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Vom Sportler zum Bundesratsweibel«Leider erlebte mein Vater nicht, wie ich die Kurve kriegte»

Manfred Aeberhard holte Titel um Titel im Gehen. Der Exzess im Sport kostete ihn sogar seine Ehe. Heute schaut er versöhnt auf ein spannendes Leben zurück.

Das Pokalzimmer von Manfred Aeberhard erzählt viele Geschichten.
Das Pokalzimmer von Manfred Aeberhard erzählt viele Geschichten.
Foto: Nicole Philipp

«Stübli», nennt Manfred Aeberhard liebevoll den Raum, den er gerade betritt. Auf dem Wandregal sind über 50 Pokale aufgereiht. Nicht einfach hingestellt, nein, sie sind säuberlich ausgerichtet, so als trage derjenige, der die Pokale gewonnen hat, immer noch eine Menge Stolz in der Brust. Er zeigt mit dem Zeigefinger auf einen Pokal nach dem anderen, nennt die Namen von den Wettkämpfen im Gehen wie «Grand Prix Mailand, Grand Prix Zürich, Länderkampf in Budapest, Giro della Val Colla» und weiss zu jedem dieser Titel auch eine Geschichte zu erzählen.

Dann nimmt er einen besonders grossen Pokal in die Hand. «Dieser hier ist mir sehr wichtig», sagt er, «da habe ich dreimal nacheinander den Titel über 35 Kilometer gewonnen.» Dann setzt sich Manfred Aeberhard, der mit seinen 85 Jahren immer noch gerne öfter mit seinen Rennvelos unterwegs wäre – eine kürzliche Operation am Herzen bremst ihn aber aus – an einen kleinen Tisch, auf dem mehr als ein Dutzend Medaillen aus Gold, Silber und Bronze aufgereiht sind, und beginnt zu erzählen.

Irgendwo der Beste sein

Der Sport sei in seinem Leben schon immer wichtig gewesen. Er probierte sich im Fussball und im Handball, im Waffenlauf und im militärischen Dreikampf aus, immer durchdrungen vom Willen zum Sieg. Manfred Aeberhard setzte sich ein Ziel: In einer Sportart wollte er der Beste werden. Im Eisschnelllauf gelang ihm das fast, er wurde Zweiter an der Schweizer Meisterschaft. Dann wurde er aufmerksam auf das Gehen.

Eine Sportart, die so simpel, ja ganz ohne Glamour ist: Ein Fuss wird vor den anderen gesetzt, der Bodenkontakt darf aber nie verloren werden. Man sagt über die leichtathletische Disziplin auch, es sei der Versuch, möglichst laut zu flüstern.

Manfred Aeberhard trainierte ein Jahr lang, ganz ohne Trainer, und das reichte, um als Dritter durch das Ziel an den Schweizer Meisterschaften zu kommen. «Ab dann gab es in jedem Jahr einen Titel.»

Manfred Aeberhard an einem Wettkampf in Mendrisio. In den 1960er-Jahren wurde er 9-mal Schweizer Meister.
Manfred Aeberhard an einem Wettkampf in Mendrisio. In den 1960er-Jahren wurde er 9-mal Schweizer Meister.
Foto: zvg

Erst mit 28 Jahren wurde der gebürtige Thuner, der heute in Bern lebt, zum Geher. In den 1960er-Jahren holte er sich viele Titel: So wurde er insgesamt neunmal Schweizer Meister. Und zwar über alle Distanzen: 20, 50, 75 und 100 Kilometer.

Die Zeit sei intensiv gewesen: Am Sonntag lief er von Olivone nach Lugano, eine Strecke von 100 Kilometern, gemeistert zwischen 9 und 10 Stunden. Am Montag um 6 Uhr morgens fuhr er als Wagenführer wieder das Tram aus dem Depot. In den Schichtpausen trainierte er, an den freien Tagen ging es an Wettkämpfe – auch im Ausland.

Dann ging die Ehe in Brüche. «Der Sport war auch noch schuld», sagt Manfred Aeberhard. Heute, mit vielen Jahren Abstand, gesteht er sich ein: Ja, damals war der Sport im Vordergrund. Erst dann kam die Familie. Die Trennung führte zu einem Bruch in seiner Biografie. Völlig überstürzt startete er Mitte der 1970er-Jahre einen Versuch, nach Amerika auszuwandern. In Kalifornien und der Realität des Lebens angekommen, lösten sich die Träume rasch in Luft auf. Er kam zurück, hatte keinen Job und kam an seinem blinden Punkt an. «Leider erlebte mein Vater nicht mehr, wie ich die Kurve kriegte.»

Zu Besuch: Nelson Mandela

Manfred Aeberhard landete beim Bund, wurde später zum Bundesratsweibel. «Das war eine schöne Zeit», sagt er. Während Jahren war er fix dem CVP-Bundesrat Hans Hürlimann aus Zug zugeteilt. Er begleitete ihn an die Eröffnung des Gotthard-Tunnels, empfing die Besucher, servierte Kaffee. Über die Jahre baute sich auch eine Freundschaft auf. «Bundesrat Hürlimann wurde zu einem Ziehvater für mich», sagt Aeberhard rückblickend.

In den 20 Jahren als Weibel begleitete Aeberhard auch die Bundesräte Alphons Egli aus Luzern, Flavio Cotti aus dem Tessin oder René Felber, der seine politische Karriere im Kanton Neuenburg begann. Als dieser das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) übernahm, gab es Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland, die bei Manfred Aeberhard bis heute einen Eindruck hinterlassen haben.

So empfing der Bundesratsweibel sowohl den früheren Palästinenserführer Yassir Arafat wie die niederländische Prinzessin Beatrix. Nichts machte bei ihm aber mehr Eindruck als der Besuch von Nelson Mandela. «Das Treffen war nicht offiziell, trotzdem machte das Gerücht die Runde. Leute standen vor dem Von-Wattenwyl-Haus und weinten, als sie Nelson Mandela sahen.»

Manfred Aeberhard blickt mit 85 Jahren auf ein spannendes Leben zurück. Zu Beginn sei ein neuer Lebensabschnitt manchmal schwierig gewesen, man hadere mit sich selbst und dem Umfeld. Im Rückblick verschwinden diese Brüche, man versöhne sich. «Das Leben geht weiter», sagt er, «jetzt mache ich noch das Beste daraus.»

1 Kommentar
    Kürzer

    Respekt dem, der kompromisslos seine Ziele verfolgt und darin seinen Erfolg findet. Es ist dabei unnötig, anderen etwas beweisen zu müssen. Der Erfolg spricht für sich selbst.