Zum Hauptinhalt springen

FortsetzungsromanLesen Sie die neue Folge von «Blutlauenen»

Christof Gassers Krimi spielt in einem todbringenden Chalet im Berner Oberland. Das packt. Wir veröffentlichen täglich eine Folge.

 Christof Gasser: «Blutlauenen», Emons-Verlag 2019, 316 Seiten, ca. 19 Fr.
Christof Gasser: «Blutlauenen», Emons-Verlag 2019, 316 Seiten, ca. 19 Fr.

Folge 49

«Das ist weniger kompliziert, als Sie vielleicht denken.» Schwizgebel zeigte nach oben zur äusseren Stirnwand des Kellerraumes. Dort waren unter der Decke drei Oberlichter eingelassen. Deren Zweck war nicht nur, den Raum zu erhellen, sondern ihn auch zu lüften. Die mittlere Öffnung war grösser als die anderen beiden. Der Mauersims war zu einer Rampe abgeschrägt, das Holz darunter niedriger gestapelt. «Dort muss er ins Haus gekommen sein.»

«Wie bitte?», fragte Gamper. «Durch dieses schmale Loch? Da komme nicht einmal ich durch, und ich bin einiges schlanker als Brand, wenn Coras Beschreibung von ihm stimmt.»

«Das mittlere Oberlicht dient gleichzeitig als Holzluke», sagte Schwizgebel. «Das zugeschnittene Holz wird von draussen in den Keller geworfen. Der Stapel unter der Rutsche wird zuletzt geschichtet. Gleichzeitig verbarrikadiert man damit die Öffnung. Idealerweise ist der Holzvorrat vor Wintereinbruch aufgefüllt.»

Der vorhandenen Menge zufolge war das Haus im vergangenen Winter wenig bewohnt worden. Sollte ihr Zwangsaufenthalt länger als vorgesehen dauern, würde das grosse Frieren zuletzt kommen, dachte Cora nicht ohne Erleichterung. «Brand wusste von dieser Einrichtung?»

«Davon müssen wir ausgehen», sagte Ludivine. «Ihre Existenz ist kein Staatsgeheimnis.»

Schwizgebel zeigte auf den Boden, auf dem Holzscheite verstreut waren. «Er hat von aussen die Scheite weggestossen und ist über den Stapel hinuntergeklettert.»

«Das heisst, egal, ob der Haupteingang abgeschlossen war oder nicht, Brand kann ins Haus kommen, wie und wann er will», sagte Gamper. «Er könnte uns jederzeit abmurksen, verdammt noch mal!»

Schwizgebel senkte den Blick. «Es tut mir leid, dass ich nicht früher daran gedacht habe. Ich bin erst heute Morgen darauf gekommen, als wir darüber gesprochen haben, wie das mit Chantal passieren konnte.»

Cora wollte das Ganze nicht in den Kopf. Sie stand vor den gut über zwei Meter hohen Stapeln und sah nach oben. «Kommst du da rauf?», fragte sie Gamper.

Er schüttelte den Kopf. «Keine Chance. Das ist mir zu unstabil. Wenn der Stapel einstürzt, kann man sich höllisch verletzen.» Er machte eine einladende Handbewegung. «Bitte, du kannst es ja mal versuchen.»

Cora sah sich um. Neben der Eingangstür hing ein solider Werkzeugschrank an der Wand. Darunter stand ein alter, verbeulter Ochsnerkübel, der ihr sofort auffiel, weil sie so ein Teil seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Sie öffnete den Schrank und griff nach den Arbeitshandschuhen, die sie gesucht hatte. Sie wollte den Schrank schliessen, als ihr zwei circa zwanzig Zentimeter lange, runde orange Stangen mit einem Durchmesser von ungefähr zwei Zentimetern ins Auge stachen. Sie nahm eine davon in die Hand und starrte auf das aufgedruckte Symbol, welches vor Explosionsgefahr warnte.

«Hier wird Sprengstoff aufbewahrt?», fragte sie verdattert.

Schwizgebel nickte. «Wir haben früher damit oft Lawinen ausgelöst oder gefährliche Felsbrocken gesprengt»

«Wer ist ’wir’?»

«Oberst Spiegelberg und ich. Wir sind beide im militärischen Sprengdienst ausgebildet. Keine Angst, das Material ist stabil.»

«Wozu brauchen Sie es denn heute noch?»

«Es ist gut, es hierzuhaben, solange ’Blutlauenen’ bewohnt wird. Ich wechsle den Sprengstoff regelmässig aus, bevor das Verfallsdatum abgelaufen ist.»

Vorsichtig legte Cora die Stange zurück in den Schrank. «Ihr Wort in Gottes Gehörgang, Herr Schwizgebel.»

Nachdem sie die Handschuhe übergestreift hatte, rüttelte sie am Holzstapel. «Sei vorsichtig, Cora», sagte Gamper.

Sie wandte sich an Schwizgebel. «Kann ich Ihrer Stapelbaukunst vertrauen?»

«Sie können beruhigt sein, Frau Johannis», sagte dieser gelassen.

«Da klettert ein Rudel Gämsen drüber, ohne dass sich nur ein Scheit lockert.»

«Alles klar. Wenn’s schiefgeht, liegt es daran, dass ich keine Gämse bin.» Cora atmete einmal tief durch und suchte am Stapel Halt für den ersten Tritt. Mit ein paar behänden Kletterzügen war sie oben bei der Öffnung und schlüpfte ins Freie. Der kühle Wind zerrte an ihren Kleidern. Sie hielt sich nicht lange im Freien auf und nahm den gleichen Weg zurück. Der Abstieg gestaltete sich technisch anspruchsvoller, doch der Stapel blieb stabil.

«Kompliment, Herr Schwizgebel. Ich bin kleiner als Brand, aber durch die Öffnung kommt auch jemand, der einiges grösser ist.»

«Sie sind geschickt», gab Schwizgebel die Anerkennung zurück.

«Fassen wir zusammen», sagte Cora. «Der Verdacht erhärtet sich, dass Brand sich auf diesem Weg mindestens zweimal Zugang zum Haus verschafft hat. Bleibt eine Frage offen.»

Gamper wollte eine Erwiderung machen. Sie stoppte ihn. «Keine Angst, René, ich frage nicht wieder nach dem Motiv. Da ist was anderes, das mich beschäftigt.»

Ihre Freunde sahen sie erwartungsvoll an.

«Gehen wir davon aus, Brand hat Spritze und Beruhigungsmittel entwendet. Stellt sich die Frage, woher er wusste, dass du Arzt bist und eine Tasche mit dir herumträgst?»

«Ich bitte dich, Cora», sagte Gamper. «Er kann uns beobachtet haben, als wir mit dem Helikopter gelandet sind. Ich hatte die Tasche in der Hand, als ich ausgestiegen bin. Während wir gegessen haben, ist Brand ins Haus eingedrungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ja nicht einmal mein Zimmer abgeschlossen. Die Tasche lag auf dem Bett.»

Fortsetzung folgt

Alle bisherigen Folgen:

Folge 1

Old sins cast long shadows.

Alle Verfehlungen werfen lange Schatten.

Dame Agatha Christie

(1890–1976)

Prolog

Die Vibramsohlen der Bergschuhe schlitterten über den glatten Felsen. Sie fanden keinen Griff, der ihr zeitlupengleiches Abgleiten in die Schlucht aufhielt.

Die Schlinge um ihren Hals zog sich stetig zu. Wie durch Watte drang das unaufhörliche Grollen des Wasserfalles zu ihr. Es vermischte sich mit dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren.

Sie lag mit dem Rücken zur Wand. Mehrmals versuchte sie, sich umzudrehen und einen Felsvorsprung oder ein Stück Wurzelwerk im Steilhang zu finden, an dem sie sich festhalten konnte.

Obwohl die Sonne hoch am Himmel stand, wurde es schwärzer und enger um sie. Am Rand ihres Gesichtsfeldes zuckten sternförmige Blitze. Die Gesichter ihrer Kinder schwebten an ihrem geistigen Auge vorbei. Sie hätte der Tochter noch so viel sagen wollen: wie sehr sie sie liebte und wie stolz sie auf sie war.

Der Mann, von dem sie nicht wusste, wie sie ihn lieben sollte, lächelte ihr vor ihrem geistigen Auge zu. Sie hatte ihm ihre Gefühle nie offenbart. Das Bedauern darüber kam zu spät.

War es das gewesen? Hatte es einen Zweck, gegen das Schicksal anzukämpfen? Loslassen war der Preis, den sie bezahlen musste, damit die Last ihrer Mitschuld an dieser Katastrophe von ihren Schultern fiel. Ihr ganzes Leben bis zu den Ereignissen der letzten Tage zog in Bildern an ihr vorbei und hinaus ins Nichts.

EINS

«Mila, bist du so weit? Wir müssen uns beeilen, wenn …» Cora blieb im Türrahmen stehen. Milas vorwurfsvolle Miene sagte alles: Ihre Mutter hatte sich wieder mal nicht an die strikte Regel gehalten, anzuklopfen. Cora lenkte ab, indem sie auf das Kopfkissen zeigte, unter das Mila ein Foto geschoben hatte, als Cora eintrat. «Was ist das?»

«Was ist was? Du hast nicht angeklopft.»

«Tut mir leid, kommt nicht mehr vor. Was ist auf dem Bild unter deinem Kissen?»

«Welches Bild?»

«Trage ich einen Blindenstock? Das war ein Foto. Zeigst du’s mir?»

Mit strengem Blick verschränkte Mila die Arme. «Sobald du noch mal rausgegangen bist und angeklopft hast.»

«Im Ernst? Wir haben keine Zeit für so was. Der Zug zum Flughafen wartet nicht.»

«Abmachung ist Abmachung. Du sagst selber, Anstand kennt keine Zeit.»

Hauskater Van Helsing hatte einen Satz von Milas Bett auf den Boden gemacht, als Cora eingetreten war, und setzte sich demonstrativ vor sie. Beide starrten Cora auffordernd an. Sobald Mila eingezogen war, hatten sich die beiden auf Anhieb gegenseitig ins Herz geschlossen und waren eine Art Freundschaftspakt eingegangen. Van Helsing betrachtete Milas Zimmer als ureigenes Territorium, dessen Herrschaft er sich mit Mila teilte. Lediglich in der Frage, welches Mitglied der Familie Johannis ihm sein Futter kredenzen durfte, war er weniger wählerisch.

Cora seufzte ergeben. Mittlerweile wusste sie, wann ihre Tochter sie mit den eigenen Argumenten schlug, wenn sie obendrein von der Katze sekundiert wurde. «Also gut.» Sie ging zur Tür hinaus und wartete einige Sekunden, bevor sie zweimal klopfte.

«Ja bitte!», flötete es aus dem Inneren des Zimmers.

Cora verdrehte genervt die Augen und öffnete die Tür. Van Helsing sass wie ein Torwächter auf Milas Bett. Seine grünen Augen fixierten Cora missbilligend. Das reichte: Sie erwiderte den stechenden Blick und klatschte zweimal in die Hände. Van Helsing erkannte, dass die Zeit zum Rückzug gekommen war. Er sprang vom Bett, strich einmal um Coras Beine und machte sich davon. «Also, was ist jetzt?», fragte Cora, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. «Zeigst du es mir?»

Mila zog das Foto unter dem Kissen hervor. Cora betrachtete es lange. Es war ein Gruppenbild. «Das ist ja uralt, woher hast du das?»

«Gefunden, zwischen den Seiten eines der Bücher, die ich für dich ausmisten sollte.» Mila tippte auf eine Person mit lockigen schwarzen Haaren und engen Shorts. «Das bist du, nicht wahr? Siehst megageil aus. Wenn ich daran denke, was du mir vorpredigst, wenn ich mal kurze Hosen und ein bauchfreies Shirt anziehen will.»

«Moment mal, Fräulein, du bist gerade mal vierzehn.»

«Fünfzehn, in zwei Monaten.»

«Na schön.» Cora tippte mit dem Zeigefinger auf das Foto. «Hierdrauf bin ich achtzehn.»

«So what? Drei Jahre Differenz.»

«Mit dem kleinen, feinen Unterschied, dass ich mit achtzehn volljährig war.» Cora spekulierte, Mila würde das nicht nachprüfen. In der Schweiz galt Volljährigkeit ab achtzehn erst seit 1996. Das Foto war acht Jahre zuvor im August gemacht worden, wie der handschriftliche Vermerk auf der Rückseite klarstellte.

Mila musterte ihre Mutter misstrauisch. Cora atmete innerlich auf, als die Aufmerksamkeit ihrer Tochter von ihrem damaligen Outfit abdriftete. «Wer sind die anderen?»

«Das war die ’Clique’.»

«Die ’Clique’?»

«So nannten wir uns. Wir waren sieben Freunde. Wir gingen zusammen in die Bezirksschule und später an die Kanti. In der Freizeit sind wir ständig zusammen abgehängt, wie man heute sagt.»

«Und?»

«Und was?»

«Welcher von den Typen war dein Freund?»

«Wir waren alle Freunde», sagte Cora mit dem überzeugendsten Unschuldsblick, den sie aufbringen konnte.

Folge 2

Mila grinste. «Ja, sicher. Du weisst genau, was ich meine. Mit welchem von den Jungs hast du …?» Sie tippte mit dem Finger auf den Zweiten von links in der stehenden Reihe. «Der hätte gut zu dir gepasst.»

«René Gamper?» Cora lachte und hoffte, dabei nicht zu erröten. «Du irrst dich, meine Liebe. Das war Ludivines Freund.» Sie zeigte auf die Blondine neben René. «Sie war zwanzig und dachte schon ans Heiraten.»

«Haben sie?»

«Was?»

«Geheiratet?»

Cora schüttelte den Kopf. «Daraus wurde nichts. Ludivine ging kurzerhand in die Staaten. Sie wollte dort studieren. Nicht lange danach hat sich die Clique in alle Winde zerstreut. Seither ist der Kontakt abgebrochen, mindestens soweit es mich betrifft.»

Sie gab Mila das Foto zurück.

«Darf ich es behalten?»

Cora zuckte mit den Achseln. «Wenn du willst.» Ihr Blick fiel auf die Auslegeordnung auf dem Fussboden. Mila hatte mehrere Badeanzüge, Jeans, T‑Shirts, Unterwäsche, Schuhe, Sonnenbrillen, Toilettenartikel, Girlie-Magazine und Comicbücher in Stapel aufgeteilt. Die Menge an Utensilien übertraf die Kapazität des Rollkoffers bei Weitem, den ihr Cora für die Reise ausgeliehen hatte. «Es geht nur mit, was in den Koffer passt. In einer Stunde müssen wir zum Bahnhof, wenn wir den Zug rechtzeitig erreichen wollen.»

«Ich habe massenhaft Zeit. Wir kommen zwei Stunden vor dem Abflug in Kloten an, dort hänge ich bloss rum.»

«Nur, wenn wir den Zug in Solothurn rechtzeitig erwischen. Ausserdem muss ich dich zum vereinbarten Zeitpunkt beim Check‑in im Flughafen an deine Begleitperson übergeben.»

«Das ist echt uncool, Cora, ich fliege nicht zum ersten Mal.»

«Allein schon, beeil dich!»

Mila hielt ein knappes Bikinihöschen mit passendem Oberteil in die Höhe. «Was hältst du davon?»

Cora nahm die spärlichen Teile, die sie nie zuvor gesehen hatte, in die Hand. «Fast so viel, wie Stoff dafür verwendet wurde. Du willst nicht allen Ernstes mit diesem Ding in Argentinien herumlaufen? Woher hast du das überhaupt?»

«Hat mir Patty geschenkt.»

Cora musste mit ihrer besten Freundin und Milas Patentante Patrizia Egger ein ernsthaftes Wort reden. Sie wollte sich deshalb nicht mit Mila streiten. Sollte sich Matthias die nächsten zwei Wochen mit der gemeinsamen Tochter herumschlagen, wenn er sie schon eingeladen hatte, ihre Frühlingsferien bei ihm in Argentinien zu verbringen. Cora war nicht ganz wohl dabei. Mila wohnte erst knapp ein Jahr bei ihr, nachdem Matthias mit seiner zweiten Frau Grazyna nach Südamerika gezogen war, wo er für fünf Jahre die Bauleitung einer Windkraftanlage in Patagonien übernommen hatte.

Vorher wohnte Mila bei ihrem Vater und verbrachte alternierende Wochenenden oder Ferienwochen bei ihrer Mutter und ihrem sieben Jahre älteren Halbbruder Julian. Nach Matthias’ Übersiedlung nach Südamerika zog Mila zu ihnen nach Nennigkofen. Die ersten Monate des dauerhaften Zusammenlebens waren für Mutter und Tochter schwierig gewesen, bis ein dramatisches Erlebnis die beiden zusammengeschweisst hatte. Cora befürchtete insgeheim, die zwei Wochen bei Milas nach wie vor heiss geliebtem «Daddy» könnten die erreichten Fortschritte zunichtemachen. Sie war ehrlich genug zuzugeben, dass diese Gedanken mehr ihrer Eifersucht entsprangen als echter Sorge um Milas Zuneigung. Matthias war ein verantwortungsvoller Mann und Vater. Er hatte nie versucht, die beiden gegeneinander auszuspielen. Cora hatte Mühe, das anzuerkennen. Matthias’ zweite Ehe mit der ehemaligen polnischen Assistentin eines baltischen Kunden hielt seit acht Jahren, und Cora empfand sie heute noch als ihr persönliches Waterloo.

Sie legte den Bikini zurück auf das Bett. «Ich empfehle dir, deinen einteiligen Badeanzug mitzunehmen. In dem spärlichen Ding läufst du dort am Strand nicht lange rum.»

«Und wieso nicht, wenn ich fragen darf?»

«Darfst du. Die Antwort kannst du selber googeln. April und Mai sind die ungünstigsten Monate, um in Playas Doradas Urlaub zu machen. Pack dir auf jeden Fall einen Pullover mit ein, wie den da …» Cora betrachtete das altrosafarbene Sweatshirt. «Sag mal, das Teil suche ich seit Tagen. Wie kommt das zu dir?»

Wenn sie von Mila Schuldbewusstsein erwartete, lag sie falsch. «Mach jetzt deswegen keinen Aufstand. Du hast gerade gesagt, ich soll mich drüben warm anziehen.»

«Na hör mal», Cora zeigte auf einen der Wäschestapel, «du hast ja wohl genug Pullover.»

«Alles Kleinmädchenkram. Meinst du, ich gehe in solchen Klamotten aus? Die guten Stücke sind in der Wäsche. Du bist ja so beschäftigt. Du hast nicht mal Zeit, auf den Knopf zu drücken.»

«Wenn ich mein allergnädigstes Fräulein Tochter daran erinnern dürfte, dass ich nebenbei arbeite. Ausserdem weisst du so gut wie ich, wie die Maschine funktioniert.»

Mila schnitt eine abschätzige Grimasse. «Arbeiten? Wenn du dich endlich entscheiden könntest, mit deinem Daniel was anzufangen, hättest du’s nicht mehr nötig. Der ist schon lange heiss auf dich.»

Cora hielt für einen Moment die Luft an. Zielsicher, wie sie war, hatte Mila ihren wunden Punkt getroffen.

«Du hörst mal wieder das Gras wachsen, was? Zwischen Daniel und mir ist nichts, und es wird nie was sein.»

Mila rollte mit den Augen. «Und ich glaube an den Osterhasen.»

Cora sah auf die Uhr. «Ende der Diskussion. In zwanzig Minuten fahren wir zum Bahnhof – mit oder ohne Gepäck.»

«Kann ich deinen Pulli haben oder nicht?»

Folge 3

Cora zuckte mit den Achseln. «Meinetwegen, aber falls du mir den nicht exakt in dem Zustand zurückbringst, wie du ihn mitnimmst, solltest du schon mal einplanen, dein Sackgeld der nächsten Monate beiseitezulegen.»

«Danke, Cora.» Freudig umarmte Mila sie. Körperliche Zärtlichkeitsbezeugungen ihrer Tochter waren für Cora immer noch ungewohnt. Erst seit jener furchtbaren Nacht, als sie beide den Tod vor Augen hatten, liess Mila diese Nähe zu.

Verstohlen wischte sie sich mit einer Hand über die Augen, während sie mit dem Daumen zärtlich Milas Schläfe streichelte. Ein schmaler weisser Striemen in den blonden Strähnen zeigte den Verlauf des Projektils, das Mila fast das Leben gekostet hatte. Die Verletzung hatte die Pigmentierung an dieser Stelle zerstört.

Mila merkte, was in ihrer Mutter vorging. Sie küsste sie auf die Wange. «Keine Angst, Cora, ich komme wieder heim.»

Cora schluckte leer. «Sicher?»

«Versprochen. Glaubst du etwa, ich lasse dich vom Haken, jetzt, wo ich endlich meine Mutter gefunden habe?»

Die Clique – August 1988

Richard kämpft verbissen mit dem Stativ, dessen ausziehbare Aluminiumbeine sich nicht fixieren lassen wollen.

«Versuch’s mal mit gut zureden, Richi», ruft Sibylle, die sich neben Magdalena auf den Boden setzt. Alle lachen. Richard schwitzt. Die Wirkung des Alkohols, welcher, der herrschenden Hitze geschuldet, reichlich fliesst, ist spürbar. Die Freunde witzeln und foppen einander, während er sich mit dem störrischen Gestänge abmüht, das er sich mit seinem in den Sommerferien erarbeiteten Geld zusammen mit der neuen Spiegelreflexkamera angeschafft hat.

Sibylle hat von allen am meisten getankt. Magdalena kneift sie in die Seite. «Schalt einen Gang runter und reit nicht ständig auf Richards Ausrüstung herum. Er muss sich halt erst an sie gewöhnen.»

Sibylle wirft ihr einen neckenden Seitenblick zu. «Entschuldige, Mägi, ich wollte deinem Schätzli nicht zu nahe treten.»

«Richard ist nicht mein …» Beleidigt wendet sich Magdalena von Sibylle ab. Sie dreht sich nach den anderen um, die hinter ihr stehen. Matteo schenkt ihr ein aufmunterndes Lächeln. «Lass dir von dem Lästermaul nicht die Sommerlaune verderben.»

René stellt sich neben Matteo hin. Wo der wohl herkommt, fragt sich Richard. Er war plötzlich weg, verschwunden im Wald. Ludivine musste ihn suchen gehen. Anschliessend haben sich die beiden gestritten. Anscheinend haben sie sich wieder versöhnt. Ludivine legt ihren Arm um Renés Hals und küsst ihn auf den Nacken.

Mittlerweile ist es Richard gelungen, das widerspenstige Stativ zu zähmen und die Kamera einzustellen. «Sind alle da? – Ludivine, könntest du René für ein paar Minuten loslassen? Der läuft dir nicht davon. Setz dich neben Sibylle auf den Boden.»

«Dann stimmt die Aufstellung nicht mehr. Cora fehlt. Die sollte unten sitzen. Und du musst ebenfalls in die untere Reihe, in die Mitte.»

Wo steckt Cora überhaupt? Ihr Verschwinden ist Richard als Einzigem aufgefallen. Sie hat die Gruppe kurz nach René verlassen und sich in die Büsche geschlagen. Ludivine hat es nicht bemerkt, sonst würde sie weniger glücklich dreinschauen.

«Weiss einer, wo Cora steckt?», fragt Sibylle.

«Ich gehe sie suchen», ruft Magdalena.

«Bleib sitzen», sagt Richard. «Ich gehe.»

«Nicht nötig, bin schon da», ertönt es hinter ihm. Cora steht neben ihm. Sie zupft an ihren ultrakurzen Shorts und dem über dem Bauchnabel zusammengeknoteten Hemd, dessen oberste Knöpfe offen sind und den Ansatz eines Paares sonnengebräunter Rundungen anpreisen.

«Wo bist du gewesen?», fragt Richard vorwurfsvoll, ohne sich von den ihm gewährten Einblicken beeindrucken zu lassen. «Du weisst genau, dass wir unser Jahresfoto machen wollen.»

«Spazieren, habe ich ja gesagt», antwortet Cora schnippisch. «Weiss nicht, was du hast, anscheinend hab ich nichts verpasst.» Sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie ihre lockige schwarze Mähne zurechtschüttelt und mit betontem Hüftschwung zu dem ihr zugewiesenen Platz geht.

René stösst einen Pfiff aus, was ihm und Cora einen vorwurfsvollen Blick von Ludivine einträgt. «Setz dich hin, Cora, bevor jemand auf falsche Gedanken kommt.»

«Keine Sorge, Lüdi, René hat nur Augen für dich.»

Bevor sich Cora neben Sibylle auf den Boden setzt, versetzt diese ihr einen Klaps auf den Hintern. «Hast du keine Angst, in dem Aufzug im Wald herumzurennen? Wenn dir ein Perverser über den Weg läuft, bist du für den ein gefundenes Fressen.»

«Oder er für mich.»

Sibylle kichert. «Du bist ein schamloses Miststück, weisst du das?»

«Ich muss sehen, wo ich bleibe.» Cora wirft Richard eine Kusshand zu.

«Mach vorwärts, Richard, Schatz. Ich habe einen Bärenhunger, und das Feuer ist noch nicht einmal an.»

René kickt sie mit dem Fuss von hinten an. Auch das entgeht Ludivine. Die Gruppe ist endlich so aufgestellt, wie Richard sie haben will. «Habt ihr eure Getränke?»

Alle heben ihre Bierflaschen in die Höhe, bis auf Ludivine, die Weisswein aus einem Plastikbecher trinkt, und Cora, die mit leeren Händen dasitzt. «Scheisse, ich habe noch keins.»

«Was wärst du ohne deine Freunde?», sagt Magdalena lachend. Sie reicht Cora eine volle Bierflasche.

«Na dann.» Richard stellt den Selbstauslöser ein. «So bleiben. Ich zähle bis zehn, und dann rufen alle ’Best Friends forever!’.»

Folge 4

Zwei

Der Blick, mit dem Daniel vom Staal sie beobachtete, wie sie von der Toilette kommend den Raum durchquerte, brachte Cora in Verlegenheit.

Sie strich mit beiden Händen ihr Kleid an den Hüften glatt und warf einen prüfenden Blick über ihre Schulter auf ihr einziges Paar hochhackiger Schuhe, die sie speziell für den Abend angezogen hatte. «Was ist? Schleife ich einen Meter Toilettenpapier hinter mir her?»

«Wie kommst du darauf? Du bist wunderschön in diesem Kleid. Du solltest so was öfter tragen.»

Cora hatte mit sich gerungen, das knielange, schulterfreie Cocktailkleid anzuziehen. In ihren üblichen Jeans und einem Baumwollhemd wäre ihr wohler gewesen.

Nur wäre sie damit für den Abend im Restaurant «Vue» des Berner Hotels «Bellevue Palace» eindeutig underdressed gewesen. Nach der Rückkehr vom Flughafen, wo sie Mila der Flugbetreuerin übergeben hatte, war sie knapp dran gewesen. Trotzdem hatte sie sich Zeit genommen, sich herauszuputzen.

Das Kleid hatte sie vor zwei Jahren auf Pattys hartnäckiges Zureden hin für einen denkwürdigen und sinnlich aufregenden Madeira-Urlaub gekauft. Wenn sie ihrem Spiegelbild Glauben schenken durfte, sass es, ungeachtet der unaufhaltsam näher rückenden Vollendung ihrer fünften Lebensdekade, nach wie vor tadellos. Die Hüftkurven zeigten, obwohl gefühlt breiter geworden, weder Ausbeulungen noch Verflachungen an Stellen, wo solche nicht erwünscht waren.

Das Dekolleté, bei dem sie gefürchtet hatte, es würde konsequente textile Unterstützung benötigen, konnte sich zu ihrer Erleichterung notfalls ohne sehen lassen. Trotzdem trug sie den schwarzen Push‑up‑BH mit Spitzen, zu dessen Kauf sie ihre Tochter gedrängt hatte. Die junge Cora vor dreissig Jahren und die Mila von heute hatten vieles gemeinsam, wenn es darum ging, ihre Reize zur Geltung zu bringen.

Sie liess sich von vom Staal in den Stuhl helfen. Die anachronistische Geste im Zeitalter der Gleichberechtigung schmeichelte ihr fast gegen ihren Willen. «Komplimente von dir machen mich nervös», sagte sie. «Was gibt’s zum Dessert?»

Das Bedienungspersonal musste über telepathische Fähigkeiten verfügen. Ein paar Sekunden nach dem halblaut ausgesprochenen Satz reichte ihr ein Kellner diskret die Dessertkarte.

Cora sah sich im Raum um. Es war ihr erster Besuch im Restaurant des exklusivsten Stadtberner Hotels. Das «Bellevue» lag auf einer Terrasse hoch über der Aare, die eine grosse grüne Schlaufe um die Altstadt zog. Unmittelbar daneben überragte das Bundeshaus die alten Häuser und engen Gassen des Marziliquartiers.

Von diesem Standort hatten Hotelgäste wie regierende eidgenössische Magistraten die Botschaften und Residenzen der ausländischen Diplomaten im Kirchenfeldquartier jenseits des Flusses im Blick. An klaren Tagen war die Bundesterrasse ein imposanter Aussichtspunkt für Einheimische und Touristen auf die prominentesten Berner Alpengipfel: Eiger, Mönch und Jungfrau.

Bei einer früheren Gelegenheit war Cora aus beruflichen Gründen während eines Empfangs lediglich im Foyer des Hotels gewesen, mit dessen Geschichte sie sich im Vorfeld vertraut gemacht hatte. Das Haus existierte seit 1865 und wurde 1913 nach einer Komplettrenovation neu eröffnet. Seit jeher prägte es die politische Geschichte der Schweiz mit. Im Ersten Weltkrieg wurde das Hotel als Hauptquartier der schweizerischen Armee zweckentfremdet.

Noch heute spielt es eine informelle Rolle als Erweiterung des Bundeshauses. Bei Staatsbesuchen nutzen es ausländische Staats- und Regierungschefs als Residenz. Während der Sessionen der eidgenössischen Räte dient es als vorübergehender Wohnsitz für Parlamentarier aus entfernten Landesgegenden.

Alle vier Jahre, anfangs Dezember, wenn die Vereinigte Bundesversammlung nach den eidgenössischen Parlamentswahlen den Bundesrat neu bestellt, werden Foyer, Bar und einige Hinterzimmer am Vorabend der Wahl Schauplatz der «Nacht der langen Messer». Dann wird abgerechnet, und es werden letzte Absprachen getroffen, wer in die Landesregierung portiert und wer daraus verschwinden sollte.

Die Abwahl eines Bundesrates durch das Parlament ist das politische Ereignis in der Schweiz, welches einem Staatsstreich am nächsten kommt. Seit der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 hatte sich eine derartige Ungeheuerlichkeit viermal zugetragen. Im Zug von Coras Recherchen zu ihrem Lieblingsthema Flüchtlinge und Migration hatte die jüngere Schweizer Geschichte ihr Interesse geweckt.

In den wechselvollen Perioden der beiden Weltkriege und während des Kalten Krieges diente das Land als internationale Drehscheibe und Verhandlungsort rivalisierender Mächte. Das Schicksal Hunderttausender, wenn nicht von Millionen Menschen war in diesen ehrwürdigen holzgetäfelten Räumen bei Kaffee, Cognac und Zigarren mit gedämpfter Stimme besiegelt worden.

Nicht immer hatten alle einen Vorteil daraus gezogen, am wenigsten die Betroffenen selbst. Die Schweiz wusste ihre Politik der Guten Dienste im Umgang mit Monarchen, Diktatoren, Revolutionären, Nazis oder Kommunisten für sich zu nutzen. Sie hatte das Land nie ärmer gemacht, im Gegenteil.

Folge 5

Cora wurde in diesem Land geboren und besass seit ihrer Jugend den roten Pass. Trotzdem wurde sie teilweise noch heute als «Papierlischwizerin» angesehen, nur auf dem Papier eine Schweizerin. Sie gehörte nicht zu den Ursprünglichen, die sich Eidgenossinnen nennen durften, weil ihre Stammbäume seit Generationen in schweizerischem Boden und schweizerischer Kultur verwurzelt waren. Möglicherweise hatte sie sich deshalb nie berufen gefühlt, in ihren Reportagen explizit zur Rolle ihrer Wahlheimat in internationalen Konflikten Stellung zu beziehen und zu be- oder zu verurteilen. In den sechziger Jahren mussten ihre Eltern aus Rumänien flüchten, das damals von Nicolae Ceausescu mit harter Hand regiert wurde. Die Schweiz hatte sie ohne Wenn und Aber aufgenommen. Cora verdankte dem Land ihren Beruf, den sie liebte, und dass ihre Kinder in Sicherheit mit intakten Zukunftsaussichten aufwachsen konnten.

Aus diesem Grund hatte sie ihrem Freund, Chefredaktor Wagner vom «Solothurner Tagblatt», bisher nicht zugesagt. Er wollte sie für eine Reportage über die Goldgeschäfte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gewinnen. Die zweifelhaften Deals, welche die damalige Regierung mit den Nazis gemacht hatte, um das Land vor einer Invasion zu bewahren, interessierten sie nicht. Ein grosser Teil des Goldes, das vielleicht noch heute in den Kellern der Nationalbank oder anderswo im Land lagerte, hatte ursprünglich vor allem jüdischen Familien gehört. Zu Millionen wurden sie von den Nazis zuerst aus ihrer Heimat vertrieben und schliesslich exekutiert oder in den Vernichtungslagern von Auschwitz, Treblinka oder Majdanek ermordet.

Die Schweiz hatte mit dem Vermögen der Opfer des Naziterrors ihren Schnitt gemacht, bis ein eifriger amerikanischer Staatsanwalt in den neunziger Jahren den Finanzgnomen in der Zürcher Bahnhofstrasse und der Genfer Rue du Rhône sowie ihrem Bankgeheimnis zum ersten Mal den Garaus machte.

Der Wink mit dem Flüchtlingszaunpfahl vermochte Cora dennoch nicht zu motivieren. Allerdings konnte sie es sich nicht versagen, vom Staal darauf anzusprechen, sobald das Dessert serviert worden war.

«Was weisst du über Raubgold?», fragte sie, bevor sie einen Löffel mit kandierter Citron de Menton in Sabayon in den Mund schob.

«Wie bitte?» Vom Staal sah von seinem Nachtisch, einer Selektion erlesener Käse mit Feigensenf und Früchtebrot, auf.

«Was weisst du über das Gold, das die Nazis im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz bunkerten?»

«Warum interessiert dich das?» Cora erzählte es ihm.

«Wozu will Wagner diese alten Gamellen aufwärmen?», fragte vom Staal. «Die Geschichte ist seit Ende der neunziger Jahre aufgearbeitet und trägt mittlerweile einen langen weissen Bart. Damit lockst du nicht mal mehr einen greisen Nazijäger hinter dem Ofen hervor.»

«Etwas muss dran sein, wenn er eine Reportage für sein ’WP&G’-Magazin machen will – mehrere Seiten mit Fotostrecke.» Cora schrieb freischaffend für «Wirtschaft, Politik und Gesellschaft». Sie galt gewissermassen als Hausjournalistin der Publikation. Nachdem vom Staal ihre Nachforschungen zum Verschwinden seiner Frau äusserst grosszügig honoriert hatte, konnte sie sich ihre Jobs mehr oder weniger aussuchen.

Vom Staal legte Messer und Gabel zur Seite und trank einen Schluck des Rotweins, bei dem er seit dem Hauptgang geblieben war. Cora hatte sich vom Kellner zu einem Glas Champagner verleiten lassen und verzichtete dafür auf den Kaffee nach dem Dessert.

«Die Schweiz war in beiden Weltkriegen neutral.»

«Das waren die Belgier und Holländer auch, geholfen hat es ihnen nicht.» Coras Ton wurde eindringlicher. Sie hasste Ausflüchte. Vom Staal liess die Bemerkung stehen.

«Stimmt, wir hatten das Glück, für Hitler als Produktions- und Finanzierungsbasis für seine Feldzüge zu wertvoll zu sein, als dass er das Land als Durchmarschroute für seine Armeen missbrauchen wollte. Vermutlich war es für ihn eine Frage der Zeit, bis er uns ’heim ins Reich’ holen konnte. Zumindest herrschte diese Idee in den ersten Kriegsjahren vor.»

«Im Gegenzug wurde hier das Gold gehortet, das er sich in den eroberten Gebieten zusammengestohlen hatte.»

«Als neutrales Land hat die Schweiz mit allen Staaten regen Handel betrieben. Deutschland war im Krieg unser wichtigster Handelspartner und ist es noch heute. Die Goldtransfers der Reichsbank an die Nationalbank sollten einerseits die Guthaben der Schweiz in Deutschland decken, andererseits dienten sie zur Währungssicherung, damit die Inflation niedrig gehalten werden konnte.»

«Das allein kann es nicht gewesen sein», sagte Cora. «Mir ist nicht bewusst, dass Hitler sich je um Verpflichtungen scherte.» «Da liegst du richtig. Die Nazis deckten sich unter Umgehung der Wirtschaftssanktionen der Alliierten und über Schweizer Mittelsmänner weltweit mit kriegswichtigen Gütern ein. Zudem lieferten wir ihnen wichtige Rüstungsgüter, die sie mit Rohstoffen, vor allem mit Kohle und mit Erdöl aus dem Heimatland deiner Eltern, bezahlten. Das wurde von den Alliierten moniert, die gegen Ende des Krieges deswegen den Bundesrat massiv unter Druck setzten.»

«Die Schweizer Exportwirtschaft und der Finanzplatz waren demnach die grossen Profiteure des Krieges?»

«Wenn du so willst. Die Nationalbank war jedoch nicht nur das Golddepot der Deutschen. Die Goldtransaktionen der Alliierten mit der Schweiz waren insgesamt umfangreicher als diejenigen mit der Reichsbank. Praktisch jede europäische Zentralbank hinterlegte ihren Goldvorrat im Keller der Nationalbank drüben unter dem Bundesplatz.»

Folge 6

«Wie? Hatten die ihre Kellerabteile wie in Mietshäusern – jedem Mieter sein eigener Verschlag?»

«So in etwa darfst du dir das vorstellen, einfach besser gesichert.»

«Und das Gold der, sagen wir, der Franzosen oder Engländer, lag einträchtig neben demjenigen der Nazis?»

«Korrekt, bewacht von den Schweizern, koordiniert und kontrolliert von der BIZ.»

«BIZ?»

«Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Sie wurde 1930 als Bank der Zentralbanken mit dem Ziel gegründet, die deutschen Reparationszahlungen aus dem Ersten Weltkrieg abzuwickeln. Sie existiert in ihrer Koordinations- und Regulierungsfunktion bis heute an ihrem ursprünglichen Sitz in Basel. Zwischen 1939 und 1945 überwachte sie die Goldtransaktionen. Sie verfügt über einen exterritorialen Status, das heisst, die Schweizer Behörden haben nur beschränkt Zugriff.»

«Wie die UNO», sagte Cora.

«Genau. Während des Krieges arbeiteten Menschen aus aller Herren Länder in Basel.»

«Wie? Auch Deutsche?»

«Viele Deutsche arbeiteten dort, aber auch Amerikaner, Franzosen, Engländer, Skandinavier und natürlich Schweizer.»

