liest, überlegt. Eine Frau schiebt sich an ihr vorbei und legt zwei Dosen Kokosmilch in den Korb. Antonia stellt ihre Dose zurück, schaut der Frau nach; woher kennt sie die? Sie dreht sich schnell weg. Es ist die Mutter, die mit ihrem heulenden Söhnchen bei ihr im Korridor gestanden hatte; die weiss sicher schon alles wegen Timon.

Es ist noch keine halbe Stunde her seit dem Gespräch in der Schule. Timon zuliebe ist sie extra ein bisschen später gekommen, damit die anderen Kinder sie nicht sehen. Aber dann sassen alle schon am Tisch, die Lehrerin, die Schulleiterin, sogar Timon hat vorwurfsvoll geguckt. Genau wie Chris.

Die haben sofort losgelegt, wie Furien; «Freigestellt», «Andere Lösung suchen», «Sie hören von uns», «Wir schauen nicht mehr länger zu». Es dröhnt immer noch in Antonias Kopf, logisch hat sie am Schluss vergessen, der Lehrerin das gestohlene Geld zurückzugeben. Sie muss am Nachmittag nochmals hin.

Antonia überlegt, was sie noch braucht; beim Gespräch hatte sie die ganze Zeit nur an den Einkauf denken können, sie hatte zu allem genickt. Sie weiss nicht einmal, wohin Timon nach dem Gespräch gegangen ist.

Vielleicht hatte ihre Mutter bei diesen Gesprächen damals auch nur ans Einkaufen denken können. Zu Hause jedenfalls hatte es jedes Mal eine Ohrfeige gesetzt und sie hatte Hausarrest gekriegt. Nie in ihrem Leben war sie so glücklich gewesen wie in dem Moment, als sie endlich ins Internat gekommen war, als sie endlich aus diesem verdammten Dorf hinausgekommen war. Wenigstens ein einziges Mal in ihrem Leben hatte sie das gekriegt, was sie gewollt hatte.

Die Ladentür klingelt, endlich verlässt diese Mutter den Laden. Antonia geht zur Kasse, stellt alles auf das Band. Dann geht sie nochmals zu den Früchten und greift nach dem Karton mit den schönsten Erdbeeren.

Valentin geht an die Tür. Timon schüttelt die Haare zur Seite, eine längliche Narbe hat sich auf seiner Stirn gebildet. «Timon?», sagt Valentin, «Komm herein.» Timon streicht sich mit der Faust die Fransen von den Augen und schleicht an Valentin vorbei in die Küche.

«Ich koche gerade», sagt Valentin, «willst du hier essen?»

Timons Kopf hängt leicht vornüber, die Haare verdecken die Augen.

«Weiss nicht», sagt Timon und setzt sich auf einen Stuhl. Valentin stellt zwei Teller auf den Tisch, zwei Gabeln, Gläser. Dann schöpft er die Teller voll.

«Magst du Risotto?»

Timon nickt mit vollem Mund.

«Früher habe ich das oft gekocht. Seit ich alleine hier lebe, mache ich es nur noch selten.»

Timon schaut auf, «Wer sind denn die Leute, die bei dir gewohnt haben?»

Valentin schaut nachdenklich, dann sagt er, «Meine Tochter und meine Frau, sie leben in der Stadt.» Timon schiebt sich Risotto in den Mund und sagt, «Jeder will lieber in die Stadt.»

Valentin füllt Timons Teller ein zweites Mal; der Junge muss hungrig sein. Die Stubenuhr schlägt ein Uhr, «Sag mal, ist denn heute Mittwoch?»

«Weiss nicht», sagt Timon.

«Musst du nicht in die Schule?» Timon schluckt herunter, zieht die Schultern hoch, «Ich geh nicht mehr in die Schule.»

«Wie meinst du das?»

Valentin legt das Besteck beiseite, schaut Timon an.

«Willst du noch Schokolade haben?», fragt Valentin, weil Timon nicht antwortet. Timon sagt, «Kann ich zu den Hasen?»

Valentin nickt, «Sicher.»

Und dann hört er sich selber sagen, «Wenn du die Hasen ausmisten magst, bekommst du etwas dafür.»

Valentin wäscht vor dem offenen Küchenfenster ab. Draussen redet Timon mit den Hasen; dass sich manche Geschichten im Leben wiederholen, wer weiss, vielleicht kommt Timon ins selbe Internat wie damals Antonia. Valentin zieht den Stöpsel, das Wasser wirbelt durch den Abfluss. Er fischt eine Handvoll Reiskörner aus dem Sieb.

Folge 46

Timon schaut sich Karls Profilbild an, Karl in Fussballkleidern; jetzt ist er online, soll er ihm schreiben?

Karl ist nicht mehr online, soll er ihm trotzdem schreiben? Karl hat das Telefon sicher bei sich, alle haben das Telefon immer bei sich, in der Schule, nur darf es keiner merken. Das mit dem Geld hätte auch keiner gemerkt, wenn nicht die blöde Petze ihn verraten hätte.

Scheiss Fotze, reimt sich ja, Petze, Fotze, das könnte er Karl schreiben, der würde sich scheckig lachen. Timon schreibt, «hej karl bist du zu hause?»

Karl ist online, jetzt hat er Timons Nachricht gelesen. Karl geht am Mittwoch Fussball spielen, da ging Timon früher auch mal hin, zweimal Training in der Woche. Manchmal ist er mit Karl zusammen hingefahren, aber er war immer schon müde, wenn sie gerade erst angekommen waren. Karl hat ein Fahrrad mit einundzwanzig Gängen, er hat ein uraltes, und es war immer so windig. Wenn die Mutter ihm ein richtiges Fahrrad gekauft hätte, könnte er jetzt auch richtig Fussball spielen. Karl ist nicht mehr online, das Training beginnt erst in zwei Stunden. Timon schaut zur Sicherheit auf der Clubseite nach; warum schreibt Karl nicht? Timon guckt Profilbilder der anderen an; die haben neue Filter, die Petze hat ein neues Bild, die Sau. Die ist sicher extra um fünf aufgestanden, damit sie der Lehrerin alles petzen kann, bevor sonst wer petzt, sie muss nämlich immer die Erste sein. Er wird sich rächen, da kann sie Gift drauf nehmen.

Karl ist wieder online. Timon nimmt den Kapuzenpullover vom Boden, schliesst sein Zimmer ab. In Mutters Jackentasche ist nichts, nicht mal Münzen. Timon knallt die Tür zu, wenn’s nichts zu holen gibt, muss man auch nicht abschliessen. Er geht zu Fuss durchs Dorf, scheiss auf den Roller, scheiss auf das alte Fahrrad. Vielleicht wär’s zwar lustig, auf so einem Babyrad, muss er mal ausprobieren, im Wald, er kann ja Karl fragen, ob er mitmacht.

Das Fenster von Karl steht weit offen, man hört bis auf die Strasse Musik. Timon klingelt, es kommt keiner an die Tür, nicht einmal ans Fenster. Timon klingelt nochmals, Karl ist online. Seit Karl diese Musik hört, hören sie alle in der Klasse. «komm runter stehe bei dir vor der tür», schreibt Timon. Karl schreibt, Karl ist online, Karl ist offline.

Timon wartet, schaut nochmals auf sein Telefon. Er hat keine Nachricht von Karl bekommen, aber Karl hat doch gerade noch geschrieben. Timon klingelt nochmals, tritt ein paar Schritte zurück und guckt zum Fenster hinauf. Ein Kopf zieht sich schnell zurück. Die Petze.

Timon starrt auf das offene Fenster, dann dreht er sich um, geht an den Fahrrädern vor dem Haus vorbei. Da steht das Fahrrad der Petze, warum hat er das vorhin nicht gesehen? Die Musik wird leiser, Timon schaut nochmals zurück, jetzt ist das Fenster von Karls Zimmer geschlossen.

«Und warum hat dir dein Vater dieses Fahrrad geschenkt?», fragt Antonia.

«Weil er nett ist», sagt Timon.

«Und warum bespricht er sich nicht mit mir?», fragt sie. Timon antwortet nicht darauf, er redet einfach weiter, «Und weil er nicht immer sagt, dass er kein Geld hat.»

«Sonst sagst du immer, dass er genau das sagt.»

«Jetzt sagt er es eben nicht mehr, und er hat ein neues Auto und eine neue Wohnung und am Abend essen wir jetzt immer im Restaurant.»

Antonia schaut Timon an, der sagt, «Und in der neuen Wohnung habe ich jetzt ein eigenes Zimmer mit Play Station.»

«Echt jetzt?», fragt Antonia. Sie starrt ins Leere und sagt vor sich hin, «Der würde besser mir mehr Geld geben.»

«Du kaufst mir ja doch nichts damit», sagt Timon.

«Timon!», schnauzt Antonia ihn an, «Sag mal, spinnst du eigentlich, du hast ja keine Ahnung, was das alles kostet, die Wohnung, das Essen, die Kleider!»

«Dann kann ja Markus mal was bezahlen», sagt Timon. Antonias Augen werden eng, sie zischt, «Was bist du für ein kleiner Scheisser.»

Timon dreht sich um, geht in sein Zimmer, schlägt die Tür zu und hört gerade noch, wie die Mutter sagt, «Genau wie sein Vater.»

Valentin schenkt Kaffee ein, schüttet mehrere Löffel Zucker in seine Tasse. Der Löffel klirrt hell; warum hat er Konrad eigentlich wieder hereingelassen. Konrad räuspert sich, Valentin kommt ihm zuvor, «Was führt dich hierher?»

Konrad räuspert sich nochmals, «Nun, ich will nicht mit der Türe ins Haus fallen.»

«Na dann», sagt Valentin. Konrad hält inne, fährt dann doch fort, «Ich komme wegen dem Jungen.»

Valentin verschränkt die Arme und schaut Konrad zu, wie er in seinen Händen Worte zu formen scheint.

«Er kommt immer noch hierher.»

«Er kommt, wann er kommt.»

Konrad nickt, dann blickt er auf seine Hände, «Die Leute reden.»

«Die Leute reden immer.»

«Ja, dass sich Timon beim alten Lehrer einen Batzen verdient.»

«So.»

«Und sie reden darüber, wie er sich den Batzen verdient.»

«Fragen kostet nichts.»

Konrad hält sich mit beiden Händen an seiner Tasse fest, «Und die Mutter lässt es zu, dass die Leute reden.»

Valentin schaut Konrad an, wie er da hockt, in seiner Küche, und auf ihn einredet, «Siehst du denn nicht, wie weit es gekommen ist?»

Valentin schiebt sein Kinn vor. Konrad spricht weiter, «Es weiss jeder, dass Timon nicht hierherkommen darf. Und die Mutter weiss sich nicht mehr anders zu helfen, als über ihr eigenes Kind schlecht zu reden, weil jeder weiss, dass er trotzdem hierherkommt.»

