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Streit um LauberhornrennenLehmann rügt unbewegliche Wengener

Der Swiss-Ski-Präsident bekennt sich zum Traditionsanlass – aber nicht um jeden Preis. Seine Lösungsvorschläge werden in Wengen jedoch nicht recht ernst genommen.

Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann fordert: «Die Wengener Organisatoren müssen endlich kommerzieller denken.»
Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann fordert: «Die Wengener Organisatoren müssen endlich kommerzieller denken.»
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Urs gegen Urs, Sonnenkönig gegen Sonnenkönig. Der eine Urs, Näpflin, Organisationschef der Lauberhornrennen, ist seit diesem Mittwoch laut. Er greift Swiss-Ski an, schiesst verbal scharf, sieht sich in der Rolle des Opfers. Der andere Urs, Lehmann, Präsident des Schweizer Skiverbandes, wird kritisiert – sagt aber zum Erstaunen vieler vorerst einmal nichts. Bis er am späten Freitagnachmittag bei einer Pressekonferenz zu einem mehrminütigen Monolog ansetzt.

Auf Anweisung von Swiss-Ski steht Wengen nicht mehr im provisorischen Weltcupkalender 2021/2022. Lehmann sagt, die Situation sei nicht gut («wüsste er vom Streit, würde sich der frühere Lauberhorn-Chef Viktor Gertsch im Grab umdrehen»). Er betont die Wichtigkeit des Klassikers («die Schweiz braucht ihn»). Er stellt ein paar Dinge klar («wir wollen Wengen weder die Rennen wegnehmen, noch sind wir nicht verhandlungsbereit»). Und er präsentiert Vorschläge zur Behebung des eskalierten Disputs, die zwar einleuchten, aber alles andere als revolutionär klingen. Der Aargauer selbst spricht von «bekannten Ansätzen». Weshalb es an und für sich sonderbar wäre, würden sie zur Abkühlung im aufgeheizten Klima beitragen.

Gute Techniker, schlechte Vermarkter

Lehmann zeigt drei Schritte auf, mit denen der Fall Wengen gelöst werden soll. Punkt 1 ist die Vermarktung: Lobt er die Wengener Organisatoren für ihr technisches Geschick, so bezeichnet er sie als schlechte Verkäufer, spricht von grossen kommerziellen Defiziten. «Vom Gedankengut her ist das Organisationskomitee zu wenig gut aufgestellt», sagt der 51-Jährige, welcher vorab den Marketingverantwortlichen Andreas Rickenbacher kritisiert.

«Wir können doch nicht VIPs verköstigen, aber beim Training von Beat Feuz sparen.»

Urs Lehmann

Im Berner Oberland müsse ein Umdenken stattfinden, sagt Lehmann, womit er richtig liegt. Den Vorschlag, über dem Hundschopf einen Werbebogen zu spannen, lehnten die Wengener bis anhin strikt ab, primär aus traditionellen Gründen. Der VIP-Bereich ist defizitär gestaltet, selbst bei voller Auslastung wirft er keinen Gewinn ab. Lehmann sagt: «Wir können doch nicht VIPs verköstigen, aber beim Training von Beat Feuz sparen.» Er fordert ein Einlenken.

Punkt 2 ist die öffentliche Hand, von der Lehmann ein Bekenntnis zum Anlass erwartet. Im Wallis und in Graubünden sei die Unterstützung für Veranstalter von Skirennen substanziell höher. Wobei festzuhalten ist, dass im Kanton Bern das Tourismusentwicklungsgesetz erst seit Mai 2018 wiederkehrenden Support von Weltcuprennen ermöglicht. Der Swiss-Ski-Präsident hofft auf Defizitgarantien, er will beim Brückenschlagen helfen und erwartet die Hilfe von lokalen Politikgrössen, die mittels offenen Briefes das Fortbestehen der Lauberhornrennen fordern. «Aus Wengen hiess es zuletzt aber immer nur: Zuerst wollen wir Geld von euch, dann gehen wir zum Kanton.»