«Die sassen und arbeiteten dort friedlich zusammen, während sich ihre Landsleute auf den Schlachtfeldern gegenseitig die Köpfe einschlugen?»

«Geld hat seine eigenen Regeln, im Frieden wie im Krieg. Das gilt ebenso für Gold.» Vom Staal nickte einem Kellner zu, um einen Espresso zu bestellen. «Selbstverständlich kannst du davon ausgehen, dass in Basel auch andere Dinge vor sich gingen. Wie die übrige Schweiz war die Stadt ein Tummelplatz der Spione aller Mächte. Der BIZ-Anwalt Allen W. Dulles beispielsweise war gleichzeitig Gesandter für die Schweiz im amerikanischen Geheimdienst OSS, dem ’Office of Strategic Services’, der Vorgängerorganisation der heutigen CIA. Sicher wurde unter anderem auch mit Gold gemauschelt. Ich bin nicht der Spezialist dafür, aber ich kann mich schlaumachen, wenn du willst.»

Cora schüttelte den Kopf. «Sollte ich was brauchen, bin ich froh, wenn ich auf dein Wissen zurückgreifen darf.» Sie leerte ihr Glas.

«Lust auf einen Schlummertrunk?», fragte er. In seinen Augen erkannte Cora ein hoffnungsvolles Leuchten.

«Musst du nicht fahren?»

Sie hatten sich in Bern getroffen, weil er von einer Besprechung in Lausanne gekommen war. Am nächsten Morgen musste er wieder dort sein. Trotz seiner Proteste und des Angebotes, sie abholen zu lassen, hatte Cora es vorgezogen, mit der Bahn von Solothurn anzureisen.

«Ich habe eine Limousine mit Fahrer gechartert», antwortete vom Staal.

«Hast du was gegen die Bahn?»

«Ich nichts, aber sie gegen mich. Wenn ich mich in letzter Zeit entscheide, den Zug zu nehmen, hat er einen Ausfall. Angesichts unserer heutigen Verabredung wollte ich dieses Risiko nicht eingehen. Mittlerweile sind die Staus auf den Autobahnen in ihrer Permanenz berechenbarer als unsere Bundesbahn. Wie steht’s? Schlummertrunk, ja oder nein?» Er zögerte einen Moment, bevor er weitersprach: «Wenn du möchtest … ich habe vorsorglich für heute Nacht ein Zimmer reserviert.»

Sie sah ihn verdattert an. «Hier?»

«Es ist eine Suite – mit zwei Schlafzimmern –, Frühstück inbegriffen.»

Cora gab sich Mühe, sich ihre Erregung nicht anmerken zu lassen. Der Blick seiner klaren blauen Augen war so eindringlich wie einladend. Vom Staal, der Alkohol oder beides gleichzeitig verdrehte ihr den Kopf. Andererseits verspürte sie keine Lust, einsam zu Hause zu hocken. Ausser einem mürrischen Kater, der seiner verreisten jungen Herrin nachtrauerte, wartete dort niemand auf sie. Für Van Helsing war Cora lediglich eine zweibeinige Bedienstete, zuständig für regelmässige Futterabgabe und gelegentliche Verabreichungen von Streicheleinheiten. Julian war auf einer Studienreise in Italien. Niemand würde sie vermissen, wenn sie es sich für eine Nacht im Fünf-Sterne-Hotel gut gehen liess.

***

Die ersten Strahlen der Frühlingssonne vermochten die Terrasse des «Bellevue» noch nicht zu erwärmen, obwohl die Wettervorhersage einen warmen Tag prophezeite. Cora schlang den Pashminaschal enger um die Schultern, während sie an ihrem Cappuccino nippte und an die letzte Nacht und den Morgen dachte.

Vom Staal hatte sie überrascht. Da sie nicht damit gerechnet hatte, in Bern zu übernachten, hatte sie ausser dem Cocktailkleid und einem leichten Frühlingsmantel keine Wechselkleidung dabei. Ausgelegt auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer der Suite hatte sie gefunden, was sie für den nächsten Tag brauchte: ein Paar Designer-Jeans, eine Seidenbluse, einen Kaschmirpullover und den Pashminaschal. Vom Staal hatte den Hotelconcierge mit Instruktionen versorgt, die Sachen zu besorgen, während sie beim Essen waren. Woher er ihre Grösse wusste, war Cora ein Rätsel. Jedenfalls passte alles perfekt.

Sie hatte die Kleider erst nicht annehmen wollen und bestand zumindest darauf, sie zu bezahlen. Vom Staal hatte seinen ganzen Charme und sein Durchsetzungsvermögen aufbringen müssen, sie davon abzubringen. «Du lässt mir keine andere Möglichkeit, dir meine Zuneigung zu zeigen. Tu mir den Gefallen und akzeptiere wenigstens das.»

«Ich komme mir vor wie die blutjunge Geliebte eines Sugardaddys, wenn du so was tust. Das ist meinem Selbstbewusstsein wenig zuträglich.»

Folge 7

Vom Staal hatte gelacht. «Über dieses Stadium dürften wir beide hinaus sein. Ausserdem habe ich bis jetzt nichts erlebt, was dein Selbstbewusstsein erschüttern konnte. Daran werden die Jeans und ein Kaschmirpullover nichts ändern. Ist ja mein Fehler, ich hätte dich wegen der Übernachtung vorwarnen sollen.»

«Wenn ich nicht hier schlafen würde, hättest du es umsonst gekauft.»

«Für mich ist bei dir nie etwas umsonst, Cora.» Er hatte sie freundschaftlich geküsst, bevor er in seinem Zimmer verschwunden war. Damit hatte er ihr erspart, sich zu überschwänglichen Dankesbezeugungen verpflichtet zu fühlen.

Das Frühstück war kurz ausgefallen, da vom Staal fahren musste, bevor sie aufwachte. Er hatte die Suite mit spätem Checkout gebucht und bereits bezahlt. Sie stand Cora bis achtzehn Uhr zur Verfügung.

Nach einem Besuch in der hoteleigenen Sauna im Wellnessbereich hatte sie sich mit zwei Tageszeitungen und einem Cappuccino auf die Terrasse gesetzt. Sie konnte sich nicht entschliessen, ob sie später durch die Lauben der Berner Altstadt schlendern oder bereits am frühen Nachmittag den erstbesten Zug zurück nach Solothurn nehmen wollte. Ihr graute vor dem leeren Haus in Nennigkofen.

Sie werweisste, einen zweiten Cappuccino zu bestellen, als sie eine Stimme von hinten ansprach: «Cora? Cora Johannis?»

Irritiert drehte sie sich in ihrem Stuhl um und musterte die gross gewachsene blonde Frau, die wenig älter als sie sein mochte. Ein dezentes Make‑up betonte einen blassen Teint und zart gemeisselte hohe Wangenknochen unter einem Paar graublauer Augen. Vereinzelte silbrige Strähnen durchzogen ihr aschblondes Haar. Die Frau rückte ein teures Versace-Seidenfoulard zurecht, das sie um ihren Hals geschlungen hatte.

Eine diffuse Erinnerung kroch aus Coras Unterbewusstsein hervor und verfestigte sich zu einem klaren Bild, bis ihr Gedächtnis den passenden Namen zum Gesicht hervorgegraben hatte. «Ludivine? Sie sind … du bist Ludivine Spiegelberg. Das gibt’s nicht!» Sie stand auf, um die Frau zu umarmen.

«Ich heisse jetzt Giroud», sagte diese, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten. «Ausserdem nanntest du mich immer nur ’Lüdi’, erinnerst du dich nicht mehr?»

«Ludivine hatte damals einen unmöglichen Klang für uns.»

«Das habt ihr immer dann betont, wenn ihr mich ärgern wolltet.»

Beide lachten herzlich. Cora bot ihr an, sich an ihren Tisch zu setzen. Ludivine schlug vor, das Wiedersehen mit einem Glas Prosecco zu feiern.

«Was machst du so?», fragte Cora.

«Ich pendle zwischen der Schweiz und Südafrika hin und her. Meine Mutter wohnt in der Nähe von Kapstadt. Erinnerst du dich an sie?»

«Ich bin ihr nicht oft begegnet, aber wie könnte man Césarine Spiegelberg vergessen?», erwiderte Cora. «Die wenigen Gelegenheiten, bei denen ich auf sie traf, beeindruckte sie mich mit ihrer selten starken Persönlichkeit. Wenn ich mich nicht täusche, bist du ihr wie aus dem Gesicht geschnitten.»

«Das sagen viele, ja. Ihre Haare waren dunkler als meine. Inzwischen sind sie weiss geworden. Sie feiert dieses Jahr ihren Achtzigsten.»

«Sie lebte damals allein mit dir in Solothurn, nicht wahr?»

«Ja, es hielt sie nichts mehr auf der Alp, nachdem Vater …» Ludivine räusperte sich. «Als der Berg ihn behielt.»

Cora erinnerte sich. Die sterblichen Überreste von Leopold Spiegelberg wurden Jahre nach seinem Verschwinden im Wildhorngebiet geborgen. Es passierte in den späten sechziger Jahren, bevor Cora geboren war.
Césarine Spiegelberg, eine geborene Rettenmund, war daraufhin mit ihrer knapp einjährigen Tochter Ludivine in ihre Heimatstadt Solothurn zurückgekehrt.

«Du hast deinen Vater nie gekannt?»

Ludivine verneinte. «Er war dreiundzwanzig Jahre älter als meine Mutter. Im Nachhinein habe ich nie verstanden, warum sie einen so viel älteren Mann geheiratet hatte.»

«Möglicherweise hatte er andere Qualitäten.»

«Mag sein, sie hat nie gross über ihn gesprochen.»

«Sie hatte ihn nicht geliebt, meinst du?»

«Ich glaube schon, es war halt eine schwierige Zeit. Kurz bevor Vater verschwand, sind ihre beste Freundin und ihr Baby von deren Ehemann brutal erschlagen worden. Das und Vaters Verschwinden waren die Auslöser, weg von der Tungelalp und zurück nach Solothurn zu gehen.»

«Tungelalp? Steht euer Jagdhaus mit diesem unheimlichen Namen noch dort?»

«’Blutlauenen’, ja. Es ist im Besitz unserer Familie geblieben.»

Heute wie damals fragte sich Cora, wie man einem Haus einen solchen Namen geben konnte, selbst wenn es ein Jagdhaus war. Ludivine hatte ihr erklärt, dass der Name nicht mit Blut im eigentlichen Sinn zu tun hatte. Das althochdeutsche «bluete» oder «blüete» bezog sich auf etwas, das unter grossen Mühen oder Kosten entstand. Man musste «dafür bluten». Der Ausdruck gehörte noch heute zur Umgangssprache.

«Mutter will, dass ich ’Blutlauenen’ verkaufe, sofern sich für den Kasten ein Käufer finden lässt. Sie ist nicht gut zu Fuss und wird Südafrika wohl nicht mehr verlassen.»

«Vielleicht findet sich jemand, der es als Hotel oder Gasthaus führen will», sagte Cora.

«Das dürfte schwierig werden. Es gibt weder eine vernünftige Strasse, noch besteht die Möglichkeit, dort etwas hinzubauen, eine Seilbahn für Touristen oder so was. Abgesehen von einer Materialbahn für die Sennereien dort gibt es nichts. Seit Ende der vierziger Jahre gilt das gesamte Lauenental als Naturschutzgebiet.»

Folge 8

«Was ist mit Touristentransport auf Esel- oder Maultierrücken wie früher? Pionierromantik in den Alpen soll en vogue sein.»

Ludivine nickte anerkennend. «Deine kreativen Ideen sind dir offenbar nicht ausgegangen – wie in alten Zeiten. Über die möglichen Verwendungszwecke des Gemäuers sollen sich potenzielle Käufer den Kopf zerbrechen. Ich bin froh, wenn ich es los bin und …» Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort. «Ist schon ein Zufall, dass wir uns ausgerechnet heute begegnen. Ich habe ein paarmal versucht, dich über deine Redaktion ausfindig zu machen. Es ist schwierig, dich zu erreichen.»

«Das war mir nicht bewusst.» Cora war in keinem Telefonbuch gelistet, auch ihre private Mailadresse fand sich in keinem öffentlichen Verzeichnis.

«Ich bekomme demnächst die gefürchtete Fünf auf die zweite Dezimalstelle meiner Altersangabe. Das will gefeiert werden. Diese Begegnung mit dir heute ist wirklich ein verrückter Zufall.»

«Inwiefern?»

«Ich will unsere alte Clique ein letztes Mal zusammenkommen lassen – Erinnerungen an unsere wilden Zeiten, verstehst du?»Cora war nicht sicher, ob sie nach all den Jahren an alles erinnert werden wollte, was sie damals erlebt hatten. Ihr Gedächtnis hatte nicht nur rosige Momente gespeichert.

«Ist das nicht Schicksal?», plauderte Ludivine weiter. «Ich konnte die ganze Clique lokalisieren, bis auf dich. Und siehe da: Wir laufen uns über den Weg. Du musst mitkommen. Morgen Freitag geht es los. Bis Dienstag feiern, spielen und diskutieren wir. Wer will, kann spazieren gehen oder herumhocken. Es wird genug zu essen und zu trinken geben. Ich habe die Vorräte bereits auf die Alp bringen lassen.»

«Dieses Wochenende?», fragte Cora ungläubig. «Auf welcher Höhe ist das? Liegt da nicht alles noch im Schnee?»

«Das passt schon. Die Meereshöhe von ’Blutlauenen’ beträgt circa tausendachthundert Meter. Ausserdem ist im Winter wenig Schnee gefallen. Und sonst gehen wir Schneeschuhlaufen. Wir könnten einen Ausflug hinüber zur Geltenhütte machen. Der Pfad soll fast schneefrei sein.» Ludivine strahlte sie aufmunternd an. «Was ist? Jetzt, wo ich dich gefunden habe, musst du dabei sein. Schliesslich gehörst du inzwischen zur Prominenz. Jeder kennt deine Artikel und Bücher.»

Cora ging das etwas zu schnell. Sie zog Sonne und Strand den Bergen vor, vor allem, wenn letztere mit Schnee und Eis bedeckt waren. «Ich weiss nicht, ich recherchiere gerade für einen Auftrag», log sie.

«Komm schon, Cora. Du hast es doch nicht nötig, zu arbeiten. Dein letztes Abenteuer im Schwarzbubenland stand in allen nationalen Zeitungen. Sogar der Johannesburger ’Sunday Independent’ berichtete darüber. Die Verkäufe deiner Bücher haben dir garantiert ein Vermögen an Tantiemen eingebracht.»

Cora äusserte sich nicht dazu. Ihre Lust auf die Einsamkeit ihres Hauses war unter den Nullpunkt gesunken. Warum nicht die Zeit für ein paar Tage gemeinsam mit alten Freunden und Jugenderinnerungen überbrücken? «Wer ist sonst dabei? Kommt die ganze Clique?»

«Alle», bekräftigte Ludivine. «Magdalena, Sibylle, Richard und Matteo, weisst du noch?»

«Wie könnte ich Matteo vergessen. Der ist mit seinen Bildern inzwischen eine Berühmtheit geworden.» Cora schmunzelte. «Hätte ihm früher keiner zugetraut, wenn er seine Kritzeleien herumzeigte.»

«Ich habe ihm ein wenig unter die Arme gegriffen und seine ersten Bilder in meinen Galerien ausgestellt. Inzwischen hat er sich einen Namen gemacht.»

Cora gönnte es Matteo, dessen künstlerische Ambitionen von allen, einschliesslich ihr selbst, belächelt worden waren.

«René kommt ebenfalls», sagte Ludivine beiläufig. Sie sah Cora erwartungsvoll an. Coras Herz machte einen Sprung. «René Gamper lädst du ein? Nach all dem, was ihr … was passiert ist?»

Ludivine winkte ab. «Das ist lange her – Jugendsünden. Ich will mit euch meinen Übergang in die bessere Lebenshälfte feiern.»

Sie prosteten sich zu. «Und dein Mann?», fragte Cora.

«Welcher Mann?»

«Der dir deinen klingenden Nachnamen verpasst hat.»

«Giroud? Kannst du getrost vergessen. Alte Familie von Privatbankiers in Martigny mit Geld wie Heu. Wir waren fünf Jahre verheiratet. Dann kam ihm in den Sinn, öffentlich zu bekennen, dass er schwul ist. Immerhin hatte er den Anstand, meine Einwilligung in die Scheidung mit einem zweistelligen Millionenbetrag abzugelten. Guter Kerl.» Sie hob ihr Glas und trank einen Schluck. «Wir werden in ’Blutlauenen’ unter uns sein, Cora. Nur wir sieben, wie früher. – Nein, stimmt nicht ganz. René bringt seinen Sohn Alexander mit. Er will ihn unbedingt dabeihaben. Es würde ihm guttun, die verrückten Freunde seines Vaters kennenzulernen, wie er sagt. Mir soll’s recht sein. Alexander ist ein flotter Kerl.»

Sieh an, dachte Cora. Gamper, der auf sämtliche Bibeln geschworen hatte, nie in den Hafen der Ehe einfahren zu wollen, hatte einen Sohn.

«Zwei Bedienstete kommen auch mit», setzte Ludivine ihre Erläuterungen fort. «Unsere langjährige Haushälterin Chantal sorgt für unser leibliches Wohl. Der alte Fredi Schwizgebel ist zuständig dafür, dass wir nicht frieren müssen. Die beiden arbeiteten schon für meine Eltern. Insgesamt sind wir zehn – mit dir.»

«Und wie kommen wir auf die Alp? Zu Fuss, mit Gepäck und allem?»

«Wo denkst du hin? Ich habe einen Heli bei Air-Glaciers gechartert. Treffpunkt morgen Mittag, ein Uhr, auf dem Flugplatz Saanen zum Apéro. Um zwei heben wir ab. Am Dienstagnachmittag holt er uns wieder ab. Also was ist? Sei bitte keine Spielverderberin.»

Folge 9

Cora musste nicht mehr überzeugt werden. Ludivine fiel ihr um den Hals. Ein Blick auf ihre Armbanduhr liess sie aufschnellen. «Was, schon so spät? Ich bin im Kornhauskeller mit einem Galeristen verabredet. Wir wollen eine gemeinsame Ausstellung machen. Wir sehen uns morgen in Saanen, ja?»

Sie tauschten Telefonnummern aus. Der Einkaufsbummel unter den Lauben war gestrichen. Cora musste nach Hause, für das Bergwochenende packen. Zuvor hatte sie ein Telefonat zu führen.

***

Cora musste Wagner zugestehen, dass er sich alle Mühe gab, sie umzustimmen. Sie verkniff sich ein Lachen, während sie ihm am Telefon zuhörte.

«Du bist mein bestes Pferd im Stall für diese Reportage, Cora. Das Ding ist heikel. Ich brauche jemanden, der fundiert recherchiert.»

«Und da bin ich die Einzige, die dir in den Sinn kommt? Gibt’s da nicht einen anderen ausgezeichneten Investigatoren?»

«Ich weiss nicht, wen du meinst.»

«Heizmann. Letztes Jahr war er gut genug, an meiner Stelle die Flüchtlingsreportage zu machen.»

Wagner schnaubte. «Macht dir die Retourkutsche Freude? Du weisst, es war nicht meine Entscheidung gewesen, Heizmann an deiner Stelle nach Sizilien zu schicken. Es war die Teppichetage in Langenthal, die –»

«Geschenkt, Wagner.» Es ging ihr nicht darum, ihrem alten Freund eins auszuwischen, ebenso wenig den Erbsenzählern am Hauptsitz des Mittelland-Verlages. «Ich brauche mal etwas Abstand. Ludivine Giroud-Spiegelberg, die Galeristin, ist eine alte Freundin von mir. Sie hat mich eingeladen, ein Wochenende mit Freunden zu –»

«Hast du Spiegelberg gesagt?»

«Ja, warum?»

Am anderen Ende herrschte für ein paar Sekunden Stille.

«Wagner, bist du noch dran?»

«Cora», sagte Wagner gedehnt, «sag mir nicht, du hast vor, auf eigene Faust zu recherchieren?»

«Natürlich nicht. Wie kommst du auf so was?»

«Weil der Name Spiegelberg in den Dokumenten auftaucht, die uns für diese Reportage zugespielt wurden.»

«Echt?»

«Echt. Und gib nicht vor, keine Ahnung davon zu haben. Solche Zufälle gibt’s bei dir nicht.»

«Ehrlich, Wagner, woher soll ich wissen, was du über die Spiegelbergs hast, wenn ich diese Unterlagen nie gesehen habe?»

«Leopold Spiegelberg, sagt dir das was?»

«Das ist Ludivines Vater und gerade mal alles, was ich über ihn weiss.»

«Oberst im Generalstab Spiegelberg war in den Fünfzigern Kommandant des Solothurner Infanterieregiments 11. Im Zweiten Weltkrieg diente er als zugeteilter Offizier im Regimentsstab. In dieser Zeit wurde das Regiment innerhalb der dritten Heeresdivision als ’Gruppe Kander’ für die Verteidigung des Raumes Spiez–Wimmis im Berner Oberland eingesetzt.»

«Wagner», unterbrach ihn Cora seufzend, «wozu erzählst du mir das? Militärkram interessiert mich, wenn überhaupt, nur am Rande.»

«Eins noch: Spiegelberg war kein gewöhnlicher Stäbler. Er fungierte als Verbindungsoffizier zum Militärischen Nachrichtendienst und arbeitete direkt mit dessen Chef, Roger Masson, zusammen.»

«Sagt mir nichts, aber ich höre dir trotzdem zu.»

«Oberstbrigadier Masson war ein Vertrauter des Oberbefehlshabers der Armee im Zweiten Weltkrieg, General Henri Guisan. Masson hat, vermutlich mit dessen Wissen, geheime Nachrichtenverbindungen mit Deutschland geknüpft.»

Das war Cora neu, und es tönte unerhört. «Der Schweizer Geheimdienst und die Nazis haben zusammengearbeitet?»

«In gewissen Bereichen. Masson hatte ab 1944 regelmässige Kontakte mit dem Chef des Sicherheitsdienstes der SS, Standartenführer Walter Schellenberg.«

«Wie liess sich das mit der schweizerischen Neutralität vereinbaren?»

«Insofern, als der Militärische Nachrichtendienst höchstwahrscheinlich ähnliche Verbindungen mit den Briten und dem amerikanischen Geheimdienst OSS unterhielt. Muss recht spannend zu- und hergegangen sein bei uns in jener Epoche.»

«Warum taten sie das?»

«Reiner Lebenserhaltungstrieb. 1943 landeten die Alliierten in Italien. Damit sah sich das Deutsche Reich einer dritten Front gegenüber. Im selben Jahr musste die bisher unbesiegbare Wehrmacht in Stalingrad ihre erste grosse Niederlage einstecken. Das Kriegsglück der Nazis begann sich gegen sie zu wenden.»

«Was hatte die Schweiz damit zu tun?»

«Nach den Invasionsängsten von 1940 durchlebte das Land bis 1943 eine relativ friedliche Zeit. Doch dann befürchtete man erneut, Hitler könnte einmarschieren, um General Guisan daran zu hindern, den Alliierten die Grenzen zu öffnen, damit sie Deutschland an seiner ungeschützten Südflanke angreifen konnten. In Geheimdienstkreisen will man damals gewusst haben, dass die Deutschen eine ganze Armee von Skandinavien an einen unbekannten Bestimmungsort verlegten. Es wurde kolportiert, sie sollte in Süddeutschland aufmarschieren, um die Schweiz zu besetzen und den Durchmarsch der Alliierten zu verhindern. Dank der Verbindung Masson-Schellenberg kam es zu Geheimgesprächen zwischen SS‑Reichsführer Himmler und General Guisan, bei denen Letzterer garantierte, die Schweizer Armee würde das Land gegen jeden Invasor, ob deutsch oder alliiert, verteidigen. Im Gegenzug sicherte Himmler im Namen seines Führers die Respektierung der schweizerischen Neutralität zu – unter gewissen Bedingungen.»

Folge 10

Cora dachte an das Gespräch mit vom Staal vom Vorabend. «Was waren das für Bedingungen?»

«Lieferung von Spitzentechnologie für deutsche Waffensysteme. Die Schweiz war ein wichtiger Rüstungslieferant der Nazis. Das Geschäft sollte sich in den letzten Kriegsjahren intensivieren.»

«Hatten die Deutschen zu diesem Zeitpunkt den Krieg nicht schon verloren?»

«Das wussten alle – ausser die Nazis selbst. Nach Stalingrad rief Propagandaminister Goebbels in seiner Sportpalastrede zum totalen Krieg auf. Wusstest du, dass die deutsche Industrieproduktion der Kriegsjahre erst 1944 ihren höchsten Stand erreichte?»

«Nicht wirklich. Womit haben sie das bezahlt?»

«Womit glaubst du wohl?»

«Mit Gold, nehme ich an.»

«Die Reichsbank verschob enorme Goldmengen in die Schweiz und kaufte dafür im grossen Stil Kriegsmaterial, welches unter anderem die Schweizer Rüstungsindustrie mehr oder weniger bereitwillig lieferte. Bis zu einem gewissen Grad war es das zweifelhafte Verdienst unseres Landes, den Schrecken des Krieges bis 1945 verlängert zu haben.»

«Und die Alliierten? Haben die einfach zugeschaut?»

«Wo denkst du hin? Die offizielle Schweiz wurde mehrmals davor gewarnt, mit den Nazis zusammenzuarbeiten. Der britische Premier Churchill erwog sogar, den deutschen Nachschub zu unterbinden, indem er unsere Eisenbahnlinien durch die Alpen bombardieren wollte, zog es jedoch nicht durch.» «Dafür haben die Alliierten immer mal wieder Schweizer Städte bombardiert wie Zürich, Schaffhausen und Basel. Das war nicht wirklich ein Versehen, oder?»

«Offiziell schon. Die Engländer und Amerikaner setzten unsere Regierung gegen Ende des Krieges massiv unter Druck, die Lieferungen gegen Gold nach Deutschland einzustellen.»

«Was passierte dann?»

«Der Bundesrat beharrte auf dem Neutralitätsstatus der Schweiz, der es ihr erlaubte, mit jedem Land Handel zu treiben. Die Goldlieferungen wurden fortgesetzt. Ein letzter von der BIZ sanktionierter Transport fand im März 1945 statt. Etwas mehr als drei Tonnen Gold wurden hierherverschoben. Vordergründig dienten sie zur Sicherstellung von Guthaben unserer Nationalbank bei der Reichsbank und zur Abgeltung humanitärer Dienste.» «Nicht zu fassen, welche Deckmäntelchen Politiker und Funktionäre damals wie heute für ihre schmutzigen Geschäfte finden», sagte Cora.

«Du sagst es. Aber jetzt kommt der Scoop: Nach dem offiziellen letzten Transport soll es einen weiteren gegeben haben, in den letzten Kriegstagen, Ende April 1945.»

«Was heisst das?»

«Denk nach, Cora. Wer in Deutschland konnte im damaligen Chaos solche Geheimcoups arrangieren? Nach den uns vorliegenden Informationen ging es um über eine Tonne Feingold, umgerechnet zu heutigen Kursen sprechen wir von vierzig bis fünfzig Millionen Franken.»

«Der Krieg war verloren. Die Nazis verliessen das sinkende Schiff. Ein paar von denen wollten vorher ihr Schäfchen ins Trockene bringen.»

«Du triffst den Nagel auf den Kopf. Darunter befanden sich die Gottvaterstellvertreter persönlich, in diesem Fall Himmler und Reichsmarschall Göring zusammen mit einigen ihrer obersten Kumpane.» Cora musste das kurz sacken lassen. «Darüber wollt ihr einen Artikel bringen? Ist das nicht Schnee von gestern?»

«Da gebe ich dir recht – teilweise. Die Geschichte ist ausgelutscht, bis auf diejenige mit dem Gold, das spurlos verschwunden ist.» «Wie, verschwunden?»

«Himmlers goldenes Sparschwein hätte zu einem Bunker im Berner Oberland gebracht werden sollen. Es ist nie dort eingetroffen.»

«Eine Tonne Gold verschwindet nicht einfach so.»

«Das macht die Sache ja gerade so spannend. Laut unserer Quelle überquerte der fragliche Transport am 25. April 1945 die österreichisch-schweizerische Grenze bei Au‑Lustenau. Es war einer der wenigen Orte, wo die Grenze noch offen war. Die Alliierten waren dabei, den süddeutschen Raum bis zum Bodensee vollständig zu besetzen. Die Spur des Goldes verliert sich im Einsatzraum der ’Gruppe Kander’. Es gab nichts mehr, kein Gold, kein Transportfahrzeug. Ebenso wenig ist das SS‑Begleitpersonal je wiederaufgetaucht.»

«Die haben sich mit der Beute abgesetzt und sich ein schönes Leben gemacht, ist doch sonnenklar.»

«Vermutlich, aber wohin? Sie sind nicht nach Deutschland oder Österreich zurückgekehrt, so viel steht fest. Wenige Tage nachdem der Transport die Grenze im St. Galler Rheintal passiert hatte, besetzten französische Truppen Vorarlberg. Ganz Kontinentaleuropa, mit Ausnahme der Schweiz, befand sich unter alliierter Kontrolle. Damals konnte man nicht mal so hurtig in einen Flieger nach Südamerika oder in die Karibik steigen.»

«Vor allem nicht mit einer Tonne Gold im Handgepäck», sinnierte Cora.

«Verstehst du, was ich sagen will? Das Zeug ist im Land geblieben und liegt womöglich bis heute irgendwo. Dem wollen wir nachgehen.»

«Weshalb erst jetzt? Die Geschichte ist vor siebzig Jahren passiert.» «Weil mir erst kürzlich Dokumente mit diesen Informationen zugespielt wurden. Frag mich nicht nach den Quellen. Sie machen jedenfalls den Anschein, echt zu sein.» Wagner machte eine Pause. «Also was ist, bist du interessiert?»

Coras Neugier war geweckt. «Schick mir alles, was du hast. Ich schaue es mir über das Wochenende an und gebe dir Bescheid, sobald ich zurück bin.»

«Ich zähle auf dich, Cora.»

Sie beendete das Gespräch. Falls die kommenden Tage nicht nach ihren Vorstellungen verlaufen sollten, hatte sie zumindest genügend Lesestoff.

Folge 11

Leopold Spiegelberg – März 1945

Die Szene kommt ihm surreal vor. Die Welt, wie man sie kennt, versinkt im Chaos. Währenddessen gehen die Bewohner Berns ausserhalb des für das Treffen von Spezialtruppen gesicherten Hotels ihren abendlichen Geschäftigkeiten nach. Es ist wie ein Affront gegen das zigtausendfache Sterben, das sich jenseits der Landesgrenzen abspielt.
Weiter nach der Werbung

Die Gruppe von vier Männern hat es sich, unbeachtet von den anderen Hotelgästen, in einer Sitzgruppe in einem diskreten Winkel des Hotelfoyers bequem gemacht. Die beiden Deutschen tragen Zivilkleidung. Sie sind über Konstanz angereist. Vermutlich werden sie die Rückreise nicht auf derselben Route absolvieren können. Es ist eine Frage von Wochen eher als Monaten, bis französische und englische Truppen die Bodenseeregion unter ihre Kontrolle bringen werden.

Leopold mustert die SS‑Offiziere. In ihren dunklen Anzügen, ohne die schneidige, die arische Herrenrasse definierende Uniform, sehen sie gewöhnlich aus. Er überlegt, ob sich hinter der arroganten Fassade in Wirklichkeit nicht blanke Angst verbirgt. In einem, bestenfalls in zwei Monaten wird das Deutsche Reich aufhören zu existieren, und die Jäger werden zu Gejagten. Während des Essens sprach man eingehend über den Plan. Leopold hat im Grunde nur Verachtung für diese als harmlose Zivilisten getarnten Verbrecher übrig. Aber es liegt nicht an ihm, zu urteilen. Er ist Soldat und hat zu gehorchen. Andere werden die Untaten dieser Scheusale vergelten.

«Mein lieber Oberst», wendet sich der ältere Deutsche an Leopolds Vorgesetzten. «Wir sind uns einig, wo der Transport ihre Grenze überqueren soll. Ist es unerlässlich, dass Ihr Mann das Fahrzeug begleitet?» Er deutet auf Leopold. «Wir verfügen über bestens ausgebildete Fahrer, welche die Gegend kennen wie ihre Westentasche.»
Weiter nach der Werbung

Leopold verabscheut den Deutschen, der bis vor drei Jahren dem Stab von Reinhard Heydrich angehörte, dem damaligen Chef des Reichssicherheitshauptamts und gefürchteten stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Bevor Heydrich 1942 in Prag von eingeschleusten tschechischen Partisanen ermordet wurde, war er Architekt eines Konzeptes gewesen, das festlegte, wie mit den Juden in Europa verfahren werden sollte. Leopolds Quellen zufolge war es an einer Konferenz am Wannsee bei Berlin entstanden. Welche Grausamkeiten der Nazis würden eines Tages an die Oberfläche kommen? Er verflucht diese Menschen innerlich. Gibt es etwas, das sie nicht über die Schweiz wissen? Aber es wird ihnen am Ende nichts nützen, Hitler und seinem Tausendjährigen Reich. Die Hölle soll diesen Teufel in Menschengestalt mitsamt seinem Führerhauptquartier verschlingen.

Leopolds Vorgesetzter zieht an seiner Zigarre und betrachtet die Glut, bevor er das Wort ergreift. «Wir befinden uns noch im Krieg, mein lieber Standartenführer. Auch wenn es auf Schweizer Territorium keine Kampfhandlungen gibt, werden immer wieder kurzfristig Gebiete und Strassen gesperrt. Sie wollen nicht riskieren, dass der Transport in eine ausserplanmässige Sperre gerät und kontrolliert wird, ausser …», der Oberst pufft an der Zigarre, «… die Situation würde sich komplett ändern und Ihr … ähm … seit Langem angekündigter Endsieg fände früher als vorgesehen statt.»

Die Miene des Standartenführers entgleist für einen Moment, bevor er laut herauslacht. «Was ich an euch Schweizern liebe, ist euer trockener Humor.» Er wird ernst. «Sie haben natürlich recht, lieber Oberst. Ihr Mann steigt beim Grenzübergang Au ein.»
Weiter nach der Werbung

«Danke, Standartenführer. Major Spiegelberg hat mein vollstes Vertrauen.»

«Darauf stossen wir an.» Der Standartenführer winkt einem Kellner zu. Sobald die Cognacschwenker nachgefüllt sind, heben sie die Gläser. «Auf den Endsieg!», sagt der Deutsche. Die Schweizer prosten ihm schweigend zu.

«Übrigens, Herr Major.» Der Standartenführer sieht Leopold an und zeigt auf den Mann, der neben ihm sitzt. Dieser hat bisher kein Wort gesagt. «Sturmbannführer Kessler wird den Transport befehligen. Ich denke, Sie werden Freunde.»

«Danke, Herr Standartenführer.» Leopold hebt sein Glas erneut in Richtung des jüngeren Deutschen, der mit seinen hellen Augen und kurz geschnittenen blonden Haaren aussieht wie ein Bilderbucharier. «Sturmbannführer Kessler.»

«Major Spiegelberg.»

Sie lächeln sich zu.

DREI

Cora war spät dran. Zum Zeitpunkt, als der Helikopter der Air-Glaciers in Richtung Lauenental abhob, hatte sie gerade erst Zweisimmen hinter sich gelassen.

In der Nacht zuvor hatte sie lange mit ihrer Tochter telefoniert und war erst um drei Uhr morgens eingeschlafen. Matthias hatte Mila am Flughafen in Buenos Aires abgeholt. Zusammen waren sie weiter nach Comodoro Rivadavia in der Provinz Chubut geflogen, wo er mit Grazyna wohnte.

Es gab Momente, da war Mila Cora unheimlich. Cosima, Milas Grossmutter, stand in dem Ruf, das zweite Gesicht zu haben. Cora hielt wenig davon. Es gab eben Menschen, die feinfühliger waren als andere. Dabei liess sie es bewenden. Mila war jedoch besonders sensibel. Sie hatte die Gabe, in die Seelen ihrer Mitmenschen hineinzusehen. Nachdem Cora ihr von Ludivine erzählt hatte, war Milas Reaktion zurückhaltend.

«Bist du sicher, es wird dir guttun, wenn du gehst?»

Die Frage hatte Cora verblüfft. Wie konnte Mila wissen, dass sie gezögert hatte, die Einladung anzunehmen? Ihre Tochter kam ihr mit der Antwort zuvor. «Pass auf dich auf, dort oben, Mam. Ich will dich in zwei Wochen lebendig und in einem Stück wiedersehen.» Der letzte Satz hatte Cora lange wach gehalten.

Folge 12

Wenn Mila sie als Mutter ansprach, suchte sie ihre körperliche Nähe oder hatte Angst um sie.

Vor ihrer Abreise hatte sie auf einen Kaffee bei Daniel vom Staals Kanzlei im Müllerhof in Solothurn vorbeigeschaut. Er hielt nichts von Wagners Geschichte. «Das sind doch Räuberpistolen. Zahlreiche Legenden ranken sich um verschwundenes Nazigold. Ich glaube nicht, dass an diesem mysteriösen Transport was dran ist.»

Cora fand das zu pauschalisierend. Wenn Wagner eine Geschichte für erwähnenswert hielt, war in der Regel etwas dran. Der Chefredaktor mochte nach aussen den Eindruck eines gemütlichen Tanzbären erwecken. In Wirklichkeit war er ein Schnelldenker und hatte ein Gespür für interessante Storys. Cora hatte seine per E‑Mail übermittelten Unterlagen am Morgen ausgedruckt und geordnet. Der Stapel umfasste gut hundertfünfzig Seiten.

Auf dem Flugplatz in Saanen, den selbstbewusste Promotoren als «Gstaad Airport» verkauften, teilte man ihr mit, der Flug nach «Blutlauenen» hätte zwanzig Minuten zuvor abgehoben. Zwei Stunden später sollte ein weiterer Transport mit Gepäck und Lebensmitteln folgen. Cora wollte nicht so lange warten. Sie vertraute ihr Gepäck dem Bodenpersonal an und stieg in ihren roten Mini. Das Dorfzentrum von Gstaad, eine Fusion von internationalem Glamour und Berner Oberländer Chaletromantik, liess sie auf der Umfahrungsstrasse links liegen und fuhr direkt ins Lauenental.

Bis zur Abenddämmerung zogen sich noch ein paar Stunden hin, als sie durch den Dorfkern von Lauenen fuhr. Im Gegensatz zum glamourösen Gstaad war es ein friedlicher Flecken mit schmucken Chalets, zwei Hotels und einer Handvoll Pensionen. Bei ihrer Ankunft herrschte überall Geschäftigkeit. Die Landwirte bereiteten die Weiden für das Vieh vor, das bald sein Winterquartier verlassen und sich über die ersten saftigen Frühlingsgräser hermachen konnte. Vor ihr, am Ende des Tals, lag die imposante Kulisse des Wildhorn- und Sanetschgebietes. Ganz hinten, unterhalb der schneebedeckten Gipfel, toste eine hohe, kräftige Kaskade senkrecht über eine Felswand. Weiter vorn auf der Ostseite, näher beim Ort, war ein weiterer Wasserfall zu sehen. Cora war vor mehr als dreissig Jahren das erste Mal hier gewesen. Die Quelle des «Tungelschutz», wie die Einheimischen den Wasserfall nannten, wurde vom Tungelgletscher unterhalb des Wildhorns gespeist. Bevor er sich in die Tiefe des Lauenentals stürzte, bewässerte er die Tungelalp, wo das Haus «Blutlauenen» stand.