Folge 47

«Es ist nicht meine Aufgabe, diesem Kind etwas zu verbieten.»

Konrad verschränkt die Arme, «Es muss dich nicht kümmern, dass geredet wird. Aber dass die Mutter ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt, das sollte dich schon kümmern, als Lehrer.»

Valentin steht auf, schiebt seinen Stuhl an den Tisch, «Wer hat dich diesmal geschickt?»

Seine Stimme klingt wie von Honig verklebt. Konrad steht auch auf, holt Luft, sagt dann doch nichts, sondern geht, ohne sich zu verabschieden.

«Hast du keinen Hunger?» Timon schüttelt den Kopf. «Hast du denn was gegessen?»

«Ja.»

«Was denn?»

«Irgendwas.»

«Hier?», fragt Antonia.

«Hier gibt’s ja nichts.»

Antonia schaut Timon an, «Hier sind Früchte.»

«Hier sind Früchte!», äfft Timon seine Mutter nach.

«Erdbeeren, sauteure Erdbeeren, und du sagst mir jetzt sofort, was du gegessen hast!»

«Soll ich auf den Boden kotzen? Dann siehst du es selber», sagt Timon. Er schnauzt die Mutter an, «Du hast die Erdbeeren ja sowieso von Vaters Geld gekauft.»

Antonia sticht mit der Gabel ihren Nudelsalat auf, kaut hastig. Sie nimmt das Einschreiben wieder in die Hand, liest es nochmals, stützt das Gesicht in beide Hände. Bis zu den Sommerferien muss sie Timon den verpassten Stoff selber beibringen. Was für eine gute Idee von der Schulpflege, denken die wirklich, dass sie das macht, woher sollte sie die Zeit nehmen? Soll sie etwa Prüfungen veranstalten? Immerhin könnte er nicht abschreiben, sie lacht trocken auf. Timon schaut angewidert auf, stochert in seinem Nudelsalat, fragt nach einer Weile, «Was ist so lustig?»

«Weisst du was?»

Jetzt steht Antonia auf, stemmt ihre Hände in die Hüfte, ihre Augen werden schmal. Timon schaut gelangweilt zu ihr auf.

«Weisst du was?»

«Nein weiss ich nicht, sag’s doch», sagt Timon und gabelt eine einzelne Nudel auf.

«Hau einfach ab, du kleiner Scheisser. Nach den Sommerferien kommst du ins Heim, das steht nämlich hier drin.»

Antonia klopft bei jeder Silbe mit dem Knöchel auf den Umschlag; genau so, wie ihre Mutter das immer gemacht hat.

«Hör zu», fährt sie fort, «zweimal im Monat gehst du am Wochenende zu deinem Vater und deiner blöden PlayStation, dann kannst du ihm auch gleich ausrichten, dass er sich mehr an den Kosten beteiligen kann. Die andern Wochenenden kannst du gern im Heim bleiben.»

Antonia klopft nicht mehr mit dem Knöchel; hat sie das jetzt gerade gesagt, zu ihrem eigenen Kind, ausgerechnet heute? Sie steht auf und kippt ihren Nudelsalat in den Abfall, schliesst sich im Zimmer ein, wirft einen kurzen Blick auf den neuen Mantel, den sie gestern gekauft hat. Sie legt sich aufs Bett; wie früher, ganz genau wie früher. Wie früher bei ihrer Mutter, und wie später bei Chris, sie kann einfach nicht glauben, dass er sie so verarscht. Dass er sie mit Timon einfach im Stich lässt und den Betrag für Timon nicht erhöht, obwohl er inzwischen mehr verdient. Jetzt hat sie sich eben auch mal was gegönnt.

Antonia schaut auf; wer sagt denn überhaupt, dass Timon die Wahrheit sagt? Chris kann sie nicht fragen, jetzt erst recht nicht mehr. Antonia vergräbt ihr Gesicht im Kissen, bis sie hört, wie Timon die Wohnungstür zu knallt. Sie geht duschen, lässt heisses Wasser über ihren Körper laufen, stellt noch heisser, bis die Haut rot wird. Sie kauert sich auf den Kabinenboden, heisses Wasser prasselt wie eiskalte Nadeln auf ihren Rücken. Sie nimmt den Kopf zwischen die Arme, beugt sich tiefer vornüber. Wasser läuft ihr über die Seiten, in die Kuhle im Nacken, sickert durch die Haare, tropft von der Stirn.

Timon schaut nochmals alle Räder an; sein Fahrrad ist nicht da. Das kann nicht sein, er hat hundert Jahre um ein neues Fahrrad gebettelt und letzte Woche endlich eins von Vater bekommen. Mutter war sauer, logisch, sie findet, dass er das nicht verdient hat, und dass Vater besser ihr mehr Geld geben sollte. Aber dass es gar nicht stimmt, das mit der PlayStation und dem neuen Zimmer, das hat sie nicht gemerkt. Die merkt nie etwas. Wo das Fahrrad ist, muss sie ihm trotzdem sagen.

«Wo ist mein Fahrrad?», bellt Timon in die Wohnung. Er kriegt keine Antwort. Mutters Zimmertür steht offen, im Bad rauscht es, Timon reisst die Tür auf. «Wo ist das Fahrrad?» Rot wie ein Krebs hockt die Mutter in der Duschkabine und schaut durch die Kunststoffscheibe zu Timon hoch. Er bleibt starr stehen. Die Mutter richtet sich auf und schiebt die Wände der Duschkabine zur Seite. Timon tritt einen Schritt zurück, sie steht nackt vor ihm, ohne Schaum. Sie stützt sich nur mit den Fingerspitzen an den Wänden ab, legt den Kopf schräg und blickt Timon wie von weit weg an. In der Hüfte knickt sie leicht ein, wechselt die Seite; Standbein und Spielbein, das hat Timon im Zeichnen gelernt.

Frau Meierhofer telefoniert im Treppenhaus, ohne Telefon natürlich, das ist ihr neuester Trick. Timon hat vergessen, die Wohnungstür zuzumachen, aber egal jetzt. «Wo ist mein Fahrrad!», sagt er nochmals lauter und verengt seine Augen.

«Das habe ich verkauft», sagt eine raue Stimme aus der Kabine heraus.

«Verkauft?»

«Ja, genau, verkauft.»

Diese neue Stimme von der Mutter spricht langsam und leise, «Mein neuer Mantel, weisst du.» Wie ein Roboter klingt die Mutter, sie blinzelt, ihre Lider flattern, sonst bewegt sich nichts an ihr. Timon hat trotzdem verstanden. Er holt tief Luft, spannt sich nach hinten wie ein Bogen, schnellt vor. Die Wände der Duschkabine schliessen sich wie von alleine.

Folge 48

Von ihrer engen, heissen, nebligen Kabine aus lässt Antonia die Spucke ihres Kindes nicht aus den Augen, bis der Schleim aussen dem Glas entlang zu Boden gerutscht ist.

Das grösste der Fahrräder reicht ihm nur bis zum Knie. Timon holt trotzdem eine Zange von der Werkbank, schneidet das Schloss auf und schleppt das Fahrrad die Kellertreppe hoch.

Er klappt zum Treten die Knie nach aussen, wie ein Frosch, das sieht sicher blöd aus. Er beschleunigt mit den Füssen; wie die Babys. Dann geht’s in den Wald hinab, Timon hält sich am Lenker fest und schwingt die Beine in die Luft.

Am Flussufer wirft er das Fahrrad in einen Busch. Er setzt sich auf den grossen Stein, streckt einen Zeh ins Wasser, das ist kalt. Er holt die Zigaretten hervor, zündet sich eine an. Er hatte sich so gefreut, als Vater am letzten Wochenende gesagt hatte, wir gehen ein Fahrrad kaufen. Einfach so. Er hatte schon lange aufgehört zu betteln, weil er ja doch nie was kriegt. Aber dann kommt Mutter, mit ihrem Scheissmantel, das geschieht ihr jetzt ganz recht. Timon muss trotzdem weinen, vor Wut, er ballt die Fäuste; sie soll bloss nicht glauben, dass er irgendwann wieder zurückkommt, in ihre Scheisswohnung.

Timon zieht an der Zigarette, sie knistert leise, die Wellen schwappen an seinen Stein. Er kneift die Augen zusammen, die Zigarette glüht, er drückt sie am Stein aus und wirft den Stummel ins Wasser.

Das Papierröllchen treibt auf den Wellen davon. Er schaut dem Wasser hinterher, dreht sich um, schaut flussaufwärts; woher kommt eigentlich all das Wasser, den ganzen Tag und sogar in der Nacht, immer kommt Wasser, schon krass.

Er holt das Fahrrad aus dem Busch, pedalt den Hang hinauf, vorbei an der Moorwiese. Hier ist der Boden weich, das ist anstrengend, die Räder versinken im matschigen Dreck.

Kurz vor dem Dorf liegt die verfallene Käserei. Zur Strasse hin steht das alte Haus, das kann Timon zu Hause vom Balkon aus sehen. Dahinter liegt ein alter, verfallener Schweinestall. Das Dach sieht dicht aus. Timon greift in seine Jackentasche und raucht langsam und genüsslich zwei ganze Zigaretten hintereinander.

Antonia blickt an sich hinab, den roten Streifen an ihren Beinen entlang. Wie lange hat sie denn geduscht? Sie seift sich ein drittes Mal ein, dabei hat Timon sie nicht einmal getroffen.

Sie spült sich den Schaum vom Körper, eiskalt, bis sich die Haut dick anfühlt. Sie trocknet sich ab, kämmt die Haare, knetet Öl hinein. Sie wickelt das feuchte Haar in ein Tuch und geht ins Schlafzimmer. Auf dem Bett liegt ihr neuer Mantel mit ausgebreiteten Ärmeln; warum liegt der dort? Antonia will ihn zurück in den Schrank hängen, die Ärmel bleiben auf dem Bett liegen. Sie wendet ihn um, der Rücken ist durch schnitten, kreuz und quer, auf dem Boden liegt die stumpfe Papierschere. War sie wirklich so lange im Bad? Antonia setzt sich aufs Bett. Das Tuch rutscht ihr vom Kopf über den Nacken, die Haare lösen sich und fallen feucht auf ihren nackten Rücken; sie hat den Mantel schon vor Wochen im Schaufenster gesehen, in der Nähe des Büros. Sie hatte sich überlegt, die Goldkette zu verkaufen, die sie damals zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Schon als Chris dieses Fahrrad ausgeladen hatte, als er Timon nach dem Wochenende zurückgebracht hatte, wusste sie es. Antonia stutzt. Chris hatte gar kein neues Auto.