Der Vorwurf: Falsche Angaben

Lehmann ist überzeugt davon, dass die ersten beiden Punkte – sofern richtig umgesetzt – das Wengener Finanzproblem beheben könnten. Und sollte aufgrund besonderer Umstände doch etwas Geld fehlen, sei Swiss-Ski bereit, Hand zu bieten. Das tat der Verband auch nach der kurzfristigen Absage vor drei Jahren: 140’000 Franken wurden nachgezahlt, vor dem Gang ans Internationale Sportgericht (CAS) war so etwas noch per Handschlag möglich. «Wir können und wollen helfen», sagt Lehmann, der 100’000 Franken als möglichen Betrag für ausserordentliche Situationen erwähnt. Die vor Gericht geforderte zusätzliche Million pro Austragung jedoch sei utopisch, «und wer die Wengener Erfolgsrechnungen studiert, der merkt, dass es so viel auch gar nicht braucht».

«Urs Lehmann wird nicht ernsthaft das Gefühl haben, damit durchzukommen.»

Urs Näpflin

Lauberhorn-Chef Urs Näpflin seinerseits ist froh, «dass Swiss-Ski nun endlich Gesprächsbereitschaft signalisiert – darauf haben wir drei Jahre lang gewartet». Auf den Lösungsansatz angesprochen, kann sich Näpflin ein Schmunzeln jedoch nicht verkneifen. «Urs Lehmann wird nicht ernsthaft das Gefühl haben, damit durchzukommen. Die Basis des Gesprächs ist der Zwischenentscheid des CAS.» Und dieser deutet auf einen Sieg der Wengener hin.

Lehmann sagt: «Müssen wir für die Jahre 2017 bis 2021 jeweils eine zusätzliche Million zahlen, sind wir existenziell bedroht.» Denn das Urteil hätte auch rückwirkend Konsequenzen. Näpflin sagt, niemand wolle den Verband ruinieren. Seinen Vorschlag zur gütlichen Einigung will er nicht öffentlich machen, er lässt aber durchblicken, dass sich die Wengener gewiss auch mit weniger als der kolportierten Million pro Jahr zufriedengeben würden. «Swiss-Ski hat falsche Angaben gemacht. Es wäre schön gewesen, wären wir auch an diese Pressekonferenz eingeladen worden, um unsere Sicht der Dinge darlegen zu können.»

Das Gespräch bei Bundesrätin Amherd

Das strukturelle Defizit beläuft auf rund 300’000 Franken pro Austragung. Näpflin wünscht sich mehr Geld aus der Vermarktung, um die sich Swiss-Ski seit 2016 mit eigener AG kümmert. Seither wurden die Abgaben an Wengen von 1,9 auf 2,2 Millionen erhöht, die Einnahmen aus den TV-Rechten jedoch fliessen vollumfänglich an den Verband, was Näpflin als inakzeptabel bezeichnet. Zumal der Fernsehvertrag 2017 deutlich aufgebessert wurde.

Dass Swiss-Ski die Wengener Rennen im Langzeitkalender mit dem Platzhalter «SUI» vermerkt hat, ist heikel, auch wenn das von anderen Nationen auch schon so gehandhabt worden ist. FIS-Präsident Gian Franco Kasper liess verlauten, es müsse Klarheit bezüglich des Austragungsortes herrschen. Und er stellte klar, dass die Lauberhornrennen nicht gestrichen werden dürften. Am Montag ist beim Internationalen Skiverband eine Sitzung geplant.

Auch Urs Lehmann will, dass künftig in Wengen gefahren wird, «aber nicht um jeden Preis». Womöglich hat es den öffentlichen Zwist gebraucht, jedenfalls scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Am Donnerstagmorgen treffen sich die Parteien zum Austausch, am Nachmittag ist ein Gespräch mit Bundesrätin Viola Amherd, dem Berner Regierungsrat Christoph Ammann und Matthias Remund, dem Direktor des Baspo, geplant.

Dann heisst es für einmal: Urs mit Urs.