Cora liess für einen Moment die wilde Schönheit und Erhabenheit der Landschaft auf sich wirken.

Inmitten dieses Friedens durchfuhr Cora ein kurzes Frösteln. Waren es Milas Worte, die in ihr das dunkle Gefühl einer unbestimmten Bedrohung hinterlassen hatten, die nun hinter dem wohlwollend lächelnden Gesicht von Mutter Natur lauerte? Die schmale einspurige Strasse zum See war noch gesperrt. Sie sollte erst zwei Wochen später für den Touristenverkehr geöffnet werden. Die Postautolinie zum Lauenensee, von wo Cora den Aufstieg zu Fuss auf die Tungelalp in Angriff nehmen wollte, war noch nicht in Betrieb. Sie hatte sich darauf eingestellt, den Wagen auf dem grossen Parkplatz bei der Bushaltestelle zurückzulassen und den Weg bis zum See zu Fuss zu machen, als ein alter Subaru neben ihr stoppte.

«Willst du zum See?», fragte die Frau am Steuer freundlich. Cora schätzte sie auf rund siebzig. Lange stahlgraue Haare umrahmten ein von Falten zerfurchtes, sonnengebräuntes Gesicht. Etwas verwirrt, mir nichts, dir nichts mit dem vertraulichen Du angesprochen zu werden, erwiderte Cora, dass dem so war.

«Da musst du zu Fuss hin, es sei denn, es macht dir nichts aus, in meine Klapperkarre zu steigen. Ich muss bis ganz hinten ins Tal und kann dich beim See abladen. Es ist kein grosser Umweg.»

Cora nahm dankend an. Die Frau stellte sich als Berthe vor. Cora hörte einen leichten Akzent heraus, der nicht in die Gegend gehörte. Sie folgte Berthes Aufforderung, sie ebenfalls zu duzen. «Deiner Aussprache nach zu schliessen, stammst du nicht von hier.»

«Richtig geraten», sagte Berthe lachend und zeigte zum Sanetsch. «Ich stamme ursprünglich von der anderen Seite, aus Savièse im Wallis.»

Nun erkannte Cora die französische Färbung im behäbigen lokalen Idiom.

«Vor fünfzig Jahren machte ich eine Wanderung von der anderen Seite her über den Sanetsch und kam über die ’Walliser Wispile’. Hier bin ich dann hängen geblieben.»

«Lass mich raten: die Liebe?»

«Genau die. Mein Hansruedi ist vor mehr als zehn Jahren gestorben. Zum Glück habe ich meine Söhne, die mir mit dem Hof helfen, ich komme dieses Jahr ins Fünfundsiebzigste. Der jüngere ist Hüttenwart am Gelten. Er ist bereits seit Anfang Woche oben. Es gibt einiges zu tun an Reparaturen, und die Saison muss vorbereitet werden.«

Der Fahrstil der Bäuerin entsprach dem einer Fünfundzwanzigjährigen. Cora hielt sich bei jeder Kurve krampfhaft am Türgriff fest. Berthe wollte wissen, warum sie ausserhalb der Saison zum See wollte. «Du müsstest im Juli kommen, wenn das Wasser des Moorsees warm genug ist. Im Moment ist alles zu, auch das Restaurant. Die machen erst in zwei oder drei Wochen auf.»

Cora erklärte ihr, sie wolle zum Jagdhaus der Spiegelbergs. Sie musste sich mit beiden Händen an der Konsole des Wagens abstützen, als Berthe abrupt stoppte.

Folge 13

«Du willst nach ’Blutlauenen’, jetzt? Allein?»

Cora bejahte.

Berthe sah sie lange von der Seite an. «Du scheinst mir eine unerschrockene junge Frau zu sein. Aber willst du wirklich ganz allein dort hochgehen, zum Mörder?»

«Zu welchem Mörder?»

Berthe schnalzte mit der Zunge.

«Ja klar, du kannst die Geschichte nicht kennen. Du warst sicher noch nicht geboren, als es passierte, vor etwa fünfzig Jahren.»

«Du meinst den Mann, der seine ganze Familie umbrachte? Meine Freundin, Ludivine Giroud, hat mir davon erzählt.»

«Ludivine Giroud? Die junge Spiegelberg ist deine Freundin?»

Jung war gut. «Kennst du sie?»

«Kennen ist übertrieben. Sie ist ja selten hier. Ihre Mutter Césarine ist mir besser im Gedächtnis geblieben, obwohl sie sich nach dem Tod ihres Mannes nie mehr im Dorf blicken liess. Vorher war sie mit allen stets freundlich und zuvorkommend. Habe gehört, die Tochter will den Kasten da oben verkaufen. Ich frage mich, warum sie das nicht schon lange getan hat.» Berthe fuhr wieder an. «Hüte dich vor Brand, wenn du da oben bist.»

«Brand?»

«Ja, der Brand Werner, dieser Mörder. Seit sie ihn entlassen haben, lebt er in seiner Hütte auf dem Stierentungel, dort, wo er seine Frau und sein bébé abgeschlachtet hat.»

«Warum hat er das getan?»

«Weil er nicht ganz richtig ist im Kopf, wenn du mich fragst. Die hätten ihn im Thorberg behalten sollen, damit er dort verfault. Der Jähzorn soll ihn gepackt haben. Da hat er zugeschlagen. Mit einer Axt hat er der armen Anna-Lisa den Schädel gespalten. Der Polizei fiel es schwer, sie zu identifizieren. Und das kleine Vreneli, sein eigenes Kind, es war kein Jahr alt, beinahe in zwei Hälften hat er es gehackt. Es war furchtbar.» Berthe bekreuzigte sich. «Bin katholisch geblieben. Ich konnte mit den Reformierten hier nie viel anfangen, ausser mit meinem Hansruedi, der war in Ordnung.» Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als müsste sie die Erinnerung löschen. «Anna-Lisa Romang war meine Nichte – eigentlich die vom Hansruedi. Ein hübsches Ding, etwas zu eitel. Als Ledige ging sie gerne nach Gstaad, um sich zu vergnügen. Niemand hat verstanden, warum sie den Schwerenöter Brand heiratete. Im Dorf wurde gemunkelt, sie hätte dem Idioten ständig Hörner aufgesetzt. Kann sein, dass er deswegen ausrastete. Césarine Spiegelberg war dabei.»

«Césarine hat gesehen, wie es passiert ist?»

«Sie wollte Brand zurückhalten. Der ging wie eine Furie auf seine Frau los. Césarine ist geflohen, bevor er sie auch erschlagen konnte. Zuerst hat sie sich draussen vor ihm versteckt. Dann ist sie nach ’Blutlauenen’ gelaufen, um Hilfe zu holen. Als sie mit ihrem Mann und ihrem Knecht, dem Schwizgebel Fredi, zur Hütte zurückkam, war es vorbei. Der Brand war stockbesoffen. Stell dir vor, er lag neben den Leichen und schlief seinen Rausch aus. Er liess sich widerstandslos fesseln. Sie haben ihn in den Keller von ’Blutlauenen’ gesperrt, bis zwei Landjäger ihn mitnahmen.»

Inzwischen waren sie beim Parkplatz am Lauenensee angekommen. Cora ergriff ihren kleinen Rucksack, in den sie in Lauenen Pullover, Regenjacke, zwei Äpfel und einen Schokoriegel gestopft hatte. Sie bedankte sich bei Berthe, die ihre Hand festhielt. Sie zeigte die beinahe senkrecht ansteigende Bergflanke mit dem Wasserfall hinauf. «Pass auf dich auf, Cora. Auf diesem Ort liegt ein Fluch.»

«Was meinst du?»

«Dem Tod gefällt es da oben. Ein paar Wochen nach der Tragödie mit dem Brand ist der alte Spiegelberg auf einer Bergtour in eine Gletscherspalte gefallen und wurde erst Jahre danach gefunden. Wenn du mich fragst, hat der den Preis dafür bezahlt, den Teufel versucht zu haben.»

Coras Augen sprühten Fragezeichen.

«Man baut kein Haus in diese Wildnis und gibt ihm einen solchen Namen – ’Blutlauenen’. Damit hat Spiegelberg sein Schicksal herausgefordert.» Berthe reckte den Hals prüfend in den Himmel. «Du solltest gehen, es wird bald Nebel geben. Dann treibt sich der Brand im Wald herum.»

«Ich kenne Schlimmeres.» Cora sah in den klaren blauen Himmel. Kein Anzeichen von Nebel.

Eine Dreiviertelstunde später stand sie in der Suppe. Die Bäume waren in Watte gepackt. Cora hatte grösste Mühe, den Pfad zu erkennen. Sie wusste, dass man in den Bergen stets mit abrupten Wetterwechseln rechnen musste. Dennoch hatte sie so etwas noch nie erlebt. Sie fluchte über die hohen Stufen, welche die Wegebauer in Felsen und Wurzelwerk geschlagen hatten. Entweder waren das Riesen gewesen, oder sie hatten die Tritthöhe von Hannibals Elefanten bei der Alpenüberquerung als Referenzmass verwendet. Zu allem hinzu musste sie höllisch aufpassen, nicht auf feuchten Wurzeln auszurutschen, die den Pfad durchzogen. Die Idylle war weg. Obwohl sie schwitzte, drang die feuchte Kälte bis auf die Knochen. Links von ihr rauschte der Tungelschutz, der sich im Tal mit dem Geltenbach zum Louwibach vereinte.

Kurz zuvor hatte sie den knatternden Lärm schnell drehender Rotorblätter über sich gehört, der zweite Lufttransport mit den Vorräten und ihrem Gepäck. Ein nagendes Gefühl der Reue quälte sie. Sie sah den Hang hoch und versuchte zu erkennen, ob sich der Wald lichtete, ein Anzeichen, bald am Ziel zu sein. Die dichten Nebelschwaden verwehrten ihr die Gewissheit darüber. Sie konzentrierte sich weiter darauf, jeden Schritt auf dem teilweise durch den Schneedruck des Winters mit gelockertem Geröll verschütteten Pfad zu sichern. Eile war geboten, die Dämmerung würde bald einsetzen.

Folge 14

Der Fremde kam aus dem Nichts. Cora war vor Schreck wie gelähmt, als die mächtige Figur wie ein Schatten vor ihr stand. Sein Gesicht wurde vollständig von einem Hut verdeckt. Unter der breiten Krempe lugte ein struppiger, mit grauen Strähnen durchzogener Bart hervor. Cora senkte den Kopf etwas, damit sie sein Gesicht sehen konnte. Ein Paar schwarzer glimmender Augen starrte sie an. Cora war nicht leicht zu verängstigen, in diesem Moment hätte sie sich jedoch gerne unter einem Stein verkrochen. Der Mann musterte sie schweigend.

«Guten Abend.» Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. «Ist das der Weg zur Tungelalp?»

Der Hüne blieb stumm. Nur das Glimmen in den Augen wurde intensiver, glaubte sie zumindest.

«Bin ich hier richtig für auf die Tungelalp? Ich muss zum Jagdhaus ’Blutlauenen’.»

Der Mann zeigte immer noch keine Reaktion. Cora schlang die Arme um ihren Leib. Es war spürbar kälter geworden. Obwohl es sie Überwindung kostete, machte sie einen Schritt auf den Mann zu. Sie überlegte sich, wie sie um ihn herumgehen konnte, und fuhr zusammen, als er unvermittelt den Arm ausstreckte und in die Fortsetzung der Richtung zeigte, die sie eingeschlagen hatte.

Cora sah hoch. Die Nebelschwaden hatten sich gelichtet. Hinter dem grauen Dunst schimmerte es dunkelblau. «Danke!»

«Pass auf, Frau. Der Berg drückt», hörte sie eine gutturale Stimme hinter sich.

«Wie bitte?» Sie drehte sich zu dem Mann um. Er war nicht mehr zu sehen, keine Spur, als hätte ihn der Nebel verschluckt.

Cora beeilte sich weiterzukommen. Je höher sie stieg, desto heller wurde es. Mit jedem Schritt fühlte sie sich leichter. Dieser verfluchte Nebel. Warum musste so was immer ihr passieren? Sie erinnerte sich an eine ähnliche Begegnung mit einem Landstreicher im Jahr zuvor im Schwarzbubenland. Was war das bloss mit ihr und den komischen Käuzen?

Kurz nachdem sie am Drahtseil einer Materialbahn vorbeigekommen war, verflachte sich der Weg. Sie kam dem Ziel näher. Mit einem Gefühl grösster Erleichterung beschleunigte sie ihre Schritte, nur um nach kurzer Zeit wie gebannt stehen zu bleiben.

CÉSARINE SPIEGELBERG-RETTENMUND –
JULI 1967

Das Kleine hört nicht auf zu weinen. Césarine beugt sich über die grob gezimmerte Stubenwiege. «Beruhige dich, Vreneli, die Mutter ist bald zurück. Sie ist nur schnell nach dem Vater schauen gegangen.»

Sie hebt den Säugling aus dem Bettchen und wiegt ihn sanft in ihren Armen. Seine Backen sind gerötet. «Hast du Zahnweh? Hab ein wenig Geduld. Es sind wohl die Letzten, die rauskommen.» Sie stimmt ein Kinderlied an, das ihre Mutter gesungen hatte, wenn sie als Kind vor Schmerzen geschrien hatte. «Heilä, heilä Säägä, drüü Tag Räägä …»

Der sanfte Gesang beruhigt das Kleine. Césarine legt es zurück in die Wiege und steht daneben, ständig den Kinderreim vom heilenden Segen und drei Tage Regen summend, der, gefolgt von Sonnenschein und Schnee, die Schmerzen vergessen lassen soll. Es ist Nonsens. Für Kleinkinder hingegen müssen die sanfte Melodie und die Worte etwas Wohltuendes haben, das die Wehwehchen wegbläst. Das Kleine wird still und sieht Césarine aus grossen, wachen Augen an. Es macht eine drollige Grimasse, die Césarine zum Lachen bringt. Sie fährt mit der Hand über ihren Bauch, in dem ebenfalls ein Leben im Entstehen begriffen ist. Nach Jahren des Wartens hat das Glück endlich bei ihr angeklopft. Leopold weiss noch nichts davon. Sie will ein paar Wochen zuwarten, bis zu ihrem Hochzeitstag. Er wird platzen vor Stolz. Im nächsten Januar soll es so weit sein. Er hofft auf einen Sohn. Sie würde es ihm gönnen, obwohl sie sich eine Tochter wünscht, wie dieses süsse Vreneli, das endlich seine Augen geschlossen hat und ins Land der Träume abgleitet.

Césarine spürt Müdigkeit in ihre Glieder fahren. Es ist ein langer, schöner Sommertag gewesen. Sie hat Anna-Lisa geholfen, das Vieh in den Stall zu treiben. Seit Jäger drüben in der Lenk einen Wolf gesehen haben wollen, müssen die Tiere über Nacht drinnen bleiben. Césarine glaubt nicht an die Geschichte. Und wenn sie wahr wäre, würde der Wolf nicht so rasch über den Tungelpass kommen – jedenfalls nicht, solange er auf der anderen Seite genug fette Simmentaler Kühe auf seinen Speiseplan setzen kann.

Die schlimmsten Raubtiere sind die Menschen, vor allem die Männer, wobei Césarine findet, mit ihrem Gatten Glück zu haben. Aber sie macht sich nichts vor: Als sie sich kennenlernten, war Leopold Spiegelberg ein hoffnungsloser Schürzenjäger gewesen. Obwohl er dreiundzwanzig Jahre älter ist, verliebte sie sich sofort in ihn. Seine Art faszinierte sie – ebenso wie ihre Mutter. Ein Gentleman alter Schule, hatte sie gesagt, deren Hand er bei ihrer ersten Begegnung geküsst und sie mit Madame Rettenmund angesprochen hatte. Sie hatte die ersten Annäherungsversuche zwischen ihrer Tochter und dem Landadligen wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Leopold Spiegelberg, Privatier, Besitzer von grossen Ländereien und Immobilien im Solothurnischen sowie im Kanton Bern, gilt als gute Partie. Sein Vermögen beläuft sich auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. In Solothurn ist er eine einflussreiche Persönlichkeit, nicht zuletzt dank seiner militärischen Stellung als Oberst im Generalstab und ehemaliger Kommandant des traditionsreichen Infanterieregimentes 11. Nach dem Krieg erfüllte er sich einen Traum und baute das grosse Jagdhaus, das sein Vater geplant hatte. Stolz nannte er es «Blutlauenen».

Folge 15

Nach der Heirat hat Leopold es nicht lassen können, fremden Röcken nachzublicken. Césarine sieht darüber hinweg. Sie bewertet Liebe und Treue nicht einzig und allein aufgrund eines körperlichen Rituals, dem sie weniger Bedeutung beimisst, als manche es in dieser neumodischen sexuellen Revolution tun. Ausserdem bleibt es bei Leopold, angesichts seines fortgeschrittenen Alters, oft beim Schauen. Gegessen wird daheim, wie er selbst oft sagt. Es war für sie wie ein Wunder gewesen, als bei ihr vor ein paar Wochen die Tage ausblieben. Ihr Lebensglück wird bald vollkommen sein.

Sie schaut in die Wiege hinein. Das Kleine schläft tief und fest. Wenn nur Anna-Lisa mit ihrem Werner so viel Glück hätte. Die lebenslustige ehemalige Lehrerin hätte sich einen englischen Millionär oder einen dieser neureichen Deutschen angeln sollen, die während der Saison Gstaad bevölkern. Césarine ist es ein Rätsel, weshalb Anna-Lisa Romang sich stattdessen zusammen mit diesem ungehobelten Klotz von einem Mann hier oben vergräbt. Césarine ist überzeugt, dass er Anna-Lisa schlägt. Vor einer Woche trug sie den ganzen Tag eine Sonnenbrille, die sie nicht einmal vor ihr abgelegt hatte.

Wo sie nur bleibt?

Wie auf Stichwort wird die schwere Holztür aufgestossen. Anna-Lisa stürzt atemlos und mit angstgeweiteten Augen herein. Das Haar ist zerzaust, eine Wange heftig errötet.

«Anna-Lisa, was ist passiert?», ruft Césarine erschrocken.

«Brand, der Dreckskerl, hat mich geschlagen. Er hätte mich umgebracht, wenn ich mich nicht hätte losreissen können. Er ist hinter mir her.»

«Schon wieder!» Césarine springt auf und nimmt das Wallholz aus dem Küchenschrank. «Diesmal werde ich ihm –»

«Nein!», ruft Anna-Lisa. «Er bringt uns beide um.» Sie hebt das Kleine aus der Wiege. «Wir müssen weg von hier. Kann ich zu euch nach ’Blutlauenen’ kommen?»

«Natürlich.»

«Ich muss nur schnell …» Anna-Lisa legt Césarine das Baby in die Arme und fängt an, hektisch in den Schubladen zu wühlen.

«Was suchst du, wir müssen uns beeilen.» Césarine späht sorgenvoll zur Tür.

«Das Portemonnaie mit meinem Ausweis drin. Hilf mir suchen, es muss hier irgendwo liegen. Ich hatte es gerade noch in der Hand. Vielleicht ist es mir irgendwo hinuntergefallen.»

Césarine legt das Kind zurück in die Wiege. Dann beginnt sie, den Boden abzusuchen.

Plötzlich kracht hinter ihr die Tür erneut gegen die Wand. Sie hört Anna-Lisas Aufschrei. Césarine richtet sich auf. «Was zum Teufel …»

Was sie sieht, lässt ihr Blut gefrieren.

VIER

Cora war gefangen vom Anblick. Sie kannte das Haus nur von Ludivines Schilderungen von früher. Damals waren Cora andere Dinge wichtiger gewesen. Was Leopold Spiegelberg am Fuss von Felsen und Eis gebaut hatte, war nicht einfach eine Jagdhütte, es war ein Schloss. Es stand auf einer flachen Erhebung am Rand einer Moorwiese vor einem mächtigen Felsmassiv, dem der Tungelbach entsprang. Bis auf die Zierbalken an Fassade und Holzgiebeln war das Gebäude gemauert. Cora fragte sich, wie das Baumaterial vor über siebzig Jahren hierherauf transportiert worden war.

Die Gebäudefront war im Stil eines Grandhotels der Tourismusblüte des ausgehenden 19. Jahrhunderts gehalten. Zwei Giebeltürme flankierten den dreigeschossigen Bau. Holzbalkone umrahmten die beiden oberen Wohnetagen. Das Haus hatte Platz für mindestens ein Dutzend Zimmer. Was mochte den Erbauer dazu getrieben haben, einen Palast in dieser verlassenen Gegend aufzustellen? Im Naturschutzgebiet gab es keine befahrbare Strasse. Die Endstelle der Materialbahn lag rund zweihundert Meter nördlich vom Jagdhaus entfernt, falls diese damals bereits existiert hatte. Cora wandte sich um und blickte über das Tal von Lauenen, das sich gegen Nordwesten bis nach Gstaad erstreckte. Auf der gegenüberliegenden Talseite lag der bewaldete Gebirgszug der «Höhi Wispile». Der Ausblick war von solcher Erhabenheit und strahlte einen Frieden aus, dass Cora ein wenig Verständnis für den extravaganten Bauspleen von Leopold Spiegelberg aufzubringen vermochte.

Trotzdem wünschte sie Ludivine Glück beim Verkauf. Welcher vernünftige Mensch würde ein solches Gebäude kaufen und dann noch investieren, wenn er es nicht als Hotel oder für einen anderen wirtschaftlichen Zweck nutzen konnte? Eine Person trat aus dem Haus und kam auf Cora zu. Beim Näherkommen erkannte sie Ludivine. Da es merklich abgekühlt hatte, trug sie einen Anorak. Das gleiche Seidenfoulard, das Cora am Vortag an ihr gesehen hatte, umschlang ihren Hals. «Endlich bist du da, wir haben uns schon Sorgen gemacht.»
«Tut mir leid, ich bin in den Nebel geraten, es war eine veritable Erbsensuppe.»

«Nebel? Davon haben wir hier oben gar nichts bemerkt – stahlblauer Himmel, bis die Sonne unterging. Das Wetter wechselt schnell hier, und es wird leider nicht schön bleiben. Die Wetterfrösche reden von Sturm.» Sie nahm Cora bei der Hand. «Jedenfalls sind wir jetzt vollzählig. Genug zu essen und zu trinken für die nächsten paar Tage haben wir auch. Komm rein, die anderen sind begierig, dich zu sehen.»

Cora hielt sie zurück. «Ich bin vorhin einem Mann begegnet, ein unheimlicher Kerl. Ich glaube, es war dieser Brand.»

Ludivine erstarrte. «Brand? Bist du sicher, ich meine, wie hat er ausgesehen?»

Cora beschrieb ihn. «Er hat mir die Richtung gezeigt, die ich nehmen soll, und gesagt: ’Pass auf, Frau. Der Berg drückt.’ Dann war er verschwunden, wie er gekommen war.»

Folge 16

Ludivine sah Cora einen Augenblick konsterniert an und winkte dann mit beiden Händen ab. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Brand sich um diese Zeit hier herumtreibt. Er bleibt normalerweise in seiner Hütte oben auf dem Stierentungel.»

«Ist er gefährlich?»

«Glaube ich nicht. Es ist dreissig Jahre her, seit er aus der Haft entlassen wurde. Seitdem ist nichts passiert. Die Mütter im Tal missbrauchen seinen Namen immer mal wieder als Kinderschreck. Wenn die Kleinen nicht gehorchen wollen, drohen sie ihnen mit dem ’bösen Brand’, der sie holen wird.» Ludivine rollte mit den Augen und machte eine furchtbare Grimasse. Lachend nahm sie Cora wieder bei der Hand. «Komm, man erwartet dich.»

«Ich bin verschwitzt und will mich erst frisch machen.»

Ludivine sah auf die Uhr. «Essen gibt’s in einer Stunde. Chantal zeigt dir dein Zimmer.» Sie hakte sich bei Cora ein. «Du hast übrigens eines der drei Zimmer, die über ein eigenes Bad mit Dusche verfügen.»

«Wer wohnt in den anderen beiden?», fragte Cora, nachdem sie einen inneren Luftsprung der Erleichterung vollführt hatte. In letzter Zeit war ihr die Privatsphäre wichtig geworden. Das musste eine Alterserscheinung sein.

«Eines davon gehört mir. Ich habe mir ein kleines Studio eingerichtet. Das dritte Zimmer bewohnt Sibylle. Die war schon immer etwas eigen, das weisst du vielleicht noch. Magdalena muss sich auf der zweiten Etage das Bad im Korridor mit den Männern teilen. Es liegt dafür direkt neben ihrem Zimmer. Als grüne Kantonsrätin sollte sie imstande sein, auf einen gewissen Luxus zu verzichten.» Beide lachten.

Cora nahm hinter sich eine Bewegung wahr. Sie fuhr erschrocken herum und sah sich einer gross gewachsenen älteren Frau mit einem schönen, etwas verhärmten Gesicht gegenüber. Ähnlich wie bei Berthe war ihr Alter nicht ohne Weiteres zu bestimmen.

«Entschuldigen Sie, Madame, ich wollte Sie nicht erschrecken», sagte die Alte mit heiserer Stimme. Sie nahm Cora den Rucksack ab. «Ich begleite Sie auf Ihr Zimmer.»

Ludivine stellte sie als Chantal Reybaz vor. «Chantal ist der gute Geist des Hauses. Sie besorgt den Haushalt und kümmert sich um das Essen.» Sie gab Cora einen sanften Schubser. «Geh dich frisch machen. Dein Gepäck ist schon auf dem Zimmer. Wir sind im Grossen Salon. Geh einfach dem Lärm nach, dann findest du uns schon.»

«Chantal ging vor. Cora folgte ihr über die aus Arvenholz gezimmerte und mit Schnitzereien verzierte Treppe. Mit einem leichten Gefühl von Widerwillen betrachtete sie die Jagdtrophäen, die beidseitig an der Wand hingen. Es gab anscheinend kein Wald- oder Bergwild, welches vor Leopold Spiegelbergs Flinte sicher gewesen war. Sogar der Kopf eines ausgewachsenen Bären zierte die makabre Galerie. «Herr Spiegelberg muss ein passionierter Jäger gewesen sein.»

«Das war er, Madame», erwiderte Chantal. «Für die Jagd reiste er in der ganzen Welt herum. In Ceylon hat er einen Königstiger geschossen. Er liegt im Grossen Salon, ein schönes Tier.»

Das wäre es auch gewesen, wenn man es am Leben gelassen hätte. «Wie lange arbeiten Sie schon für die Familie Spiegelberg?»

«Seit meinem neunzehnten Lebensjahr. Der Oberst wohnte fast das ganze Jahr hier oben. Er ging nur ins Tal, wenn ihn die Geschäfte nach Bern, Solothurn oder ins Ausland riefen. Er hat mich angestellt, als er Madame heiratete, ich meine Mademoiselle Rettenmund.»

«Die spätere Césarine Spiegelberg?» «Das ist korrekt, Madame.»

«Darf ich fragen, wie alt Sie sind, Chantal?»

«Dieses Jahr werde ich siebenundsiebzig, Madame.»

«Wow!», entfuhr es Cora. «Ich hätte Sie bedeutend jünger geschätzt.»

«Gute, freudvolle Arbeit erhält gesund und jung, Madame.»

«In der Tat.» Cora dachte erneut an Berthe. In dieser Gegend gab es offenbar viele Menschen, die auf ein erfülltes Arbeitsleben zurückblickten. Ihr war der Akzent der Haushälterin aufgefallen. «Sie sind eine Romande, nicht wahr?»

«Waadtländerin, Madame. Ich komme aus Rougemont, im Pays d’Enhaut, gewissermassen aus der Nachbarschaft.»

Cora wurde bewusst, dass sie sich auf der Trennlinie zwischen zwei europäischen Kulturen befand. Westlich und südlich des Sanetschpasses dominierte die frankofon geprägte Lebensart, während sich die deutschsprachigen Kulturen von hier aus im Norden und Osten über den Kontinent ausbreiteten.

Ihr Zimmer lag im Mitteltrakt des ersten Stockwerks. Es war geräumig, das Bad bestand neben der Toilette aus einer Wanne mit Brause und einem Waschbecken. Cora genügte das vollauf. Der kleine Balkon bot Aussicht auf das Tal, über das sich die Nacht legte. Noch lagen die von Schnee freigelegten braunen Alpwiesen verlassen da. Bald würde die Sonne sie zum Spriessen bringen, bis in ein paar Wochen die Alpaufzüge stattfanden. Das Zimmer war vollständig mit Holz getäfelt. Cora war erleichtert, keine abscheulichen Tierköpfe vorzufinden. Kunstdrucke dramatischer Landschaften des Malers Otto Frölicher, dessen Originale sie im Solothurner Kunstmuseum gesehen hatte, zierten die Wände. Cora hatte keine innige Beziehung zu den Bergen. Wenn sie Ferien machen wollte, fuhr sie lieber ans Meer. Hingegen mochte sie die Darstellung der unbändigen Gewalt, so wie die Maler des 19. Jahrhunderts die Alpen gesehen hatten. Mit der Perspektive eines angekündigten Sturmes war sie froh, die Nacht in der relativen Sicherheit eines soliden Hauses zu verbringen.

Folge 17

Zwanzig Minuten später betrat sie ausgiebig geduscht und mit dezentem Make‑up versehen den Grossen Salon. Sie trug schwarze Jeans und ein gleichfarbiges Sweatshirt, das den diebischen Fingern ihrer Tochter entgangen war.

Man empfing sie mit grossem Hallo. Richard Bloch war der Erste, der sie umarmte. «Unsere Transsilvanerin ist angekommen. Hast du dir immer noch keine Fangzähne zugelegt, Cora?»

Er hatte sie früher ständig mit ihren rumänischen Wurzeln und einer möglichen Verwandtschaft mit dem berühmtesten Vampir der Literaturgeschichte aufgezogen.

«Das nicht, aber ich trinke abends vor dem Einschlafen neuerdings ganz gerne ein Glas frisches Menschenblut. Nimm dich in Acht, Richi.»

Die Anwesenden quittierten die Replik mit ausgelassener Heiterkeit. «Gute alte Cora, bei dir weiss man nie, was spitzer ist, die Zunge oder die Feder.» Bloch küsste sie dreimal auf die Wange.

Sie erwiderte die Begrüssung. «Das ’alte’ habe ich überhört, sonst müsste ich mir das mit den Fangzähnen ernsthaft überlegen.» Cora hatte es nie geschafft, Bloch böse zu sein.

«Schön, dich wiederzusehen, Cora. Du siehst gut aus», sagte jemand hinter ihr.

Sie wandte sich um. Es dauerte ein paar Sekunden, bis es ihr gelang, den schmächtigen Mann mit den wirren schwarzen Locken einzuordnen. «Matteo? Immer noch der Künstler durch und durch.»

«Konntest dich fast nicht erinnern, was?» Er lächelte schief.

«Und ob ich das tue, Matteo Rizzardi. Vor allem an den Moment, als du mich in der Pose der Venus von Milo malen wolltest.»

«War ein Versuch, dich nackt zu sehen.» Er grinste wie ein Schuljunge, der dabei erwischt wurde, durch das Schlüsselloch der Mädchengarderobe zu linsen.

«Wurde nichts draus, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht.»

Rizzardi rieb sich demonstrativ die Wangen. «Deine Ohrfeige spüre ich bis heute. Dabei fragte ich ganz lieb.»

«Und? Was antwortete ich darauf?»

«Dass die Absicht zählt, nicht die Frage.»

«Bist ein braver Kerl, Matteo. Inzwischen müssten die Damen der Prominenz, die sich für dich ausgezogen haben, Legion sein. Sehr lukrativ für dich, wie ich höre.» Cora klopfte ihm auf die Schulter und wandte sich den beiden Frauen zu, die auf sie zutraten. Sibylle Tüscher und Magdalena Sprenger wirkten auch jetzt noch wie zwei ungleiche Schwestern. Schon früher hatten sie ständig die Köpfe zusammengesteckt, wenn es darum ging, etwas auszuhecken. Sibylle begrüsste Cora überschwänglich und fragte gleich als Erstes, ob sie vergeben sei. «Ich kann dir durch meine Agentur gute Kontakte vermitteln. Gepflegte Herren, gut situiert und im wahrsten Sinne des Wortes bestens in Schuss.» Mit ihrem für den Anlass zu aufgetakelten Äusseren und dem um eine Spur zu grellen Make‑up sah Sibylle aus, als wäre sie ihre eigene Stammkundin. Sie zwinkerte Cora zu, die keine Miene verzog. «Oder bist du etwa … ziehst du Frauen vor? Dabei kann ich dir auch behilflich sein. Ich wüsste da –»

Cora hob abwehrend die Hand. «Danke, Sibylle, ich bin versorgt», log sie.

Magdalena Sprenger war etwas auseinandergegangen, hatte jedoch ihre stille Eleganz gewahrt. Im Gegensatz zu ihrer besten Freundin mit der nachgefärbten Löwenmähne stand ihr die rote Kurzhaarfrisur gut. Der Politalltag hatte aus der vormals militanten Umweltschützerin eine versierte Parlamentarierin gemacht, die wusste, welche Anliegen mit guter Aussicht auf Erfolg durchzubringen waren. Damit konnte sie sich in den vergangenen Legislaturen bis heute genügend Wählerstimmen nicht nur von Anhängern ihrer eigenen Partei sichern. Von den drei Frauen der Clique hatte sich Cora mit ihr früher mal bestens verstanden, besser als mit Sibylle und der oft hochnäsig daherkommenden Ludivine.

«Ich gratuliere dir nachträglich für deine Publikationen in der Affäre um alt Regierungsrat vom Staal und seine Frau», sagte Magdalena. «Meine Fraktion hat seine Rehabilitierung erleichtert aufgenommen, glaub mir.»

Cora glaubte Magdalena, weil es von ihr kam. «Es gibt nach wie vor einige Persönlichkeiten in der Solothurner Politlandschaft, die Dan… die Herrn vom Staal am liebsten in die Wüste schicken möchten, denke ich», wandte sie ein. Magdalena lächelte spitz. Der Versprecher war ihr nicht entgangen.

«Du wirst oft mit ihm gesehen. Stimmen die Gerüchte? Läuft was zwischen euch?»

Cora legte den Zeigefinger auf die Lippen. «Privatsache – nicht der Rede wert.»

«Verstehe.» Ein Vorteil von Magdalena war, dass sie als Politikerin trotzdem diskret sein konnte.

Bloch drückte Cora ein Glas Weisswein in die Hand. Nachdem der Begrüssungssturm vorüber war, sah sie sich im Raum um. Die reich ausgestatteten Bücherregale und bequemen Sessel machten einen einladenden Eindruck. Sie hatte ihren Rückzugsort gefunden, wenn das Wetter nicht mitspielen sollte oder Blochs Witze ihr auf die Nerven gingen. Zu gerne hätte sie wieder mal in einer Bibliothek gesessen und geschmökert. Der Ursprung der unvermeidlichen Jagdtrophäen im Raum war exotischer als im Treppenhaus. Cora entdeckte besagten Königstiger an seinem Ehrenplatz über dem Cheminée. Zu Lebzeiten musste er tatsächlich eine prachtvolle Wildkatze gewesen sein. Der Gedanke an Menschen, die solche Tiere zum persönlichen Vergnügen töteten, weckte bei ihr Mordgelüste.

Folge 18

Eine Hand auf ihrer Schulter riss sie aus diesen Gedanken. «Kennst du mich nicht mehr, oder ignorierst du mich absichtlich?»

René Gamper war gut einen Kopf grösser als sie. Sein an den Schläfen ergrauendes Haar war noch voll, obwohl sein Haaransatz sich in all den Jahren nach hinten verschoben hatte. Falten zerfurchten sein Gesicht. Seine Statur war von der gleichen sportlichen Schlankheit wie eh und je. Obwohl Ludivine ihn angekündigt hatte, hatte Cora die leise Hoffnung bewahrt, ihm nicht begegnen zu müssen. «René, lange nicht gesehen.» Sie hätte sich für die idiotische Phrase am liebsten auf der Stelle geohrfeigt.

«Zu lange», erwiderte er. «Du hast dich nicht verändert, Cora.»

Sie fand es tröstlich, nicht die Einzige zu sein, die mit belanglosen Sprüchen um sich schmiss. «Lass das Süssholzraspeln. Es hat dir nie gestanden. Du hast mir mehr imponiert, wenn du dir jeweils genommen hast, was du wolltest.»

«Worin wir uns ebenbürtig waren. Nur eine habe ich nicht so bekommen, wie ich wollte», erwiderte er mit gesenkter Stimme.

«Ist doch schön, wenn im Leben ein paar Wünsche offenbleiben. Bist du schon Chefarzt einer Uniklinik, oder arbeitest du noch daran?»

«Wie man’s nimmt. Für den gleichwertigen Posten in einer Privatklinik in der Zentralschweiz hat’s immerhin gereicht.»

«Man kann nicht alles haben.»

«Das stimmt, wenigstens bekomme ich das doppelte Gehalt meines früheren Jobs.»

Sie neigte anerkennend den Kopf. «Was tut man nicht alles, um sein Dasein zu versüssen.»

Ein junger Mann gesellte sich zu ihnen. Die Ähnlichkeit mit Gamper war verblüffend: die gleiche Statur und der gleiche blasierte Gesichtsausdruck.

«Alexander, mein Sohn», stellte Gamper ihn vor.

«Das hättest du nicht zu präzisieren brauchen.» Sie reichte dem jungen Mann die Hand. «Darf ich Alexander zu dir sagen? Ich bin Cora. Dein Vater und ich kennen uns schon lange.»

«Weiss ich», sagte Alexander mit einem eigentümlichen Lächeln, «und ich freue mich, Ihre … deine Bekanntschaft zu machen. Dad hat mir viel von dir erzählt. Ich hoffe, wir haben Gelegenheit, uns näher kennenzulernen.» Die Art, wie er unvermittelt seine Hand um ihre Taille legte und ihr drei Küsse auf die Wangen drückte, irritierte und elektrisierte sie gleichzeitig. Machte sie der Jungspund etwa an? Wenn er seinem Erzeuger nachschlug, dürfte er nach dem gleichen Beuteschema vorgehen. Sie mahnte sich zur Vorsicht. Der Junge konnte unmöglich wesentlich älter sein als ihr Sohn Julian. Ludivine entspannte die Situation, indem sie sich zu ihnen gesellte. «Cora schafft es immer noch, die attraktivsten Männer um sich zu scharen.» Ihr Gesicht war leicht gerötet, vermutlich vom Weisswein. Sie versetzte René einen sanften Klaps. «Gewisse Dinge ändern sich nie, wie ich sehe.» Sie machte eine einladende Handbewegung in die Runde. «Das Essen ist angerichtet – im Kleinen Salon.»

Gamper bot ihr seinen Arm an. Mit einem strahlenden Lächeln liess sich Ludivine von ihm zu Tisch führen.

Cora fragte sich, was das formelle Getue sollte. Alexander deutete eine Verbeugung an. «Darf ich bitten?»