Timon hat sich schon so lange ein Fahrrad gewünscht, er wird es Chris erzählen, und jetzt ist beides kaputt, alles ist kaputt. Antonia betrachtet ihre frisch lackierten Fingernägel; schön sind sie geworden. Sie legt die Handflächen auf die Knie, spreizt die Finger, sie hat das Fahrrad einfach in ihr Auto geladen und verkauft, es ist sogar noch etwas Geld übrig geblieben. Was für eine Mutter kommt auf so eine Idee, wie muss man drauf sein. Antonia steht auf, geht in die Küche, wandert durch die Stube, in Timons Zimmer; wo ist er wohl hingegangen? Sie muss ihn bestimmt wieder suchen gehen, von alleine kommt der nicht zurück. Aber nicht jetzt, später. Antonia wirft sich im Wohnzimmer aufs Sofa, sie kann einfach nicht mehr. Kein Wunder, ist ihr eigenes Kind so ein Scheisser.

Timon geht einmal ums Haus, überall Brennnesseln, hinter dem Stall liegt ein Haufen alter Pneus. Er öffnet das Stalltor, tastet sich ein paar Schritte ins Halbdunkel, etwas raschelt, er zuckt zusammen. Da, wieder, ganz nah, er macht kehrt und schlägt das Tor zu.

Vor dem Haus wuchern Stauden, Timon hört ein Plätschern. Ein Brunnen, in diesem verwilderten Garten, Timon taucht seine Hände ein, schüttelt sie trocken, schaut an der verwitterten Fassade hoch. Bei einem Fenster ist das Glas noch ganz, er geht zur Haustür, drückt die Klinke herunter; hat man extra für ihn offengelassen. Timon betritt sein neues Haus.

Rechts war die Küche, das sieht man noch, dahinter liegt das Badezimmer. Der Wasserhahn ist verplombt, macht nichts. Das Licht geht auch nicht, logisch, das Haus steht schon ewig leer. Jemand hat mal gesagt, dass einer hier gestorben ist, Timon schaut sich um. Jeder Schritt knarrt.

Gleich hinter dem Schweinestall beginnt das Moor. Darüber hat er in der Schule mal einen Vortrag gemacht, über die Moorleichen, aus denen haben die früher Medizin gemacht. Die Mädchen aus der Klasse hatten ihre Gesichter verzogen, in der Pause waren sie dann doch gekommen, wegen den Opferleichen, darüber hatte er richtig viel herausgefunden. Die Lehrerin hatte ihm kein Wort geglaubt, logisch, dabei hatte er alles im Internet gefunden. Er hatte dann eine schlechte Note gekriegt, auch logisch.

Folge 49

Timon tappt durch den Korridor, hinten sind noch zwei Räume. Er steigt die knarzende Treppe hoch. Unter den Dachbalken ist ein einziger Raum. Das Dach gegen den Wald hinab ist undicht, aber vorne ist es gut, da ist er geschützt.

Timon setzt sich auf den Boden, überall liegen Hölzer, Federn, unter einem Balken liegt etwas Helles. Eierschalen, Timon geht näher und schaut nach oben, da ist ein Nest. Er klettert hoch, späht hinein und lässt sich herabplumpsen. Das Nest ist leer.

Wie die Mutter in der Dusche gehockt ist, wie ein Tier. Timon blickt vor sich auf den dreckigen Boden. Aber wenigstens ist das sein Boden, er geht ganz bestimmt niemals mehr in diese Wohnung zurück. Timon hasst die Wohnung, er hasst es, wenn die Mutter nackt ist, und sie hat sein Fahrrad gestohlen, das wird er ihr nie verzeihen. Timon haut die Ferse auf den Boden, beisst sich in den Arm, beides tut weh. Langsam kriegt er Hunger.

Timons Zimmertür steht offen. Antonia zieht die Schuhe aus, geht hinein; da fehlt ja die Bettdecke. Sie schaut sich um, reisst den Kleiderschrank auf. Sie setzt sich aufs Bett; hat Timon also seine Sachen geholt. Sie legt ihre Hände flach neben sich auf das Bett, ihr Blick verschwimmt; er ist noch ein Kind, sie muss ihn suchen, sie trägt die Verantwortung. Sie ist so müde, und wie soll man Verantwortung tragen können für jemanden, dem man ein Fahrrad gestohlen hat.

Da sieht sie wieder scharf; das Bett ist voller Flecken. Antonia steht sofort auf, wischt ihre Hände an der Hose ab, schüttelt die Hände, tastet mit spitzen Fingern den Stoff ab. Da klebt nichts dran, sie zieht trotzdem eine andere Hose an. Später geht sie nochmals in Timons Zimmer, sucht alles ab, versucht, nichts zu berühren.

Da ist kein Brief, nichts. Sie sieht nur die Sachen, die fehlen, und das zerbrochene Sparschwein. Ein paar Münzen hat er liegengelassen; hat er das nicht nötig. Antonia reisst die Schreibtischschubladen auf, sie durch wühlt alles, dann öffnet sie das Fenster, atmet tief ein, stützt sich auf das Fenstersims. Gleich darunter ist ein Nagel eingeschlagen, eine Aludose baumelt an der Schnur. Die Dose ist voller Zigarettenstummel. Wie hat er das geschafft, den Nagel hier einzuschlagen? Antonia lässt die Schnur los, Asche stiebt auf, die Dose schabt eine Weile an der Hausfassade hin und her.

Das Ladegerät von Timons Telefon ist noch eingesteckt; er muss also bald zurückkommen, sie könnte sein Zimmer abschliessen. Falls er genau dann kommt, wenn sie bei der Arbeit ist, würde er alles verwüsten. Was soll sie denn tun?

Antonia schliesst den Schmuck in ihrem Zimmer ein, versteckt die teure Vase aus dem Wohnzimmer; der wird ganz bestimmt nicht aufkreuzen, wenn sie hier ist. Dumm war er noch nie.

Sie setzt sich an den Küchentisch; vielleicht sollte sie ihn doch suchen lassen, die Polizei informieren, dass er eine ganze Nacht weg war. Doch solange er sein Zeug hier hat, sieht sie ja, wenn er etwas geholt hat, das sind Lebenszeichen. Und sie hat den Chico Browser, den hat sie fast vergessen, da kann sie sehen, was er mit dem Handy macht, und wenn er die App löschen will, kriegt sie eine Meldung. Antonia nimmt das Telefon und filmt Timons Zimmer, jede Ecke. Markus ruft an; sie kann nicht rangehen, nicht jetzt. Sie schwitzt; daran hat sie nicht gedacht, wenn der nachfragt. Immer will Markus alles genau wissen, als ob er ihr nicht traut, dabei würde er Timon keine Sekunde vermissen. Ausser ihr vermisst ihn ja doch keiner.

Timon kneift die Augen zusammen. Er hat alles gut mit Zeitung ausgelegt; das ist wichtig, das isoliert. Er breitet die Decke aus, legt sich auf den Rücken, raucht. Eine Flasche Cola hat er eingepackt; so kann er sicher besser schlafen als in der ersten Nacht, er hatte gefroren und der Boden war viel zu hart gewesen. Er nimmt sein Telefon, es hat nur noch wenig Akku, weil er in der Nacht Musik gehört hat. Das Ladegerät hat er auch vergessen, das ist blöd, aber Strom gibt es hier sowieso keinen.

Es wird langsam dunkel, Timon drückt die Zigarette am Boden aus und wickelt sich in die Decke. Im Winter wird es hier sicher kalt, aber im Winter ist er nicht mehr da, dann ist er nämlich endlich weg.

Wenn die Asche noch heiss ist, muss man aufpassen. Timon hat eine neue Zigarette angezündet, sie hängt in seinem Mundwinkel. Die Arme hat er hinter dem Kopf verschränkt, er schaut zum Fenster hinauf, sieht den Himmel und sonst nichts. Timon zuckt zusammen, die Zigarette ist aus seinem Mund gerutscht, war er eingedöst, war da ein Geräusch? Sein Herz schlägt wild, er setzt sich auf, da verschwindet hinter dem Balken ein felliges Knäuel. Timon späht in die Ritzen, wo das Tier verschwunden ist, dann trinkt er einen Schluck Cola und legt sich wieder hin. Blödes Vieh, er kennt es nicht mal, er will auf dem Telefon herausfinden, was das für ein Tier war. Der Akku ist leer.

«Nein, er ist wirklich nicht da.»

Antonia lächelt Markus an, und der nickt, zieht aber die Stirn in Falten. Antonia sagt, «Er ist auf dem Bauernhof.»

«Wieder auf dem gleichen?»

«Ja.»

Antonia beisst sich auf den Nagel.

«Da war doch diese Geschichte?», sagt Markus. Antonia winkt ab; was genau hat sie Markus erzählt, sie muss überlegen. Dass Timon weinend angerufen habe, weil er zu viel arbeiten müsse, genau, das hatte sie ihm erzählt. Markus muss wirklich nicht alles wissen, sie sagt, «Er ist ja auch älter geworden, und eigentlich hat es ihm schon gefallen, er hat es nur erst im Nachhinein gemerkt.»

Folge 50

Markus lächelt, «Er lebt eben doch gern auf dem Land.»

«Naja», sagt Antonia, «willst du jetzt wirklich noch mal darüber streiten?»

Markus legt seinen Arm um Antonia, und sie sagt, «Mir ist es wichtiger, dass du hier einziehst, als dass ich in der Stadt lebe.»

Sie steht auf, holt zwei Bier. Als sie zurückkommt, sagt Markus, «Und Timon hat doch auch seine Freunde hier.»

«Die wird er nicht oft sehen, wenn er weg ist», sagt Antonia.

«Hast du denn mit deiner Mutter schon Regeln abgemacht, an die er sich halten muss, wenn er an den Wochenenden bei ihr im Haus wohnt?», fragt Markus. Antonia runzelt die Stirn.

«Das ist aber wichtig», sagt Markus, «gerade bei so einem Kind.»

«Wir müssten erst mal Regeln abmachen, an die er sich hier bei uns halten muss», sagt Antonia.

«Das fällt dir früh ein», sagt Markus und richtet sich auf, «zu meinem Arbeitszimmer hat er jedenfalls keinen Zutritt.»

Antonia beisst sich auf die Lippen; sie muss Timon erst mal beibringen, dass er nach den Ferien hier kein Zimmer mehr hat. Markus hatte sich einfach nicht vorstellen können, sein Arbeitszimmer bei ihrer Mutter einzurichten, er will alles griffbereit haben. Und ausserdem bräuchten sie beide ihre Privatsphäre. Keinen Millimeter ist er ihr entgegengekommen. Markus trinkt sein Bier leer, dann sagt er, «Weisst du was, ich geh mal duschen.»

