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Wie man mit arbeitslosen Freunden umgeht

Derzeit sind in der Schweiz 170'000 Menschen ohne Job. Und es wird weiter entlassen. Die Möglichkeit, dass Arbeitslosigkeit auch Freunde trifft, steigt. Doch wie geht man damit um?

Wo finde ich einen Job? Wer arbeitslos ist, braucht Unterstützung.
Wo finde ich einen Job? Wer arbeitslos ist, braucht Unterstützung.
Keystone

Vor kurzem bereiste man noch zusammen die Welt und liess es im Ausgang regelmässig krachen. Und nun sitzt der Kollege zu Hause: gedrückt zwar, aber zumindest noch kampfbereit. Oder im schlimmsten Fall deprimiert und mit bösen Zukunftsängsten kämpfend, weil sein Job weg ist. Eine derartige Zäsur beeinflusst natürlich eine Beziehung. Doch wie verhält man sich in dieser Situation als Freund am besten? Soll man den anderen bedauern oder das Thema Arbeitslosigkeit herunterspielen?

Tatsache ist: Wer nie arbeitslos war, kann sich nur schwer in die Lage eines Betroffenen versetzen. Er weiss nicht, wie es sich anfühlt, nicht mehr gebraucht zu werden, und hat nicht erlebt, wie eine fehlende Struktur den Tag in quälende Länge zieht. Und so mancher Freund sagt dann lieber nichts. Aus Hilflosigkeit. Oder vielleicht auch aus Selbstschutz, um sich nicht noch zusätzlich zu den eigenen Problemen mit den Sorgen des anderen zu belasten.

Zur Sprache bringen

Doch das wäre feige und falsch. «Spricht der andere nicht von sich aus darüber, sollte man als Kollege die Tür ein bisschen aufmachen und fragen, wie es ihm damit geht, ohne Arbeit zu sein», sagt Dieter Hauser, Experte für Berufs- und Studienberatung an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Gleich denkt auch Daniel Birkhofer, der im Berner Kompetenzzentrum Arbeit Leuten dabei hilft, wieder eine Beschäftigung zu finden. «Arbeitslose wünschen sich in erster Linie von ihrem Umfeld emotionale Unterstützung und Verständnis», sagt der Arbeitsorganisationspsychologe. Selbst wer keine ausgeprägte psychologische Ader hat, kann zumindest zuhören. «Es ist so: Wenn andere mit einem mitfühlen, kann das helfen, Leid besser zu ertragen», weiss Martin Hecht, Autor des Buches «Wahre Freunde» (Goldmann).

Dem Kollegen helfen

Ratschläge dagegen sind nach Expertenmeinung nicht angebracht, da sie in dieser Situation eher als «Schläge» wahrgenommen werden könnten. Auch vor Mitleid sollte man sich hüten. Dadurch fühlt sich der andere herabgesetzt. Und nur wer auch vorhat, seine Kontakte zu nutzen, sollte versprechen, «sich umzuhören». «Sonst bleibt das nur eine überflüssige, da unverbindliche Floskel», so Hauser. Für Hecht liegt ein wahrer Freundschaftsbeweis darin, dem anderen nach Möglichkeit zu helfen, einen Job zu finden. Vielleicht kann man den Kollegen empfehlen oder sogar ein Vorstellungsgespräch einfädeln. «Zwar ist so viel Engagement eher eine Ausnahme, wäre aber eine Chance, sich als wahrer Freund zu zeigen», so Hecht.

Für ihn hört auch bei Geld die Freundschaft nicht auf. Im Gegenteil. «Ist Vertrauen in einer Beziehung da, besteht es auch in Gelddingen. Was wäre das für eine Beziehung, wenn man dem Freund in Not nichts leiht?», sagt der deutsche Autor und Journalist.

Wer länger arbeitslos ist, zieht sich oft zurück. Wem am anderen liegt, der sollte da nicht nur zusehen, sondern versuchen, ihn aus seiner Höhle zu locken. Allerdings: «Bei gemeinsamen Aktivitäten wünschen sich Arbeitslose, dass das Umfeld ihre angespannte finanzielle Lage berücksichtigt», sagt Birkhofer.

Grenzen der Freundschaft

Jede Bewerbung, die zurückkommt, leistet Minderwertigkeitskomplexen Vorschub. Es braucht nicht viel, und der Arbeitslose, der auf Grund seiner Lage oft unter einem fragilen Selbstbewusstsein leidet, fühlt sich unterlegen. Auch wenn er von der Umwelt gar nicht so behandelt wird. Dadurch kann mit der Zeit auch gefährlicher Sprengstoff für die Freundschaft entstehen. «Wer ohne eine Stelle ist, glaubt, weniger wert zu sein und wirft dem anderen, der noch einen Job hat, ein erfolgsgeiler Karrierist zu sein, der egoistisch seine Ziele verfolgt», sagt Hecht. Auf Dauer hört das niemand gerne – auch nicht vom besten Freund. In diesem Fall ist der Arbeitslose selbst gefordert. «Wer so fühlt, sollte das thematisieren. Damit der vermeintlich Erfolgreiche dieses Neidgefühl versteht und weiss, was im anderen vorgeht», sagt Hecht. Auch könne es sein, dass das Neidgefühl verschwindet, sobald man es analysiere. Allerdings gebe es für Freundschaft kein Treueversprechen. «Wenn einem der andere nur noch auf die Nerven fällt, ist die Freundschaft irgendwann vorbei», so Autor Hecht. Egal, wie arm der andere dran ist.

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