Achselzuckend hakte sie sich bei ihm ein.

Der angrenzende Kleine Salon war ebenso sorgfältig eingerichtet wie sein grösseres Pendant, minus Bücherregale und Tierköpfe, was Cora erleichtert zur Kenntnis nahm. Wenn ihr bei jedem Bissen eines Stückes Fleisch ein Vertreter der Spezies über die Schultern blickte, würde sie noch zur Vegetarierin.

Sie versammelten sich um einen runden Tisch mit acht Stühlen. «Freie Platzwahl», verkündete Ludivine. «Setzt euch bitte hin, Chantal möchte auftragen.» Bevor Cora zwischen Gamper und Rizzardi Platz nahm, fiel ihr Blick auf eine Glocke aus Kristallglas auf einem Seitentisch. Darunter lag ein faustgrosser Stein mit blutroten Adern. Der Kerzenschein liess den Stein in einem warmen und gleichzeitig dunklen Licht glänzen. Cora wusste nicht, ob sie es als schön oder bedrohlich empfinden sollte. «Was ist das für ein Stein?», fragte sie Ludivine.

«Die roten Durchwachsungen sind Rubin», sagte Ludivine. «Vater hat den Stein von einem Strahler aus dem Binntal.»

«Es gibt Rubinvorkommen im Binntal?», fragte Cora erstaunt. «Das wusste ich nicht.»

«Ich verstehe zu wenig davon. Kann sein, dass ihn der Strahler auch irgendwo anders abgebaut oder eingekauft hat. Von Mutter weiss ich, dass Vater den Stein wegen der blutroten Farbe liebte. Für ihn war es der Talisman, der ’Blutlauenen’ beschützt. Er nannte ihn seinen Blutkristall.»

Cora hob die Glocke ab und sah Ludivine fragend an.

«Du kannst ihn ruhig in die Hand nehmen», sagte diese.

Cora ergriff den Stein und betrachtete ihn. «Er muss sehr wertvoll sein.» Ludivine zuckte mit den Achseln.

«Keine Ahnung. Wie gesagt, ich kenne mich damit nicht so aus. Ich glaube, diese Steine gewinnen erst an Wert, wenn sie geschliffen sind. Je perfekter, desto wertvoller.»

«Das Problem sind die Unreinheiten im Kristall», sagte Gamper. «Ein Juwelier wird Mühe haben, daraus ein schönes Schmuckstück anzufertigen.»

Cora legte den Stein zurück.

«Er wird bleiben, wie er ist», sagte Ludivine. «Mein Vater wollte es so. Meiner Mutter hat er immer gesagt: ’Solange der Blutkristall hierbleibt, wird ’Blutlauenen’ bestehen.’»

«Und wenn du ’Blutlauenen’ verkaufst? Soll der Stein hierbleiben?» Ludivine schüttelte den Kopf. «Ich werde ihn mit nach Südafrika nehmen. Mutter will ihn als Andenken an diesen Ort und meinen Vater behalten. Sobald das Haus verkauft ist, wird es nicht mehr ’Blutlauenen’ sein.»

Folge 19

Cora glaubte für einen Moment, der Glanz des Kristalls hätte sich verstärkt, als Ludivine den Namen des Hauses wiederholte. Sie blinzelte und wandte sich ab. Vermutlich war es der Wein, sie musste unbedingt etwas essen.

«Es soll tatsächlich Sturm geben», sagte Magdalena bei Tisch. «Ich habe eine Push-Nachricht auf mein Handy bekommen: Kälteeinbruch, Schnee und Regen mit Windstärken bis zu hundert Stundenkilometern.»

«Das sah aber gestern nicht so heftig aus», sagte Bloch. «Können die bei Meteo Schweiz so was mittlerweile nicht zuverlässiger voraussagen?»

«Vom Sturm wusste man schon», sagte Magdalena. «Offenbar sollte er weiter nördlich vorbeiziehen. Ein Wind hat gedreht. Der Hexenkessel rollt jetzt direkt auf uns zu.»

«Macht euch keine Sorgen», liess sich Ludivine vernehmen. «Wir sind hier sicher. ’Blutlauenen’ hat schon einiges überstanden. Wir werden weder verhungern noch verdursten müssen. Ausserdem haben wir genügend Gesprächsstoff, wenn ich mich so umhöre.» Chantal kam mit einer Platte mit dem Supplément herein. Im Schlepptau hatte sie einen Mann in ihrem Alter, dem in dunkler Flanellhose und weissem Hemd sichtlich unbehaglich zumute war.

«Entschuldigt, Freunde», sagte Ludivine. «Ich habe vergessen, das zehnte Mitglied unserer vorübergehenden Schicksalsgemeinschaft vorzustellen.» Sie zeigte auf den Alten. «Das ist Fredi Schwizgebel. Wie Chantal ist er ein langjähriger Bediensteter der Familie. Fredis Vater Gottfried war ein Militärkamerad meines Vaters.»

Chantal präsentierte Cora die Platte. «Möchten Sie noch etwas vom Hirschragout, Madame?»

«Danke, Chantal, wenn ich einen einzigen Bissen mehr esse, muss einer der Herren mich nach oben rollen.»

«Da lassen sich sicher genügend Freiwillige finden.» Alexander blinzelte ihr zu. Etwas an ihm reizte sie. War es die Ähnlichkeit mit seinem Vater in jungen Jahren?

Das Hirschragout hatte Cora geschmeckt, sobald sie die Tierköpfe erfolgreich verdrängt hatte. Der Hirsch, der für dieses Abendmenü dran glauben musste, hatte vermutlich einen würdigeren Tod als manches Rind oder Schwein in einem Industrieschlachthof. Sie fand den Gedanken tröstlich und appetitanregend.

Magdalena rührte als Einzige das Fleisch nicht an. Stattdessen liess sie sich die Spätzli mit einer Extraportion Gemüse schmecken, ohne dass sich jemand daran störte.

Schwizgebel half Chantal, den Tisch abzuräumen, und servierte das Dessert: Meringues mit Vanilleglacé und Schlagrahm. Cora verzichtete, Rizzardi tat es ihr gleich.

«Was hast du für Projekte?», fragte Cora, während die anderen ihre Süssspeise löffelten. «Ich habe gehört, du feierst neuerdings auch im Ausland beträchtliche Erfolge.»

«Das verdanke ich Ludivine. Sie hat mir die Türen zu einigen bedeutenden Galerien in Berlin, Mailand und Paris für meine Fusionen von Malerei mit Fotografie geöffnet. Ich scheine den Geschmack des Publikums zu treffen, was in der Schweiz bekanntlich schwieriger ist als anderswo.»

«Du bist zu bescheiden, Matteo», schaltete sich Ludivine ein. «Um als Schweizer Künstler bei den hiesigen Kultursnobs etwas zu gelten, muss man mindestens fünfzig Jahre tot sein oder im Ausland erfolgreich. Du machst ganz einfach gute Kunst. Ich habe das Glück gehabt, das früh zu erkennen, mehr nicht.»

Rizzardi prostete ihr zu. «Ohne dich wäre ich hier versauert. Das vergesse ich dir nie, Lüdi.»

«Dein Erfolg ist dein Verdienst. Ich bin nur die Geschäftsfrau, die sich ihr Stück davon abschneidet. Wir helfen uns gegenseitig.»

Rizzardi führte sein Glas erneut an die Lippen. Er stockte unvermittelt und setzte es ab, bevor ihn ein heftiger Hustenanfall schüttelte. Cora klopfte auf seinen Rücken. «Was ist mit dir? Du bist ganz blass.»

Er winkte ab. «Keine Sorge, ich habe mich verschluckt – die Luft hier oben, die Höhe. Ich bin es nicht gewohnt.»

«Hast du deine Medis genommen?» Ludivine beugte sich besorgt über ihn. Die anderen unterbrachen ihre Gespräche.

«Du brauchst Medikamente?», fragte Cora.

Rizzardi nickte verbissen. «Herzfehler, von Geburt auf. Solange ich die Pillen nehme, ist es kein Problem.» Er schaute Ludivine an. «Schon gut, Lüdi. Ich habe sie brav eingeworfen vor dem Essen, wie der Onkel Doktor es gesagt hat.» Er warf Gamper einen Seitenblick zu.

«Du tust das für dich», sagte dieser.

«Nicht nur», entgegnete Ludivine sorgenvoll. «Deine nächste Ausstellung ist für uns beide wichtig, Matteo. Also trag gefälligst Sorge zu dir.»

«Ist ja gut, macht mal kein Aufhebens.» Er trank einen Schluck vom Glas Wasser, das ihm Chantal hingestellt hatte.

Sein Gesicht gewann wieder Farbe, soweit Cora das im Schummerlicht des Raumes erkennen konnte. «Bist du sein Hausarzt?», fragte sie Gamper.

«Reiner Freundschaftsdienst zugunsten eines Kulturschaffenden.»

«Wie nobel.»

«Mit den Medikamenten ist er imstande, ein normales Leben zu führen. Möglicherweise hat ihn das Wiedersehen mit dir aufgewühlt.»

«Übertreib mal nicht. Ist das nicht eher bei dir der Fall?»

Gamper warf einen verstohlenen Blick in die Runde. Die Tischgemeinschaft hatte sich wieder in ihre Zwiegespräche vertieft. Ludivine bemutterte Rizzardi.

«Aus uns beiden hätte etwas werden können, früher, meinst du nicht?», raunte Gamper Cora zu.

Folge 20

Sie hielt die Hand über ihr Weinglas und lächelte Schwizgebel kopfschüttelnd zu, der ihr nachschenken wollte. «Gott sei Dank sagst du ’früher’. Ich denke, an mir lag es nicht, René. Du weisst, wie ich es mit der Treue halte.»

«Damals hast du –»

Cora legte die Hand auf seinen Arm. «Reden wir nicht mehr davon, was wir hätten tun oder lassen können. Wir waren jung und dumm.»

Sie warf einen Seitenblick zu Ludivine, die sich inzwischen angeregt mit Sibylle und Magdalena unterhielt. «Du hattest dich für sie entschieden.»

«Und? Sieht nicht so aus, als wäre das was geworden.»

Cora schürzte die Lippen. «Das Leben hat uns allen mitgespielt. Trotzdem geht es uns heute nicht so schlecht, oder?»

«Erst wer alles hat, merkt, was ihm fehlt.»

Cora lachte. «Bist du auf deine alten Tage unter die Philosophen gegangen?»

Er erwiderte ihr Grinsen.

«Darf man an der Erheiterung teilhaben?», fragte Alexander.

«Dafür bist du zu jung, mein Sohn. Vielleicht kann Cora –»

Eine erneute Hustenattacke Rizzardis unterbrach die Gespräche. Cora kümmerte sich sofort um ihn. Der Anfall war ernster als der vorangegangene. Rizzardis Gesicht lief blau an, und er schnappte nach Luft. Seine Hand klammerte sich an Coras. «Ich … wir … reden … Zimmer.»

«Sprich nicht, Matteo, versuche zu atmen», sagte Cora.

«Umschlag … Zimmer», röchelte er.

Ludivine und Gamper waren aufgesprungen. Sie halfen Cora, Rizzardi auf die Couch im hinteren Teil des Raumes neben dem Tischchen mit der Kristallglasglocke zu legen.

«Was ist mit ihm?», fragte Cora.

Ludivine sah sie ratlos an. «Ich … ich verstehe das nicht. So was ist ihm noch nie passiert.»

Rizzardi erholte sich nicht. «Tut so weh», stöhnte er. Mitten im Versuch, sich aufzurichten, erstarrte er. Sein Körper wurde von Krämpfen geschüttelt, bevor er erschlaffte.

«Matteo!» Ludivine wollte ihren Arm um ihn legen. Cora hielt sie zurück. «Gib ihm Raum. René kümmert sich um ihn.» Allerdings brauchte sie nicht Ärztin zu sein, damit sie zum gleichen Schluss kam wie Gamper.

Gamper richtete sich auf. «Matteo ist tot. Herzstillstand.»

Die Atmosphäre im Raum war bleiern. Magdalena begann zu weinen. Coras Blick fiel auf den Kristall unter der Glasglocke. Die rote Farbe schien in der Stille intensiver zu leuchten.

***

Bloch und Gamper trugen Rizzardis Leichnam in sein Zimmer und legten ihn aufs Bett. Die Fassungslosigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben, nachdem sie in den Grossen Salon zurückgekehrt waren.

«War dieser plötzliche Tod voraussehbar?», fragte Cora. Sie schenkte sich und den beiden einen alten Armagnac ein. Sie brauchte etwas Stärkeres als den Tee, den Chantal servierte.

«Nun ja», begann Gamper. «Matteo war von jeher eine fragile Natur. Wenn jeweils im Winter die Grippewelle anrollte, erwischte es ihn ständig, obwohl er sich impfen liess. Und ausserdem …» Gamper starrte ernst ins Kaminfeuer.

«Ausserdem?», fragte Cora.

«Er litt unter einem Atriumseptumdefekt. Das ist, einfach gesagt, ein Loch in der Herzscheidewand auf der Ebene des Vorhofes. Er wurde vor Jahren operativ behoben, aber es kann immer was passieren, womit man nicht rechnet», fuhr Gamper fort. «Er hat gut auf die Medikamente angesprochen. Vielleicht hat ihn etwas aufgeregt, oder die Höhe ist ihm nicht bekommen.»

«Das kann ich mir nicht vorstellen», erwiderte Ludivine. «’Blutlauenen’ liegt auf knapp tausendachthundert Metern. Matteo ist ständig überallhin in Europa und in die Staaten geflogen. Der Kabinendruck bei einem Verkehrsflugzeug auf Reiseflughöhe entspricht einem Luftdruck auf zweitausendfünfhundert Metern Meereshöhe. Wenn das die Ursache sein soll, hätte er es schon lange merken müssen.»

«Besteht die Möglichkeit, dass etwas mit dem Medikament nicht stimmt?», fragte Cora. «Eine falsche Dosierung vielleicht?»

«Nein», sagte Gamper. «Matteo nimmt diese Pillen seit Jahren. Einen Produktionsfehler des Herstellers schliesse ich aus. Die Prozesse werden strikt überwacht. Die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers ist verschwindend klein.»

«Gift?»

Alle Köpfe schnellten zu Cora herum.

«Meinst du das im Ernst?», fragte Bloch, dessen Jovialität wie weggeblasen war.

«Entschuldigt, ich denke laut», antwortete Cora.

«Mir wäre es lieber, wenn du so was leise oder gar nicht denken würdest», sagte Bloch.

«Matteo hat das Gleiche gegessen und getrunken wie wir alle», wandte Gamper ein. «Sollte Matteos Essen vergiftet gewesen sein, müssten wir es auch spüren.»

«Jemand könnte in einem unbeobachteten Moment etwas in seinen Teller oder in sein Glas getan haben.»

Bloch sah Cora empört an. «Du verdächtigst einen von uns? Bist du noch ganz bei Trost?»

«Ich verdächtige niemanden, Richi. Es geht darum, eine Erklärung zu finden.» Blochs Reaktion war ihr unverständlich. Seine stets vergnügte Miene hatte sich in eine wütende Fratze verwandelt.

«Aber Cora», sagte Ludivine. «Das würde bedeuten, jemand von uns … hätte Matteo umgebracht – aus welchem Grund?»

Cora hob beschwichtigend die Hände.

«Ich will keinen unbegründeten Verdacht äussern. Denkt ihr nicht, wir sollten mindestens versuchen, uns über die Ursache für Matteos Tod klar zu werden?»

«Es bringt nichts, wilde Spekulationen anzustellen», sagte Gamper. «Fakt ist, Matteo war herzkrank. Ich diagnostiziere Herzinfarkt als Todesursache. Der Fall muss ohnehin gemeldet werden. Allenfalls ordnet der Staatsanwalt eine Obduktion an. Im Moment können wir nicht mehr tun.»

Ludivine sah auf die Uhr. «Schon nach halb zwölf. Es hat keinen Zweck, um diese Zeit jemanden anzurufen.»

«Womöglich morgen auch nicht», meldete sich Sibylle zu Wort. «Habt ihr mal hinausgesehen? Da braut sich was zusammen.»

Sie traten an die Fenster. Ludivine öffnete die Terrassentür. In der Aufregung hatten sie den auffrischenden Wind nicht bemerkt, der jetzt in heftigen Böen wehte. Regentropfen trafen wie feine Nadeln auf ihre vor Erregung und vom Kaminfeuer erhitzten Gesichter. Die Temperatur war merklich zurückgegangen. Ludivine konsultierte die antiquarische Wetterstation an der Wand neben der Tür. «Sieht nicht gut aus. Wenn Luftdruck und Temperatur weiter fallen, gibt’s noch in der Nacht Schnee.»

Sie schloss die Tür.

«Dann fliegt kein Helikopter, oder?», fragte Sibylle.

«Jedenfalls nicht bei schlechter Sicht.»

«Das heisst, wir müssen alle hierbleiben mit einem Toten?» Magdalena war leichenblass geworden.

«Matteo tut dir nichts mehr, Mägi», sagte Bloch. «Oder hast du Angst vor Geistern? Da fürchte ich mich eher vor Coras Mordgeschichten. Womöglich sucht sie neue Storys für ihr Käseblatt.»

Das reichte Cora. «Was habe ich dir getan, Richard?», sagte sie wütend. «Denkst du, das Ganze geht mir nicht an die Nieren?»

Ludivine trat zwischen sie. «Kommt, das hat keinen Zweck. Lasst uns zu Bett gehen. Morgen sehen wir weiter.»

Mit einer abschätzigen Geste drehte Bloch den beiden Frauen den Rücken zu und ging hinaus.

«Ich bleibe nicht einen Tag länger hier», verkündete Magdalena. «Ich packe und verschwinde, sobald morgen ein Heli da ist.»

«Wenn das Wetter so weiterwütet, kannst du morgen früh gleich wieder auspacken», wiederholte Sibylle ihre Ansage.

«Warten wir ab», sagte Gamper. «Kann sein, dass es nur ein Gewitter ist.»

«Wenn Meteo Schweiz sagt, es kommt ein Sturm, dann kommt auch einer, Dad», erwiderte Alexander. Mit einem vielsagenden Blick in Coras Richtung verliess er den Raum.

Die sichtlich mitgenommene Ludivine machte es ihm nach. «Ich brauche Ruhe, um Matteos Tod zu verarbeiten. Wir beraten morgen weiter. Wer hier unten bleiben und etwas trinken will: Ihr wisst, wo alles steht.» Sie nickte Chantal und Schwizgebel kurz zu, offenbar ein Zeichen für die beiden, sich zurückzuziehen.

Cora schloss sich ihr an. «Meinst du, wir sitzen morgen fest?», fragte sie, als sie zwischen dem Spalier von Tierköpfen im Treppenhaus auf ihre Etage gingen.

«Es wäre nicht das erste Mal. Es tut mir leid, Cora.»

«Was?»

«Dich mitgeschleift zu haben. Hätte ich gewusst, dass das Wetter so dramatisch kehrt, hätte ich das Treffen verschoben oder woanders durchgeführt.»

«Wenn’s die Wetterfrösche nicht voraussehen konnten, wie solltest du? Mach dir nichts draus.» Cora legte beruhigend eine Hand auf Ludivines Arm. «Kann ich dich was fragen?»

«Immer zu.»

«Macht es dir nichts aus, dass René hier ist?» Ludivine sah sie verblüfft von der Seite an. «Was ist das für eine Frage? Ich habe ihn eingeladen.»

«Ihr wart früher zusammen, ich meine, weil …»

«Weil wir mal verlobt waren, willst du sagen?»

Cora vermied es, Ludivine anzusehen.

«Das ist dreissig Jahre her. Damals verliebte man sich schnell mal Hals über Kopf, das weisst du selber. René hat eine andere geheiratet und ich meinen Banker. Damit bin ich nicht schlecht gefahren, wie du siehst. C’est la vie.»

«Es war trotzdem schwer für dich damals, nicht wahr?»

«Leicht war es nicht.» Ludivine zupfte an ihrem Foulard. «Es gab Schlimmeres.» Sie tätschelte Coras Hand. «Ich bin froh, dass du gekommen bist. Wirst du mir morgen helfen, mit dem Ganzen hier? Ich denke nicht, diesbezüglich auf Sibylle oder auf Magdalena zählen zu können. Und die Männer … du weisst ja: Jemand muss ihnen die Stirn bieten.»

«Du kannst dich auf mich verlassen, Lüdi.»

«Danke, Cora. Schlaf gut.»

Cora sah Ludivine nach, bis sie in ihrem Quartier verschwunden war, bevor sie ihre Tür aufschloss. Auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen. Jemand war in ihrem Zimmer gewesen.

***

Cora schreckte aus dem Schlaf hoch. Hatte sie das Geräusch wirklich gehört, oder war es nur ein Traum gewesen?

Mund und Kehle fühlten sich trocken an. Das lag zweifellos am Armagnac, von dem sie etwas zu viel intus hatte. Sie stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. Der Sturm hatte sich verstärkt. Heftige Winde trieben gewaltige Regenschwaden vor sich her. Cora glaubte, talwärts stiebende Schneeflocken und Graupel zu erkennen.

Sie fuhr herum. Da war es wieder, dieses Geräusch. Es kam vom Korridor. Sie stieg hastig in ihre Hose und streifte einen Pullover über das T‑Shirt. Behutsam öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Keine Menschenseele war zu sehen. Sie hätte geschworen, eine zuschlagende Tür gehört zu haben.

Folge 21

«Es bringt nichts, wilde Spekulationen anzustellen», sagte Gamper. «Fakt ist, Matteo war herzkrank. Ich diagnostiziere Herzinfarkt als Todesursache. Der Fall muss ohnehin gemeldet werden. Allenfalls ordnet der Staatsanwalt eine Obduktion an. Im Moment können wir nicht mehr tun.»

Ludivine sah auf die Uhr. «Schon nach halb zwölf. Es hat keinen Zweck, um diese Zeit jemanden anzurufen.»

«Womöglich morgen auch nicht», meldete sich Sibylle zu Wort. «Habt ihr mal hinausgesehen? Da braut sich was zusammen.»

Sie traten an die Fenster. Ludivine öffnete die Terrassentür. In der Aufregung hatten sie den auffrischenden Wind nicht bemerkt, der jetzt in heftigen Böen wehte. Regentropfen trafen wie feine Nadeln auf ihre vor Erregung und vom Kaminfeuer erhitzten Gesichter. Die Temperatur war merklich zurückgegangen. Ludivine konsultierte die antiquarische Wetterstation an der Wand neben der Tür. «Sieht nicht gut aus. Wenn Luftdruck und Temperatur weiter fallen, gibt’s noch in der Nacht Schnee.»

Sie schloss die Tür.

«Dann fliegt kein Helikopter, oder?», fragte Sibylle.

«Jedenfalls nicht bei schlechter Sicht.»

«Das heisst, wir müssen alle hierbleiben mit einem Toten?» Magdalena war leichenblass geworden.

«Matteo tut dir nichts mehr, Mägi», sagte Bloch. «Oder hast du Angst vor Geistern? Da fürchte ich mich eher vor Coras Mordgeschichten. Womöglich sucht sie neue Storys für ihr Käseblatt.»

Das reichte Cora. «Was habe ich dir getan, Richard?», sagte sie wütend. «Denkst du, das Ganze geht mir nicht an die Nieren?»

Ludivine trat zwischen sie. «Kommt, das hat keinen Zweck. Lasst uns zu Bett gehen. Morgen sehen wir weiter.»

Mit einer abschätzigen Geste drehte Bloch den beiden Frauen den Rücken zu und ging hinaus.

«Ich bleibe nicht einen Tag länger hier», verkündete Magdalena. «Ich packe und verschwinde, sobald morgen ein Heli da ist.»

«Wenn das Wetter so weiterwütet, kannst du morgen früh gleich wieder auspacken», wiederholte Sibylle ihre Ansage.

«Warten wir ab», sagte Gamper. «Kann sein, dass es nur ein Gewitter ist.»

«Wenn Meteo Schweiz sagt, es kommt ein Sturm, dann kommt auch einer, Dad», erwiderte Alexander. Mit einem vielsagenden Blick in Coras Richtung verliess er den Raum.

Die sichtlich mitgenommene Ludivine machte es ihm nach. «Ich brauche Ruhe, um Matteos Tod zu verarbeiten. Wir beraten morgen weiter. Wer hier unten bleiben und etwas trinken will: Ihr wisst, wo alles steht.» Sie nickte Chantal und Schwizgebel kurz zu, offenbar ein Zeichen für die beiden, sich zurückzuziehen.

Cora schloss sich ihr an. «Meinst du, wir sitzen morgen fest?», fragte sie, als sie zwischen dem Spalier von Tierköpfen im Treppenhaus auf ihre Etage gingen.

«Es wäre nicht das erste Mal. Es tut mir leid, Cora.»

«Was?»

«Dich mitgeschleift zu haben. Hätte ich gewusst, dass das Wetter so dramatisch kehrt, hätte ich das Treffen verschoben oder woanders durchgeführt.»

«Wenn’s die Wetterfrösche nicht voraussehen konnten, wie solltest du? Mach dir nichts draus.» Cora legte beruhigend eine Hand auf Ludivines Arm. «Kann ich dich was fragen?»

«Immer zu.»

«Macht es dir nichts aus, dass René hier ist?» Ludivine sah sie verblüfft von der Seite an. «Was ist das für eine Frage? Ich habe ihn eingeladen.»

«Ihr wart früher zusammen, ich meine, weil »

«Weil wir mal verlobt waren, willst du sagen?»

Cora vermied es, Ludivine anzusehen.

«Das ist dreissig Jahre her. Damals verliebte man sich schnell mal Hals über Kopf, das weisst du selber. René hat eine andere geheiratet und ich meinen Banker. Damit bin ich nicht schlecht gefahren, wie du siehst. C’est la vie.»

«Es war trotzdem schwer für dich damals, nicht wahr?»

«Leicht war es nicht.» Ludivine zupfte an ihrem Foulard. «Es gab Schlimmeres.» Sie tätschelte Coras Hand. «Ich bin froh, dass du gekommen bist. Wirst du mir morgen helfen, mit dem Ganzen hier? Ich denke nicht, diesbezüglich auf Sibylle oder auf Magdalena zählen zu können. Und die Männer du weisst ja: Jemand muss ihnen die Stirn bieten.»

«Du kannst dich auf mich verlassen, Lüdi.»

«Danke, Cora. Schlaf gut.»

Cora sah Ludivine nach, bis sie in ihrem Quartier verschwunden war, bevor sie ihre Tür aufschloss. Auf der Schwelle blieb sie wie angewurzelt stehen. Jemand war in ihrem Zimmer gewesen.

***
Cora schreckte aus dem Schlaf hoch. Hatte sie das Geräusch wirklich gehört, oder war es nur ein Traum gewesen?

Mund und Kehle fühlten sich trocken an. Das lag zweifellos am Armagnac, von dem sie etwas zu viel intus hatte. Sie stieg aus dem Bett und trat ans Fenster. Der Sturm hatte sich verstärkt. Heftige Winde trieben gewaltige Regenschwaden vor sich her. Cora glaubte, talwärts stiebende Schneeflocken und Graupel zu erkennen.

Sie fuhr herum. Da war es wieder, dieses Geräusch. Es kam vom Korridor. Sie stieg hastig in ihre Hose und streifte einen Pullover über das TShirt. Behutsam öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Keine Menschenseele war zu sehen. Sie hätte geschworen, eine zuschlagende Tür gehört zu haben.

Folge 22

Am Ende des Ganges lag Ludivines Apartment. Sibylle schlief in einem der Nachbarzimmer. Cora wusste nicht, in welchem. Magdalenas Zimmer lag im Stock über ihr. Dasselbe galt für Blochs und Rizzardis Unterkünfte. Die Zimmer von Gamper und Sohn befanden sich ebenfalls auf der oberen Etage. Cora dachte an Magdalena, die unter demselben Dach wie der Leichnam, sogar neben seinem Zimmer, schlafen musste. Sie hatte die resolut auftretende Politikerin nicht für derart zartbesaitet gehalten.

Sibylle war da kaltblütiger. Während des Abends war sie auf Distanz zu Rizzardi geblieben. Dem war nicht immer so gewesen. Zu Beginn, als die Clique sich frisch formiert hatte, waren sie ein Herz und eine Seele gewesen. Cora hatte sie einmal bei einem Kellerfest im Haus von Gampers Eltern in Günsberg beobachtet, ohne von den beiden bemerkt zu werden. Sie hatten sich in den Veloabstellraum verdrückt. Cora war von der Toilette zurückgekehrt und hatte durch den Spalt der angelehnten Tür gesehen, wie Sibylles Hand in seinen geöffneten Hosenschlitz schlüpfte, wobei sich Rizzardis Finger unter Sibylles Pullover geschoben hatten. Cora hatte sich das Ganze nicht bis zum Schluss ansehen wollen und war zu den anderen zurückgekehrt. Danach waren die beiden für einige Monate zusammengeblieben. Nach einem längeren England-Aufenthalt hatte sich Sibylle von Rizzardi getrennt. Zumindest glaubte Cora, die Initiative sei von ihr ausgegangen. Merkwürdigerweise hatte die Trennung Sibylle danach mehr zu schaffen gemacht, als sie es sich hatte anmerken lassen. Rizzardi hatte sich daraufhin seinen verrückten Kunstprojekten gewidmet. Die Idee, Cora als Modell für seine Venus von Milo zu benutzen, war in dieser Zeit gereift. Coras Beobachtungen im Haus Gamper waren für sie mit ein Grund gewesen, dem Jungkünstler die kalte Schulter mit dem für ihn schmerzhaften Nachdruck zu zeigen. Hätte sie ihn nicht bei der unbeholfenen Fummelei mit Sibylle ertappt, wäre sie nicht mal abgeneigt gewesen. Ganz sicher hätte sie zu jener Zeit keine Hemmungen gehabt, als Vorlage für eine moderne Venus die Hüllen fallen zu lassen.

Vielleicht … Cora wischte den Gedanken beiseite. Der arme Rizzardi war tot. Es war müssig, über verpasste Gelegenheiten nachzudenken. Gemeinsam mit Gamper Zeit unter einem Dach mit Ludivine verbringen zu müssen war heikel genug. Sie sehnte den Tagesanbruch herbei. Es würde sie ablenken, Ludivine zu helfen, sich mit den Behörden wegen des Abtransports von Rizzardis Leiche herumzuschlagen und alle Fragen zu beantworten. Sie wusste nicht mal, ob er Angehörige hatte, die verständigt werden mussten. Gamper war vermutlich besser im Bild.

Sie konnte sich nicht erklären, warum es sie irritierte, wie unbeschwert Ludivine mit Gamper umging. Nachdem sich die beiden getrennt hatten, war Ludivine regelrecht zusammengebrochen. Ihre Mutter war damals mit ihr für längere Zeit weggefahren. Die Zeit heilt möglicherweise alle Wunden. Cora fand die Weisheit stumpfsinnig. Auf sie traf sie jedenfalls nicht zu.

Sie fragte sich, ob es an ihr lag. Keine zwölf Stunden nachdem sie angekommen war, passierten die tragischsten Dinge. Was hatte Rizzardi ihr sagen wollen, bevor er starb? Oder bildete sie sich das nur ein? Sah sie Gespenster? Als sie vorhin in ihr Zimmer gekommen war, war sie überzeugt gewesen, jemand hätte sich Zutritt verschafft, während sie unten war. Konnte es Rizzardi gewesen sein? Bevor er sich vor dem Essen bei ihr bemerkbar machte, hatte sie sich mit Bloch unterhalten. Er hätte in der Zwischenzeit Gelegenheit gehabt, in ihr Zimmer einzudringen. Dass er keinen Schlüssel hatte, wollte nichts heissen. Die Türen waren mit herkömmlichen Bartschlössern ausgestattet. Oft passte bei dieser Ausführung ein Schlüssel zu mehreren Schlössern. Als sie zurückkam, um sich schlafen zu legen, war ihr sofort die Reisetasche auf dem Boden aufgefallen. Sie war sich absolut sicher, sie vor dem Essen auf das Bett gestellt zu haben, weil sie sich für den Abend hatte umziehen wollen. Den Reissverschluss hatte sie offen gelassen. Als sie zurückkam, war die Tasche zu. Cora hatte reingeschaut. Es fehlte nichts. Die Hefter mit Wagners Unterlagen waren komplett. In der Hoffnung, am Morgen klarer sehen und denken zu können, hatte sie sich hingelegt, nachdem sie auf ihrem Handy nachgesehen hatte, ob sie Nachrichten von den Kindern erhalten hatte. Das war eine Fehlanzeige, weil kein Netz vorhanden war.

Sie verspürte Durst auf ein Heissgetränk. Im Zimmer gab es nichts, womit sie hätte heisses Wasser zubereiten können. Auf der Anrichte im Essraum meinte sie, einen Wasserkocher gesehen zu haben.


Es war ein schwieriges Unterfangen, geräuschlos die alte Holztreppe hinunterzugehen. Cora befürchtete, dass das Knarren der Holzstufen noch im Tal unten zu hören war.

Im Grossen Salon betätigte sie den Lichtschalter. Sie wollte nicht im Dunkeln über einen Sessel stolpern. Das Licht ging nicht an. Cora erstarrte. Der Sturm heulte draussen, die Stille im Innern war bedrückend. Das gleichmässige Ticktack der Standuhr und die langsam erkaltende Glut des Cheminéefeuers waren die einzigen Lebenszeichen. Das Unwetter musste einen Kurzschluss verursacht haben. Der Plan, Wasser zu kochen, war hinfällig. Für Cora kein Grund, aufzugeben. Auf dem Kaminsims hatte sie Kerzen und Streichhölzer gesehen. Sie tastete sich vorwärts und schaffte es ohne zu stolpern bis zum Cheminée mit der geräumigen Feueröffnung. Wenn es sein musste, konnte man darin ganze Wildschweine braten. Sie tastete mit einer Hand den Sims ab, der über ihrer Augenhöhe lag. Sie bekam eine grosse Kerze und eine Schachtel mit Streichhölzern zu fassen.

Folge 23

In der Aura des Kerzenscheins ging sie hinüber zum Kleinen Salon. Der Kopf einer Grant-Gazelle starrte sie eigentümlich an, als das flackernde Licht ihn im Vorbeigehen streifte. «Schau mich nicht so an», murmelte Cora. «Tut mir ja auch leid, dass du hier hängen musst. Ich kann nichts dafür.»

Auf der Anrichte stand kein Wasserkocher, dafür zwei Thermosflaschen mit heissem Wasser und ein Brotkorb mit einer reichhaltigen Auswahl an Teebeuteln. Cora entschied sich für Kamille. Das Wasser hatte gerade die richtige Temperatur. Mit einer vollen Tasse setzte sie sich an den Tisch. Draussen jagte der Sturm unvermindert Regen- und Graupelschauer durch die nächtliche Landschaft. Es verhiess für den nächsten Tag nichts Gutes.

Sie liess sich in einen Sessel sinken. Ihr Blick wanderte zu dem Tischchen mit der Glashaube. Das schummrige Licht trieb sein Spiel mit den Facetten der Rubine. Cora sah ihm gebannt zu, während sie ihren Tee langsam trank. Als sie die Tasse für den letzten Schluck zu den Lippen führte, hielt sie abrupt inne.

Einen Augenblick lang machte es den Anschein, der Stein wäre lebendig. Im Rubinrot lag eine Bewegung, wie Blut, das durch Adern floss. Cora stand auf und hielt die Kerze näher an die Glasglocke. Die Rubine funkelten dunkelrot in ihrer Starrheit. Ihre vorherige Sitzposition und das Lichtspiel hatten ihr etwas vorgegaukelt. Cora atmete auf. Gleichzeitig legte sich ein beklemmender Druck auf ihr Gemüt. Die Intensität dieses Stück Berges strahlte dessen ganze Energie aus. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er ihr wohlgesinnt war. «Zeit, ins Bett zu gehen», murmelte sie und zwang sich aufzustehen.

Im Vestibül spürte sie einen kühlen Lufthauch an der Wange. Aus der Richtung der Küche drang ein Lichtschimmer zu ihr, und sie glaubte, einen vorbeihuschenden Schatten zu sehen. «Ist da jemand – Chantal?» Wer sonst hätte um diese Zeit hier etwas zu suchen gehabt? Die Antwort war Stille. Das Quartier der Haushälterin lag in diesem Bereich des Hauses. Wahrscheinlich hatte sie der Toilette einen Besuch abgestattet.

Nachdem sie den Schlüssel im Schloss gedreht hatte, atmete sie erleichtert auf. Bevor sie zurück ins Bett stieg, sah sie ein letztes Mal zum Fenster hinaus.

Es hatte angefangen zu schneien.

FÜNF

Die leise Hoffnung, die Auswirkungen des Unwetters würden sich als weniger schlimm erweisen als befürchtet, machte der nächste Morgen brutal zunichte. Im Gegenteil: Der Sturm tobte mit unverminderter Kraft. Der Schneefall hatte sich intensiviert. Die am Vortag schneefreien Bergweiden lagen unter einer mehrere Zentimeter dicken weissen Schicht. In absehbarer Zeit sah es nicht nach einer Wetterbesserung aus.

Das Schneegestöber und eine dichte Nebelwand beschränkten die Sicht bis auf wenige Meter. Ein Helikopter konnte bei solchen Verhältnissen unmöglich sicher landen.

Im Zimmer war es kühl. Cora legte eine Hand auf die Heizkörper der Elektroheizung. Sie waren kalt, eine Folge des nächtlichen Stromausfalls. In der Zimmerecke neben der Tür stand ein kleiner Holzofen. Der Brennholzkorb daneben war leer. Cora würde sich einen Vorrat besorgen.


Chantal hatte mit Schwizgebels Hilfe ein üppiges Frühstück mit Ei in drei Variationen zubereitet. Dazu gab es gebratenen Speck, Aufschnitt und Käse. Für diejenigen, die mit Cholesterolbomben nichts anfangen konnten, stand eine reiche Auswahl an Cerealien, Müesli, Joghurt und selbst gebackenem Brot mit Butter und Konfitüre zur Verfügung. Ludivine schien keinen Aufwand zu scheuen, ihren Gästen, trotz aller Widrigkeit, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

«Hat jemand Netz?» Ludivine blickte von ihrem Handy auf.

Wie auf Kommando zogen alle bis auf Cora ihre Geräte hervor. Sie war bereits vor dem Frühstück vergeblich mit erhobenem Handy im Zimmer und auf dem Korridor herumgelaufen. Es gab keine Verbindung zur Aussenwelt. Das schmerzte Cora, wegen der Kinder. Sie sehnte sich danach, Milas Stimme zu hören.

«Der Sturm muss einen oder mehrere Funkmaste beschädigt haben», sagte Gamper.

«Gibt’s hier Festnetz?», fragte Cora.

«Nicht mehr», antwortete Ludivine. «Ich habe den Vertrag vor einem Jahr gekündigt, tut mir leid.»

«Letzte Nacht war der Strom weg, ist er wieder da?», fragte Cora weiter.

Ludivine verneinte auch das. «Etwas da draussen muss furchtbar schiefgegangen sein. Fredi versucht gerade, den Generator in Gang zu setzen. Es dürfte schwierig sein, das altersschwache Ding zum Leben zu erwecken. Ohne Strom werden wir gezwungen sein, mit Holz zu heizen. Jedes von euren Zimmern verfügt über einen Holzofen. Fredi wird euch Brennholz hineinlegen. Für das Licht ist ein grosser Kerzenvorrat vorhanden.»