Er küsst Antonia und verschwindet im Bad. Das Wasser rauscht, Antonia schleicht in Timons Zimmer; ist noch alles da, nur das Ladegerät fehlt, also doch. Sie öffnet kurz den Schrank, der knarzt, schnell wieder zu, Markus stellt das Wasser ab, sie huscht zurück in die Stube. Timon kann jederzeit in die Wohnung, er hat einen Schlüssel. Und wie soll sie ihm beibringen, dass er zur Grossmutter ziehen muss, wenn sie sich noch immer nicht einmal die Mühe gemacht hat, ihn zu suchen. Wenn Markus dahinterkommt, sie will es sich gar nicht ausmalen.

Markus kommt aus der Dusche und pfeift, sein Schwanz ragt ein wenig vor. Er lächelt Antonia an und leert auch ihr Bier.

Valentin schüttet Zucker über die zerkleinerten Erdbeeren und lässt sie eine Weile stehen, damit dieser dicke, süsse Saft entsteht. War da ein Klirren? Er öffnet das Küchenfenster.

«Pscht!», zischt Timon sofort, «Darf ich hochkommen?»

Valentin schliesst das Fenster, geht zur Tür. Timon schlüpft hinein und verschwindet im Bad; was ist nur los mit dem Bub?

Sieht Timon älter aus, oder sind es nur die Haare? Valentin stellt ihm eine Tasse Tee hin. Timon trinkt, er räuspert sich, schaut sich nervös um und sagt, «Hast du vielleicht etwas zu essen?»

«Sag das doch gleich!» Valentin holt Teller, Besteck, «Willst du ein Spiegelei?»

Timon verschlingt alles, wirft dabei ständig die Haare zurück.

«Musst mal wieder zum Friseur», sagt Valentin.

Timon schüttelt heftig den Kopf, «Besser nicht.»

Er schaufelt weiter Essen in sich hinein, dann trinkt er seine Tasse leer und lehnt sich endlich zurück. Valentin schiebt ihm die Erdbeeren hin.

Mit dem Finger tupft Timon den Rest vom süssen Saft auf. Dann schaut er sich um, als wäre jemand im Raum versteckt, «Kann ich hier duschen?»

Valentin bleibt am Tisch sitzen; was ist bloss mit dem Jungen los, dieser Hunger, und wie nervös er ist.

Timons Haare tropfen, «Ich möcht mein Telefon aufladen.»

Valentin weist auf die Steckdose, «Hier.»

Timon kaut an seinen Nägeln, dann sagt er mit brüchiger Stimme, «Ich hab mich versteckt.»

«Versteckt?» Timon nickt heftig.

«Wo hast du dich denn versteckt?»

«Ich will aber nicht wieder nach Hause!»

Valentin nickt, schaut diesen unruhigen Jungen an.

Timon redet hastig weiter, «Im alten Haus.»

«In der Käserei?»

Timon nickt, schüttelt die Haare nach hinten.

«So», sagt Valentin. Daran hat er schon lange nicht mehr gedacht, wie er den alten Käser gefunden hatte, an jenem Morgen. Er hatte die Post gebracht, niemand hatte auf sein Klingeln reagiert. Dann war er eingetreten, dicke Fliegen waren über der ranzigen Butter auf dem Küchentisch herumgesurrt. Das Wasser in der Badewanne hatte kalt ausgesehen, das Licht der Glühbirne war viel zu hell gewesen.

«In der alten Käserei also.»

Timon nickt und sagt, «Es gibt keinen Strom.»

«Klar, die Elektrizität haben sie abgestellt.»

Timon prüft immer wieder sein Telefon, dann nimmt er es vom Strom.

«Es ist jetzt genug geladen», sagt er nach einer Weile und steht auf. Valentin runzelt die Stirn, dann sagt er, «Du kannst wiederkommen, wenn du das Telefon neu laden musst.»

Timon zuckt mit den Schultern.

Es knistert, was ist das? Timon schreckt hoch, es ist wieder nichts; höchstens ein Marder, also nichts. Timon wickelt sich in die Decke, sie ist feucht, er fröstelt, er hat den ganzen Tag herumgelegen. Jetzt ist er wach; jede Nacht das Gleiche.

Timon steht auf und geht ans Fenster, schaut über die Sumpfwiese zum Fluss hinab. Das Wasser sieht aus wie flüssiges Blei. Es knistert schon wieder, Timon krallt sich am Fensterbrett fest, Farbsplitter blättern ab.

Dann ist es wieder still, Timon löst seine Hände. Er schaut auf das Telefon, vier Uhr, es wird bald hell. Niemand hat geschrieben, Vater schreibt sowieso selten.

Und Mutter schreibt nie, aber sie war zuletzt um 00.32 online, dabei geht sie immer um elf ins Bett.

Folge 51

Die Vögel werden schon wieder laut, Timon raucht am Fenster, er friert immer noch. Es ist kalt wie im Herbst, die Sommerferien beginnen erst in einer Woche. Er rechnet, er bleibt nochmals doppelt so lang wie er jetzt schon hier ist. Timon zieht an der Zigarette, er muss husten; aber sicher nicht vom Rauchen, er ist nur erkältet.

Er geht hinunter, nimmt die Wolldecke vom Haken. Seit die Mäuse draufgekackt haben, hängt er die Decke immer auf. Sie ist sowieso alt, Timon hat keine Ahnung, wie viele Jahre die schon hier hängt. Er steigt halb in die Schuhe, fürs Heim will er dann neue, da haben sicher alle neue Schuhe. Und hoffentlich sind die nicht so doof wie die anderen hier im Dorf.

Es windet, trotzdem ist es draussen wärmer. Timon legt den Kopf in den Nacken, guckt in die Sterne. Dann geht er am Stall vorüber, bricht durchs hohe Gras. Es raschelt, überall sind Mäuse und Frösche, Marderfutter.

Dann wird die Wiese steiler, Timon stolpert über einen Grashorst. Er fängt sich gerade noch auf, die Unterarme brennen, die Hände sind feucht. Timon schlüpft jetzt ganz in die Schuhe, die Sohlen schmatzen bei jedem Schritt.

Er stellt sich auf einen Fuss, wippt, der Boden ist weich. Er sinkt ein wenig ein, Timon springt auf, ein Fiepsen, eine Maus oder was, Schilf schrappt ihm ins Gesicht. Moorleichen sinken langsam ein, ganz genau weiss man es nicht, auf den Bildern waren sie in seltsamen Stellungen, kauernde Skelette, vielleicht Opfergaben, manche wurden hockend vergraben. Wenn er hier einsinkt, findet ihn keiner, oder vielleicht in tausend Jahren. Die würden sich noch wundern.

Einmal haben sie nach der Schule hier unten im Sumpf Verstecken gespielt, aber nur er hat sich in den Sumpf getraut. Die anderen haben sich im Wald nebenan versteckt, dabei hat man hier gar keine Moorleichen gefunden, das hatte er sich nur ausgedacht für den Vortrag. Irgendwann ist er dann nach Hause gegangen, weil niemand in den Sumpf gekommen ist. Im Wald hat er hinter einem Baum eine rote Jacke gesehen, er ist trotzdem nach Hause gegangen. Am nächsten Tag sind die anderen in der Pause gekommen und wollten wissen, warum er sie nicht gesucht hat. Wie blöd sind die, sie hatten Sumpf abgemacht und nicht Wald.

Jetzt muss er diesen Abhang wieder hochkommen, Timon rutscht aus. Mist, er hält sich an den Pflanzen, die stechen, blöder Grashorst, blöde geschützte Pflanzen, beschützt euch nämlich keiner. Die Pflanzennamen musste er alle mal lernen, hat er aber wieder vergessen, ausser dass sie geschützt sind. Der ganze Sumpf ist geschützt, vor wem eigentlich.

Timon wäscht die Hände am Brunnen, das Wasser ist kalt. Wo ist die Wolldecke? Die hat er verloren, er muss sie morgen suchen, wenn es hell ist. Timon geht ins Haus, die Vordertür steht offen, ist er nicht hinten raus? Timon stutzt, jagt die Treppe hinauf, wickelt sich bis zu den Ohren in die Decke. Er liegt stockstill, atmet flach, hört nur wieder diese Vögel. Aber da, ein Kratzen, so laut ist der Marder nicht. Timon fährt auf, schreit aus voller Kehle, etwas streift sein Ohr. Auf Schulterhöhe fliegt ein Fuchs an ihm vorbei, landet auf dem unteren Ende der Bettdecke, knickt ein, rappelt sich auf und hetzt die Treppe runter. Timon lässt sich zurückfallen, lacht heiser, dann laut; was für ein dummes Tier.

Valentin schaut sich nochmals um. Er fährt über die Flussbrücke; hier ist er selten. Er will nicht auffallen, kauft im Dorfladen die gleiche Menge wie zu Hause, dazu noch etwas Schokolade, Cola.

Timon kommt, sobald es dunkel ist. Valentin gibt ihm Verpflegung mit für den Tag, und er braucht Strom für sein Telefon; was soll der Bub sonst den ganzen Tag tun.

Valentin öffnet die Fenster, die Luft im Wohnzimmer ist feucht, Timons Wäsche dafür fast trocken. Timon hat ihm seine schmutzigen Kleider gebracht. Überhaupt ist der Junge reifer geworden, er hat ihn sogar darauf aufmerksam gemacht, dass es auffallen könnte, wenn er abends das Licht so lange brennen lässt.

Dass es der Junge immer noch in der alten Käserei aushält, das wird doch kalt in den Nächten, in diesem verfallenen Haus, die Scheiben sind längst gesprungen. Und sucht den Jungen denn niemand, vermisst ihn wirklich keiner? Valentin wird wütend; es ist immer das Gleiche, keiner kümmert sich, und wenn er sich kümmert, reden sie, alle. Sie würden besser mithelfen, den Jungen zu versorgen. Zustände sind das, obdachlose Kinder, hat man denn sowas schon mal gehabt hier im Dorf.

Timon rülpst. Er kauert noch eine Weile neben dem Kaninchenstall, bis das Licht in der Küche ausgeht.

In den Mauerschatten huscht er durchs Dorf. Er schaut hinauf zur Wohnung, da brennt kein Licht. Timon schleicht die Treppen hoch, dreht den Schlüssel um, lauscht, nichts. Die Tür zu Mutters Schlafzimmer steht offen. Timon macht Licht.

Im Kühlschrank ist Cola, Timon nimmt ein Bier, aus dem Schrank Chips und Schokolade. Er will frische Wäsche aus seinem Zimmer holen, er mag nicht schon wie der beim alten Mann fragen wegen dem Waschen.

«Was soll der Scheiss!» Timon stösst mit dem Fuss gegen ein Möbel, das mitten in seinem Zimmer steht. Der Fuss tut weh, er hält ihn mit beiden Händen, hüpft auf und ab; hoffentlich hat ihn niemand gehört.

Aber das Möbel kennt er, das alte Nähmöbel von Grossmutter, worin sie ihre Nähmaschine verräumt. Warum steht das in seinem Zimmer? Timon zerrt seinen alten Lieblingspullover aus dem Schrank, Shirts, Unterhosen, stopft alles in den Rucksack. «Diese Sau, einfach mein Zimmer vollstellen!»

Folge 52

Timon kickt nochmals gegen einen Stuhl. Dann geht er, auf dem Küchentisch liegen Zigaretten, die schnappt er sich; seit wann raucht Mutter diese Marke. Leise schliesst er die Wohnungstür ab.

«Du bist es, grüss Gott!»

Timon fährt zusammen, Frau Meierhofer steht vor ihm.

«Grüss Gott», diese Worte hat Timon noch nie gesagt.

Er steht vor Schreck wie angewurzelt da.

«Ich dachte schon, da wär jemand», sagt Frau Meierhofer. Timon kneift die Augen zusammen.

«Deine Mutter hat mir erzählt, dass ihr in die Ferien verreist.»

Timon nickt.

«Hast du etwas vergessen?»

«Ja», sagt Timon, er nickt eifrig, dreht sich um, «ich muss jetzt schnell runter.»

«Geh, deine Mutter wartet sicher.»

«Ja, genau.»

Timon saust nach unten. Diese Frau Meierhofer, er muss lachen, die begreift einfach gar nichts mehr. Er rennt hinaus ins Dunkel; hoffentlich wird Grossmutter nie so, und eigentlich, er bleibt stehen. Eigentlich könnte er wieder mal zu Grossmutter. Er rennt weiter; Grossmutter würde ihn doch nur an die Mutter verraten. Grossmutter ist schon okay, aber sie hat Angst vor Mutter, wie alle. Ausser Markus, vor dem hat sie selber Angst.

Die Treppe knarzt, Timon legt sich auf seine Decke, starrt in die alten Balken. Frau Meierhofer glaubt echt, dass sie mitten in der Nacht in die Ferien gehen. Viel leicht ist die Mutter wirklich in den Ferien, nur mit ihm ist sie nie verreist. Weiss denn Frau Meierhofer gar nicht, dass er nicht mehr zu Hause ist. Oder warum denkt sie, dass er mitgeht in die Ferien? Vielleicht hat sie es einfach vergessen, oder, Timon stutzt, vielleicht hat die Mutter gar nichts davon gesagt. Er raucht eine Zigarette, vielleicht sucht ihn die Mutter ja gar nicht, und deswegen stellt sie ihm einfach Möbel in sein Zimmer. Aber warum Grossmutters Möbel, Möbel gibt man doch nur weg, wenn man stirbt. Timon setzt sich auf, er muss husten, starrt in die Dunkelheit. Jetzt ist ihm alles klar.

Warum sagt ihm die Mutter nicht, dass Grossmutter tot ist, sondern stellt einfach ihre Möbel in sein Zimmer? Kann die nicht mal mehr reden?

Timon reisst die Schokolade auf, nimmt den warmen Pullover aus dem Rucksack. Er zittert plötzlich am ganzen Körper, wischt sich mit dem Ärmel über die Augen. Dann isst er die ganze Schokolade auf und schläft auf seinem Zeitungsbett ein. Als er aufwacht, steht die Sonne hoch am Himmel.

Das Telefon summt; dass sie ständig vergisst, es auszuschalten. Antonia greift hinter sich in die Tasche und stellt es stumm, schreibt weiter; sie arbeitet zu viel, nur muss einer eben das Protokoll führen, und wenn sie an den Urlaub denkt, dann geht’s. Morgen früh fahren sie, sie muss noch packen, die letzten Nächte hat sie bei Markus verbracht. Das erste Mal zwei Wochen Urlaub mit Markus, und das erste Mal, dass sie das Meer wieder sieht, seit Timon auf der Welt ist.

«Ist das notiert?» «Ja, klar.» Antonia schreibt den Satz fertig. Was glaubt ihr Chef eigentlich, muss der wirklich immer alles kontrollieren. «Hätten wir das, senden Sie uns das Protokoll so rasch als möglich.»

Antonia speichert, schliesst das Programm.

Als Erstes braucht sie jetzt Kaffee und eine Zigarette. Sie stellt sich an die Sonne, schliesst die Augen; das ist gut, Sonne auf der Haut. Antonia tritt die halb aufgerauchte Zigarette aus. Was Timon wohl gerade macht? Sie schaut ständig, wann er zuletzt online war, was er genau macht mit seinem Telefon, nur orten, das will sie ihn nicht, da konnte sie sich bisher beherrschen. Vor ein paar Tagen kam die Telefonrechnung, im Ausland ist er nicht. Sie hat oft das Gefühl, dass er wieder in der Wohnung war, ganz sicher ist sie nie.

Sie trinkt den Kaffee aus, seufzt; Timon ist ihr Kind, aber er hat halt seinen Willen. Wenn er nicht bei ihr sein will, wenn er nicht zurückkommen will, sie wird ihn zu nichts mehr zwingen.

Sie sollte ihn trotzdem sehen, bevor sie wegfahren, sie muss ihm wirklich sagen, dass er zur Grossmutter zieht. Wenn der in die Wohnung kommt, während sie in den Ferien sind, und merkt, dass sie seine Sachen weggeräumt hat, Antonia zündet sich eine neue Zigarette an. Und wenn Markus merkt, dass Timon noch immer nichts weiss, und dass sie nicht einmal weiss, wo er ist. Sie raucht hastig.

Das Telefon summt, wer schreibt ihr denn schon wieder, Timon? «wann wird grossmutter beerdigt», ohne Fragezeichen, sie liest nochmals. Dann steckt sie das Telefon in die Tasche, starrt auf einen Punkt auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Was soll das denn heissen, alles kann es heissen, hastig zieht sie das Telefon wieder hervor. Wenn Timon schon bei ihrer Mutter eingezogen ist, und sie jetzt gestorben ist, Antonia wählt die Nummer ihrer Mutter, ihre Hände zittern. Es klingelt, vier-, fünf-, sechsmal.

«Sicher kannst du heute zum Abendessen kommen, kommt Timon auch mit?»

«Ich würde lieber alleine kommen, Timon ist wirklich schwierig in der letzten Zeit, und er muss noch packen.»

«Schade, ich habe ihn schon so lange nicht mehr gesehen. Sag ihm, dass ich mich freue, dass er bald bei mir wohnt.»

Antonia verdreht die Augen, «Bis später also, soll ich etwas mitbringen?»

Sie zündet sich noch eine Zigarette an. Sie kauft jetzt diese leichte Marke, wegen Markus, er möchte, dass sie aufhört zu rauchen. Was will der eigentlich noch alles, sie braucht das jetzt, und warum war sie gleich so panisch wegen Timons dummer Nachricht. Nun muss sie auch noch zur Mutter, dafür hat sie wirklich keine Zeit, sie zieht an der Zigarette.

Folge 53

Warum stellt Timon solche Fragen, er hat sich seit Wochen nicht gemeldet, ist einfach verschwunden. Und sie? Sie hat ihn nicht einmal gesucht, nie. Antonia beisst die Lippen aufeinander, sie weiss doch selber nicht, weshalb. Irgendwann war es zu spät. Sie kann jetzt nicht plötzlich doch noch zur Polizei gehen und sagen, ich vermisse mein Kind seit Wochen.

Und das Fahrrad hätte sie wirklich nicht verkaufen dürfen, das ist schon klar, sie zündet die neue Zigarette an der alten an. Warum läuft eigentlich immer alles schief.

Antonia tritt die Zigarette aus, schaut auf die Uhr und wirft ein Pfefferminzbonbon ein, sie vertreibt die Gedanken mit einer Handbewegung wie schmutzige Fliegen. Noch ein paar Stunden, dann könnt ihr mich mal. Sie setzt sich an den Rechner, überarbeitet das Protokoll, verschickt es, arbeitet weiter, trinkt nichts, holt später noch einen Kaffee, mit viel Zucker. Sie taucht erst wieder aus ihrer Konzentration auf, als alle schon weg sind; an einem einzigen Tag hat sie ein halbes Wochenpensum geschafft.

Antonia parkt vor dem Haus ihrer Mutter.

«Timon kommt, wenn ihr aus den Ferien zurück seid, hast du gesagt?» Antonia nickt. «Er ist jetzt gar nie vorbeigekommen, um sein Zimmer zu sehen», sagt die Mutter. Antonia nickt wieder, sagt nichts, sie schaut sich um, schaut ihrer Mutter ins Gesicht. Keine Anzeichen, nirgends, die Mutter hat wirklich keinen Verdacht geschöpft, dass Timon abgehauen ist, und auch nichts gehört im Dorf, sie hätte sonst längst gefragt. Dass sie rein gar nichts gemerkt hat.

«grossmutter wird beerdigt, wenn sie tot ist», tippt Antonia zu Hause ins Telefon. Moment, warum sollte sie Timon überhaupt antworten? Sie löscht die Nachricht, nimmt einen Schluck Wermut, geht zum Kühlschrank, noch etwas Cola für den schweren Magen, die Cola ist weg. Antonia fährt herum, sofort ins Zimmer, der Kleiderschrank steht offen, sie wirft die Tür gleich wieder zu; soll sie doch das Schloss auswechseln? Das müsste sie selber bezahlen, davon dürfte Markus nichts erfahren. Womöglich würden die das ganze Schliesssystem auswechseln, oder es gäbe einen Versicherungsfall, und dann käme bestimmt irgendjemand dahinter. Darüber will sie jetzt nicht nachdenken. «Dass man ein Kind so lange nicht vermisst!», den Satz hat sie nie vergessen. Wenn sie ehrlich ist, vermisst sie Timon wirklich nicht. Warum sollte sie sich noch irgendetwas vormachen? Und solange er hier seine Spuren hinterlässt, muss sie ihn eigentlich nicht suchen. Aber Scheisse, Markus, warum, verdammt, hat sie sich nicht dagegen gewehrt, dass er unbedingt Timons Zimmer für sich haben will.

Antonia stützt den Kopf in die Hände, dann nickt sie. Klar, Timon hat das Nähmöbel erkannt, das stand bei Grossmutter, in dem Zimmer, das Timon bald selber bewohnen wird.

«jedenfalls nicht lebendigen leibes», schreibt sie zurück. Markus hat auch noch was geschrieben, «vergiss die strassenkarte nicht». Sie muss sich ans Packen machen, morgen früh holt er sie ab, und nach den Ferien zieht er hier ein. Dies also wird ihre letzte Nacht allein zu Hause.

Antonia putzt die Zähne, kämmt die Haare, traumloser Schlaf.

«jedenfalls nicht lebendigen leibes», was meint Mutter damit? Timon starrt auf sein Telefon; sie ist immer noch online, soll er sie fragen, eigentlich will er die Mutter überhaupt nichts mehr fragen, sie hat einfach sein Zimmer vollgestellt.