«Kein Strom und kein Telefon», sagte Cora. «Wir haben keine Möglichkeit, die Behörden über den Todesfall zu unterrichten, geschweige denn Matteos Leichnam evakuieren zu lassen. Im schlimmsten Fall können wir nicht mal einen Notruf absetzen.»

«Bei dem Wetter fliegt auch kein Helikopter», sagte Alexander.

«Wir haben keinen Grund zur Besorgnis», sagte Ludivine. «Das Unwetter kann nicht ewig dauern. Spätestens am Dienstagnachmittag wird uns der Helikopter abholen. Im schlimmsten Fall, wenn es nicht klappt, wird Air-Glaciers versuchen, sich mit uns in Verbindung zu setzen. Doch bis dahin bessert sich das Wetter ganz sicher.»

Folge 24

Cora pflichtete ihr bei. Was auch immer der Sturm in der Region angerichtet haben mochte, in der Regel war es hierzulande eine Frage von Tagen, bis die Schäden behoben und die Infrastruktur wieder instand gesetzt war.

«Ich will nur weg», jammerte Magdalena. «Mir ist’s hier zu unheimlich.»

«Ach Mägi», Sibylle legte einen Arm um die Schultern ihrer Freundin, «lass deinen Krimischmöker liegen und such dir in der Bibliothek einen saftigen Liebesroman. Dann sieht die Welt gleich rosiger aus.»

«Wir könnten versuchen, zu Fuss ins Tal hinunterzugehen. Cora ist ja auch heraufgekommen», sagte Magdalena.

«Davon würde ich abraten», sagte Cora. «Gestern schon war der Pfad wegen der Winterschäden schwer begehbar. Ich musste höllisch aufpassen und schauen, wo ich hintrete. Mit dem, was letzte Nacht heruntergekommen ist, muss sein Zustand inzwischen halsbrecherisch sein.»

«Ausserdem ist es gut möglich, dass er verschüttet ist, wäre nicht das erste Mal», sagte Ludivine.

Cora pflichtete ihr bei.

«Wenn mir Brand nicht geholfen hätte –»

Ein schrilles Klirren liess alle hochfahren. Chantal starrte erschrocken in die Runde.

Sie hatte die grosse Glasschüssel mit den Müesliflocken fallen lassen.

«Was ist los mit Ihnen, Chantal?», fragte Ludivine besorgt. «Sie sind totenblass.»

«Es … es tut mir leid, Madame. Die Schüssel ist mir aus der Hand gerutscht. Ich … Sie können sie mir vom Gehalt abziehen.»

«Reden Sie keinen Unsinn. Gehen Sie und ruhen Sie sich einen Moment aus. Ich wische die Scherben nachher selber weg. Soll ich Sie begleiten?»

«Danke, Madame. Ich komme zurecht.»

«Bist du sicher, ihr fehlt nichts?», fragte Cora, als Chantal draussen war. «Sie hat sich echt erschrocken.»

«Sie wird alt, auch wenn sie es sich nicht zugeben will», sagte Ludivine. «Sobald das Haus verkauft ist, zahle ich ihr eine Abfindung. Zusammen mit der Altersrente kann sie sich damit einen schönen Lebensabend leisten.»

«Grosszügig von dir.»

«Das ist das Mindeste. Sie hat ihr ganzes Leben lang für die Familie geschuftet.»

«Gibt es noch andere Wege ins Tal?», wechselte Cora das Thema.

«Richtung Süden liegt der Rundweg zur Geltenhütte, und von dort kommt man auch ins Tal hinunter», erklärte Ludivine. «Üblicherweise braucht man eine gute Stunde für die Strecke bis zur Hütte und eine weitere bis anderthalb zum Lauenensee. Doch bei diesem Wetter – ich weiss nicht. Man muss durch den ’Geltentritt’. Das ist eine Felswand, die über eine Metallleiter und einen felsigen, glitschigen Pfad überwunden werden muss. Für ungeübte Berggänger ist das nicht zu empfehlen, erst recht nicht bei diesem Wetter. Wenn man abrutscht, ist der nächste Halt hundert Meter weiter unten, am Fuss der Wand.»

«Und sonst?»

«Über den Tungelpass in die Lenk. Unter normalen Bedingungen sind das drei bis vier Stunden Marschzeit. Bei dieser Wetterlage und ohne Kenntnisse der Gegend praktisch unmöglich, ausser jemand will sich freiwillig in Lebensgefahr begeben.»

«Finden wir uns damit ab», sagte Gamper. «Wir sitzen fest.»

Die Runde verfiel in nachdenkliches Schweigen. Magdalena hörte nicht auf zu jammern. Cora hätte sie am liebsten geschüttelt. Flennen brachte in dieser Situation weiss Gott nichts. Sie schwebten nicht in unmittelbarer Lebensgefahr.

Alexander hob die Hand wie ein braver Schüler im Unterricht. «Was machen wir mit dem Toten?» Die Runde sah ihn fragend an. «Wie meinst du das?», fragte Gamper. «Ist doch komisch, ihn in seinem Zimmer liegen zu lassen. Wenn wir ihn nicht bald fortschaffen können, fängt er bald an zu … weiss nicht … zu riechen, meint ihr nicht?»

Alexander sah Cora an, als erwarte er speziell von ihr Unterstützung. Er hatte nicht unrecht. Rizzardis Leichnam konnte nicht in seinem Zimmer liegen bleiben, wenn unklar war, wie lange es bis zu seiner Überführung dauern konnte.

Ludivine war der gleichen Ansicht. «Es gibt im Keller einen zweiten Kühlraum, der nicht genutzt wird. Das Kälteaggregat ist seit Jahren defekt. Es wurde nie repariert, weil der Raum nicht mehr benötigt wurde. In dieser Jahreszeit und vor allem bei dem Wetter müsste die Temperatur niedrig genug sein.»

«Ich kümmere mich darum.» Gamper sah in die Runde. «Wo steckt Bloch? Normalerweise schläft der doch nicht so lange.»

Cora war aufgefallen, dass Bloch am Tisch fehlte, sie hatte sich jedoch bis zu Gampers Feststellung nichts weiter dabei gedacht. Von einer unguten inneren Ahnung getrieben, richtete sie ihr Augenmerk auf die Kristallglocke. Das beklemmende Gefühl in der Magengegend meldete sich wieder. «Wir müssen nach ihm sehen, sofort.» Sie erhob sich von ihrem Stuhl.

«Zu seinem Zimmer, schnell!»

Gefolgt von Alexander eilte Gamper aus dem Raum.

«Bleibt hier, bis wir euch rufen», sagte Cora zu den zurückbleibenden Frauen, bevor sie den beiden folgte.

Sie holte sie vor Blochs Zimmer im zweiten Stock ein. Gamper machte sich am Türschloss zu schaffen.

«Abgeschlossen. Bloch gibt keine Antwort. Unser Schlüssel funktioniert bei diesem Schloss nicht.»

«Probiert es mit meinem.» Cora gab Gamper ihren Zimmerschlüssel. Er half ebenso wenig.

«Tür eintreten?», fragte Alexander und sah sie auffordernd an.

«So was nennt sich Gefahr im Verzug, glaube ich.» Cora nickte ihm zu.

Alexander benötigte zwei Fusstritte, bis die Tür aufsprang.

Folge 25

Bloch lag angezogen auf dem Bett. Man war versucht zu glauben, er mache ein Nickerchen, wären die weit aufgerissenen Augen und der offene Mund nicht gewesen. Gamper prüfte den Puls an seiner Halsschlagader. Er sah Cora an und schüttelte den Kopf. Richard Bloch lebte nicht mehr.

Cora hatte Ludivine diskret gebeten, heraufzukommen. Sibylle und Magdalena waren im Kleinen Salon geblieben. Sie und Ludivine beobachteten Gamper, wie er Blochs Leichnam untersuchte.

«Ist er etwa auch an einem Herzinfarkt gestorben?», fragte Cora.

Gamper richtete sich auf. «Kann ich nicht sagen. Richard war Alkohol und gutem Essen nicht abgeneigt, und er hielt nichts von Sport. Ich war nicht sein Arzt. Er hat ständig betont, er sei gesund und kräftig wie ein Stier.»

«Altersschwäche wird ihn nicht umgebracht haben», sagte Ludivine.

«Ganz sicher nicht.» Gamper bedeutete ihnen, näher zu kommen.

«Da ist was anderes.»

«Wie meinst du das?» Cora beugte sich zum Toten hinunter.

Ludivine zögerte. «Ich muss das nicht sehen.» Sie trat einen Schritt zurück.

Gamper zeigte auf die Nasen- und Mundpartie in Blochs wächsernem Gesicht. «Die Haut ist an diesen Stellen vertrocknet. Siehst du das?» Cora rückte ihren Kopf nah heran. Die Haut war gerötet. «Was heisst das?»

«Sieh dir seine Augen an.»

Cora bemerkte punktförmige Einblutungen im Weiss des Augapfels. «Ist er erstickt?»

«Erstickt?», fragte Ludivine entsetzt.

Cora richtete sich auf. «Es ist nicht zu vermuten, dass Richi sich ins Bett gelegt hat und plötzlich einfach keine Luft mehr gekriegt hat.»

«Kaum, da wurde nachgeholfen», sagte Gamper nüchtern.

«Wie?»

«Er wurde erstickt, wohl mit einem Kissen.» Er tippte auf Blochs Kopfkissen.

«Wie kommst du darauf?»

«Bist du immer noch so hart im Nehmen wie früher?» Er reichte Cora eine kleine Stablampe, mit der man Pupillenreflexe untersuchte. «Leuchte in seine Nase und den Mund.»

Cora tat wie geheissen. «Da sind helle Partikel», sagte sie nach einer Weile. «Könnten Spuren von Fasern sein.»

«Sie sind weiss, die gleiche Farbe wie das Kissen.»

«Also wurde Richi …»

«… ermordet, vermutlich, jedenfalls hat jemand bei seinem Tod nachgeholfen. Natürlich muss das die Rechtsmedizin abschliessend feststellen. Ich verwette meine Zulassung, dass man ihm das Kissen auf den Kopf gedrückt hat.»

«Wäre nützlich, auch gleich den Namen von diesem ’man’ zu wissen.» Cora richtete sich auf. «Richi muss sich gewehrt haben. Einen Riesenkerl wie ihn mit einem Kissen zu ersticken erfordert einiges an Kraft. Ich kann keine äusseren Abwehrspuren erkennen.» Coras Blick schweifte durch den Raum. «Einen Kampf hat es nicht gegeben, soweit ich das beurteilen kann.»

«Der arme Kerl hatte gestern Abend zünftig geladen, als er schlafen ging. Möglich, dass er ins Bett geplumpst ist und gleich weg war. Sein Mörder hat ihn im Schlaf überrascht und konnte ihm ohne Gegenwehr das Kissen auf das Gesicht pressen. Betrunken, wie er war, hatte Richi keine Chance.»

«Ich bekomme weiche Knie, wenn ich euch zuhöre», sagte Ludivine. Sie setzte sich in einen Sessel am Fenster. «Das ist ein Alptraum. Wer soll denn Richi umgebracht haben? Und wie soll der Täter ins Zimmer gekommen sein? Es war abgeschlossen.»

«Wenn jemand unbedingt hier reinkommen will, ist das Schloss kein Hindernis», sagte Cora. «Ausserdem wissen wir nicht mit Sicherheit, ob Richi abgeschlossen hatte. Er könnte im Rausch vergessen haben, den Schlüssel umzudrehen. Kann auch sein, dass der Mörder nach der Tat die Tür verriegelt hat. Als wir reingekommen sind, hat der Schlüssel nicht gesteckt. Habt ihr gesehen, ob er hier irgendwo herumliegt?»

Sie durchsuchten das Zimmer. Der Türschlüssel tauchte nirgends auf.

«Scheint, du liegst richtig, Cora», meinte Gamper anerkennend.

«Der Täter muss kräftig gewesen sein», sagte Ludivine. «Das schliesst eine Frau aus.»

Gamper verzog skeptisch den Mund. «Nicht unbedingt. Magdalena ist zum Beispiel kräftig gebaut. Dann muss man bedenken, dass Blochs Abwehrkraft durch den Alkohol erheblich vermindert war.»

«Wir können uns doch nicht einfach gegenseitig verdächtigen», empörte sich Ludivine. «Das ist absurd. Wer sollte einen Grund haben, Richi umzubringen?»

«Das herauszufinden wäre eigentlich Sache der Polizei», sagte Cora. «Wir müssen etwas unternehmen. Ausserdem sollten wir es den anderen sagen.»

«Sibylle wird es verkraften», sagte Gamper. «Magdalena macht mir Sorgen. Sie ist jetzt schon am Rand eines Nervenzusammenbruchs.»

Cora musste ihm beipflichten.

Ludivine hatte ihre Fassung wiedergewonnen. «Es kann niemand von uns gewesen sein. Davon gehen wir doch aus, nicht wahr? Wir sind Jugendfreunde. Das macht doch keinen Sinn.»

Inwiefern machten Verbrechen überhaupt Sinn? Cora zweifelte, dass eine philosophische Diskussion darüber zur Problemlösung beitrug. «Ich bin mit René einig. Wir sollten vermeiden, unnötig Angst zu verbreiten. Schlimm genug, dass wir hier nicht wegkommen. Wir brauchen eine unverfängliche Erklärung und eine Idee, wie wir Blochs Tod erklären, mindestens bis die Polizei hier ist.»

Folge 26

Gamper nickte nach kurzem Nachdenken. «Mir kommt keine bessere Idee in den Sinn. Ich werde erklären, Bloch habe sich erbrochen und sei daran erstickt.» Er sah in die betroffenen Gesichter der beiden Frauen. «Ich weiss, das ist unschön. Zumindest ist es plausibel.» Er wandte sich an Ludivine. «Schickst du mir Schwizgebel herauf? Er soll mir und Alexander helfen, Matteo und Richard in den Kühlraum zu schaffen.»

***

Cora lag in ihrem Zimmer auf dem Bett und starrte an die Decke, während sie ihre Gedanken ordnete. Der Schock über den zweiten Todesfall sass tiefer, als sie sich gegen aussen anmerken lassen wollte. Rizzardi starb möglicherweise an seinem schwachen Herzen. Bloch war eindeutig umgebracht worden. Was, wenn …? Sie setzte sich mit einem Ruck kerzengerade auf. Was, wenn Rizzardis Tod ebenfalls ein Mord gewesen war, einer, der besser vertuscht worden war als der zweite? Dann konnte es kein Zufall sein, dass es hier passierte. Es musste einen Zusammenhang geben, eine Schnittstelle, die zu einem Motiv führte. Was war mit dem unbekannten Eindringling in ihrem Zimmer? Wollte er zu ihr, oder hatte er sich in der Tür geirrt? In welchem Verhältnis standen die Ereignisse zueinander – und die Personen? Cora hatte Rizzardi und Bloch seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen.

Sie rollte sich vom Bett und ging im Zimmer hin und her. Sie versuchte, das unheimliche Gefühl abzustreifen, das sich wie eine unsichtbare Schlinge um ihren Hals legte, die sich langsam zuzog. Sie musste sich ablenken. Ihr Haus in Nennigkofen fehlte ihr nun doch. Sie hätte in diesem Moment viel darum gegeben, wenigstens Van Helsing um sich zu haben. Zum Glück hatte sie ihm genügend Futter hingestellt. Ausserdem würde vom Staal von Zeit zu Zeit nach ihm sehen. Ansonsten gab es in der ländlichen Umgebung genug Mäuse.

Sie checkte ihr Handy. Nach wie vor war kein Netz vorhanden. Mila hatte sicherlich versucht, sie zu erreichen. Sie würde nicht verstehen, warum Cora nicht zurückrief. Es war ihr nicht zu verdenken, wenn sie glaubte, ihre Mutter würde sie einmal mehr im Stich lassen. Letztes Jahr war ihr das beinahe zum Verhängnis geworden. Der Gedanke daran trieb Cora Tränen in die Augen. «Es tut mir leid, Mila», flüsterte sie.

Julian war vermutlich beschäftigt, sodass er seine Mutter während ein paar Tagen nicht vermissen würde, so wie es sich für einen erwachsenen Sohn gehörte, der begann, sein eigenes Leben zu führen.

Wie aus heiterem Himmel ergriff ein Gefühl von Todesangst von Cora Besitz. Und wenn sie ihre Kinder nicht wiedersehen würde? Wenn sie und die Freunde hier oben alle Opfer eines wahnsinnigen Massenmörders wurden? Cora ergab sich den abstrusesten Grübeleien. Hatte sie sich richtig von den Kindern verabschiedet? Hatte sie ihnen alles gesagt, was sie hätte sagen sollen? Julians Abschied war, wie so oft, auf den letzten Drücker. Ein Kuss mit vollem Mund auf die Wange, ein «Halt die Ohren steif, Mam», und schon war er mit der anderen Hälfte des Frühstücksbrotes in der Hand durch die Tür verschwunden, weil seine Freundin Lara draussen im Auto mit laufendem Motor wartete. Zwischen Mila und Cora war hingegen noch vieles offen.

«Hör auf damit, Cora!», befahl sie sich mit lauter Stimme. Sie setzte sich im Lotussitz auf das Bett und begann mit den Atemübungen, die sie vor Jahren auf ihrer Asienreise bei buddhistischen Mönchen in einem Waldkloster in Nordthailand gelernt hatte. Schlechte Energie ausatmen, Kopf leeren, gute Energie einatmen. Befreiung. Nach zehn Minuten war sie imstande, wieder klare Gedanken zu fassen. Ihr einziger Ansatz bei der Spurensuche war – es gab keinen. Wenn nicht irgendein verrückter Killer auf der Alp herumschlich und planlos Leute umbrachte, musste sie das Motiv woanders suchen.

Was hatte es mit Rizzardi und Bloch auf sich? Welche Leichen hatten die beiden im Keller, dass sie auf diese Weise enden mussten?

Um ihre Fragen und Gedanken besser zu ordnen, wollte sie sie niederschreiben. Cora hatte einen Schreibblock in ihre Tasche gepackt. Sie musste sich bis zuunterst durchwühlen, bevor sie ihn fand. Mit einem Ruck zog sie ihn hervor. Zu ihrer Überraschung zog sie ihn zusammen mit einem grossen Umschlag hervor, der ihr zuvor nicht aufgefallen war. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn in die Tasche gelegt zu haben.

Sie betrachtete das beigefarbene Couvert, auf dessen Vorderseite zwei Zeilen geschrieben waren:

Für Cora

Nur öffnen, falls mir etwas zustösst. M.

Es dauerte einen Moment, bevor Cora realisierte, dass «M.» für Matteo stand. Rizzardi hatte ihr den Umschlag untergeschoben. Cora fiel es wie Schuppen von den Augen.

Also war es Rizzardi gewesen, der am Vorabend in ihr Zimmer eingedrungen war. Den Umschlag in ihrer Tasche zu verstauen und gleich wieder zu verschwinden, dürfte unwesentlich länger gedauert haben. Als sie ihre Sachen überprüfte, nachdem sie den Einbruch bemerkt hatte, war alles vollständig gewesen – nichts fehlte.

Nie im Leben wäre sie darauf gekommen, dass ihr jemand etwas in die Tasche gelegt haben könnte.

Der Anlass war gegeben, den Umschlag zu öffnen. Er war relativ dick. Cora zog einen Bund Papiere, diverse fotokopierte Formulare und maschinengeschriebene Berichte – uralte Schriftstücke – heraus. Das erste Blatt war ein undatierter, an sie adressierter, handgeschriebener Brief mit Rizzardis Unterschrift.

Folge 27

Liebe Cora,

wenn du diese Zeilen liest, bin ich vermutlich tot oder nicht mehr in der Lage zu sprechen.

Was ich dir im Folgenden schildere, hat mich seit dem letzten Jahr stark beschäftigt. Als Journalistin weisst du, wie damit umgehen. Sollten diese Informationen mich das Leben kosten, sind sie es wert, veröffentlicht zu werden.

Richard ist eingeweiht. Ich hoffe, ihm wird die Sache nicht auch zum Verhängnis. Er ist ein guter Kerl und treuer Freund.

Bilde dir selber ein Urteil über das, was du liest. Die Unterlagen, die ich diesem Schreiben beilege, untermauern meine Geschichte.

Alles Liebe, Matteo

MATTEO RIZZARDI UND RICHARD BLOCH – AUGUST 2017

Es ist möglicherweise der letzte Besuch von Nonno Giuseppe. Der alte Mann hatte die Strapaze der Flugreise von Boston in die Schweiz mit Freuden auf sich genommen. Für seine fünfundneunzig Jahre strotzt er vor Energie.

Matteo besucht seinen Grossvater stets, wenn er aus beruflichen Gründen mit Kunstagenten und Galerien an der US‑Ostküste zu tun hat. Die Lebensfreude des Alten beeindruckt ihn immer wieder aufs Neue, so auch jetzt, bei Giuseppes erstem Besuch in Solothurn.

Der alte Herr ist unermüdlich. Er will alles entdecken. So haben sie bereits die Aussicht vom Glockenturm der St.‑Ursen-Kathedrale bewundert und sind durch die Verenaschlucht zur Einsiedelei spaziert. Sogar eine Fahrt mit dem Frühstücksschiff von Solothurn die Aare hinauf bis nach Biel lag hinter ihnen. Es sind nicht nur die kulturellen und kulinarischen Sehenswürdigkeiten der Ambassadorenstadt, die Nonno Giuseppes wanderndes Auge erfreuen, sondern ebenso die sinnlichen Eindrücke. «Dio, che belle, le ragazze svizzere!», ruft er angesichts der sommerlich gekleideten Frauen, die in der Fussgängerzone über den Marktplatz der Altstadt flanieren. Obwohl Giuseppe seit Geburt in den USA lebt und amerikanischer Staatsbürger ist, spricht er mit seinem Enkel Italienisch, das er mit der Muttermilch so selbstverständlich aufgesogen hat wie das distinguierte Englisch seiner Geburtsstadt an der Ostküste.

Sie trinken Bier auf der Terrasse der «Brasserie Fédérale» auf dem Marktplatz. «Wenn sich die Schweizerinnen eleganter zu kleiden wüssten, wären sie die schönsten Frauen der Welt», schwärmt Giuseppe. «Wie die Mädchen damals in Bern und in Basel.»

Matteo sieht seinen Grossvater erstaunt an. «Was meinst du, Nonno, warst du schon mal in der Schweiz?»

Giuseppe nickt mit einem verzückten Lächeln. «Von 1943 bis 1946. Es hatte mit dem Krieg zu tun und war geheim. Wann kommt dein Freund, damit ich die Geschichte nicht zweimal erzählen muss?» Er schaut einer jungen Frau mit einer asymmetrischen blonden Langhaarfrisur nach, die an ihnen vorbei über den Platz spaziert. Sie trägt Jeans-Shorts und ein knappes T‑Shirt. Giuseppe seufzt. «Dio mio, was für ein Anblick, so wie die Berner Mädchen von früher. Du hättest sie sehen sollen, Matteo, wie sie im Sommer in ihren luftigen Kleidchen durch die Lauben der Stadt flanierten oder sonntags die Braunbären im Bärengraben fütterten. Was habe ich die Viecher um die Aufmerksamkeit dieser Geschöpfe beneidet. Und dann ihre Sprache – diese Worte in Berndeutsch, die sie mir in den warmen Nächten ins Ohr hauchten –, ein richtiges Aphrodisiakum.» Giuseppe kichert heiser. Matteo schmunzelt. Sein Nonno zeigt keine Anzeichen, des Lebens müde zu sein.

Kurz darauf steht Richard Bloch vor ihnen. Nachdem Matteo die Männer einander vorgestellt hat, setzt sich Richard an den Tisch. Mit einem Seidentuch tupft er sich die schweissnasse Stirn ab. «Entschuldigt, es hat im Restaurant länger gedauert, weil ich heute Abend nicht dort bin. Zu allem Überfluss hat sich auch der Verkehr auf der Autobahn vor der Verzweigung Luterbach gestaut.»

Matteo winkt ab. Sie warten, bis der Keller eine Stange dunkles Bier vor Richard hingestellt und dieser einen grossen Schluck davon getrunken hat.

«Richard ist der Anwalt, von dem ich dir erzählt habe, Nonno», sagt Matteo. «Er möchte deine Geschichte hören.»

«Ehemaliger Anwalt, heute bin ich Wirt», korrigiert Richard. «Egal, gespannt bin ich auf jeden Fall.» Matteo sieht seinen Grossvater auffordernd an, bis dieser anfängt zu erzählen. Zu Matteos Erstaunen spricht er in fast akzentfreiem Deutsch weiter.

«Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 traten die USA in den Krieg ein. Im Jahr zuvor führten die Staaten die allgemeine Wehrpflicht ein. Deshalb wurde ich eingezogen.»

Giuseppe sieht Richard grinsend an und zeigt auf Matteos schmächtige Figur. «Ich sah damals etwa so aus wie er. Während der Grundausbildung fürchtete mein Kommandeur, der erste Windstoss könnte mich hinter die feindlichen Linien pusten. Dafür war ich ein schlaues Kerlchen und fix im Dechiffrieren von geheimen Botschaften. Deshalb hat er mich für das im Juni 1942 von ’Wild Bill’ Donovan frisch gegründete Office of Strategic Services vorgeschlagen. So hiess damals der amerikanische Geheimdienst. Meine Mutter war Südtirolerin. Neben Italienisch und Englisch spreche ich fliessend Deutsch. Das war der Grund, weshalb mich Donovan 1943 nach Bern zu Allen Dulles schickte, dem Residenten des OSS in der Schweiz.»

«Was war Ihre Aufgabe?», fragt Richard.

«Ich musste sie bespitzeln.»

«Wen?»

«Die Schweizer und ihre Geschäfte mit Hitler. Sie verkauften den Nazis massenhaft Waffen und weitere Rüstungsgüter. Die Amerikaner und Briten sahen das nicht gerne. Wegen der Schweizer Neutralität konnten sie wenig dagegen ausrichten. Unzählige lange Nächte lag ich an den Grenzbahnhöfen in Basel, Chiasso oder am Rheinhafen auf der Lauer. Ich fotografierte Frachtbriefe und zählte Güterwagen und Frachtkähne, die die Grenze Richtung Deutschland oder nach Italien überquerten.»

Folge 28

«Ich habe mir das Leben eines Spions im Krieg romantischer vorgestellt», sagt Rizzardi.

«Für mich war es okay. Ich hatte tagsüber genug Freizeit, mich um die einsamen jungen Schweizerinnen zu kümmern, deren Männer im Aktivdienst die Grenzen bewachten. Die Konkurrenz war klein und die Bedürfnisse der Frauen gross.» Giuseppe zwinkert den beiden zu, bevor sich seine Miene erneut verfinstert. «Ab 1944 beschäftigte ich mich mit den Goldlieferungen.»

«Was für Gold?»

«Für ihre Rüstungslieferungen nach Deutschland wurde die Schweiz mit Rohstoffen wie Erdöl, Kohle, Stahl und mit Gold bezahlt.»

«Das die Nazis von ihren Eroberungen oder von den Juden zusammengestohlen hatten», präzisiert Richard.

«Allen Dulles versuchte, über seinen Einfluss bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, wo er damals offiziell arbeitete, diesen Handel einzudämmen. Die Vorstösse stiessen bei der Schweizer Regierung und der Nationalbank auf taube Ohren. Die Verantwortlichen stellten sich auf den Standpunkt, der Ursprung des Goldes lasse sich nicht nachweisen. Solange keine Beweise vorlagen, es handle sich um Blut- oder Raubgold, bestehe keine Veranlassung, die Goldkäufe abzulehnen.»

«Das heute noch typische Credo des Schweizer Bankers mit der chronisch verstopften Nase», sagt Richard. «Geld ist sauber, solange man seinen Gestank nicht riechen kann.»

Giuseppe nickt bedächtig. «Wenn ihr Schweizer wüsstet, wie viel Blut heute noch an eurem Geld und damit an euch selbst klebt. Natürlich waren die offiziellen Goldlieferungen für uns nicht so interessant wie die inoffiziellen.»

«Welche inoffiziellen Lieferungen?», fragt Rizzardi.

«Gegen Ende des Krieges bekamen viele Nazigrössen kalte Füsse und bereiteten sich darauf vor, Deutschland den Rücken zu kehren. Leute wie Göring und Himmler hatten sich im Lauf der Zeit regelmässig selber bedient. Sobald es ihnen zu heiss wurde, schafften sie die Beute aus Deutschland heraus. Ein beträchtlicher Teil landete vermutlich in der Schweiz.»

«Weshalb ist das für uns interessant?», fragt Richard.

«Ende April 1945 soll es einen Transport von etwa einer Tonne Reingold, angeblich aus dem persönlichen Schatz von Heinrich Himmler, gegeben haben. Wir wissen, wann er die Grenze zwischen dem St. Galler Rheintal und Vorarlberg überquerte. Dort gab es einen der letzten Übergänge, die nicht von den Alliierten überrannt worden waren. Danach verlor sich seine Spur.»

«In der Schweiz? Wie war das möglich?»

«Das fragten wir uns auch. Nur wenige waren darüber im Bild. Der Bundesrat oder die Nationalbank gehörten wohl nicht dazu. Wir vermuteten, es war ein Deal zwischen dem Schweizer Nachrichtendienst und hochgestellten SSLeuten.»

Richard kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. «Zuerst stehlen es die Nazis von den Juden, und dann lassen sie es sich von den eigenen Leuten wegschnappen?»

«Wir wissen nicht genau, was vor sich ging und wie. Fest steht, dass es wie vom Erdboden verschluckt war, wie die SSSoldaten, die den Transport begleiteten», sagt Giuseppe zu Richard. «Matteo dachte, es könnte sich lohnen, der Sache nachzugehen. Sie als Anwalt wissen vielleicht, wie. Ich habe die Unterlagen bei mir.»

Giuseppe lässt sich von Rizzardi eine Aktenmappe aus Karton geben, die er an Richard weiterreicht. «Schauen Sie sich das an.»

Richard geht die Papiere durch. Zwischendurch pfeift er leise durch die Zähne. Schliesslich klappt er den Deckel zu. «Das muss an die Öffentlichkeit. Ich habe auch schon eine Idee, wie wir es machen.»

Giuseppe ist zufrieden. «Ich bin froh, wenn diese Informationen jemandem nützen, sei es nur als Genugtuung für die Menschen, die von diesen Scheusalen ermordet wurden.» Er reibt sich freudig die Hände. «Ich habe Hunger, wo gehen wir essen? Ich lade euch ein.»

SECHS

Kurz vor sieben Uhr früh erwachte Cora aus einer Kette von Träumen, von denen ihr nur Fetzen in Erinnerung blieben. Nachdem sie die Schlaftrunkenheit abgeschüttelt hatte, klangen wechselnde Gefühle von Niedergeschlagenheit und Angst nach. Im Raum war es kühl. Die elektrischen Heizkörper fühlten sich immer noch kalt an. Cora feuerte den Ofen mit dem Holz an, welches Schwizgebel in der Zwischenzeit in den Zimmern verteilt hatte, und kroch zurück unter die Bettdecke, so lange, bis die Temperatur einigermassen annehmbar war.

Bis halb zwei Uhr morgens hatte sie Rizzardis Papiere durchgesehen. Sie waren meist in knappem, präzisem Englisch gehalten. Der Verfasser musste über einen militärischen oder polizeilichen Hintergrund verfügt haben.

Die in der Regel nicht mehr als zweiseitigen Berichte waren von einer Person namens «Chaffinch» unterzeichnet, was «Buchfink» bedeutete, sofern Coras Englischkenntnisse sie nicht täuschten, vermutlich der Codename eines Agenten. Sie war zu wenig bewandert im Geheimdienst-und-Spionage-Geschäft, glaubte jedoch, mal aufgeschnappt zu haben, dass alliierte Nachrichtendienste während des Zweiten Weltkrieges und im Kalten Krieg die Identität ihrer Spione oft mit Vogelnamen tarnten. Oder waren es die Nazis gewesen? Sie erinnerte sich an einen alten Kriegsfilm über einen deutschen Geheimagenten mit dem Titel «Kennwort: Reiher».

«Buchfink» war höchstwahrscheinlich der Alias für Captain Joe Rizzardi, Matteos geliebten «Nonno Giuseppe». Beide Vornamen, der italienische Geburtsname und die anglifizierte Kürzung, bezogen sich auf ein und dieselbe Person. Cora konnte das aus einer Ehrenurkunde des OSS ersehen. Joe Rizzardi hatte seine Vorgesetzten mit Informationen über Daten, Uhrzeiten und Tonnagen versorgt.

Folge 29

Die Beschreibung der transportierten Güter war technisch. In Klammern hatte der Verfasser sie oft mit dem Zusatz «(pres.)» versehen, was Cora mit «presumed» übersetzte - vermutet. Anscheinend war nicht immer mit letzter Sicherheit bestimmbar, was sich zwischen der Schweiz und dem Weltfeind Nummer eins hin- und herbewegte. Es gab zahlreiche Einträge, bei denen ein «(conf.)» hintanstand für «confirmed» - bestätigt.

Cora war der Schweiz mehr als dem ursprünglichen Heimatland ihrer deutsch-rumänischen Eltern verbunden. Es machte sie betroffen, mit welchen Mengen von Waffentechnologie die Schweiz Nazideutschland versorgt hatte. In einem von Wagners Papieren hatte sie gelesen, die schweizerische Kriegsproduktion für das Reich lag deutlich unter einem Prozent der Gesamtleistung der deutschen Rüstungsindustrie.

Dessen ungeachtet hatte die neutrale Eidgenossenschaft mitgeholfen, einen Krieg zu verlängern, der täglich Zigtausende von Opfern in Europa gefordert hatte.

Cora konnte und wollte kein Urteil über das Land fällen, das ihrer Familie eine Heimat gab. Im Krieg war die Schweiz während Jahren von Feinden umzingelt. Sie konnte nachvollziehen, dass die Regierung täglich schwere und oft tragische Entscheidungen treffen musste, um ihren Bürgern ein Leben in Würde zu garantieren und sie einigermassen unbeschadet durch die dunkle Zeit zu führen.

Mit der Wendung des Kriegsglücks zulasten Deutschlands und mit zunehmendem Druck der Alliierten gingen die beobachteten Güterlieferungen an den nördlichen Nachbarn im Lauf des Jahres 1944 zurück. Die Tätigkeit von «Buchfink» verlagerte sich auf die Auflistung der Goldimporte, welche die Nationalbank von der Deutschen Reichsbank unter den Argusaugen der BIZ entgegennahm. Die Auftraggeber von Agent Rizzardi hatten es zu diesem Zeitpunkt für angebracht gehalten, seinen Codenamen zu ändern, da er von da an sinnigerweise mit «Goldfinch» signierte, was auf Deutsch weniger verfänglich für Distelfink stand.

Das letzte Papier aus jener Epoche war datiert am 29. April 1945. Es trug den Titel «Last Transport - destination unknown». Cora nahm an, es könnte sich um den mysteriösen Goldtransport handeln, von dem bis heute niemand wusste, wo er schliesslich gelandet war. Sofern es ihn tatsächlich gegeben hatte, fügte sie ihre professionelle Skepsis in Gedanken an.

Sie fragte sich, weshalb sich Matteo und Bloch mit dieser Geschichte aus einer Zeit, bevor sie geboren worden waren, beschäftigt hatten. Blochs Mutter war Jüdin gewesen, der Vater römisch-katholisch. Der jüdischen Tradition zufolge übertrug sich die Religion von der Mutter auf das Kind. Demnach war Bloch Jude. Cora konnte verstehen, dass ihn der unsägliche Handel mit Blutgold beschäftigt haben musste. War es der Grund, warum er und Matteo sterben mussten? Waren sie bei ihren Nachforschungen jemandem in die Quere gekommen - aber wem?

Cora warf einen Blick zum Fenster hinaus. Der Sturm tobte mit verminderter Kraft, der Schneefall hatte etwas nachgelassen. Die Sichtweite erstreckte sich nach wie vor nicht weiter als bis zum Vorplatz des Jagdhauses.

An Handyempfang war noch immer nicht zu denken. Liebend gerne hätte sie Wagner angerufen und gefragt, ob Bloch der Informant gewesen war, der ihm den Speck für die Reportage durch den Mund gezogen hatte. Die Übereinstimmung der Informationen von unterschiedlichen Quellen zu demselben Thema konnte sie sich nicht anders erklären. Sie war allerdings noch nicht dazu gekommen, alle Dokumente eingehend zu lesen, die Wagner ihr gemailt hatte.

Sie wollte sich waschen. Nach dem Frühstück würde sie sich in der Küche heisses Wasser holen. Es war Glück im Unglück, dass in «Blutlauenen» auf holzbefeuerten Herden gekocht wurde. Erst mal brauchte sie einen Kaffee. In Anbetracht der ausbleibenden Stromzufuhr würde sie den am ehesten ebenfalls in der Küche bekommen.

Sie war nicht überrascht, Chantal in der Küche anzutreffen, die das Frühstück zubereitete.

«Geht es Ihnen besser?», fragte Cora.

Chantal sah sie fragend an.

«Wegen gestern, als Sie die Schüssel fallen gelassen haben. War Ihnen nicht wohl?»

«Ach das. Ja, danke es geht mir wieder besser. Mir wurde für einen Moment schwindlig.»

«Gut, ich hatte den Eindruck, Sie haben sich erschreckt, weil ich Werner Brand erwähnte.»

«Das auch. Mir ist dieser Mensch unheimlich. Ich möchte ihm nicht allein begegnen.»

«Glauben Sie, er ist gefährlich? Seit seiner Entlassung vor dreissig Jahren hat er niemandem mehr etwas getan.»

«Niemand im Tal hätte Brand früher für gefährlich gehalten. Er war jähzornig, und manchmal rutschte seine Hand aus. Dann ging er plötzlich hin und tötete seine Frau und seine Tochter.»

«Sie haben recht. Wer kann in einen Menschen hineinsehen? Mir hat er auf jeden Fall einen gehörigen Schrecken eingejagt, als ich ihm so unvermittelt gegenübergestanden bin.» Cora nahm dankbar eine grosse Tasse Filterkaffee, den Chantal auf dem Holzherd zubereitet hatte.

Chantal sah ihr beim Trinken zu. «Hat Brand mit Ihnen geredet?»

«Ich weiss nicht so recht. Ich habe ihn nach dem Weg gefragt. Er hat mir die Richtung gezeigt und gemeint, ich solle aufpassen, weil der Berg drückt oder so was Ähnliches. Dann war er weg. Es war, als ob der Nebel ihn verschluckt hätte.» Sie schenkte sich eine zweite Tasse aus einem grossen Krug, den Chantal vor ihr hingestellt hatte. «Wissen Sie, was er gemeint haben könnte?»

Folge 30

«Aucune idée. Er ist eben ein komischer Kauz und zu lange alleine hier oben.» Chantal schnitt ein Brot in Scheiben, die sie auf zwei Servierkörbchen verteilte. «Er ist nur …»

«Was meinen Sie?», fragte Cora.