Was meint sie, lebendigen Leibes, ist Grossmutter also nicht tot, oder eben doch? Aber wenn er auf dem Telefon nachschaut, was das bedeutet, kann sie mit ihrem doofen Chico Browser alles nachlesen, überhaupt, das nervt. Er kann die App auch nicht löschen, das merkt sie, und dann stellt sie sein Telefon ab.

Timon setzt sich auf. Er zieht sich wieder an und schleicht ins Dorf, huscht von Hausecke zu Hausecke. Er fährt zusammen; das war nur ein Auto. Endlich steht er vor Grossmutters Haus, es brennt noch Licht. Timon wirft einen Kiesel gegen das Fenster.

«Wer da?», bellt Grossmutter mit tiefer Stimme.

«Schlingel, weg mit euch, sonst rufe ich die Polizei!»

Timon späht hinter einem Busch hervor, sein Herz klopft vor Erleichterung. Grossmutter steht im Nachthemd am Fenster und ruft, «Ich habe euch gesehen!»

Wie einen Pfeil streckt sie den Zeigefinger in die Nacht hinaus. Timon möchte am liebsten zu ihr hingehen und sie umarmen, aber dann müsste er auch gleich wieder zu Mutter zurück. Die Grossmutter schliesst das Fenster, bleibt hinter der Scheibe stehen und hebt nochmals ihren Finger, streng und warnend, bevor sie das Licht löscht.

Lydia zieht den Vorhang zu; diese kleine Gestalt, die hat ausgesehen wie Timon, oder täuscht sie sich, sie sieht nicht mehr so gut. Schade, dass Antonia ihn nicht mitgenommen hat zum Nachtessen, und überhaupt, irgendetwas ist doch faul an der ganzen Sache. Sie schaut nochmals in die Nacht hinaus, dann löscht sie überall das Licht und geht ins Bett.

Nur der Schlaf will nicht kommen. Dass Antonia diese Geschichte mit Tanja einfach immer noch nicht verwunden hat, da ist sie wirklich starrköpfig, das hat sie von ihrem Vater. Dieser Valentin hat sein Herz schon am rechten Fleck, auf ihn lässt sie nichts mehr kommen. Man muss eben mit den Leuten reden, nicht immer nur über sie. Im Wohnzimmer schlägt die Uhr Mitternacht, Lydia seufzt, dreht sich im Bett.

Und manchmal muss man den Leuten die Mäuler auch stopfen, das hat sie sich nicht getraut, damals, als die Leute geredet haben, woher sie das Geld habe für das Internat, ganz ohne Mann.

Folge 54

Chris, das wäre wirklich ein guter Mann gewesen für Antonia. Er hat Antonias Vater ein wenig geglichen, das hat sie ihr nie gesagt, und jetzt erst recht nicht mehr, seit dieser Markus da ist. Dass Antonia einfach zulässt, dass der Timon aus ihrer Wohnung wirft.

Sie wälzt sich hin und her, wie wütend Antonia geworden war, als sie ihr gesagt hatte, dass sie kein Geld mehr habe, und dass es nicht ihre Aufgabe sei, Timon ein teures Internat zu bezahlen. Nur bereuen tut sie es nicht, dass sie sich gewehrt hat. Dass Antonia ihr wirklich an den Kopf geworfen hat, sie sei schuld daran, wenn ihr Enkel mit lauter Schwererziehbaren ins Heim kommen würde. Das lässt sie einfach nicht gelten, sie ist es nicht, die Timon erzogen hat.

Wenn das nur gut kommt, wenn der Bub bei ihr wohnt; ihr wäre das Internat doch auch lieber. Nochmal eine Privatschule finanzieren, das kann sie halt wirklich nicht, und der Vorschlag, dass sie dafür ja ihr Haus verkaufen könne, das ist doch wirklich nur noch frech von Antonia. Lydia seufzt. Sie lauscht in die Nacht, war da nochmals ein Geräusch? Nein, es ist alles leise, und langsam werden die Gedanken ruhiger.

«Wir können immer noch in ein paar Jahren in die Stadt ziehen», sagt Markus, «wenn Timon grösser ist.»

Antonia kaut lustlos, «Es wäre für alle ein Neuanfang gewesen», sie schaut Markus an, «vor allem für mich.»

Sie schiebt den Teller von sich, zündet eine Zigarette an, Markus rückt ein wenig nach hinten und runzelt die Stirn. Antonia raucht weiter und sagt, «Wir müssen das jetzt wirklich nicht von vorn diskutieren, schon gar nicht im Urlaub.»

Sie zündet eine neue Zigarette an, kneift die Augen zusammen, bläst den Rauch aus und fügt an, «Für dich stand ja sowieso von Anfang an fest, dass du nicht mit Timon zusammenwohnen willst.»

Markus rückt wieder näher zu Antonia, «Liebes.»

Er legt ihr die Hand auf den Arm, sie zieht den Arm weg.

Sie schweigen, schauen auf das Wasser hinaus, Markus bestellt nochmals Bier und fragt nach einer Weile,

«Gefällt es Timon, auf dem Bauernhof?» Antonia stutzt, dann sagt sie, «Ja, offenbar.» Und dann steht sie auf, «Ich muss mal.»

Antonia geht durch den Sand zwischen den Bartischchen nach hinten, aufs Klo, bleibt lange sitzen, ihr Herz klopft; zu viel Bier hat sie auch getrunken. Sie müsste längst zur Polizei, nur Markus hat immer noch nichts gemerkt. Doch wenn sie nach Hause kommen, muss Timon wissen, dass er bei Grossmutter wohnen wird.

Antonia dreht der Kopf, im Dorf weiss doch bestimmt längst jeder, dass Timon nicht zu Hause lebt, dass er irgendwo durchgefüttert wird. Sie wäscht sich gründlich die Hände; sie weiss, was zu tun ist.

Es regnet durchs Dach, Wasser sickert in die Bretter am Boden, die Zeitungen sind feucht, die Decke mieft.

Timon liegt auf dem Rücken, isst Schokolade, hört Musik auf dem Telefon, guckt durchs Fenster. Der Tag hört gar nicht auf, immer ist es langweilig, immer ist er alleine. Wenn er wenigstens das rote Kätzchen vom Bauernhof bei sich hätte, aber die Mutter hat ja schon immer alles kaputtgemacht.

Timon greift ins Leere, die Schokolade ist alle, es regnet immer weiter, eigentlich ist es egal. Alles ist egal. Timon steht auf, zieht etwas aus dem Kleiderhaufen hervor, alles stinkt, auch egal. Dieses blöde kleine Fahrrad, diese blöde Mutter. Timon radelt im Stehen, Wasser spritzt ihm an den Rücken, Regen ins Gesicht, egal, er steuert auf die Brücke zu und hält hoch über dem Fluss an. Das Wasser fliesst ruhig, trotzdem hat es in den letzten hunderttausend Jahren die ganze Schlucht in den Fels gefressen, schon krass. Timon spuckt ins Wasser hinab, rennt zur anderen Strassenseite, um der Spucke hinterherzuschauen, Bremsen kreischen. «Spinnst du!» Eine Frau schaut ihn böse aus dem Auto heraus an, gibt wieder Gas. Timon zeigt ihr den Vogel.

Die Spucke ist viel zu klein, und zwischen den Regentropfen verliert man sie sowieso aus den Augen. Timon radelt auf dem kleinen Fahrrad weiter, ans andere Ufer und bis zu einer Kreuzung. Er fährt geradeaus, zur nächsten Kreuzung, der Regen hört nicht auf. Timon bleibt stehen, er liest die Wegweiser, wie hat das Dorf überhaupt geheissen, und wie heissen die Mädchen? Er schaut sich um, merkt sich, wo er hergekommen ist, den Fluss sieht er schon nicht mehr.

Er muss jemanden fragen. Aber er sieht niemanden, und wenn er jemanden fragt, muss er seinen Namen sagen, und dann rufen die die Polizei und die Polizei ruft die Mutter. Und die Bäuerin würde sicher fragen, warum er herkommt, und dann würde sie auch die Mutter rufen.

Timon wendet das Fahrrad, fährt zurück, dann hält er nochmals an. Vielleicht würde der Bauer der Bäuerin sagen, dass sie die Mutter nicht rufen soll. Timon weiss trotzdem nicht mehr, wie das Dorf geheissen hat.

Der Junge war ganz nass gewesen heute Nachmittag und so verstört, vielleicht hat er das auch nur so wahrgenommen, er war ja selber völlig aufgelöst durch den Tag gegangen.

Valentin hängt die gewaschenen Kleider im Wohnzimmer auf, Timon hatte rein gar nichts erzählt, warum er mitten am Tag herkam, nass bis auf die Haut. Sonst kommt er immer erst im Schutz der Dunkelheit.

Er legt sich ins Bett, schliesst die Augen. Einschlafen kann er nicht, er hat noch immer diese Stimme im Ohr.

Folge 55

Antonia hat schnell und leise geredet, die Verbindung war schlecht, und es hat gedauert, bis er endlich verstanden hat. Sie will bei Tanja ein gutes Wort dafür einlegen, dass er ihren Sohn kennenlernen darf, wenn er im Gegenzug dafür sorgt, dass sie sich bei ihm mit Timon unterhalten kann.

Wenn Antonia tatsächlich Kontakt gehalten hat zu Tanja, dann kennt sie seinen Enkel. Valentin wälzt sich im Bett. Woher weiss sie denn, dass Timon hierherkommt? Und dann hat sie aufgelegt, keine zwei Minuten bevor Timon geklingelt hat.

Timon steht vor den Briefkästen. Das Fach steht offen und ist bis oben zugestopft; ist die Mutter immer noch in den Ferien? Er sucht den Schlüssel hervor, sein Blick fällt auf das Klingelschild. Das alte Schild ist weg, auf dem die Mutter Vaters Namen übermalt hat, so hirnrissig. Aber was steht denn da, Timon geht näher, er liest den Namen von Markus.

Was für eine dumme Sau, Timon nimmt ein paar Umschläge aus dem Briefkasten und wirft sie auf den Boden. Wenn der einzieht, geht er ganz sicher nie wieder nach Hause, nie mehr. Timon kickt mit dem Fuss nach den Papieren, sie flattern auf und verteilen sich auf dem ganzen Vorplatz.

Timon kehrt um, in die Wohnung geht er nicht mehr. Sobald er im Heim ist, geht er an den Wochenenden immer nur zu Vater. Die Mutter muss überhaupt nicht glauben, er komme wieder mal zu ihr, sie hat sowieso sein ganzes Zimmer vollgestellt.

Er trottet über den Dorfplatz; geht er eben zum alten Mann, der hat immer was zu essen. Von der Mutter will er gar kein Essen mehr, das reut sie sowieso, und sie lässt diesen Kerl bei sich wohnen, ohne ihm etwas zu sagen. Sie könnte ihm ja schreiben.

Beim alten Mann muss er wenigstens nicht immer sagen, wo er hingeht, der lässt ihn einfach in Ruhe. Die Mutter hat gar keinen Grund, den so zu hassen, und sie ist ausserdem selber eine blöde Kuh. Von der will er nichts mehr wissen, er hat sowieso alles geholt, was es zu holen gibt, und was er braucht, kriegt er auch so. Was glaubt die eigentlich?

Die Luft ist noch feucht, die Strasse nass. Die Sonne steigt auf, erleuchtet die Wasserlachen, die sich vom Regen auf den Äckern gebildet haben. Valentin bremst, auf einer Lache schwimmen Enten; für die Ernte bedeutet das nichts Gutes.

Natürlich versteht er, dass der Junge wütend ist auf ihn. Nur hatte er wirklich nicht daran gedacht, Timon zu erzählen, dass bei seiner Mutter ein neues Klingelschild hängt. Klar war es ihm aufgefallen, doch woher hätte er wissen sollen, dass Timon von alldem nichts weiss.

Er macht sich an die Arbeit, bei den Einfamilienhäusern stehen ein paar Leute in einem Vorgarten um etwas Buntes. Valentin wirft die Post ein, will weitergehen, da ruft ihn jemand heran, zeigt auf den Boden. Zerschlagene Gartenzwerge liegen herum. Valentin tritt heran, die Besitzerin des Hauses redet sofort auf ihn ein.

«Wenn es nur die Gartenzwerge wären», sie signalisiert ihm, ihr zu folgen, «kommen Sie, kommen Sie!»

Sie führt Valentin ans Kellerfenster, die Scheibe ist zerschlagen, das Ungeziefernetz zerschnitten.

«Da, im Keller, da haben die mein Fahrrad herausgeholt.»

Valentin schaut auf das Fenster, dann zu der Frau, «Wie ist denn das passiert?»

«Wenn ich das wüsste!»

Ihr Mann kommt heran und sagt, «So etwas bei uns.» Die Frau nickt, «Dabei kennt man sich doch.»

Eine ältere Frau sagt bestimmt, «Wir müssen sofort die Polizei alarmieren.»

Valentin schaut diese Frau erst jetzt an, Lydia, er hat sie gar nicht gesehen. Sie nickt ihm zu. Soll er sie auf Timon ansprechen, aber wenn nicht einmal Markus wissen darf, dass Timon nicht zu Hause lebt, dann weiss sie es vielleicht auch nicht. Vielleicht hat er Antonia ja falsch verstanden am Telefon.

Hat Antonia ihren Bub denn wirklich nicht gesucht, das hätte man doch vernommen im Dorf. Valentin wirft nochmals einen Blick zu Lydia, die unterhält sich mit jemandem aus der Nachbarschaft. Und war es wirklich eine gute Idee, sich auf diesen Kuhhandel einzulassen, ausgerechnet mit Antonia, die ihrem Kind nicht einmal sagt, dass jemand anderes bei ihnen einzieht?

Als wäre Timon nicht schon wütend genug auf ihn gewesen, weil er ihm nichts vom neuen Klingelschild erzählt hatte. Und jetzt soll er ihn noch an die Mutter verraten, nur weil sie behauptet, dass er seinen Enkel kennenlernen darf, von dem er bis gestern gar nichts gewusst hat. Er könnte einfach Timon fragen, die Buben müssten ja etwa im selben Alter sein.

Man kann ein Kind doch nicht so instrumentalisieren. Valentin hebt seine Hand, setzt sich auf das Mofa und fährt los. Erst jetzt merkt er, dass keiner sich von ihm verabschiedet hat. Und von dem, was Antonia über seinen Enkel gesagt hat, glaubt er kein Wort.

«Bist du denn sicher, dass dich keiner sucht?»

Timon schüttelt den Kopf, starrt auf den Boden.

Dann sagt er, «Ich geh da nie mehr hin.»

Valentin schaut Timon an, der schüttelt seine Haare nach hinten, immer wieder.

«Und warum sollte sie mich plötzlich suchen», sagt er, «sie geht lieber ohne mich in die Ferien.»

Valentin schiebt seine Tasse hin und her, deswegen klang sie also so weit weg, am Telefon. Wenn Timon wüsste, dass er sich mit seiner Mutter abgesprochen hat.

Und wer sagt denn, dass es nicht Timon war, der das Fahrrad gestohlen hat. Das ist doch Humbug, warum denkt er immer das Schlechteste von den Menschen, und überhaupt, Timon kann das Fahrrad doch ganz gut gebrauchen.

Folge 56

«Du kannst immer hierherkommen, Timon.»

Timon blickt Valentin an, in seinen Augen blitzt Misstrauen auf.

«Ich meine es so, du bist immer willkommen, was auch passiert.»

Timon nickt, dann steht er auf. Der Junge ist gross geworden in den letzten Wochen, seine Handgelenke ragen weit aus den Ärmeln hervor.

Valentin bleibt am Küchentisch sitzen; dieses Misstrauen, als er Timon gesagt hat, dass er sein Lieblingsessen kochen wolle. Dann hat sich der Junge doch Kartoffelstock gewünscht, mit Bratensauce.

Vielleicht könnte Timon sich anfreunden mit seinem Enkel, die Freundschaft zwischen Antonia und Tanja hat schliesslich auch die Jahre überdauert. Wahrscheinlich kennt Timon seinen Enkel längst und weiss nur nicht, dass er sein Grossvater ist.

Vielleicht kommt am Ende doch alles gut, vielleicht gibt es seinen Enkel wirklich, und vielleicht hat ihn Antonia gar nicht angelogen.

Timon liegt wach. Es ist seine zweitletzte Nacht im Dorf, dann kann er endlich weg, und er kommt nie wieder. Höchstens mal in sein Haus, zu Grossmutter oder zum alten Mann, aber zur Mutter, niemals.

Er isst die Schokolade auf; der alte Mann legt ihm immer welche hin. Er lauscht, ein Auto fährt vorüber. Aber warum hat der alte Mann heute gefragt, ob ihn jemand sucht, hat er sich das vorher nicht überlegt? Niemand sucht ihn, ist ja klar, die Polizei ist nicht so dumm, die hätten ihn längst gefunden.

Irgendwo raschelt es, Timon hat schon lange keine Angst mehr, nur das rote Kätzchen vermisst er. Das wird er der Mutter nie verzeihen.

Es klingelt, Valentin geht an die Tür. Er hatte gehofft, dass Timon als Erster da sein würde. Antonia duckt sich ein wenig, tritt in den Korridor. Valentin weist sie in die Küche, «Setzen Sie sich.»

Sie schiebt ihre Tasse hin und her, klammert sich mit den Fingern an ihren Oberarmen fest. Valentin räuspert sich, «Wie heisst er denn?»

Antonia schaut verschreckt auf.

«Mein Enkel?»

«Ach so», sie räuspert sich wieder, trinkt einen Schluck.

«Vincent», sagt sie heiser.

«Vincent.»

Antonia schaut auf die Uhr, es ist kurz vor acht, dann klammert sie sich wieder an ihre Arme. Valentin fragt, «Kennen sich denn die beiden Buben, Vincent und Timon?»

Antonia schluckt; was soll sie ihm sagen, warum hat sie sich in diese Situation begeben, einem alten Mann so einen Mist zu erzählen. Wenn er Tanja jetzt kontaktiert, warum baut sie immer den bescheuertsten Mist, an den bescheuertsten Orten, immer, ihr Leben lang. Sie muss ihm einfach sagen, dass Tanja einen Rückzieher gemacht hat, denn wenn die erfährt, was sie hier gerade abzieht. Ausgerechnet auf Tanjas Buckel, die sich schon so lange ein Kind wünscht. Wie soll sie das dem Alten bloss beibringen, dass er gar keinen Enkel hat? Antonia legt den Kopf in die Hände.

«Er kommt dann schon», sagt Valentin, «er kommt immer.»

Antonia steht auf, sie hat Valentin gar nicht geantwortet. Natürlich kennen sich die beiden Buben nicht, wenn es nur einen der beiden wirklich gibt, sie steht auf, geht herum. Im Wohnzimmer hängen Timons Kleider an der Wäscheleine; hat er also doch hier gewohnt, sie hastet in die Küche.

«Wo ist er denn?»

Valentin schaut erstaunt auf, «In der Käserei.»

«Warum?»

«Da ist er immer», sagt Valentin. Antonia fragt, «Hat er denn gar nicht bei Ihnen gewohnt?»

Valentin hebt den Pfannendeckel, der Kartoffelstock ist längst nicht mehr heiss, er stellt drei Teller auf den Tisch.

«Wir müssen ihn suchen», sagt Antonia. Sie zieht die Schuhe an, die Jacke, sie muss sich bewegen, alles muss sie bewegen, die Hände, die Beine, sie muss hier raus, jetzt, sie hält es keine Sekunde länger aus in diesem Haus.

Antonia und Valentin eilen über den Dorfplatz, gegen die alte Käserei hin, sie gehen nicht nebeneinander, sie überholen sich ständig.

Valentin macht grosse Schritte; wenn jemand sie beide zusammen sieht, so spät.

Antonia überholt; sie muss Timon unbedingt sehen, bevor er Markus sieht, sie muss ihm das alles beibringen. Dass er bei Grossmutter wohnen wird, er wird es schon verstehen, er wird es ganz bestimmt verstehen, und er würde bestimmt gar nicht mehr bei ihr wohnen wollen, bei einer Mutter, die ihr Kind nicht sucht, bei einer Mutter, die ihrem Kind das Fahrrad stiehlt.

Valentin eilt wieder voraus; warum kommt der Junge ausgerechnet heute nicht, er ist den ganzen Sommer über jeden Tag gekommen, und heute, wo so viel davon abhängt, nichts. Aber, er geht ein wenig langsamer; soll er Antonia vielleicht doch fragen, er kann sich nicht vorstellen, dass er einfach gar nichts wüsste von einem Enkel, dass Tanja ihm gar nie etwas gesagt hätte, er verlangsamt noch mehr.

Antonia geht wieder vorne; wenn das einer merkt, dass sie ihr Kind den ganzen Sommer über nicht gesucht hat, wenn das herauskommt, wenn Valentin das herumerzählt, wenn es Markus erfährt oder ihre Mutter oder die Schule.

Und dass sie ihn einfach bei ihrer Mutter einquartiert, sie weiss nicht einmal, ob sowas überhaupt legal ist. Sie geht schneller, sie muss ihr Kind suchen, und vielleicht ist heute der Tag, an dem es zu spät ist.