«Es ist merkwürdig, dass Sie ihm begegnet sind. Normalerweise geht Brand um diese Tageszeit nicht ins Tal hinunter.»

«Kennen Sie jeden seiner Schritte?»

«Er ist ein Mörder, der in unserer Nachbarschaft lebt. So einen behält man besser im Auge.»

Der Kaffee hatte ausgezeichnet geschmeckt, obwohl Cora seit Jahren keinen Filterkaffee mehr getrunken hatte. Sie stellte die Tasse in das Spülbecken. «Könnte ich heisses Wasser haben, damit ich mich waschen kann?», bat sie Chantal.

«Wollen Sie nicht duschen?»

«Ohne Strom? Naturnähe schön und gut, aber das ist mir zu kalt.»

Chantal lächelte. «Neben meiner Kammer gibt es eine Dusche mit gasbetriebenem Wassererhitzer. Sie dürfen sie gerne benutzen, bis der Strom wieder da ist. Sagen Sie es auch den beiden anderen Frauen, aber bitte nur ihnen. Ich will keine Männer in meiner Dusche. Die sollen sich an ihren Waschbecken waschen.»

Cora wäre ihr am liebsten um den Hals gefallen. «Ich hole mein Duschzeug.»

Auf der Treppe begegnete ihr Sibylle. Sie sah übernächtigt aus. Schwarze Ränder untermalten ihre Augen. Das sonst luftig lockere Haar war matt und strähnig.«Schlecht geschlafen?», fragte Cora. «Das ist massiv untertrieben. Ich habe kaum ein Auge zugetan. Wenn es mir kurz gelang, sah ich Matteo und Richi vor mir.»

Erst jetzt fiel Cora auf, dass Sibylle eine leuchtend grüne Windjacke und Wanderhosen trug. An den Füssen hatte sie solide Schuhe. «Willst du nach draussen? Bei diesem Sturm?»

«Ich muss mal frische Luft schnappen. Hier drin fällt mir demnächst die Decke auf den Kopf. Und dann das ständige Gejammer von Magdalena, die sich an meiner Schulter ausweint, nur um sich kurz darauf über alles zu beklagen. Ich mag sie ja sonst, aber im Moment nervt sie mich zwischendurch schauderhaft. Sie macht mir Vorwürfe, weil ich sie überredet habe mitzukommen.»

«Sie war seit jeher zartbesaitet», sagte Cora, «obwohl sie heute die taffe grüne Kantonsrätin markiert.»

«Muss sie auch. Im Solothurner Parlament kommen gerade mal achtundzwanzig Frauen auf die hundert Sitze. Vor zwanzig Jahren waren es fast doppelt so viele.»

«Damals zählte der Rat hundertfünfzig Mitglieder», sagte Cora. «Die Quote hat sich seither verschlechtert. Frau muss kämpfen, damit sie sich gegenüber den Männern behaupten kann.»

Die Frauen sollten anfangen, sich die Anerkennung zu nehmen, anstatt ständig zu jammern, sie nicht zu erhalten, dachte Cora, ohne es auszusprechen. «Damit hast du anscheinend keine Probleme – mit der Anerkennung, meine ich.»

«Immerhin weiss ich, wie die Kerle ticken.»

«Läuft das Geschäft mit deiner … Partneragentur gut?»

Falls sie die Ironie in der Frage bemerkt hatte, liess Sibylle es sich nicht anmerken. «Bin zufrieden. Die Klicks auf die Website sind in den letzten sechs Monaten um dreissig Prozent gestiegen. Ich habe eine Marktlücke in unserer Region entdeckt.»

«Welche Marktlücke meinst du? Diejenige der kurzfristigen oder der langfristigen Kontakte?»

Cora gönnte sich den kleinen Triumph, Sibylle länger als einen Wimpernschlag in Sprachlosigkeit versetzt zu haben.

«Du bist ein Luder, Cora», sagte sie, nachdem sie ihre Fassung wiedergewonnen hatte. «Die geborene Journalistin. Dir kann man nichts vormachen.» «Ist Bestandteil meines Jobprofils. Du betreibst eine Online-Escortagentur, nicht wahr?»

«Ich musste diversifizieren.» Sibylle zeichnete Anführungszeichen in die Luft. «Sogenannte ’seriöse’ Partnervermittlungen gibt es wie Sand am Meer. Zu Anfang lief es ganz annehmbar. Dann brach das Geschäft ein. Billige Online-Anbieter mit gefakten oder simulierten Profilen. Du weisst, wie es ist: Wenn’s mies läuft, unterstützt dich keiner. Ich habe mir selber geholfen, und es hat funktioniert. Heute bin ich der Uber unter den Escort-Agenturen. Ich habe sogar eine App entwickeln lassen, willst du mal sehen?» Sie zog ihr Handy hervor, um es mit einer frustrierten Geste gleich wieder einzustecken. «Funktioniert ja nicht hier oben.»

«Zum Glück bin ich kein Mann, der gerade jetzt und hier ein gewisses Bedürfnis verspürt.»

«Wenn du willst, ich vermittle auch Männer an Frauen oder Frauen an Frauen. Melde dich, falls du mal was in dieser Richtung brauchst. Du glaubst es vielleicht nicht, aber unter meinen Stammkunden gibt es einige gehobene Damen.» Sibylle vergewisserte sich rasch mit gespielt verschwörerischer Miene, dass sie nicht belauscht wurden. «Ausserdem wärst du nicht die Einzige hier, die meine Dienste beansprucht, wenn du verstehst, was ich meine.»

Cora konnte sich nicht vorstellen, dass Ludivine oder Magdalena die Dienste einer Escort-Agentur in Anspruch nahmen, ebenso wenig Rizzardi. Bloch vielleicht. Am ehesten kam für sie Gamper dafür in Frage.

«Wie ich gestern schon sagte: Ich habe, was ich benötige.» Cora machte Anstalten, weiterzugehen. Bevor sie die nächste Treppenstufe genommen hatte, drehte sie sich zu Sibylle um. «Der Vorfall vor, wann war das, vor fünf oder sechs Monaten? Eine junge Frau, wenig mehr als zwanzig Jahre alt, wurde von drei Freiern brutal vergewaltigt und zusammengeschlagen. Rund zwei Monate später beging sie in der Psychi Langendorf Selbstmord. Sie arbeitete als Online-Escort. Doch nicht etwa für deine Agentur?»

Folge 31

Sibylle sah sie eindringlich an. «Hör zu, Cora, bevor du falsche Schlussfolgerungen ziehst: Alle meine Hostessen sind Freischaffende. Gegen eine einmalige Gebühr können sie sich auf meiner Plattform registrieren. Ich bekomme fünfzehn Prozent ihrer Einnahmen für Unkosten und Datenpflege. Mit wem und mit wie vielen von denen sie sich einlassen, ist nicht meine Sache. Im Übrigen warne ich sie ausdrücklich davor, sich in unüberblickbare Situationen zu begeben.»

«Verstehe. Stimmt es, dass die drei Männer weiterhin als Kunden in deiner Datenbank registriert sind?» Mit einer übertrieben hilflosen Geste breitete Sibylle die Arme aus. «Was soll ich machen, Cora? Es kam nicht einmal zu einer Anklage. Wenn ich jeden Kunden ausschliessen würde, über den sich eine der Frauen beschwert, könnte ich den Laden gleich schliessen. Wie gesagt, ich bin lediglich die Vermittlerin, die Frauen arbeiten auf eigenes Risiko. Immer noch besser, als wenn sie das Trottoir machen müssen.»

Cora hatte nun wirklich das dringende Bedürfnis zu duschen. «Wir sehen uns beim Frühstück», sagte sie, bevor sie die Treppe weiter hochging, um ihr Duschzeug zu holen. Sie hatte weitere zwei Stufen genommen, als ihr noch etwas einfiel. «Sibylle?» Diese war fast unten, als sie sich zu ihr umdrehte.

«Denk dran: Ludivine hat gesagt, wir sollen bei diesem Wetter nicht in die Richtung des Niesehorns gehen, wegen möglicher Lawinen und Steinschlag.»

«Alles klar, bis später.»

Cora sah ihr nach. Sie hatte es absichtlich unterlassen, die Duschmöglichkeit bei Chantals Quartier zu erwähnen. Sibylle sollte sich ruhig eine Zeit lang schmutzig fühlen.

***

«Hängt in euren Zimmern auch so ein abscheulicher Hirschkopf?», fragte Magdalena beim Frühstück.

Keiner der Anwesenden sagte etwas. Cora fand die Bemerkung unangebracht. Vom archaischen Männerritual der Jagd hielt sie ebenso wenig wie Magdalena. Der Zeitpunkt für das Gesprächsthema war ihrer Ansicht nach aber unpassend. Sie schielte hinüber zu Ludivine, deren Mundwinkel bei Magdalenas Bemerkung kurz gezuckt hatten. Falls sie sich darüber ärgerte, war es ihr nicht anzusehen. Ludivine kannte ihre Freundin, die schon früher ständig an allem herumgenörgelt hatte. An Magdalenas Stelle hätte Cora es sich für die Dauer des Aufenthaltes verkniffen, anstatt die Gastgeberin zu brüskieren.

Magdalena hingegen war anscheinend in Streitlaune. «Ich verstehe nicht, wie man sich Teile von toten Tieren an die Wand hängen kann. Das ist barbarisch.»

«Jetzt ist mal gut, Mägi», sagte Gamper verärgert. «Alle haben verstanden, dass du nichts von der Jagd hältst. Ludivines Vater war passionierter Jäger. Diese Leute gehen mit Tieren respektvoller um als mancher Viehzüchter – da ist nichts von Barbarei. Nimm wenigstens Rücksicht auf unsere Gastgeberin.»

Magdalena machte ein konsterniertes Gesicht. Ludivine warf Gamper einen tadelnden Blick zu. «Lass gut sein, René. Ich weiss, wie Mägi es gemeint hat, und ich verstehe sie. Ich halte auch nichts von der Jagd, selbst wenn es notwendig sein mag, die Wildbestände unter Kontrolle zu halten. Jemand muss es machen.»

«Grenzwertig ist das schon», fand Alexander. «Auf andere Lebewesen zu schiessen, nur um sie zu töten. Von mir aus kann man alle Jäger ins Pfefferland schicken.»

«Alex!» Gamper sah seinen Sohn warnend an. «Deine Meinung interessiert hier keinen.»

«In diesem Fall kann ich mich ja verdrücken.» Alexander stand auf und warf seine Serviette auf den Teller. «Sagt Bescheid, wenn’s wieder einen Toten geben sollte.»

«Alex!» Gamper wollte ihm folgen. Ludivine hielt ihn zurück. «Lass ihn, René, er ist nicht mehr sechzehn.»

«Das ist keine Entschuldigung für sein respektloses Benehmen. Deinen Vater –»

«Habe ich nie gekannt. Auf seine Jagd liess er angeblich nichts kommen, aber es beleidigt mich keinesfalls, wenn jemand damit nicht einverstanden ist.»

Cora wechselte das Thema. «Ich nehme an, euch ist es bisher ebenso wenig wie mir gelungen, mit der Aussenwelt in Verbindung zu treten.»

Sie erhielt allgemeines Kopfschütteln zur Antwort.

Schwizgebel kam herein. Seine Hände waren schwarz verschmiert. «Entschuldigen Sie meinen Aufzug, Frau Giroud», wandte er sich an Ludivine. «Sie wollten unterrichtet werden, sobald der Generator betriebsbereit ist. Es ist so weit.»

Ludivine strahlte. «Wunderbar, Fredi, danke.» Anstatt sich wie erwartet zurückzuziehen, blieb Schwizgebel stehen.

«Ist noch etwas?», fragte Ludivine.

«Es gibt da ein Problem mit der Bedienung. Ich möchte Ihnen zeigen, wie es geht.»

«Verstehe.» Ludivine blickte verlegen in die Runde. «Ich und die Technik, genauso gut könnte man versuchen, einem Huhn die Uhrmacherei beizubringen.»

Gamper stand auf. «Ich sehe mir das mal an, wenn du möchtest.»

Das Lächeln, das Ludivine ihm schenkte, zeigte mehr als reine Dankbarkeit. Ungeachtet dessen fleckigen und öligen Arbeitskittels klopfte Gamper Schwizgebel auf die Schultern. «Kommen Sie, Fredi. Ich habe mir schon lange nicht mehr die Hände richtig schmutzig gemacht.»

Magdalena erhob sich ebenfalls. «Ich gehe auf mein Zimmer. Ich muss mich hinlegen.»

«Meinst du, sie ist wütend, weil René sie vorhin zurechtgewiesen hat?», fragte Ludivine Cora, als Magdalena ausser Hörweite war.

«Die gestrenge Frau Kantonsrätin wird darüber hinwegkommen. Als Politikerin sollte sie gelernt haben, wie man sich eine dicke Haut zulegt.»

Folge 32

Ludivine sah auf ihre Armbanduhr.

«Wo steckt Sibylle? Sie ist schon über eine Stunde draussen. Etwas lange, nur um bei diesem Wetter frische Luft zu schnappen.»

«Kann sein, dass sie auf ihrem Zimmer ist.»

«Ohne Frühstück? Sibylle war nie eine, die eine Mahlzeit ausliess. Ihrer Figur hatte es nie geschadet.»

Cora erzählte Ludivine vom Gespräch, das sie mit Sibylle im Treppenhaus geführt hatte. «Ich nehme an, sie will mir im Moment nicht über den Weg laufen.»

«Das ist ja lächerlich», sagte Ludivine. «Ich sehe mal nach ihr.»

Derweil Ludivine nach oben ging, begann Chantal, den Tisch abzuräumen.

«Können Sie damit warten?», bat Cora. «Frau Tüscher will sicher später etwas essen.» «Selbstverständlich, Madame.»

Während Cora sich an der Anrichte eine Tasse Tee einschenkte, kam Ludivine zurück.

Ihre Augen blickten sorgenvoll.

«Sibylle ist nicht auf ihrem Zimmer.»

***

Nachdem sie vergeblich das ganze Haus und die unmittelbare Umgebung abgesucht hatten, teilten sie sich auf. Ludivine, welche die Gegend besser kannte, wandte sich in Richtung Bergmassiv. Cora ging den Pfad am Tungelbach entlang, auf dem sie am Freitag heraufgekommen war.

Sie hoffte für Sibylle, dass sie Ludivines Direktive befolgt hatte und nicht bergwärts gegangen war. Der Wind hatte nachgelassen, dafür war der Nebel dichter geworden. Nach den Schneefällen in der Nacht musste es wieder geregnet haben. Auf den Wiesen lag der Schnee höher. Der Pfad selbst war lediglich mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Dafür war er umso rutschiger. Cora kam nur langsam vorwärts. Sie hatte keine Lust, sich zu allem Überfluss gebrochene Gelenke oder eine Zerrung zuzuziehen. Warum hatte sich Sibylle so weit vom Haus entfernt? Das sah ihr nicht ähnlich. Sie war ein Stadtmensch, der nur auf jene Berge stieg, die entweder per Seilbahn oder per Auto erreichbar waren. Konnte sie versucht haben, ins Tal hinunterzugehen? Als sie das Haus verlassen hatte, hatte sie weder Rucksack noch eine Tasche mit. Das musste nichts heissen. Möglicherweise war Sibylle zurückgekommen, während alle beim Frühstück sassen, hatte ein paar Sachen gepackt und war wieder gegangen. Oder sie war ohne Gepäck weg. Bei der Begegnung im Treppenhaus hatte sie nicht gut ausgesehen. Der Tod ihrer beiden Freunde musste sie mehr mitgenommen haben, als sie den Anschein geben wollte. Was Cora in Bezug auf ihre Internetplattform zu ihr gesagt hatte, war nicht nett gewesen, aber Sibylle war nie eine Mimose gewesen. Nur gerade deswegen hätte sie sich nicht einfach so auf Französisch verabschiedet.

Je mehr sich Cora der Waldgrenze näherte, desto undurchdringlicher wurde die tief liegende weissgraue Wolkenwand. Inmitten der Bäume war sie vor dem beissenden Wind geschützt, der ihr im offenen Gelände der Alp heftig entgegengeblasen hatte. Sie fror trotz ihres dicken Anoraks und der Thermowäsche, die sie angezogen hatte. Das gleiche beklemmende Gefühl ergriff von ihr Besitz wie beim Aufstieg vor zwei Tagen. Neben ihr rauschte der Tungelbach. Weitere Geräusche wurden von der wattigen Feuchtigkeit verschluckt.

Bald kam sie zur Stelle, wo die Materialbahn ein Stück weit dem Weg entlang verlief. Unmittelbar danach machte der Pfad einen Knick nach links. In steilen Serpentinen wand er sich abwärts hinunter zum Lauenensee. Im Wald lag erheblich weniger Schnee als auf dem freien Gelände. War Sibylle wirklich bis hierher oder noch weiter gegangen? Talwärts war der Bergpfad unwegsamer als beim Aufstieg. Eine schmierige Schicht aus Nässe und Schnee erschwerte das Vorwärtskommen.

Aus dem Nichts spürte sie einen eiskalten Hauch. Es war, als würde jemand hinter ihr in ihren Nacken atmen. Sie fuhr herum und starrte in den Dunst. Diesmal war sie sicher, beobachtet zu werden. Sie rief Sibylles Namen. Ihre Stimme war belegt. Das Ganze geht mir an die Nieren, dachte sie. Ich beginne Gespenster zu sehen.

Sie stand an der Stelle, wo sich der Weg vom Bach entfernte. Sibylle konnte nicht weiter hinabgestiegen sein. Cora machte einen Schritt neben den Pfad und tastete sich auf dem unsicheren Terrain zwischen Bäumen und Sträuchern bis hin zum Bach. Sie hatte zwar keine Spuren gesehen, aber vielleicht war Sibylle weiter oben irgendwie zum Bach gelangt. Nachdem Cora zweimal beinahe ausgerutscht war, blieb sie in sicherem Abstand zum Wasser stehen. Der Sturm hatte es zu einem schäumenden, bösartigen Biest anwachsen lassen. Das tobende Element putschte sich für den grossen Sturz in die Tiefe ein Stück weiter abwärts auf. Es hatte keinen Zweck. Wenn sie weiterging und ausrutschte, riskierte sie, hineinzufallen und mitgerissen zu werden. Sicher hatte sich Sibylle nicht bis hierher gewagt. Sie ging auf ihren Spuren zum Pfad und machte sich auf den Rückweg. Sibylle konnte inzwischen ins Jagdhaus zurückgekehrt sein. Cora wollte weg von hier. Der Eindruck, nicht allein zu sein, hatte sie nicht verlassen. Sie musste an Brand denken, der in der Gegend herumstreunte, und beschleunigte ihre Schritte.

Je mehr Distanz sie zwischen sich und dem Wald liess, desto lichter wurde der Nebel. Sie konnte die Wogen des Baches erkennen, die unter ihr vorbeiströmten.

Folge 33

Sie schaute bachaufwärts und kniff die Augen zusammen. Weiter vorne, wo die Strömung eine kleine Bucht ausgeschwemmt hatte, schimmerte etwas Grünes am Ufer. Cora hatte es beim Kommen nicht bemerkt. Vielleicht, weil es noch gar nicht da gewesen war? Um diese Jahreszeit gehörte die satte Sommerfarbe nicht hierher. Sie näherte sich langsam. Das Etwas war nicht organisch. Es sah aus wie eine Plane oder der Stoff einer Windjacke.

Cora nahm keine Rücksicht mehr auf ihre Knochen. Sie kletterte rasch die Böschung hinunter, wo das Wasser die flache sandige Stelle flutete. Ihre schlimmste Befürchtung wurde zur Gewissheit: Sibylle lag reglos auf dem Bauch. Ihr Kopf lag seitlich halb im Wasser, Mund und Nase waren über der Oberfläche. Cora bemerkte eine klaffende Wunde an ihrem Hinterkopf. Sie tastete die Halsschlagader ab – sie fühlte keinen Puls mehr.

«Sibylle.» Cora wollte es herausschreien, stattdessen brachte sie nur ein Flüstern zustande. Sie fühlte sich schwindelig und setzte sich auf den nassen Boden. Sie zwang ihren Blick weg von der Toten und richtete ihn bachabwärts.

Der Anblick lähmte sie: Wenige Meter unterhalb sah sie schemenhaft eine Gestalt im Nebel. Obwohl sie es auf die Entfernung nicht erkennen konnte, glaubte Cora, das Glimmen in ihren Augen zu spüren. Die Umrisse des breitkrempigen Hutes zeichneten sich gegen die helleren Nebelschwaden ab. Ihr Schwindelgefühl verstärkte sich. Sie blinzelte mehrmals hintereinander. Als sie die Augen schliesslich wieder ganz öffnete, hatte der Nebel die Gestalt verschluckt.

SIBYLLE TÜSCHER – NOVEMBER 2017

Das junge Ding rutscht unruhig auf der Stuhlkante hin und her. Sibylle kann das Unbehagen in seinen Augen sehen. Um diese Uhrzeit an einem Werktagvormittag ist die «Suteria» am Kronenplatz gut besucht, jedoch keineswegs voll besetzt. Trotzdem sieht ihr Gegenüber um sich, als wolle es sich vergewissern, nicht gehört oder erkannt zu werden.

Sibylle nimmt einen Schluck von ihrem Cappuccino. Die junge Frau hat die Tasse Latte macchiato vor ihr nicht angerührt.

«Hör zu, Violeta.»

Die junge Frau runzelt bei der Nennung dieses Namens die Stirn. Sie schätzt es nicht, ausserhalb der mit ihrem Pseudonym verbundenen Tätigkeit so angesprochen zu werden. Ihre amtlichen Ausweise lauten auf Helen Keller, geboren 1993, mit Heimatort Wolfwil, Kanton Solothurn. Für Sibylle ist Violeta das einträglichste Pferdchen in ihrem Stall – und das widerspenstigste. Violeta ist eine Dienstleisterin, einzig dazu da, die Bedürfnisse zu befriedigen, für die sie ihre Kunden nicht zu knapp bezahlen. Sie ist zu Sibylle gekommen, weil sie ihr Maschinenbaustudium an der ETH in Zürich finanzieren wollte, ohne ihren Eltern auf der Tasche zu liegen. Das könnte sie leichter haben als Kellnerin oder Aushilfsverkäuferin an Wochenenden in einem Bahnhofsupermarkt. Diese Jobs sind einiges weniger einträglich, dafür moralisch unbedenklicher.

Die Frauen, die sich auf Sibylles Online-Plattform zur Verfügung stellen, wissen, worauf sie sich einlassen. Bei der Registrierung haben sie anzugeben, welche speziellen Bedürfnisse sie zu befriedigen vermögen sowie welche Praktiken für sie tabu sind. Was dazwischen liegt, ist Verhandlungssache. Die Informationen sind Bestandteil des Profils der Dienstleisterin und gelten als Leistungsgarantie. Sie ist das Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich Sibylle mit ihrem «Forum», wie sie es selbst bezeichnet, von der Konkurrenz abhebt. Wenn eine im Profil angebotene Dienstleistung verweigert wird, darf der Klient die Hälfte des «Honorars» zurückfordern. Das ist im Einzelfall kein Unglück. Die Frauen erhalten ebenfalls weniger Geld. Dennoch wirkt sich eine Häufung von «Mängelrügen» negativ auf den Ruf von Sibylles Plattform aus. Das will sie bei der herrschenden Konkurrenz nicht riskieren. Sibylle hat es sich in diesen Situationen zur Gewohnheit gemacht, mit der betreffenden Dienstleisterin ein klärendes Gespräch zu führen. Bei Violeta besteht häufig Gesprächsbedarf. Sibylle hätte sie schon lange rausgeschmissen, wenn sie nicht so viel eingebracht hätte.

Violeta ist gross gewachsen mit dunkelbraunem Haar und ausdrucksvollen dunkelgrünen Augen. Ihr Aussehen und Auftreten würden jeden angesagten Modeschöpfer in Ekstase versetzen. Keine Frage, warum sie in Sibylles Sortiment eine der Meistgefragten ist.

Sibylle setzt ihre Tasse ab. «Ich verstehe nicht, weshalb du dich gegen diese Buchung sträubst. Was ist denn dabei?»

«Ich mache weder Dreier noch Gangbangs.»

«Und warum nicht?» Sibylle bemüht sich, einen geduldigen und verständnisvollen Tonfall anzuschlagen.

«Weil ich die Typen nicht kenne.»

«Ich kenne ’MalcolmXXX’, und das zählt.»

«So war es nicht vereinbart. Mit mehreren mache ich’s nur, wenn ich Vertrauen zu den Kunden habe.»

«Das steht nicht in deinem Profil.»

«Weil es eben darauf ankommt, mit welchen Leuten ich es zu tun bekomme.»

«Schätzli, Malcolm ist einer meiner besten Kunden. Ich kenne ihn. Es ist nicht der erste Gangbang, den er mit seinen Freunden organisiert. Deine Kolleginnen haben sich kein einziges Mal darüber beschwert. Frag Lilith oder Raven. Die haben es schon mehrmals gemacht.»

Violeta lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. «Mag sein. Ich will das nicht.»

Zeit, stärkeres Geschütz aufzufahren. Sibylle leert ihre Tasse und gibt mit einer ungehaltenen Geste der Kellnerin ein Zeichen, sie ist nicht länger bereit zu diskutieren.

«Der Fall ist glasklar, Violeta. In deinem Profil steht, was du kannst und was nicht. Gruppensex hast du nicht ausgeschlossen.»

Folge 34

«Weil du mir bei der Registrierung sagtest, es sei Verhandlungssache.»

Sibylle sieht sie böse an. Violeta hat nicht unrecht, aber sie ist diejenige, die bestimmt. «Glaubst du, ich gehe das Risiko ein, einen meiner besten Klienten zu verlieren, nur weil das Fräulein moralische Gewissensbisse hat?»

«Das entspricht nicht der Vereinbarung. Du hast gesagt, es ist meine Entscheidung, wenn –»

«Es ist mir scheissegal, was ich gesagt habe, du dummes Stück», sagt Sibylle wütend. «Noch mal Klartext: Du gehst zu diesem Date mit den drei Herren und lässt ihre Schwänze bei dir rein, wo und wie sie es wollen, verstehen wir uns?»

«Und wenn nicht?»

Sibylle verzieht die Lippen zu einem Grinsen. «Kannst du dich bei mir abmelden.» Sie beugt sich über den Tisch. «Das ist nicht alles», sagt sie leise. «Dein letzter Freier hat ein Filmchen gedreht, mit dir in der Hauptrolle, weisst du das?»

Violetas Augen weiten sich. «Das ist nicht wahr.»

«Er hat so einen Fetisch mit versteckten Kameras. Er hat mir das Video ausgehändigt. Du machst deine Sache wirklich gut.» Sibylle zieht einen Datenstick aus ihrer Handtasche. «Machen wir es kurz: Du weigerst dich weiterhin, und ich lade den Streifen auf ’Youporn’ und ein paar andere Plattformen hoch, wo sich die Kerle umsonst an dir aufgeilen können. Was glaubst du, was deine Eltern dazu sagen werden, wenn sie es erfahren?»

«Das darfst du nicht.»

«Zeig mich an.» Sibylle lacht trocken. «Meinst du, so was kratzt irgendwen?» Sie steckt den Stick wieder ein. «Es liegt bei dir.»

Violeta beginnt, leise zu weinen. Sibylle rückt ihren Stuhl auf ihre Seite und reicht ihr ein Papiertaschentuch. «Was ist denn dabei, Violeta?», sagt sie mit sanfter Stimme. «Es dauert eine Stunde, wenn’s hochkommt. Dann ist es vorbei, und du hast dir eine Stange Geld verdient. Wie lange musst du für drei Tausender kellnern oder im Laden hinter der Kasse stehen?»

Violeta trocknet ihre Augen. «Lange.»

«Eben.» Sibylle umarmt sie und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. «Ich sage dir was: Ich werde Malcolm anrufen und ihn bitten, sanft mit dir umzugehen. Ginge das in Ordnung für dich?»

«Würdest du das tun?»

«Klar. Keine Angst, es wird gut gehen. Vielleicht gefällt es dir sogar.» Sibylle wischt mit beiden Daumen die Tränenspur von Violetas Wangen.


Sie bestellt sich selbstzufrieden ein Cüpli. Bisher hat sie jedes ihrer Fohlen im Zaum halten können. Das Handy klingelt, als sie der Kellnerin winkt. Sie schmunzelt, als sie den Namen auf dem Display liest.

«Matteo, Schatz. Unverhofft kommt oft. Du hast dich seit bald einem Jahr nicht gemeldet.»

«Entschuldige, Sibylle, ich war viel unterwegs. Die liebe Familie, du weisst ja.»

Sie weiss es nicht. Ihre Familienbürde hat sie schon seit geraumer Zeit abgelegt. «Was kann ich für dich tun, bello?»

«Es gibt eine Sache, die wir mit dir besprechen wollen.»

Sibylle hatte inzwischen nebenbei gezahlt und steht vor dem Lokal auf der Hauptgasse. Sie steckt sich eine Zigarette in den Mund. «Worum geht’s, und wer ist wir?»

Während sie Matteo zuhört, vergisst sie, sich Feuer zu geben.


SIEBEN

Gemeinsam schafften Gamper, Alexander und Schwizgebel Sibylles Leichnam die Böschung hinauf zum Pfad und dann zum Haus. Schwizgebel hatte einen langen Tisch im Vorraum des alten Kühlraumes aufgestellt, wo schon Rizzardi und Bloch aufgebahrt waren. Cora half Gamper, die Tote bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Ludivine stand abseits und verfolgte die Leichenschau mit bleicher Miene. Magdalena war in ihrem Zimmer geblieben. Sie wusste noch nichts vom Tod ihrer Freundin.

Sibylles Gesicht wies Abschürfungen auf. An Armen, Beinen und Oberkörper hatte sie Blutergüsse. «Die hat sie sich vermutlich während dem Sturz zugezogen», sagte Gamper. «Der Schlag auf den Kopf muss die Todesursache sein – ein Unfall.»

Cora sah ihn skeptisch an. Die «Unfälle» häuften sich in beängstigender Weise. «Wie kommst du darauf?»

«Du hast ja gesehen, wie glitschig der Pfad ist. Sibylle ist ausgerutscht und die Böschung hinuntergestürzt. Dabei hat sie sich den Kopf an einem Stein aufgeschlagen.»

«Und die Gestalt, die ich am Waldrand gesehen habe? Das kann nur Brand gewesen sein.»

«Bist du sicher, dass er es war, Cora?», fragte Ludivine. «Du sagtest, jemand stand in einiger Entfernung vor dir. Im Nebel kann man sich leicht täuschen.»

«Möglicherweise war ich unter Schock und hatte im ersten Moment Panik. Aber ich weiss, was ich gesehen habe. Es war Brand, todsicher, also ich meine, es war derselbe Mann, dem ich am letzten Freitag begegnet bin.»

«Du denkst, er hat Sibylle getötet?»

«Das habe ich nicht gesagt.» Cora machte eine hilflose Geste. «Ich weiss es nicht. Er war dort und gleich wieder verschwunden.»

«Immerhin hat er vor fünfzig Jahren seine ganze Familie getötet, einfach so», gab Alexander zu bedenken. Er war nicht von Coras Seite gewichen, seit sie ausser Atem ins Haus gerannt kam, um Alarm zu schlagen. Er legte fürsorglich den Arm um ihre Schultern. «Willst du dich nicht etwas ausruhen? Du stehst sicher unter Schock.»

Obwohl sie seine Zuwendung auf eine gewisse Art genoss, löste sie sich behutsam von ihm, damit sie ihn nicht brüskierte. Die Berührung hinterliess ein Kribbeln.

Die physische Aufmerksamkeit des hübschen jungen Mannes wurde ihr definitiv zu viel. «Danke, Alex, auch wenn der Eindruck täuschen mag, halte ich einiges aus.»

Folge 35

«Es liegen keine eindeutigen Hinweise auf Dritteinwirkung vor, wie es in der Rechtsmedizin heisst», sagte Gamper. «Irgendwo müsste ein Stein oder Fels mit Blutflecken liegen – die Tatwaffe sozusagen. Ist dir etwas aufgefallen, Cora?»

«Eben nicht.»

«Was willst du damit sagen?»

«Ich habe keinen Stein oder so was Ähnliches gesehen. Wenn doch, hat ihn der Täter in den Bach geworfen. Und wenn Sibylle ausgerutscht wäre und den Kopf an einem Felsen aufgeschlagen hätte, müsste er entweder am Bach oder an der Böschung zu finden gewesen sein, mit Blutspuren. Ich bin sicher, Sibylle lag noch nicht da, als ich das erste Mal an der Stelle vorbeigegangen bin. Regen oder Schnee können das Blut nicht weggewaschen haben.»

«Damit fehlt uns der entscheidende Hinweis auf einen Mord.»

Cora schüttelte energisch den Kopf. «Denk mal nach, René: Durch den Schlag hat Sibylle viel Blut verloren. Wenn sie auf dem Pfad ausgerutscht wäre und den Kopf aufgeschlagen hätte, müssten dort Blutspuren zu finden sein.»

«Die gibt es nicht.»

«Genau das meine ich. Bei der Menge Blut, die sie verloren hat, müsste es welche geben. Das heisst, jemand hat sie niedergeschlagen und die Tatwaffe weggeworfen, vermutlich in den Bach.»

«Ist es nicht möglich, dass der Stein mit Sibylle die Böschung hinunter und ins Wasser gerollt ist, nachdem sie sich am Kopf verletzt hatte», gab Alexander zu bedenken. «Es ist dort ziemlich steil.»

Cora überlegte. «Denkbar», sagte sie schliesslich.

Auch Gamper war nachdenklich geworden. «Wenn ich es mir richtig überlege, könnte Cora recht haben», sagte er. «Aufgrund der Verletzung war es ein grosser, schwerer Stein oder ein grobkantiger Gegenstand. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sibylle ihn beim Absturz mitgerissen hat.»

Ludivine sog scharf die Luft ein. «Ihr meint also, jemand hat der armen Sibylle aufgelauert, um sie zu erschlagen? Dann hat er den Stein oder was immer in den Bach geworfen?»

«Nicht jemand, dieser Brand, wer sonst?», fragte Alexander.

«Das war mein erster Gedanke», sagte Cora. «Ich frage mich, aus welchem Grund er das hätte tun sollen?»

«Weil er nicht ganz richtig ist im Kopf, ganz einfach.»

«Mag sein, aber Brand hatte bereits zweimal Gelegenheit, mich umzubringen. Das passt nicht zusammen. Wenn er planlos Menschen tötet, warum lässt er mich am Leben? Ich hätte mich nicht mal wehren können. Warum sollte er ausgerechnet Sibylle töten?»

«Du passt nicht in sein Opferschema, kann ja sein», gab Gamper zu.

Cora konnte nicht erkennen, wie ernst er das gemeint hatte. «Ungemein beruhigend und im Moment gerade nicht sehr hilfreich, danke, René.»

Gamper deutete mit spitzem Lächeln eine Verbeugung an.

«Was ist mit Matteo und Richard? Soll Brand die ebenfalls umgebracht haben?», konterte Cora.

«Die Kraft, Bloch ein Kissen in das Gesicht zu drücken, hätte er allemal. Matteos Tod könnte ein unglücklicher Zufall sein. Er ist vor unseren Augen gestorben. Hier kann Brand unmöglich seine Hände im Spiel gehabt haben, es sei denn, es ist ihm gelungen, vorher Gift in sein Wasserglas zu geben. Ich denke, das ist eher nicht sein Stil.»

«Wie soll er sich Zutritt zu Blochs Zimmer verschafft haben?», fragte Cora.

Die Antwort darauf hatte Schwizgebel, der sich bisher nicht an der Diskussion beteiligt hatte. «Das ist nicht allzu schwer. Die Haustür bleibt bis spätabends unverschlossen. Normalerweise schliesse ich ab, wenn sich niemand mehr in den Räumen im Erdgeschoss aufhält. Da es am Freitag spät wurde, habe ich das erst kurz nach Mitternacht gemacht.»

«Und die Tür war am anderen Morgen verschlossen?», fragte Cora.

Schwizgebel nickte.

«Wann schliessen Sie am Morgen jeweils auf?»

«Zwischen halb sieben und sieben. Am Samstag war es ziemlich genau Letzteres.»

«Brand hat sich hereingeschlichen, bevor Sie abgeschlossen haben, und sich nach vollbrachter Tat versteckt, bis am anderen Morgen aufgeschlossen wurde? Ist das denkbar?»

«Wenn der Schlüssel steckte, brauchte er nicht zu warten, bis Herr Schwizgebel aufschloss», entgegnete Gamper.

«Die Tür war verriegelt, als Herr Schwizgebel sie öffnen wollte.» Cora wandte sich an den Hausmeister. «Ich nehme an, der Schlüssel steckte.»

«Alles wie immer», bestätigte Schwizgebel.

«Wenn wir annehmen, Brand hatte keinen eigenen Schlüssel zum Haus, kann er nicht hier drin gewesen sein», sagte Cora.

«Das wohl nicht, aber ich habe ihn letzte Woche ein paarmal in der Nähe des Hauses umherstreifen sehen», fügte Schwizgebel an. «Normalerweise hält er sich fern von hier.»

«Brand war hier?», rief Ludivine. «Warum haben Sie mir das nicht gesagt, Fredi?»

«Ausser Chantal und mir war sonst niemand hier oben. Ich habe keine Angst vor Brand.» Er sah in die Runde. «Seit Sie und Ihre Freunde hier sind, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Deshalb ist es mir erst jetzt eingefallen.»

«Ich glaube, die Zeit ist gekommen, mit diesem Herrn Brand ein Wörtchen zu reden», sagte Gamper.

«Wie willst du das anstellen, René?», fragte Ludivine. «Erst mal ist nicht gesagt, dass er sich in seiner Hütte aufhält. Möglicherweise treibt er sich am Tungelpass oder an der Stigellegi herum. Er könnte genauso gut am Gelten sein.»

Folge 36

«Was macht er dort?», fragte Cora.

«Meistens wildert er in dieser Gegend.»

«Er wildert? Das heisst, er ist bewaffnet? Ich habe am Freitag kein Gewehr bei ihm gesehen.»

«Brand besitzt zwei Jagdgewehre», sagte Schwizgebel. «Er ist ein guter Schütze.»

«Super!», rief Alexander. «Er kann uns jederzeit abknallen, sobald wir uns draussen sehen lassen.»

«Das hat er bisher nicht getan, obwohl er dazu Gelegenheit gehabt hätte», sagte Cora. «Ich bin dafür, zu versuchen, mit ihm zu reden. Hat er Telefon?» Sie biss sich auf die Lippen. Selbst wenn er eins hätte, würde es nichts nützen, solange keine Kommunikation möglich war.

«Wenn ihr etwas von Brand wollt, müsst ihr zu ihm hingehen», sagte Ludivine. «Von sich aus kommt er nicht hierher.»

Ausser er will uns tatsächlich allen den Hals umdrehen, dachte Cora.

«Ich gehe zu ihm», sagte Gamper. «Er soll uns Rede und Antwort stehen.»

Ludivine sah Gamper besorgt an. «Du darfst ihm keinesfalls allein gegenübertreten, René.»

Cora überlegte nicht lange. «Ich komme mit. So wie er sich mir gegenüber verhalten hat, scheine ich keine Bedrohung für ihn zu sein.»