Folge 57

Valentin lässt sich noch weiter zurückfallen; wenn sie Timon nicht finden, wenn Antonia nicht mit ihm sprechen kann, wird sie ihm auch nicht helfen, Kontakt zu Tanja aufzubauen. Wenn er nur Kontakt zu Tanja haben könnte, er braucht doch keinen Enkel dafür. Am Telefon hat Antonia gesagt, sie brauche ihn zur Vermittlung mit Timon, da hat sie allerdings recht, er braucht Antonia auch zur Vermittlung, er ist alt, und er möchte seine einzige Tochter wenigstens noch einmal in diesem Leben wiedersehen.

Antonia geht langsamer, Valentins Schritte nähern sich, sie gehen durch die Nacht, nebeneinander. Von morgen an wohnt Timon nicht mehr bei ihr, Markus zieht noch heute Abend ein, er ist nur nochmals zu seiner alten Wohnung gefahren, um seine letzten Sachen zu holen. Dann wird für sie ein neues Leben anfangen, wenn auch im alten Gehege.

Valentin bleibt stehen; wie lange war er nicht bei der Käserei, und warum hat er den Knaben eigentlich nie besucht, einmal nachgeschaut, wo er lebt. Damit hätte er ihn eben nur allzu leicht verraten können. Das Haus ist dunkel, Valentin geht voraus und leuchtet mit seiner Taschenlampe. Antonia geht hinter ihm her, ganz nah, bei jedem Geräusch schreit sie leise auf. Sie gehen rasch durch die Küche, Valentin schaut kurz ins Bad, geht schnell weiter; daran will er jetzt nicht denken, wie er den Käser hier gefunden hat. Sie gehen die Treppe hinauf, unter den Dachbalken liegen die Decke, ein Haufen stinkender Kleider, Schokoladenpapiere, Zigarettenstummel, Timons Ladegerät.

Antonia schlägt die Hände vors Gesicht. Valentin weiss nicht recht, ob sie weint oder ob es wegen dem Gestank ist. Sie steigen die Treppe rasch wieder hinunter. Die Stufen knarren, keiner spricht ein Wort. Valentin geht voraus, hinter das Haus, ruft laut, «Timon!» Antonia zuckt zusammen, dann ruft sie auch, und schliesslich rufen sie zusammen, «Timon!»

Die einzige Antwort ist das schwache Echo vom Wald her. Antonia zittert, es ist dunkel, sie stolpert beinahe. Ein Damenrad liegt auf dem Boden, daneben ein kleines Kinderrad, sie bleiben davor stehen. Valentin leuchtet auf die beiden Fahrräder. Antonia schlottert, dann wenden sie sich ab. Antonia geht voran, Valentin leuchtet ihr den Weg.

Timon schliesst auf, lauscht, nichts. Die Küche ist vollgestellt, im Korridor stehen Sachen von Markus, sogar Möbel, überall hat der sein Zeug abgestellt. Timon muss jetzt erst mal aufs Klo und dann heiss duschen.

Er zieht sich aus, stellt sich unter die Dusche, seift sich ein; der Briefkasten war leer, sie sind also zurück aus den Ferien. Egal, er will einfach rasch seine Sachen holen, fürs Heim, das hat er sich genau überlegt, die haben sich nämlich sicher schon gefreut, dass er nicht mehr kommt.

Timon trocknet sich ab, nimmt irgendeine Hautcreme, das hat er früher immer gehasst, aber jetzt ist das richtig geil, diese Creme auf der Haut. Er wickelt sich in ein Handtuch und geht durch die Wohnung, ins Wohnzimmer; jetzt steht das alte Nähmöbel hier in der Ecke, findet die Mutter das etwa schön? Passt zu ihr. Er geht in die Küche, isst von der Schokolade; ein wenig reut es ihn schon, dass er nicht beim alten Mann den Kartoffelstock essen geht, aber er will einfach seine Sachen selber holen. Timon geht in sein Zimmer, da hat es wieder Platz, weil das Möbel weg ist; Timon bleibt in der Mitte stehen. Sein Bett steht nicht mehr da, der Schrank auch nicht. Alle seine Kleider sind im Schrank, aber wo ist der Schrank, und das ist gar nicht sein Pult, das ist ein anderes Pult. Wo ist sein Pult, da hat er Sachen drin, die gehören ihm, Timon reisst eine Schublade auf. Schreibzeug, Dokumente, er richtet sich auf, da hängt ein neuer Vorhang. Er öffnet das Fenster; seinen Aschenbecher haben sie weggenommen, nur der Nagel, den er eingeschlagen hat, ragt noch aus der Wand. Er dreht sich wieder um, schaut vom Fenster her in sein Zimmer. Die Tapete ist weg, die Wände sind hellgrün gestrichen, wer nimmt denn hellgrün.

Im Korridor hängt ein neues Bild von Mutter und Markus. Timon schaut es eine Weile an, dann fasst er es am Rahmen, nimmt es von der Wand und schlägt es auf den Boden. Das Glas zersplittert, Timon hebt das Foto auf, reisst es in Fetzen und streut sie über die Scherben.

Von aussen steckt jemand den Schlüssel ins Schloss, Timon schaut zur Tür.

Sie öffnet sich.

Valentin zögert; soll er wirklich klingeln? Woher nimmt er denn das Recht, wissen zu wollen, wo Timon ist, ob man ihn gefunden hat, und warum sollte Lydia das wissen, wenn sie doch den ganzen Sommer über nicht wusste, wo Timon gesteckt hat? Seine Hand macht, was sie will. Er sieht, wie sein Zeigefinger auf den Klingelknopf drückt, hört den schrillen Klang, Schritte, ein Zögern; Lydia will bestimmt lieber ihre Ruhe haben.

Dann wird der Schlüssel umgedreht, die Klinke heruntergedrückt.

«Sie sind es», sagt Lydia. Sie schaut ihn einen ganzen Moment lang an, mehr staunend als zögernd, dann sagt sie, «Kommen Sie.»

Erst jetzt öffnet sie die Tür so weit, dass Valentin eintreten kann.

«Kommen Sie herein.»

Sie führt ihn in die Küche. Lydia weist auf einen Kuchen, «Den habe ich gestern gebacken.»

Sie holt Besteck aus dem Schrank, füllt zwei Tassen mit heissem Kaffee, «Setzen Sie sich doch.»

Valentin setzt sich an den Küchentisch.

Folge 58

«Essen Sie», sagt Lydia wieder und schiebt ihm einen Teller mit einem grosszügigen Stück zu.

«Ist er nicht ein wenig trocken?»

Valentin schüttelt den Kopf, kaut und schluckt.

«Der Kuchen ist prima», sagt er, trinkt einen Schluck Kaffee.

Und dann bricht es einfach aus ihm heraus, «Wissen Sie vielleicht, wo Timon ist?»

Lydia schaut ihn erstaunt an, steht auf, «Natürlich», sagt sie und wischt sich die Hände an der Schürze ab.

«Kommen Sie.»

Er geht hinter ihr her durch den Korridor.

Im Zimmer steht der Schrank offen, ein paar Kleider von Timon liegen auf dem Boden, nur das Bett ist gemacht.

Lydia schliesst das Fenster, «Ich habe noch gar nicht aufgeräumt», sagt sie und schliesst den leeren Schrank.

«Er musste heute Morgen so früh los.»

«Hat er denn hier geschlafen?»

Lydia schaut ihn an, dann nickt sie und sagt, «Ja, und sein Vater hat ihn heute abgeholt und in aller Frühe ins Heim gebracht.»

«Wohnt Timon also jetzt hier?», fragt Valentin.

«Ja», sagt sie, «am Wochenende.»

«Und unter der Woche ist er im Heim?»

«Ja», sagt Lydia. Sie zögert einen Moment, aber dann fährt sie fort, «Und das ist jetzt sein Zimmer.»

Sie schweigen beide einen Moment, dann schüttelt Lydia die Decke aus. Valentin öffnet die Tür, tritt in den Korridor, er sollte jetzt nach Hause gehen, nicht dass sie denkt, er wolle sie kontrollieren. Da sagt Lydia, «Essen Sie doch noch ein Stück Kuchen», eilt voraus in die Küche und schiebt ihm ein zweites Stück hin.

Der Stuhl, auf dem Valentin sitzt, wackelt ein wenig. Er versucht, ruhig zu sitzen und betrachtet die Fotos an der Wand gegenüber.

Eine ganze Reihe, fast immer hat Timon einen Kuchen mit Kerzen vor sich stehen, auf dem zweiten Bild sieht man einen Arm, der den Jungen festhält. Ein Zettel klebt schräg darüber, man kann nicht erkennen, zu wem der Arm gehört.

Valentin merkt, wie Lydia seinem Blick folgt.

Dann steht sie auf, reisst den Zettel weg und zerknüllt ihn, «Der ist jetzt lange genug versteckt worden.»

Vom Foto lacht Chris herunter; wie sehr Timon seinem Vater gleicht, als der noch jünger war.

Lydia betrachtet das Foto auch, und dann sagt sie, «Gestern habe ich diesen Kerl einfach rausgeschmissen.»

«Wen haben Sie rausgeschmissen?», fragt Valentin.

Lydia trinkt einen Schluck Kaffee, dann sagt sie, «Diesen Markus.»

«Gestern?», fragt Valentin.

«Ja.»

«Gestern Abend?»

Lydia isst vom Kuchen, wiegt dabei den Kopf, «Genau, gestern Abend. Kreuzt doch der Kerl mit Timon bei mir auf. Der Junge mit nassen Haaren, nur in Unterhosen, und gewehrt hat er sich wie ein wildes Tier.»

Valentin schaut Lydia an, die immer noch den Kopf hin- und herwiegt.

«Man muss sich ja schämen», sagt sie dann.

«Der ist mit dem Auto vorgefahren, als ich gerade den Kuchenteig angerührt habe. Er hat Timon an beiden Armen gepackt und ihn hier in den Korridor gestellt, die Arme verschränkt und gesagt, ’Hier, den kannst du haben!’. Ich konnte nicht einmal etwas machen, mit all dem Teig an den Händen.»

Valentin blickt Lydia an, die weitererzählt.

«Und dann hat er behauptet, Timon hätte sich in seine Wohnung eingeschlichen. Der kleine Scheisser müsse nicht glauben, dass er je wieder einen Fuss in seine Wohnung setzen könne, hat er gesagt.»

Sie ballt ihre Fäuste, «Der nennt meinen Enkel einen kleinen Scheisser. Und mit der Polizei hat er ihm gedroht, wenn etwas in seiner Wohnung fehlen würde, Timon ist ganz bleich geworden. Stellen Sie sich das einmal vor!»

«In seiner Wohnung», wiederholt Valentin nachdenklich. Lydia nickt heftig, «Genau, dabei hat der Bub sein ganzes Leben dort verbracht.»