«Nehmt Fredi mit», schlug Ludivine vor. «Wenn nötig, kann er ihn im Zaum halten.»

«Wir sollten Brand nicht von vornherein als Schwerverbrecher behandeln. Es ist nicht vertrauensbildend, mit einer ganzen Delegation aufzukreuzen», wandte Cora ein. «Unter Umständen könnte es kontraproduktiv sein. Herr Schwizgebel soll uns den Weg zu seiner Hütte zeigen und sich dann im Hintergrund halten.»

Schwizgebel war einverstanden.

«Die Gewehre meines Vaters liegen im Waffenschrank», sagte Ludivine. «Fredi hat sie instand gehalten. Munition sollte vorhanden sein. Nimm dir eines davon mit, René. Man weiss nie.»

Cora wusste nicht, ob das eine gute Idee war. Bei Brands angeblichen Schiesskünsten und seiner Unberechenbarkeit hatte sie keine Lust, in ein Kreuzfeuer zu geraten. Ihr war eine Situation im Schwarzbubenland lebhaft in Erinnerung, als sie im Fadenkreuz eines Heckenschützen gestanden hatte. Trotzdem stellte sie sich Gampers Absicht, sich zu bewaffnen, nicht entgegen. Es konnte ebenso fahrlässig sein, Brand mit leeren Händen zu konfrontieren.

«Ihr solltet zuerst etwas essen», sagte Ludivine. «Der Aufstieg zu Brands Hütte bei diesen Verhältnissen ist anstrengend. Chantal ist bald mit dem Mittagessen so weit.»

Cora verspürte trotz des Schocks über Sibylles Tod ein nagendes Hungergefühl. Ludivine hatte recht: Sie konnten es sich nicht leisten, schlappzumachen. «Wer verständigt Magdalena?», fragte sie. Sie sah Ludivine an.

«Mir wäre es recht, wenn du das machen könntest, Cora», erwiderte diese. «Du kannst diplomatischer mit ihr umgehen als ich. Die Nachricht wird ihr zusetzen.»

Cora war nicht klar, inwiefern sie das besser als Ludivine bewerkstelligen konnte. Magdalena nervte sie mit ihrer Art ebenso wie den Rest von ihnen. Jemand musste es tun. Sie ging nach oben, während Gamper und Schwizgebel Sibylles Leichnam in den Kühlraum neben die beiden anderen legten.

***

Cora klopfte dreimal an Magdalenas Tür, ohne eine Antwort zu erhalten. Sie drückte die Klinke hinunter. Die Tür war von innen verriegelt. Schliesslich pochte sie mit der Faust gegen die Türfüllung.

«Wer ist da?», vernahm sie eine dünne Stimme aus dem Zimmer.

«Ich bin’s. Cora. Öffnest du mal bitte?»

Es dauerte geraume Zeit, bis der Schlüssel im Schloss gedreht und die Tür einen Spalt geöffnet wurde.

«Entschuldige.» Magdalena liess Cora ins Zimmer treten. «Ich habe eine Schlaftablette eingeworfen und mir Ohrstöpsel reingesteckt. Ich hielt das Geheul des Windes und den Regen nicht mehr aus. Dafür habe ich tief geschlafen.»

«Hast du nichts mitgekriegt?», fragte Cora.

«Was mitgekriegt?»

Cora brachte ihr den Tod von Sibylle so schonend wie möglich bei.

Magdalena sah sie mit glasigen Augen an. «Das ist nicht wahr», hauchte sie. «Sibylle tot? Um Gottes willen, wie ist das passiert?»

Cora erläuterte es ihr, ohne die Möglichkeit zu erwähnen, ihre Freundin könnte einem Mord zum Opfer gefallen sein. Die erwartete hysterische Wein- und Schreiattacke blieb aus. Magdalena war benommen vom Schlafmittel. Lediglich die Tränen flossen in Strömen über ihre Wangen. «Wir werden alle sterben.»

Es war eine nüchterne Feststellung, kein ängstlicher Aufschrei.

Cora umfasste ihre Schultern. «Wie kommst du auf so was?» Sie hoffte, beruhigend zu klingen. Der Gedanke, so absurd er sein mochte, war ihr auch schon durch den Kopf gegangen. Was, wenn Brand, oder wer auch immer der Mörder war, in einen Blutrausch verfallen war und sie alle umbringen wollte? Die Gelegenheit wäre günstig, nun, da sie von der Aussenwelt abgeschnitten waren. Rationales Denken half Cora, die düsteren Grübeleien aus ihrem Kopf zu verbannen. Der Sturm, der aus dieser Bergidylle einen Hexenkessel machte, setzte allen zu. Wenn Cora zuliess, sich von der Angst lähmen zu lassen wie die Maus vor der Schlange, war sie wirklich in Gefahr. Es war nicht die Zeit, dem Tod Raum zu geben, selbst wenn er vermeintlich vor der Tür lauerte.

Folge 37

Magdalena liess sich nicht trösten, was Cora verstehen konnte. Im Gegensatz zu ihr hatte Magdalena die Freundschaft zu den Einzelnen der Clique nach deren Auflösung Ende der achtziger Jahre weiterhin gepflegt. War es der plötzliche Tod ihrer drei Freunde, der sie dermassen verstörte, oder steckte mehr dahinter, eine Gemeinsamkeit, die den alten Freundeskreis über die Erinnerungen an frühere Zeiten hinaus und bis heute verband und aus deren Bann Cora damals getreten war?

«Er wird uns holen, alle», flüsterte Magdalena.

«Wer?»

«Dieser Mörder – Brand.»

«Unsinn. Sibylle hatte einen Unfall.» Sie kreuzte in Gedanken die Finger. «Wir werden nach dem Mittagessen zu Brand gehen und ihn fragen, ob er was gesehen hat.»

Magdalenas Augen weiteten sich. «Zu dem Wahnsinnigen? Ihr seid ja nicht bei Trost.»

«Es wird schon gut gehen.» Cora hatte das Gefühl, sich selbst überzeugen zu müssen. «Kommst du, das Mittagessen müsste inzwischen so weit sein.»

«Ich habe keinen Hunger.»

Cora setzte sich neben Magdalena aufs Bett. «Du solltest etwas essen. Es macht das Ganze nicht besser, wenn du uns zusammenklappst.»

«Sie hatte Angst.»

Die Aussage überrumpelte Cora. «Wen meinst du mit ’sie’? Sibylle?»

Magdalena nickte. «Sie hat es mir gestern gesagt.»

«Wovor hatte sie Angst?»

«Sie hat es mir nicht in allen Einzelheiten erzählt. Matteo und Richard waren an etwas dran – eine alte Sache, für die sich angeblich auch jemand anders interessierte.»

Cora schluckte leer. Sibylle war in diese Geschichte mit dem Gold eingeweiht gewesen? War es das verbindende Element zwischen den Todesfällen? Wer von den Freunden wusste sonst davon? Gamper und Ludivine? Wenn ja, waren sie auch in Gefahr? Konnte es sein, dass Brand ebenfalls hinter dem Geheimnis her war und sie alle aus dem Weg räumen wollte?

Magdalena hatte sich wieder hingelegt und die Augen geschlossen.

«Willst du wirklich nichts essen?», fragte Cora. Magdalena presste die Lippen zusammen wie ein trotziges Kind. Cora ging zur Tür. «Ich bringe dir nachher etwas», sagte sie. Bevor sie die Tür von aussen zuzog, drehte sie sich noch mal zu Magdalena um. «Du schliesst besser wieder ab. Bis später.»

***

Nachdem sie «Blutlauenen» hinter sich gelassen hatten, überquerten sie den Tungelbach und gelangten zum Endmast der Materialbahn. Sie würde bis auf Weiteres ihren Zweck nicht mehr erfüllen können. Die Transportgondel war demontiert worden und lag ohne Rollen am Boden.

«War das der Sturm?», fragte Gamper an Schwizgebel gewandt.

Dieser inspizierte Gondel, Mast und Kabel eingehend. «Keinesfalls, das war mutwillig. Jemand hat die Rollen mit einer Axt oder einem Vorschlaghammer abgeschlagen. Die Gondel ist unbenutzbar.»

«Brand will eine Fluchtmöglichkeit eliminieren», sagte Gamper.

«Kann man mit so was überhaupt Menschen transportieren?», fragte Cora.

«Streng genommen ist es untersagt, aber …», Schwizgebel musterte Cora, «jemand mit Ihrer Postur passt da schon rein. Gondel und Kabel halten die Belastung aus.»

Beruhigend zu wissen. Cora betrachtete die klapprige Holzkiste. Angesichts des Zustandes der Anlage war sie froh, diese Option nicht in Betracht ziehen zu müssen.

Bei trockenem Wetter und guter Sicht war der Aufstieg zum Stierentungel ein Spaziergang. An diesem Nachmittag erwies sich jeder Schritt als Mühsal. Der Schnee auf dem offenen Gelände reichte ihnen bei gewissen Passagen bis über die Knöchel. Sie waren froh, Gamaschen angelegt zu haben. Schwizgebel besass ein zweites Paar, das er Gamper überlassen hatte. Cora trug welche, die Ludivine gehörten. Ohne die Überzüge hätten sie sich nach wenigen Metern klitschnasse Füsse geholt. Der Pfad war nur schwer zu erkennen. Cora und Gamper waren auf Schwizgebels Ortskenntnis angewiesen.

Brands Ablehnung gegenüber seinen Mitmenschen musste sehr gross sein, dass er sich freiwillig in der Einsamkeit dieser Alp verschanzte. Im Sommer und im Herbst vermochten die wildromantische Berglandschaft und der Lauenensee eine ganze Anzahl Wanderer anzuziehen, die auf ihrer Tour in die Lenk oder rund ums Wildhorn hier durchkamen. Cora vermutete eine explizite Absicht der Einheimischen und Promotoren der Region, das Gebiet nicht für den Massentourismus zu erschliessen. Nach etwas mehr als einer Stunde blieb Schwizgebel zur allgemeinen Erleichterung stehen. «Wir haben es fast geschafft. Da oben steht Brands Hütte. Hoffentlich …» Er kniff die Augen zusammen. «Was ist?» Cora konnte die Konturen des im Nebel verschwimmenden Gebäudes kaum erkennen.

Schwizgebel zeigte zur Hütte. «Ich habe eine Bewegung gesehen. Da oben ist jemand.»

Cora blickte angestrengt in die Richtung, die Schwizgebels Hand wies. Sie erkannte schemenhaft den Umriss einer Person, die sich vom grauen Dunst abhob und sich von der Hütte entfernte. «Kann es Brand sein?»

«Wüsste nicht, wer sich sonst hier herumtreiben sollte.» Schwizgebel legte beide Hände trichterförmig um den Mund. «Ohe, Wernu! Warte mal, wir müssen mit dir reden.»

Die Person machte keine Anstalten anzuhalten. Im Gegenteil, sie beschleunigte ihre Schritte.

«Er geht Richtung Krete. Wahrscheinlich will er sich über die Stigellegi und den Tungelpass absetzen», rief Schwizgebel. «Soll ich ihm nach?»

Folge 38

«Können Sie ihn einholen?», fragte Gamper.

«Wenn ich allein losgehe, warum nicht.»

«Gehen Sie, Fredi, Frau Johannis und ich laufen zur Hütte. Wenn wir Glück haben, finden wir irgendwelche Hinweise darauf, was er getan hat oder vorhaben könnte.»

Cora fragte sich, was Gamper sich erhoffte. Brand würde kaum so dumm sein und den blutigen Stein in der Hütte aufbewahren, mit dem er Sibylle erschlagen hatte. Nach dem, was sie von Magdalena erfahren hatte, verstärkten sich ihre Zweifel an der Richtigkeit, Brand zum alleinigen Verdächtigen zu stempeln.


Die Hütte war solide gebaut und ganzjährig bewohnbar, sofern man damit klarkam, sich in schneereichen Wintern ständig selbst ausgraben zu müssen. Brand hielt offenbar kein Vieh. Der Stallteil war zugunsten des Wohntraktes umgebaut worden. Im Küchenbereich des Wohnraumes gab es eine offene Feuerstelle, die nicht mehr zum Kochen benutzt wurde. Der mit Holz befeuerte Küchenherd war warm. Auf dem Tisch stand ein Teller mit einem Rest Tomatensuppe aus der Dose, dazu ein angebissenes Stück Brot und eine volle Tasse Kaffee. Cora befühlte die Unterseite des Tellers und die Tasse. «Lauwarm. Brand war bis eben noch da.»

«Wie es aussieht, läuft er vor uns davon», sagte Gamper. «Er muss uns gesehen haben.» Er legte sein Gewehr auf den Tisch.

«Dieses Ding ist ja wohl überflüssig», sagte Cora.

«Wart’s ab. Wir müssen wieder zurück. Ich fühle mich sicherer, wenn ich den Kerl auf Distanz halten kann.» Gamper griff hinter seinen Rücken, zog eine Pistole hervor und reichte sie Cora.

«Was soll ich damit?», fragte sie erschrocken.

«Das ist meine Ordonnanzwaffe. Sie ist geladen, nimm sie.»

«Bist du wahnsinnig? Du hast eine scharfe Waffe mit auf die Alp genommen, an ein Treffen unter Freunden?»

«Nettes Treffen. Drei von uns sind tot.»

«Und du konntest das voraussehen, oder wie?» Coras Magen krampfte sich zusammen. Wie gut kannte sie Gamper? Die Tatsache, sich vor dreissig Jahren bedingt durch einen jugendlichen Hormonüberschuss mit ihm eingelassen zu haben, machte ihn nicht zwingend vertrauenswürdig, eher das Gegenteil. Sie bewegte sich langsam auf die Tür zu.

«Hast du Angst vor mir, Cora? Wollte ich dir etwas antun, würde ich dir nicht eine geladene Pistole in die Hand drücken.»

«Ich will das Ding nicht. An keinem Ort der Welt, wo mich die Arbeit je hin verschlagen hat, war ich gezwungen, eine Waffe zu tragen. Ich habe nicht die Absicht, jetzt damit anzufangen.»

«Es ist eine Sicherheitsmassnahme, solange sich Brand da draussen herumtreibt.»

«Wie viele Gewehre besitzt er, hat Fredi gesagt?»

«Weiss nicht. Es müssten zwei sein.»

Cora zeigte auf die Wand neben der Tür. «Da hängen zwei Gewehre. Brand ist ohne Waffe weggelaufen.»

«Was, wenn es ein drittes Gewehr gibt?»

«Ich brauche die Pistole nicht. Und ich will nicht mit dir darüber diskutieren.» Cora verschränkte die Arme.

«Na schön, wie du willst.» Schulterzuckend legte Gamper die Pistole auf den Tisch. Er ging zum Herd und befühlte den italienischen Kaffeekocher. «Kaffee?»

Cora winkte ab. Es war ihr unangenehm, in einem fremden Haus herumzuschnüffeln. Streng genommen begingen sie Hausfriedensbruch. Ausserdem fühlte sie sich nicht gut. Hier hatte Brand vor fünfzig Jahren seine Frau und sein Kind mit einer Axt erschlagen. Sie glaubte, wieder den eiskalten Hauch im Nacken zu spüren. Ihre Mutter hätte ihr erklärt, es wäre ein Zeichen. «Gehen wir?», fragte Gamper.

«Wir sollten warten, bis Schwizgebel kommt. Lass uns nach draussen gehen.»

«Warum?»

«Weil mir hier drinnen nicht wohl ist.»

Gamper lachte. «Du bist nicht oft in den Bergen, was?»

«Wie meinst du das?»

«Weil alpenländische Gastfreundschaft nicht zulässt, Besucher draussen im schlechten Wetter sitzen zu lassen. Reiner Lebenserhaltungstrieb. Wir stehlen ja nichts.»

Er setzte sich auf die Holzbank hinter dem Tisch und legte das Gewehr griffbereit neben sich.

Die Pistole liess er auf der Tischplatte liegen. «Setz dich wenigstens, während wir warten.»

Cora nahm ihm gegenüber auf einem Stuhl Platz. «Hast du mit Sibylle, Matteo oder Richard gesprochen, bevor du hierherkamst?»

«Warum fragst du?»

«Weil du eine Pistole mit dir herumträgst. Sag schon, haben sie mit dir über eine alte Geschichte gesprochen, aus dem Zweiten Weltkrieg?»

«Was soll meine Pistole damit zu tun haben?»

Cora zögerte. Sollte sie wirklich mit ihm darüber sprechen. Wem konnte sie sonst vertrauen? «Keine Ahnung, deshalb frage ich ja. Wieso dachtest du, es könnte hier oben gefährlich werden?»

«Woher glaubst du, es zu wissen?»

Sie erzählte ihm von Matteos Briefen, dem Gold und was sie von Magdalena über Sibylle, Bloch und Matteo erfahren hatte.

«Du meinst tatsächlich, sie mussten deswegen sterben?», fragte Gamper.

«Es gab offenbar eine geheime Absprache zwischen Schweizer und deutschen Geheimdienstoffizieren. Das Gold sollte in einen Bunker der Festung gebracht werden. Sobald genug Gras über den Gräbern ihrer Opfer gewachsen war, wollten die alten Naziratten aus ihren Löchern hervorkriechen und es sich wiederholen. Möglicherweise gibt es noch heute einflussreiche Leute, die das Ganze nicht am Tageslicht sehen wollen.»

Folge 39

Gamper sah sie eindringlich an. «Und die sollen Matteo, Richi und Sibylle ausgerechnet auf dieser Alp aufgelauert haben, um sie um die Ecke zu bringen – mitten im Sturm? Das glaubst du selber nicht, Cora. Die Geschichte ist an den Haaren herbeigezogen wie ’Indiana Jones – Jäger des verlorenen Schatzes’.»

Sie machte eine hilflose Geste. «Ich bin zu dieser Story gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Je mehr ich darüber höre, desto grösser ist meine Tendenz, sie zu glauben.» Sie sassen eine Weile schweigend da. «Also gut», sagte Gamper schliesslich. «Karten auf den Tisch: Richi hat mich eingeweiht. Ich fand es so haarsträubend wie du. Spätestens seit gestern, nachdem ich ihn tot im Bett gefunden habe, bin ich mir nicht mehr sicher.»

«Weiss Ludivine von der Sache?»

«Ich glaube nicht, weshalb fragst du?»

«Du kennst sie besser als ich, schliesslich wart ihr mal ein Paar und versteht euch heute noch – oder wieder.»

«Mit Unterbrüchen.» Gamper sah Cora vielsagend an.

«Das gehört nicht hierher.»

«Ich dachte, wir wollten dieser Tage alte Erinnerungen auffrischen.»

«Gewisse Dinge sollte man ruhen lassen. Weiss Ludivine von der Goldsache?»

«Ich habe nie mit ihr darüber gesprochen.»

«Vielleicht sollten wir das tun», sagte Cora.

«Was willst du ihr denn erzählen und weshalb?»

«In Matteos Unterlagen bin ich auf Dokumente gestossen, die ihm sein Grossvater gegeben hat. Er spionierte im Krieg für die Amerikaner in der Schweiz. In den Papieren wird ein Major Spiegelberg erwähnt, ein Generalstäbler, der für den Militärischen Nachrichtendienst arbeitete.»

«Leopold Spiegelberg, Ludivines Vater? Er ist 1967 am Wildhorn umgekommen. Sein Leichnam wurde zehn Jahre später in einer Spalte des Tungelgletschers gefunden.»

«Er war Verbindungsoffizier zu den Deutschen gewesen und half mit, die geheimen Kontakte zur SS aufzubauen.»

Gamper nickte. «Ein unrühmliches Kapitel in unserer glorreichen Geschichte. Die Kontakte zu den Nazis wurden von General Guisan sanktioniert. Als der Krieg vorüber war, feierte man den General als Nationalhelden, während sein Geheimdienstchef Masson deswegen öffentlich verdammt wurde.»

«Ironie der Geschichte», sagte Cora. «Es waren mitunter seine Verbindungen, die dafür sorgten, die Schweiz aus direkten Kriegshandlungen herauszuhalten.»

«Da magst du recht haben. In den Geschichtsbüchern macht sich so was eben nicht so gut. Schon eher die Heldengesänge über die unbesiegbare Schweizer Armee, die im Alpenréduit dem übermächtigen Feind trotzt und jeden Felsen und jedes Edelweiss bis zum letzten Blutstropfen verteidigt.»

Cora sah ihn belustigt an. «Ich wusste gar nicht, dass du der alten Schweizer Geschichte dermassen zynisch gegenüberstehst. Die Geschichtsbücher wurden inzwischen revidiert.»

«Das ist genau mein Punkt. Was sollen die Dokumente des Amerikaners heute beweisen? Dass Spiegelberg von den Transporten wusste? Na und? Wen kratzt das noch? Er ist seit fünfzig Jahren tot.»

«Ich weiss es nicht. Ich mache mir Gedanken, wieso sein Name in den Papieren des OSS auftaucht.»

Gamper verzog skeptisch den Mund. «Damals wie heute haben die Amis und ihre alliierten Busenfreunde jeden verdächtigt und ausspioniert, der sich nicht eindeutig auf ihre Seite stellte. Die Schweiz galt als neutral.»

«Und hat damit einen guten Schnitt gemacht.»

«Das ändert nichts an der Tatsache.»

«Hat Ludivine dir nie von ihrem Vater erzählt?»

«Sie kannte ihn überhaupt nicht. Sie ist ein paar Monate nach seinem Tod auf die Welt gekommen. Zu diesem Zeitpunkt wohnte ihre Mutter Césarine bereits wieder in Solothurn. Sie könnte uns weiterhelfen. Aber sie lebt in Südafrika, in der Gegend von Kapstadt, und kehrt ziemlich sicher nicht mehr in die Schweiz zurück. Du musst schon dorthin reisen, wenn du was von ihr erfahren willst.»

Cora nahm sich vor, ernsthaft darüber nachzudenken. Bei dem, was sie über diese Sache wusste, konnte sie geradeso gut Wagner zusagen, sofern sie es jemals schaffen würde, hier wieder wegzukommen. «Ich werde –»

Beide fuhren herum, als die Tür krachend aufgestossen wurde. Gamper hob das Gewehr und richtete es auf den Eingang. Cora hatte reflexartig die Pistole ergriffen. Sie atmeten auf, als Schwizgebels breite Gestalt aus dem Dämmerlicht in den erhellten Raum trat. «Könnten Sie bitte weniger spektakulär auftreten, Fredi?», rief Gamper. «Um ein Haar hätten wir Sie erschossen.»

«Entschuldigung, diese Tür war sonst immer härter zu öffnen.»

«So wie’s aussieht, konnten Sie Brand nicht einholen», sagte Cora.

«Leider nein. Sein Vorsprung war zu gross.» Schwizgebel zeigte mit dem Daumen hinter sich. «Wir sollten uns auf den Rückweg machen. Es dämmert schon. Ich will nicht, dass uns Brand im Dunkeln in den Rücken fällt.»

Schwizgebel ging mit seinem Gewehr im Anschlag voraus. Gamper bildete die Nachhut. Für Cora fühlte es sich an, als befänden sie sich in einem Krieg gegen einen unbekannten Feind.

***

Auf dem Rückweg frischte der Wind auf, es sah nach mehr Sturm, Regen oder Schnee aus. Sie würden weiterhin an diesem Ort festgenagelt bleiben.

Folge 40

Zurück in «Blutlauenen» sah Cora als Erstes nach Magdalena. Deren Stimmung hatte sich seit dem Mittag nicht gebessert. Das Tablett mit dem Mittagessen war unberührt geblieben. Die inzwischen erkaltete Suppe war geronnen. Auf dem Seelein aus Bratensosse im Kartoffelstock schwamm ein weissliches Häutchen.

«Ich habe dir gesagt, ich kann nichts essen, solange ein Mörder frei in der Gegend herumläuft», erwiderte Magdalena matt. «Habt ihr Brand gekriegt?»

Anstelle einer Antwort befühlte Cora Magdalenas Stirn. Sie hatte kein Fieber. «Komm wenigstens zum Nachtessen herunter. Es bringt nichts, dich zu vergraben. Wir müssen zusammenstehen, bis man uns von hier wegholt.»

Zu ihrer Erleichterung erklärte sich Magdalena einverstanden, das Abendessen gemeinsam mit den anderen einzunehmen.


Eine halbe Stunde später waren alle bei Tisch. Cora sass zwischen Ludivine und Alexander, der missmutig dreinblickte. Magdalena hatte neben ihm Platz genommen. Gamper schloss den Kreis der reduzierten Runde. Chantal sah müde aus. Ihr Gesicht wirkte grau und eingefallen. Die Erschöpfung lag wie eine schwere Last auf ihren Schultern. In gebeugter Haltung ging sie zwischen Anrichte und Tisch hin und her. Dabei zog sie ein Bein leicht nach. Was konnte den Verfassungswechsel bei der resoluten Frau hervorgerufen haben?

Ludivine beobachtete ihre Haushälterin ebenfalls mit einem besorgten Ausdruck. «Was ist los mit Ihnen, Chantal? Sie hinken ja.»

Diese machte ein Gesicht wie eine Schülerin, die sich beim Rauchen auf dem Pausenhof hatte erwischen lassen. «Es ist nichts, ich bin vorhin auf der Kellertreppe gestolpert.»

Gamper bot an, sich das anzusehen. Chantal schüttelte energisch den Kopf. «Danke, das ist nicht nötig, Herr Doktor. Wahrscheinlich eine leichte Zerrung. Ich habe den Fuss mit dem Hausmittelchen meiner Mutter eingerieben. Bis morgen wird er wieder sein wie neu.»

«Falls nicht, kommen Sie zu mir, in Ordnung?», sagte Gamper.

Chantal neigte dankbar lächelnd den Kopf und setzte den Service fort. Cora zweifelte, dass ihre Verletzung allein für ihren Zustand verantwortlich war.

Ludivine dachte wohl das Gleiche. «Legen Sie sich hin, Chantal. Sie brauchen Ruhe, damit Sie morgen wieder in Form sind.»

«Madame, ich –»

«Das ist keine Bitte, Chantal. Wir bedienen uns selber und räumen später ab, nicht wahr?» Ludivine blickte in die Runde. Alle stimmten zu. Chantal fügte sich, lehnte jedoch entschieden ab, auf ihr Zimmer begleitet zu werden. «Je vous remercie,
Madame, wenn Sie etwas brauchen …»

«Keine Sorge. Wir werden für einen Abend ohne Sie zurechtkommen.»

«Das Wetter verschlechtert sich wieder», sagte Ludivine, als Chantal draussen war.

Cora durchschaute ihre Absicht, vom Unwohlsein der Haushälterin abzulenken. Sie war die geborene Gastgeberin, die sich keine Blösse geben wollte. Ein Charakterzug, den sie sich im jahrelangen Umgang mit exzentrischen Künstlern und anspruchsvoller Kundschaft angeeignet haben musste. Nicht
umsonst war sie in der internationalen Kunstszene und der gehobenen Gesellschaft eine gern gesehene Persönlichkeit. Früher hatte Cora das gestelzte aristokratische Gehabe ihrer Freundin belächelt, die sie der konsequenten Erziehung ihrer Mutter verdankte. Heute zollte sie ihr Bewunderung für ihre sanfte Art, Zuversicht zu verbreiten.

Magdalena hatte ihren Appetit wiedergefunden, zumindest auf Alkohol. Als Schwizgebel, der sich anerboten hatte, für Chantal einzuspringen, die Suppenteller abräumte und den Hauptgang servierte, hatte sie bereits drei Gläser Wein intus und schenkte sich ein viertes ein. Ludivine sah ebenso grosszügig darüber hinweg wie Cora. Beide waren stillschweigend übereingekommen, Magdalena ihre Weise, um Sibylle zu trauern, und die Pflege ihres Selbstmitleides für den Abend zu lassen.

Kaum hatte Cora ihr Stück Heidelbeerkuchen aufgegessen, wurde der Raum mit einem Schlag in Dunkelheit gehüllt. Nur der flackernde Schein der Kerzenhalter auf Tisch und Anrichte erleuchtete die Szenerie, die sie unter weniger dramatischen Umständen romantisch gefunden hätte.

«Was ist jetzt wieder los, verdammt noch mal!», rief Gamper. Die Blicke aller richteten sich auf Schwizgebel, der im Begriff gewesen war, eine Flasche Wein zu entkorken, bevor das Licht weg war. Gampers Ausruf riss ihn aus der Starre. Er stellte die ungeöffnete Flasche auf die Anrichte. «Ich gehe nachsehen.»

Alexander schnupperte demonstrativ mit gereckter Nase. «Riecht ihr das?», fragte er.

«Was?»

Cora roch es auch. «Das ist Rauch.»

«Hat Chantal in der Küche etwas anbrennen lassen?», fragte Magdalena und sah mit glasigem Blick in die Runde.

«Nicht diese Art Rauch.» Gamper sprang auf. «Es brennt irgendwo – der Generator. Schnell, Fredi!» Beide rannten hinaus.

«Ist es wirklich nur der Generator?», fragte Cora.

«Wenn nicht, hätten wir es bereits gemerkt, glaub mir», sagte Ludivine. «Das Haus besteht zu einem grossen Teil aus Holz. Wenn es anfängt zu brennen, steht in Windeseile alles in Flammen. Nicht umsonst hängen überall Feuerlöscher.»

Wenig später kam Gamper mit russverschmiertem Gesicht und schwarzen Flecken am Hemd zurück. «Es ist tatsächlich der Generator.» Er liess sich in einen Stuhl fallen.

«Kurzschluss?», fragte Ludivine.

Folge 41

«Brandstiftung, würde ich sagen. Fredi meint, jemand hat Diesel über den laufenden Motor geleert.»

«Dieseltreibstoff ist schwer entzündbar», sagte Cora. «Dafür braucht es mehr als ein Streichholz.»

«Er wurde über den heissen Motor gegossen», sagte Gamper.

«Wie ist das Feuer dazugekommen?», fragte Cora nach.

«Eine Wunderkerze, wie sie für Geburtstagsfeiern verwendet wird. Der abgebrannte Stiel lag am Boden.» Gamper nahm einen grossen Schluck Wein aus seinem Glas. «Glück im Unglück. Das Feuer hatte sich nicht ausgebreitet und war rasch gelöscht. Der Generator hingegen ist wohl futsch. Alex und Schwizgebel versuchen, ihn zu reparieren. Sieht nicht gut aus.» Er trat an die Anrichte, um die Flasche zu öffnen, die Schwizgebel stehen gelassen hatte.

«Und inwiefern, meinst du, dürfen wir uns glücklich schätzen, für den Rest unseres Aufenthaltes ohne Strom und Warmwasser zu sein?», fragte Magdalena spitz.

«Im Raum neben dem Generator lagert der Holzvorrat. Wenn das Feuer übergegriffen hätte, müssten wir heute Nacht draussen schlafen.»

«Das war Brand, ich bin mir sicher. Du hättest ihn erschiessen sollen, René!», rief Magdalena. «Das hätte ich liebend gern für dich erledigt, Mägi. Leider hat er mir den Gefallen nicht getan, sich vor meinen Gewehrlauf zu stellen.»

«Erzähl keinen Blödsinn», sagte Cora. «Das ist lächerlich. Woher wollen wir wissen, ob Brand das Feuer gelegt hat?»

«Wer soll es deiner Meinung nach gewesen sein, verehrteste Cora?» Magdalena starrte sie mit vom Alkohol benebelten Augen an. «Glaubst du, einer von uns hat den Generator angezündet, damit wir es schön dunkel und kalt haben?»

«Wir können es nicht beweisen, solange wir sein Motiv nicht kennen», entgegnete Cora.

«Motiv, Motiv. Er ist ein brutaler Mörder, reicht dir das nicht?», gab Magdalena heftig zurück. «Du und dein Glaube an das Gute. Dir kann einer den Hals umdrehen, und du bist immer noch von seiner Unschuld überzeugt.»

Cora sparte sich eine Erwiderung.

Alexander kam herein und setzte sich neben seinen Vater, der ihm einen fragenden Blick zuwarf. «Keine Chance, der Generator ist definitiv hin.»

«Also dann! Für den Rest unseres Aufenthaltes ist Kerzenlicht und Katzenwäsche angesagt», sagte Gamper.

«Hat was Romantisches.» Alexander blinzelte Cora zu.

Ludivine gab die Dusche mit dem Gasboiler neben Chantals Quartier für alle frei. «Ich bin wieder auf meinem Zimmer», verkündete Magdalena. «Und damit ihr es wisst, wenn noch mal das Geringste passiert, gehe ich morgen zu Fuss ins Tal hinunter – gefährlich hin, Brand her. Der Idiot kann mich mal.» Magdalena stand auf, schwankte und setzte sich gleich wieder hin. «Hoppla!» Sie lachte kreischend.

Cora trat neben sie, um sie zu stützen. Alexander kam ihr zu Hilfe. Ihre Hände berührten sich. Cora zuckte zurück. Er sah sie breit lächelnd an. Früher oder später würde sie es ihm klarmachen müssen.

***

Den ganzen Tag über hatte Cora immer wieder auf ihrem Handy nachgesehen, ob die Netzdienste allenfalls zu neuem Leben erwacht waren – vergebens. Das Tiefdruckgebiet musste gewaltig sein, wenn es die öffentliche Infrastruktur dermassen beeinträchtigen konnte.

Sie hielt es in ihrem Zimmer nicht mehr aus. Die Decke war nahe daran, ihr auf den Kopf zu fallen.

Sie sammelte Wagners Papiere ein, die sie auf dem Bett ausgebreitet hatte, und legte sie zu Matteos Dokumenten in eine Aktenmappe.

Trotz der entfesselten Welt draussen war es im Korridor geradezu unheimlich still. Der Strahl ihrer Taschenlampe trieb bizarre Licht- und Schattenspiele mit den Jagdtrophäen an den Wänden. Cora war weder abergläubisch noch überaus schreckhaft. Trotzdem setzte ihr der ausgestopfte Kopf des Wildschweines zu, der sich vor ihren Augen in eine grinsende Fratze zu verwandeln schien.

Im Grossen Salon fand sie einen fünfarmigen Kerzenständer. Sie machte die Taschenlampe aus, um Batterie zu sparen. Cora versuchte, die toten Tiere an der Wand und den Tiger auf dem Fussboden zu ignorieren, die ihr im Kerzenlicht entgegenstarrten.

Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Bücherreihen in den Regalen. Die meisten Bücher waren alt und angestaubt. Sie liess die Fachbücher und grossen Fotobände über Wild und Jagd, welche drei Reihen eines Wandregals einnahmen, links liegen. Liebesklassiker aller Epochen beanspruchten ebenfalls einen ansehnlichen Anteil an der verfügbaren Regalfläche. «Madame Dubarry», «Anna Karenina» oder die gesammelten Werke von Jane Austen war nicht die Literatur, die Cora zusagte.

Sie mochte Liebesgeschichten mit einer gehörigen Portion Erotik. Diesbezüglich waren «Lady Chatterley’s Lover» von D.H. Lawrence und Henry Millers «Wendekreis des Krebses» das höchste der Gefühle in dieser Sammlung. Ludivine hatte, zumindest nach aussen, stets den Eindruck vermittelt, nichts von sinnlichen Ausschweifungen zu halten. Cora vermutete, dass Césarine Spiegelberg, im Gegensatz zu ihrer Tochter, eine Schwäche für frivolere Lektüre gehabt hatte.

Das Interesse ihres Ehemannes Leopold galt offenbar der Geschichte, was eine ganze Reihe Historienbücher bezeugte. Neben der Jagd hatte es ihm augenscheinlich vor allem die Militärgeschichte angetan. Cora zählte rund zwei Dutzend Bände, die sich mit dem Thema befassten.

Folge 42

Nicht wenige Schweizer Armeeoffiziere jener Zeit, darunter offenbar Spiegelberg, waren Bewunderer der Kriegskunst deutscher Wehrmachtsgeneräle. Ausser dem legendären Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der als «Wüstenfuchs» auch bei den Alliierten grössten Respekt genossen hatte, sagten die wenigsten der Namen Cora etwas. Sie fand eine Biografie seines Gegenspielers, des britischen Marschalls Montgomery, sowie die Lebensgeschichten von Winston Churchill und Charles de Gaulle. Das zerlesene Exemplar von «Mein Kampf» legte sie sofort zurück. Spiegelberg hatte sich im Lauf seines tragisch abgekürzten Lebens eine bemerkenswerte Mischung von Vorbildern zugelegt.

Coras Gedanken schweiften zu ihren Eltern ab, Siebenbürger Sachsen, die in den sechziger Jahren ihre transsilvanische Heimat in Rumänien verlassen mussten, weil sie vom Regime zunehmend diskriminiert und verfolgt wurden. Als der Diktator Ceausescu und seine Frau 1989 von den eigenen Schergen vor den Augen der Weltöffentlichkeit und live am Fernsehen hingerichtet wurden, hatten Nicolas und Cosima Johannis vor Glück geweint. Doch nach über zwanzig Jahren in der Schweiz wollten sie die Familie nicht erneut entwurzeln. Die damals neunzehnjährige Cora war Schweizerin geworden und hatte keinen direkten Bezug zum Land ihrer Vorfahren. Diktatoren und Despoten kannte sie lediglich vom Geschichtsunterricht und den Erzählungen der Eltern. Sie hatte lange mit sich gekämpft, bevor sie sich eingestehen konnte, einer Flüchtlingsfamilie zu entstammen. Am Ende hatte genau das sie bewogen, investigative Journalistin zu werden. Sie wollte darüber berichten, wie moderne Despoten in den USA, Russland und der Türkei heutzutage gemeinsam mit ihren Mitläufern überall in der Welt Menschen ins Elend und in den Tod trieben. Auf ihren Reisen war ihr klar geworden, was für eine zarte und pflegebedürftige Pflanze die Demokratie war. Manche waren rasch dafür zu haben, politischen Marktschreiern und Rattenfängern zu folgen, die ihnen Sicherheit, Schutz und Wohlstand versprachen, nur um diese exklusiv für sich und ihre Schar von Günstlingen und Klienten zu beanspruchen. Cora war mit einer Spielart der Demokratie gross geworden, welche Aussenstehende als kompliziert und umständlich bezeichneten. Im Gegensatz zu den parlamentarischen und zentralistischen Staatsformen der Nachbarn übernahm in ihrer Adoptivheimat jeder Einzelne mit seiner Stimme die Verantwortung, das Gemeinwesen mitzugestalten, egal, ob er von diesem Recht Gebrauch machte oder nicht.

Der Anblick eines mit einer Glastür verschlossenen Regalschranks brachte sie von ihren Gedankengängen ab. Das holzgerahmte plissierte Rauchglas hinderte sie daran, Titel und Beschriftungen zu erkennen.

Nachdem sie lange zwischen Buchdeckeln und in Schubladen nach einem Schlüssel gesucht hatte, wollte sie nicht mehr Zeit dafür verschwenden. Sie prüfte kurz das Schloss, bevor sie eine Haarnadel aus der Hosentasche zog. Nach ein paar Sekunden war der Schrank offen. Bücher über Waffen- und Kriegstechnik interessierten sie weniger als eine Reihe von Fotoalben. Von den Jahreszahlen auf den Etiketten erschien ihr der Zeitraum 1943 bis 1945 vielversprechend.

Cora blätterte im Fotobuch. Es enthielt grösstenteils Gruppenfotos von Männern mit martialischen Mienen und gegelten Kurzhaarfrisuren in goldbestickten Uniformen. Ein junger Offizier mit hagerem, fein geschnittenem Gesicht und klaren blauen Augen war das häufigste Objekt der Kameras. Leopold Spiegelberg war ein schöner Mann gewesen. Ludivines Ähnlichkeit mit ihm war verblüffend. Auf beinahe allen Bildern trug er die feldgrüne Uniform der Schweizer Armee mit dem breiten schwarzen Ordonnanzstreifen an den Aussennähten der Hosenbeine, dem Emblem eines Offiziers des Generalstabes.

Zwischen den Seiten stiess sie auf ein lose eingelegtes Bild, das zeitlich aus dem Rahmen fiel. Es war ein Hochzeitsfoto. Auf der Rückseite war die Jahreszahl «1960» vermerkt. Césarines Erscheinung kontrastierte mit dem blonden Recken in Galauniform an ihrer Seite. Auf dem Schwarz-Weiss-Bild war nicht zu erkennen, ob ihre Haare schwarz oder dunkelbraun waren. Die Bilder zeigten ein Paar, das Harmonie und Schönheit ausstrahlte.

Cora blätterte im Album chronologisch vorwärts, bis sie glaubte, die Periode um 1945 gefunden zu haben. Ein Gruppenbild erregte ihre Aufmerksamkeit: Es zeigte sechs Uniformierte, einer davon offenbar ein Offizier, die eindeutig nicht Angehörige der Schweizer Armee waren. Die Runen an ihren Kragenspiegeln und die Totenköpfe an den Mützen wiesen sie der SS zu. Sie standen, flankiert von zwei lachenden, mit Karabinern bewaffneten und Stahlhelm tragenden Schweizer Soldaten, vor einem geöffneten Schlagbaum. Im Hintergrund war deutlich ein Fahnenmast zu erkennen, an dem die hellgraue Flagge mit dem weissen Kreuz wehte. Coras Gehirn transformierte die graue Grundfarbe der Flagge auf dem Schwarz-Weiss-Foto in ein leuchtendes Rot.

Sie stutzte. Soldaten der neutralen Schweiz kameradschaftlich vereint mit Gehilfen der grössten Massenmörder aller Zeiten? Wie würde die Öffentlichkeit heute reagieren, sollte das Bild den Weg in die Medien finden? Am linken Unterarm der Uniformjacke eines der deutschen Offiziere erkannte Cora einen schwarzen Rhombus, in dessen Zentrum die Buchstaben «SD» gestickt waren. Soviel Cora inzwischen darüber wusste, gehörten diese Männer zum «Sicherheitsdienst des Reichsführers SS», Himmlers Geheimdienst, der für die Verfolgung und Vernichtung von Juden und anderen politischen Feinden des Reiches verantwortlich gewesen war.

Folge 43

Die Soldaten posierten vor einem Lastwagen, von dessen Kennzeichen Cora das Kürzel «SS» entziffern konnte. Cora wendete das Bild. Die schwarze geschwungene Tintenhandschrift war verblasst, aber leserlich: «Rendez-vous Grenzübertritt Au, Sankt Gallen – 25. April 1945».

Cora blätterte hastig die Seiten um, fand jedoch keine weiteren Fotos. Sie betrachtete das eine Bild erneut. Sie hatte einen Beweis: Ein deutscher Militärlastwagen überquerte in den letzten Kriegstagen die schweizerisch-österreichische Grenze im Rheintal. War das der Goldtransport, der für sie immer noch eher Legende als Wirklichkeit war? Wer hatte das Bild gemacht? Spiegelberg selbst?

Der Leim, mit dem das Foto an der Seite haftete, war alt und spröde. Cora konnte es vom Papier lösen, ohne es zu beschädigen. Behutsam verstaute sie es in der Kartentasche ihrer Wanderhose, bevor sie das Album an seinen Platz zurückstellte.

Eine Metallkassette fiel ihr auf, als sie den Schrank schliessen wollte. Sie war ganz hinten in einem unteren Regal verstaut. Sie öffnete den Deckel und stiess einen leisen Pfiff aus. Sie erriet sofort, worum es sich bei dem in ein weiches, öliges Tuch eingewickelten Gegenstand handelte. Es war eine blitzblank gereinigte und offensichtlich funktionsfähige automatische Pistole. Das musste Spiegelbergs Ordonnanzwaffe sein. Sie roch am Lauf. Die Waffe war kürzlich nicht verwendet worden.

Im Irak war Cora eingeladen worden, einer Übung britischer Sondereinheiten beizuwohnen, an der ein Enkel der Königin teilgenommen hatte. Sie hatten den Prinzen nicht zu Gesicht bekommen, dafür hatte einer der Soldaten ihr gezeigt, wie man eine automatische Pistole handhabte. Sie hatte ein paarmal damit geschossen und recht gut getroffen. Seit sie zu ihrer Betroffenheit feststellte, es könnte ihr gefallen, fasste sie keine Schusswaffe mehr an.

Die Manipulationen hatten sich in ihrem Gedächtnis eingraviert. Sie löste die Magazinverriegelung. Das Magazin war mit acht Patronen voll geladen. Sie schob es zurück und verstaute die Pistole in der Kassette, die sie an ihren Platz legte.

Sie hatte keine Lust mehr, sich weiter mit den Papieren zu beschäftigen. Nachdem sie die Kerzen ausgeblasen und die glühenden Dochte ausgedrückt hatte, trat sie den Rückweg in ihr Zimmer an.

Der Wind heulte lauter als vorher um das Haus. Sie fühlte die Bewegung hinter sich eher, als sie sie hörte. Erschrocken fuhr sie herum.

Der Strahl der Taschenlampe traf Ludivine, die sich schützend eine Hand vor die geblendeten Augen hielt. Der Schreck war offenbar auch ihr in die Knochen gefahren.

Hastig zog sie ihren Morgenmantel zusammen und den Kragen hoch. «Cora? Was machst du hier unten, um diese Zeit?», fragte sie, nachdem sie sich gefasst hatte.

«Ich konnte nicht schlafen und wollte mir ein Buch holen.» Es war nicht der Zeitpunkt, mit Ludivine über ihre Entdeckungen in der Bibliothek zu reden. «Und was machst du hier?»

«Ich wollte nach Chantal sehen. Ich mache mir Sorgen um sie. Ich habe sie noch nie in einem solchen Zustand gesehen. René sollte sie am Morgen auf jeden Fall untersuchen.»

«Soll ich dich begleiten? Du hast keine Taschenlampe.»

«Gerne.»

«Spazierst du ständig ohne Licht im Dunkeln herum?», fragte Cora auf dem Weg zu Chantals Kammer.

«Obwohl ich nicht so oft hier war, kenne ich dieses Haus wie meine Westentasche, jede Ecke, jede Ritze und jedes Geräusch. Manchmal habe ich das Gefühl, es spricht mit mir.»

«Bist du sicher, du willst es verkaufen?»

«Man muss Dinge loslassen können, erst recht, wenn man sie liebt.» Ludivine sah Cora von der Seite an. «Das gilt auch für Menschen.»

Cora erwiderte nichts. Sie hielt Ludivines Blick stand.

Chantal sass leise schnarchend in ihrem Fauteuil. In der Hand auf ihrem Schoss lag ein angefangenes Strickwerk.

«Ein Paar neue Socken für Fredi», flüsterte Ludivine schmunzelnd. Sie nahm das Strickzeug und legte es auf den Beistelltisch. Die dicke Wolldecke, die Chantals Beine bedeckte, zog sie bis unter ihren Hals hoch. Die Haushälterin rührte sich nicht. Die beiden verliessen das Zimmer so lautlos, wie sie gekommen waren.

Auf der Treppe ging Cora mit der Taschenlampe voraus. Sie spürte Ludivines Blick im Rücken. Das schlechte Gewissen, heimlich in den privaten Dokumenten der Familie Spiegelberg geschnüffelt zu haben, nagte an ihr.

CHANTAL REYBAZ –
MÄRZ 2018

Chantal freut sich wie ein kleines Kind. Sie wartet, bis der Tee lange genug gezogen hat. Ihr Gast ist in dieser Beziehung anspruchsvoll. Der Besuch war nicht angemeldet, sonst hätte sie einen Vrenelikuchen gebacken, obwohl sie den selbst nicht mag.

Es ist Madames Lieblingskuchen, ein typisches Deutschschweizer Gebäck, langweilig und trocken. Chantal kann die Geschmacksmischung von Vanille mit Bittermandeln nicht ausstehen, geschweige denn das Zitronat, das sie Madame zuliebe auf die säuerlichsüsse Glasur gestreut hätte.

Das wäre immerhin besser, als die halb vertrockneten Stückchen vorsetzen zu müssen, die sie auf die Schnelle beim Bäcker im Dorf besorgt hat.

Ihr Gast ist lange fort gewesen, in all den fremden Ländern, von denen Chantal immer nur in der Zeitung liest.

Wenn sie einen Artikel über einen der Orte findet, geht sie den Text besonders genau durch, in der Hoffnung, auf den Namen von Madame zu stossen.

Folge 44

Sie hat sie vermisst seit jener Zeit, als sie vor ihrer Scheidung zuweilen mit ihrem Mann lange Wochenenden oder ein paar Tage Ferien im grossen Haus oberhalb des Lauenensees verbrachte. Wenn die Herrschaften Lust verspürten, liessen sie sich mit einem Helikopter für den Nachmittagstee nach Gstaad ins «Palace» fliegen. Einige Male durfte Chantal mitgehen. «Damit du auch mal rauskommst», sagte Madame zu ihr. Oft war es spät geworden, und man übernachtete im Hotel. Für das Abendessen im «Grand Restaurant», wo formale Kleidung erwünscht war, hatte ihr Madame ein Kleid geliehen. Natürlich bezahlte sie Chantals Übernachtung, die ein königliches Frühstücksbuffet einschloss.

Das ist vorbei. Chantal hat sich mittlerweile damit abgefunden, in Rougemont zu versauern, das nur wenige Kilometer vom mondänen Gstaad mit all den schönen und reichen Menschen entfernt liegt. Eine Zeit lang kochte und putzte sie bei einer reichen englischen Dame, die ihren Lebensabend an der Waadtländer Riviera in Montreux verbringt – dreimal in der Woche. Bald wurde es ihr zu anstrengend, für das bisschen Geld die gut stündige Bahnreise auf sich zu nehmen. Die Golden-Pass-Linie der Montreux-Berner-Oberland-Bahn vermag Touristen zu faszinieren. Chantal wäre lieber in ihrem geliebten «Blutlauenen» gewesen. Wenn sie auch die Ausflüge nach Gstaad oder einige Male sogar nach Bern genossen hatte, war sie gerne allein auf der Alp zurückgeblieben, vor allem seit jenem Tag, an dem ihr Liebster gekommen war.

Die gnädige Frau hat ihren Tee ausgetrunken und das Gebäck gelobt, als hätte Chantal es selbst gemacht. Sie erzählt ihr, was sie vorhat. Es soll eine besondere Gelegenheit werden, «Blutlauenen» ein letztes Mal in seiner Pracht glänzen zu lassen.

Chantal ist sogleich Feuer und Flamme. Sie erklärt sich auf der Stelle bereit, mit der gnädigen Frau nach Saanen zu fahren, wo ein Helikopter auf sie wartet. Sie wollen sich alles gemeinsam ansehen und festlegen, was es vorzubereiten gilt. Und dann, bevor Fredi Schwizgebel sie heim nach Rougemont fährt, will die gnädige Frau mit ihr im Palace zu Abend essen – wie früher.

Sie sieht ihr geliebtes «Blutlauenen» wieder. Chantal freut sich wie ein kleines Kind.

ACHT

Cora sah verwirrt auf ihre Uhr – kurz vor acht. Sie hatte knapp sechs Stunden ohne Unterbruch geschlafen, das erste Mal seit sie hier oben war.

Die Dusche konnte bis nach dem Frühstück warten, eine notdürftige Wäsche musste vorerst genügen. Sie war hungrig und freute sich auf Chantals exquisites Rührei. Beim Gedanken, es mit ein paar Tranchen frisch gebratenem Speck zu verspeisen, lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

Die langen Gesichter der Schicksalsgefährten und Schwizgebels betretene Miene radierten ihre gute Laune aus, sobald sie in den Kleinen Salon kam. Gamper, Alexander und Magdalena sassen vor dem ungedeckten Tisch. Ein Blick zur leeren Anrichte rückte das Rührei in weite Ferne. «»Was ist los?», fragte Cora.

«Siehst du doch», sagte Gamper. «Sieht aus, als müssten wir uns das Frühstück selber machen.»

«Ist Chantal krank?» Cora wandte sich an Schwizgebel, der ratlos die Schultern hob.

«Ludivine ist bei ihr», sagte Magdalena. «Die arme Chantal, sie sah gestern schlecht aus. Kein Wunder, in ihrem Alter hätte mich diese Aufregung schon lange ins Grab gebracht.»

«Damit wäre dir ein besseres Schicksal beschieden als manch einem hier», sagte Alexander trocken.

Magdalena schnaubte. «Wenn dir dein Vater nicht bald auf dein Schandmaul haut, tue ich’s.»

Gamper machte eine einladende Handbewegung. «Tu dir keinen Zwang an, Mägi. Ihr seid beide alt genug und könnt das unter euch ausmachen.»

Magdalena verschränkte beleidigt die Arme und schaute nach draussen, wo sich die Schneeschicht über Nacht um ein paar Zentimeter erhöht hatte.

Alexander stand auf, kniete vor sie hin und legte bittend die Handflächen zusammen. «Entschuldige, Mägi, ich habe es nicht so gemeint. Du hast recht, mein Benehmen ist inakzeptabel.»

Selbst Cora wäre es schwergefallen, bei diesem Blick nicht weich zu werden. Magdalenas Widerstandskraft war eindeutig schwächer. Erst sah sie Alexander böse an, bevor sich ihr Mund zu einem Lächeln verzog. Mit einer zärtlichen Geste zupfte sie ihn an den Ohrläppchen. «Frecher Kerl! Man sollte dir die Ohren lang ziehen.»

«Bitte.» Grinsend hielt er ihr den Kopf seitlich hin. «Bedien dich.»

«So billig kommst du nicht weg, mein Lieber. Das kostet dich was.»

«Jederzeit und überall, wo und wie du befiehlst.» Ludivine platzte in der allgemeinen Erheiterung herein. Cora hätte nicht gedacht, dass es bei einem Menschen mehrere Stufen von Blässe gab. Bei Ludivine war sie zur Vollendung ausgereift. Sie war jenseits von totenblass.

«Ihr müsst kommen. Chantal … sie … sie ist tot.» Sie sank in den Stuhl neben Cora, die sie festhielt, weil sie befürchtete, ihre Freundin würde gleich wieder vom Sitz rutschen.

***

Chantal sass in ihrem Sessel, genauso wie Ludivine und Cora sie letzte Nacht zurückgelassen hatten.

Das Strickzeug lag dort, wo Ludivine es hingelegt hatte. Der Tod hatte die Haushälterin im Schlaf überrascht.

Gamper war über sie gebeugt. Schwizgebel weinte bittere Tränen um eine Freundin, die beste, wie er sagte. Jahrelang waren sie einander in «Blutlauenen» zur Hand gegangen. «Ihr Tod ist unrecht», schluchzte er. «Hat sie gelitten?»

Folge 45

«Sieht nicht so aus», sagte Gamper und richtete sich auf. «Ihr Herz hat wohl einfach aufgehört zu schlagen.»

«Das will nichts heissen», erwiderte Cora, die ihm zusah. «Das hat es bei den anderen auch. Was ist die Ursache?»

Gamper sah zu ihr auf. «Willst du sie untersuchen?»

«Wenn es so weitergeht, braucht der Helikopter nur ein Mal zu fliegen», sagte Cora.

«Ich wusste nicht, dass du sarkastisch sein kannst.»

Cora winkte ab. «Gibt es
wirklich keine Anzeichen auf Fremdeinwirkung?»

«Keine, die man von einem Kerl wie Brand erwarten würde.» Cora presste die Lippen zusammen und verschränkte die Arme. «Chantal war eine alte Frau. Sie ging auf die achtzig zu. Dazu kommt die anstrengende Hausarbeit, die sie sich nicht nehmen lassen wollte. Nicht zu vergessen die Aufregung und dieses höllische Wetter. Ihr Herz hat nicht mehr mitgemacht. Im Grunde hatte sie einen schönen Tod. Sieh sie dir selber an.» Er machte eine einladende Handbewegung.

Cora trat einen Schritt zurück. Sie hatte nicht das Bedürfnis, eine weitere Tote aus der Nähe zu betrachten. Gamper hatte recht. Nichts sprach gegen eine natürliche Todesursache. Chantal gehörte nicht zur Clique und war nicht in die Kenntnisse eingeweiht, die ihren Freunden das Leben gekostet hatte. Zumindest ging Cora nicht davon aus. Welchen Grund sollte es geben, die gutmütige und treue Haushälterin umzubringen? Ihr Tod war bedauerlich und wohl ihrem hohen Alter zuzurechnen.

Und Brand? Wenn er Chantal getötet hätte, aus welchen Beweggründen auch immer, müssten Spuren zurückgeblieben sein. Da war nichts. Gamper rollte die Ärmel der Toten zurück, um die Arme auf Kampfspuren zu untersuchen. Er begutachtete die Beine, ebenfalls ohne Befund. Cora schaffte es diesmal nicht, sich zu überwinden, den kalten Körper zu berühren. Sie hatte genug Tod gesehen. Von ihr aus konnte Gamper Chantal zu den anderen in den zur Gruft umfunktionierten Kellerraum bringen.

Etwas Ungeheuerliches geschah hier. Bei Rizzardi und Sibylle konnte man sich um die Todesursache streiten. Bei Bloch musste nachgeholfen worden sein. Selbstmord schloss Cora zum Vorneherein aus. Jemand, der sich umbringen will, drückt sich kein Kissen auf das Gesicht.

«m Keller entledige ich sie ihrer Kleider und inspiziere sie nochmals gründlich. Ich will das nicht hier tun», sagte Gamper.

***

«Es ist mein Fehler», schluchzte Ludivine. «Ich hätte sie nicht überreden dürfen, für dieses eine Mal von Rougemont hierherzukommen. Sie freute sich so, ein letztes Mal Herrschaften bedienen zu können. Jetzt ist sie tot. Das verzeihe ich mir nie.»

Cora umarmte sie. Zum ersten Mal seit ihrem Wiedersehen empfand sie Ludivines Gefühle als von Herzen kommend. Sie musste an der alten Haushälterin gehangen haben. «Chantal hätte sich gewünscht, auf diese Art zu gehen – und hier. Sie muss den Ort sehr geliebt haben.»

Ludivine löste sich von Cora und drückte ihr dankbar die Hand. «Das hat sie. Wir haben sie auch sehr gerngehabt. Mutter hat Chantal stets als Mitglied der Familie angesehen, mein Vater wohl ebenso. Für mich war es jedes Mal, als würde ich eine geliebte Tante wiedersehen.» Ein schmerzvolles Lächeln huschte über Ludivines Lippen. «Ihr Tod ist ein Zeichen. Mit ’Blutlauenen’geht es zu Ende. Nun bleibt mir nichts übrig, als es zu verkaufen.»

Cora drückte ihre Hand. «Wie geht es Magdalena?»

«Sie hat sich wieder in ihrem Zimmer eingeschlossen.»

Das war typisch, dachte Cora frustriert. Sie hätte sich auch am liebsten unter ihrer Bettdecke verkrochen.

Augen schliessen und an nichts mehr denken. Mitten in dieser Grübelei durchzuckte sie ein Gedanke wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Ludivine hatte denselben Einfall. «Findest du es nicht merkwürdig …»

«… dass immer dann etwas passiert, wenn Magdalena auf ihrem Zimmer ist?»

Die beiden sahen sich an. «Das ist absurd, oder?», sagte Cora.

«Das Leben ist voller Absurditäten, das macht es deswegen nicht weniger real.»

«Ich meine … ich kann es mir einfach nicht vorstellen. Magdalena soll …? Undenkbar.»

Der Moment war gekommen, die Karten auf den Tisch zu legen.

«Haben Matteo, Richard oder Sibylle in den letzten Wochen mit dir gesprochen?», fragte Cora Ludivine.

«Gesprochen? Worüber?»

«Alte Geschichten über geheime Transporte von Gold im Zweiten Weltkrieg, welches deutsche Soldaten mit Hilfe deines Vaters in die Schweiz geschmuggelt haben sollen.»

Ludivine sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.

«Mein Vater und die Nazis? Das ist lächerlich. Wie kommen sie auf so was?»

«Magdalena hat dir nie was gesagt?»

«Magdalena? Warum sollte sie?»

Es war der Zeitpunkt, Ludivine mit dem zu konfrontieren, was Cora herausgefunden hatte. Sie beichtete, sich vergangene Nacht im privaten Bereich der Bibliothek umgesehen zu haben. Die Pistole verschwieg sie.

Ludivine nahm es gelassen. «Der alte Plunder? Den habe ich mir seit Ewigkeiten nicht mehr angeschaut. Das letzte Mal aus Langeweile. Da war ich fünfzehn oder sechzehn.»

«Du hast dich nie gefragt, was dein Vater mit den Nazis zu tun gehabt haben könnte?»

«Du glaubst nicht, wie egal mir das ist. Für mich war der ganze Kriegskult etwas für ewiggestrige Machos. Das Zeug wird sowieso bald verbrannt.»

Folge 46

Cora nahm sich vor, ihr in einem passenderen Moment nahezulegen, die Dokumente zuerst einem Historiker zu zeigen.

«Ich hatte von alldem keine Ahnung, Cora. Was haben Sibylle, Richard und Matteo denn geglaubt? Dass ich hier auf einem Berg Gold sitze?»

«Das Raubgold soll im Berner Oberland verschwunden sein.»

«Und sicher wurde es im Lauenensee versenkt», sagte Ludivine mit einem für sie ungewohnten Sarkasmus. «Oder es liegt seit Jahrzehnten vergraben in einem alten Schober auf dem Ballenberg. Das ist lachhaft, also wirklich.»

«Matteo und Richard hatten vor etwas Angst, ebenso Sibylle. Vermutlich dreht auch Magdalena deswegen im Roten.»

«Womit wir wieder bei ihr wären.»

«Stimmt. Da ist noch was: Wie es scheint, war René eingeweiht.»

Ludivine lachte. «Das kannst du nicht bringen, Cora. René würde sich zuletzt auf diese Räuberpistole einlassen.»

Cora konnte dem wenig entgegensetzen. So nonchalant Gamper im Umgang mit seinen Mitmenschen sein konnte, so war er doch die Sachlichkeit selbst.

Sie stellte die Frage, ohne sich dabei gross etwas zu überlegen. «Bist du mir noch böse wegen ihm, damals?», fragte sie Ludivine.

«Hast du mich das die Tage nicht schon mal gefragt?»

Cora verzog die Mundwinkel. «Ich weiss nicht. Es beschäftigt mich halt.»

«Vergiss es. Du konntest nichts dafür. Wir waren jung.» Ludivine rückte ihren verrutschten Schal zurecht. «Ich hätte dich nicht eingeladen, wenn ich auf dich wütend wäre. Lass uns die alte Geschichte endlich begraben.» Sie sah auf die Uhr. «Ich mache uns was zu essen.»

***

Während Cora und Ludivine im Salon redeten, hatten Gamper und Schwizgebel Chantal in den Keller gebracht.

Cora kam, wenn auch widerwillig, hinzu, nachdem Gamper die Leichenschau beendet hatte. Es ziemte sich nicht, die Nacktheit der Toten mehr Augenpaaren auszusetzen als unbedingt notwendig. Chantals Leichnam lag bedeckt mit einem weissen Tuch auf einer roh gezimmerten Bahre. Cora bewunderte das volle silberne Haar der Toten. «Es glänzt, als wäre sie noch am Leben», sagte sie. Gamper sah auf. «Wie meinst du das?»

«Ich dachte, das Haar wird nach dem Tod stumpf.»

Achselzuckend beugte sich Gamper wieder über den Leichnam.

Cora hatte Chantal stets mit einem straffen Knoten ihre Arbeit verrichten sehen. Die schulterlangen Strähnen waren nach hinten gezogen. Der Hals war freigelegt. Ein winziger rötlicher Punkt zwischen Halsarterie und Nacken liess sie stutzen. «Hat einer von euch eine Lupe?»

«Hast du was gefunden?», fragte Gamper.

«Mag sein.» Sie nahm dankend das Taschenmesser entgegen, das Schwizgebel aus seiner Hosentasche gezogen hatte. Es enthielt eine kleine Lupe. «Mal sehen.» Cora betrachtete den Punkt lange, bevor sie das Messer an Gamper weiterreichte. «Schau es dir an.»

Er benötigte weniger Zeit. «Du hast recht. Das ist tatsächlich ein Einstich.»

«Ein Insektenstich?»

«Ich muss es mir genauer ansehen», sagte Gamper zögernd. «Dafür brauche ich besseres Licht. Ich hole meine Taschenlampe.» Er gab Schwizgebel das Messer zurück. Cora erstaunte seine Reaktion. Wie konnte ein Insektenstich in Frage kommen?

Um diese Jahreszeit gab es auf dieser Meereshöhe weder Mücken noch Bremsen. Es war nicht auszuschliessen, dass Chantal vor Tagen bei dem warmen Wetter im Tal unten gestochen worden war. Trotzdem war sich Cora fast sicher, dass der Hals der Toten den Einstich einer Spritze aufwies.

NEUN

«Wir werden alle sterben», sagte Alexander mit dumpfer Stimme.

«Das werden wir sicher», erwiderte Cora und setzte sich mit einer Tasse Earl Grey neben ihn an den Tisch. «Irgendwann mal.» Beabsichtigte er, mit der aufgesetzten Trübsinnigkeit ihr Mitleid zu erregen? Seit sie hier waren, suchte Alexander Coras Nähe, wobei er die Absicht dahinter nur dürftig verhehlte.

War es ihm ernst, oder wollte er seinem Vater, mit dem er anscheinend im Dauerkonflikt stand, eins auswischen? Wusste Alexander, was früher zwischen ihr und Gamper vorgefallen war? Oder bildete sie sich seine Avancen nur ein – Wunschdenken einer angehenden Fünfzigerin? Einerseits fand sie es schmeichelhaft, in diesem Alter von einem attraktiven jungen Mann hofiert zu werden.

Andererseits war sie Mutter eines Sohnes, der nahezu so alt war wie Gamper junior. Cora hatte kein Interesse an jugendlichen Liebhabern mit Ödipuskomplex. Aber das Spiel war reizvoll. Es lenkte von der Auseinandersetzung mit dem allgegenwärtigen Tod ab.

«Ich meine es ernst», erwiderte Alexander. «Wir werden alle hier sterben. Jemand macht Jagd auf uns – dieser Brand, ich bin mir sicher. Es ist wie in der Geschichte von Agatha Christie. ’Zehn kleine Negerlein’ oder wie sie heisst.»

Cora lachte. «Wie kommst du auf so was?»

«Du kennst sie sicher auch», beharrte er. «Zehn Menschen, sieben Männer und drei Frauen, treffen sich in einem Landhaus auf einer Insel, wo sie ein Wahnsinniger einen nach dem anderen abmurkst.»

Folge 47

«Ich habe das Buch gelesen. Erstens haben diese Leute alle Verbrechen begangen. Sie haben den Tod von Menschen verschuldet. Das ist bei uns nicht der Fall.»

«Bist du sicher?»

«Wieso? Hast du jemanden getötet?»

Er lächelte verkrampft.

Erwischt, dachte Cora. Der Grünschnabel wollte nichts anderes als sich bei ihr wichtigmachen.

«Und zweitens?», fragte Alexander.

«Wie?»

«Du hast ’erstens’ gesagt, also muss noch was kommen.»

Cora machte eine gleichgültige Geste. «Zweitens sind wir nicht im England von vor fast hundert Jahren, sondern in der Schweiz von heute und auch nicht auf einer einsamen Insel.»

«Dafür sitzen wir auf einem Berg in einem abgelegenen Haus ohne Verbindung zur Aussenwelt.»

«Mit dem Unterschied, dass wir in keinem Krimi mitspielen, sondern im Leben.»

«Es könnte ein Wink des Schicksals sein», sagte Alexander sanft. Er legte eine Hand auf ihren Oberschenkel. Es war geraume Zeit her, seit ein Mann sie auf diese Art berührt hatte. Sie erwiderte seinen Blick lange. Sein Gesicht näherte sich dem ihren. Sie liess es geschehen. Ihr Mund öffnete sich halb. «Das Schicksal, ja?», flüsterte sie.

«Genau.»

Bevor sich ihre Lippen berührten, legte sie ihre Hand auf seine, die unablässig weiter hochrutschte. «Das Schicksal sorgt gleich dafür, dass du dir eine Ohrfeige einfängst, wenn du nicht sofort deine Hand von meinem Schoss nimmst.»

Seine Gesichtszüge froren ein. Er zog seine Hand zurück.

«Ich habe gedacht, du wolltest es.»

«Tue ich auch – gelegentlich – mit Männern, die meiner Altersklasse entsprechen und nicht mit halben Kindern.»

«Wie mein Vater, oder wie?» Er lachte abschätzig.

«Du bist zu jung, das zu verstehen – war ich auch mal. Nur bin ich nicht die werbeträchtige Luxusuhr, die vom Vater auf seinen Sohn übergeht.»

«War er gut?»

«Wer?»

«Mein Vater.»

«Wenn du mit ’gut’ den Sex ansprichst, kriegst du von mir keine Antwort. Mach gefälligst deine eigenen Erfahrungen. Wie alt bist du?»

«Fünfundzwanzig.»

«Gerade mal drei Jahre älter als mein Sohn, und der hat eine um fünfzehn Jahre ältere Freundin. Was ist mit euch jungen Kerlen los? Sucht ihr euch eine Art Mutterersatz, oder was?»

Alexander lächelte schief. «Es gibt diesen Spruch: Auf alten Pfannen–»

Cora hob die Hand. «Bring den Satz zu Ende, und du kriegst eine gewaschen.»

«Okay, okay, entschuldige.»

«Schon gut.» Sie senkte die Hand wieder. «Du bist ein gut aussehender Junge. Die Frauen in deinem Alter müssten Schlange stehen bei dir.»

«Langweilig. Die wollen es nur nach SchemaF.»

«Was heisst das?»

«Immer dasselbe: Vorspiel, bumsen, nachher kuscheln und reden– Blümchensex halt.»

«So was nennt sich auch Liebe und gegenseitige Zuneigung.» Cora machte eine Geste, als wollte sie diese Aussage von sich weisen. «Bitte, es kann auch sein, dass ich altmodisch bin.» Sie erwähnte nicht, ebenso wenig auf Blümchensex zu stehen.

«Ich will Abwechslung, den Kick. Es darf gerne mal schmutzig sein.»

Seine und ihre Auffassung von ’schmutzig’ in Bezug auf Sex waren ziemlich sicher nicht dieselben. Sie wollte nicht wissen, was Alexander darunter verstand. Gleichzeitig war sie die Letzte, die sich darüber ein Urteil erlauben wollte. Sex war für Cora eine willkommene Gelegenheit des Sichgehenlassens, bei der es durchaus temperamentvoll zur Sache gehen durfte. Es machte ihr nichts aus, sich beim Liebesspiel führen zu lassen, wenn sie im Gegenzug ebenfalls den die Gangart bestimmenden Part übernehmen durfte. Was für sie zählte, waren Vertrauen und Respekt für den Partner und dafür, wie weit er zu gehen bereit war. So schmeichelhaft Alexanders sexuelle Anziehung zu ihr war, sie hätte ihn überfordert und wäre sich später vorgekommen wie eine Missbrauchstäterin. Sie brachte es ihm diplomatisch bei.

«Das mit dem Vertrauen und dem Respekt habe ich mir nie überlegt», sagte er nachdenklich.

Das genau war das Problem, dachte Cora, ohne es auszusprechen. Die Jungen wurden heute vom Babyalter an in Watte gepackt. Wo sie sich früher beim Spielen blaue Flecken, blutige Knie oder bei besonderen Gelegenheiten ein Augenveilchen holen durften, drohten heute überforderte und ängstliche Eltern mit Polizei und Anwälten. Im Gegenzug wurden sie in der Schule auf Wettbewerb und Hochleistung getrimmt, an denen manche schon im Teenageralter zerbrachen. Diejenigen, die es schaffen, sich in einer emotionsgeladenen und gleichzeitig gefühlstoten Hochleistungsgesellschaft emporzuboxen, sahen darin den Freipass, bis zum nächsten Burnout auf Teufel komm raus und ohne Rücksicht auf Verluste zu konsumieren. Sie waren die neuen Libertären, die sich das Recht nahmen, nur das zu bezahlen, was sie konsumierten, und jede Verantwortung dafür ablehnten. Der Rest durfte sehen, wo er blieb. Die Konsequenzen waren psychische Störungen, Drogenmissbrauch, emotionale Armut und eine der höchsten Selbstmordraten von jungen Menschen in Industriestaaten. Wie zurechnungsfähig waren die Leute, welche behaupteten, die Schweiz wäre eine der glücklichsten Nationen der Welt, und es tatsächlich glaubten?

Folge 48

Sie tätschelte Alexanders Arm. «Ich unterhalte mich gerne wieder mit dir, aber ich denke, wir sollten deinem Vater und Ludivine helfen, hinter die Umstände von Chantals Tod zu kommen.»

Er lehnte sich zurück und wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht. «Macht es dir etwas aus, wenn ich bleibe? Ich muss nachdenken.»

Auf der Treppe fragte sich Cora, ob sie nicht zu hart mit Alexander umgesprungen war. Sie hielt sich nicht lange damit auf. Reicher Sohnemann musste lernen, wie sich ein klares Nein anfühlte, erst recht von einer Frau.

Sie stand vor Ludivines Tür und wollte klopfen, als sie von innen Stimmen vernahm. Gampers Bariton und Ludivines Kichern waren deutlich zu hören. «Nicht, René, wenn uns jemand hört.» Darauf folgten Stille und leises Stöhnen.

Cora zog sich zurück.

Sie hatte sich in der Küche einen Krug Kaffee zubereitet und es sich im Grossen Salon vor dem Cheminée bequem gemacht, wo Schwizgebel ein Feuer angezündet hatte.

Ludivine und Gamper kamen zusammen herein. «Frischer Kaffee, sehr schön», sagte Ludivine. Sie schenkte sich eine Tasse ein.

Es fiel Cora schwer, den beiden unbefangen zu begegnen. «Ich glaube, ich brauche etwas Stärkeres.»

«Du hast recht, warum nicht?», sagte Ludivine heiter. Das Schäferstündchen mit Gamper schien ihr gutgetan zu haben, wie Cora nicht ohne Neid feststellte. Sie entschieden sich alle für den Armagnac.

«Weisst du mehr zur Einstichstelle an Chantals Hals?», fragte sie Gamper.

«Sie stammt tatsächlich von einer Injektion.»

«Ich frage mich, wo die Spritze herkommt», sinnierte Ludivine. «Meines Wissens brauchte Chantal keine Injektionen. Sie hatte keinen Diabetes oder andere Leiden, die das erforderten. Sie war kerngesund.»

«Werden im Haus Spritzen aufbewahrt?», fragte Cora.

«Wir haben die übliche Hausapotheke mit Pflastern, Wundsalben und Kopfwehtabletten, keine Spritzen», antwortete Ludivine.

«Chantal hat sie nicht von hier», sagte Gamper.

Die Köpfe der Frauen fuhren herum. «Wie meinst du das?», fragte Cora.

«Mein Arztkoffer enthält Einwegspritzen. Ich hatte fünf Stück mit. Es sind nur vier drin. Ausserdem fehlen drei Ampullen Diazepam, von denen ich ständig einige dabeihabe. Die Tasche steht in meinem Zimmer. Die verriegelte Tür ist bekanntlich kein Hindernis. Jeder kann sich bedient haben.»

«Man hat Chantal mit einer deiner Spritzen und dem Beruhigungsmittel getötet?» Ludivine kämpfte mit ihrer Fassung.

«Oder sie hat sich selber damit umgebracht», sagte Cora.

«Weshalb sollte sie das tun?», fragte Ludivine.

«Warum nicht? Zuletzt machte sie einen deprimierten Eindruck. Dieses Haus und die Familie waren ihr Leben. Durch den Verkauf hätte sie ihren Lebenszweck verloren. Das muss ihr in diesen Tagen klar geworden sein», antwortete Cora.

«Das ist pure Spekulation», sagte Ludivine. «Chantal war traurig, aber niemals unglücklich, weil ich ’Blutlauenen’ verkaufen wollte. Sie hätte sich so was nie angetan.»

Cora hatte dem nichts entgegenzusetzen. Es reizte sie, Ludivine zu widersprechen, und sie hasste sich in diesem Moment dafür.

«Wir drehen uns im Kreis», sagte Gamper. «Ohne Hilfe der Rechtsmedizin können wir nicht mit letzter Sicherheit feststellen, wie Chantal umgekommen ist. Wenn es Mord war, sollten wir uns auf den naheliegendsten Täter konzentrieren.»

«Brand?», fragte Ludivine.

Oder Magdalena, ergänzte Cora in Gedanken. Sie wollte es nicht aussprechen und damit noch mehr wilde Verdächtigungen streuen. Für einmal stellte Ludivine die kritische Frage. «Wie soll er letzte Nacht ins Haus gekommen sein? Alle Eingänge waren verriegelt. Nirgends wurde eingebrochen.»

«Ich glaube, es gibt eine Möglichkeit», liess sich Schwizgebel vernehmen. Er war hereingekommen, um im Cheminée Holz nachzulegen. Er war schweissnass, seine Arbeitsschürze war mit Sägemehl und Holzspänen bedeckt.

«Wie meinen Sie das, Fredi?», fragte Ludivine.

«Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen.»

***

Cora hatte sich den Raum kleiner vorgestellt. An drei Wänden waren Holzscheite in Doppelreihen bis an die Decke gestapelt. Der Brennholzvorrat reichte für mindestens zwei Winter. Er bestand zum grössten Teil aus Fichtenholz. Cora liebte den harzigen Geruch, den es im Kellerraum verströmte. Gott behüte, wenn hier ein Feuer ausbrach. Ihr dämmerte, was für ein Glück sie hatten, dass der Generatorenbrand im Nachbarraum rechtzeitig gelöscht werden konnte. Der Keller war in den felsigen Untergrund der Alp gebaut. Es musste eine enorme Anstrengung gewesen sein. Man konnte hier oben nicht tief graben, ohne auf Fels zu stossen. Schwizgebel erzählte, wie man das Gewölbe freisprengen musste. Leopold Spiegelberg hatte keine Kosten gescheut, seinen Traum zu verwirklichen.

«Wie wird das Holz hier hereingeschafft?», wandte sie sich an Schwizgebel. Sie hatte draussen, auf der Nordseite des Hauses, einen Holzspaltplatz und mehrere Stere Holz gesehen. Es wäre ein grosser Aufwand, das zugeschnittene Kleinholz in Körben oder Kisten ums Haus herum, durch den Haupteingang und in den Keller zu schleppen.