Mit Youtube meditieren und einschlafen

Teure Meditationsstunden und ausgebuchte Awareness-Kurse lassen sich mit ASMR-Videos umgehen. Wir haben den «Orgasmus im Kopf» ausprobiert.

Claudia Salzmann@C_L_A

Eigentlich wollte ich den Selbstversuch im Büro machen, doch bald merkte ich, dass das zu persönlich ist. Die ASMR-Videos sind etwas fürs Privatleben: Menschen flüstern mir dabei ins Ohr, sie atmen, ich höre sie schlucken, sie reiben die Finger aneinander, ich spüre fast ihre Haare im Gesicht.

Bevor Sie nun denken, es geht in diesem Text um etwas Schlüpfriges, kläre ich auf: A.S.R.M. heisst Autonomous Sensory Meridian Response, darunter versteht man ein Kribbeln auf der Haut, das von bestimmten Geräuschen ausgelöst wird. Nicht jeder ist in der Lage, dieses Kribbeln wahrzunehmen, wie ein Test auf der Redaktion zeigt: Gleich zwei meiner Teamkollegen spüren nichts und entfernen sich schnell von meinem Pult.

Den Selbstversuch mache ich daheim. Eine der wenigen Studien, die das Phänomen untersucht hat, behauptet, dass es beruhigende Wirkung haben und den Puls senken soll. Forscher verstiegen sich gar zur Aussage, dass es bei Depressionen helfen soll.

Was ich bestätigen kann, ist, dass die Geräusche wirklich beruhigend wirken. Wer eine Suche auf Youtube startet, merkt: Man muss einige ausprobieren, bevor man weiss, wen man mag. Ich mag Gina Carla, die laut «NZZ am Sonntag» der Star der Schweizer Szene ist. Im Video bittet sie mich in ihre Wohnung, gar in ihr Bett. 20 Minuten lang flüstert sie mir auf Englisch ins Ohr, das Kribbeln ist sofort da, das Erlebnis ist schön und irgendwie sehr intim.

Bei der Suche merke ich, dass man auch hier – entgegen des Ziels, sich zu beruhigen – seine Zeit optimieren kann. Beispielsweise könnte man mit Gina Schweizerdeutsch lernen. Ich aber entscheide mich für meine Lieblingssprache und lausche einer Geschichte über Todesangst, erzählt von Sasha auf Spanisch.

Sasha ist kurios geschminkt, doch mein Handy habe ich längst zur Seite gelegt, um mich ganz auf das akustische Erlebnis zu konzentrieren. Die melancholischen Gedanken übers Sterben lassen mich grübeln, doch bald verstummt Sasha und fokussiert ganz auf Geräusche. Ich rätsele, mit welchen Gegenständen sie diese macht, doch es spielt keine Rolle. Meine Haut kribbelt, vor allem am Kopf und Nacken. Es ist herrlich.

Die Klickzahlen zeigen mir, dass ich nicht die Einzige bin, die das Kribbeln fühlt. Gina Carlas Winterknuddel-Video wurde innert einer Woche 100’000 Mal abgespielt. 255’000 Personen folgen der Zürcherin, einige wohl auch, weil sie eine hübsche Frau ist. NZZaS will wissen, dass 70 Prozent der Abonnenten Männer seien.

Die Spanierin Sasha hat 350’000 Follower, bei ihr geht es nebst ASMR auch um Rollenspiele, Make-Up und 8D-Einschlafhilfe. Just an diesem Tag werde ich übrigens unter einer Schlafstörung leiden. Nach unruhigem Wälzen gebe ich nach, krame den Kopfhörer hervor und starte ein Video von Zeitgeit, der Mann begrüsst mich mit «Hallo süsse Schlaflosigkeit»:

Woran ich mich als letztes erinnere, ist ein Geräusch, das nach dem Anziehen von Gummihandschuhen klang, danach bin ich tatsächlich eingeschlafen. Zeitgeist, der seine Videos ebenfalls auf Englisch produziert, bietet seinen 870’000 Abonnenten lange Videos, bis zu vier Stunden. Hoffentlich hat noch kein Mensch diese bis zum Ende gehört, das wäre wirklich eine üble Schlaflosigkeit.

Mit ASMR-Videos Yoga oder Meditation zu ersetzen, ist wohl etwas weit gegriffen. Aber als Beruhigung oder als Einschlafhilfe würde ich einen Versuch sehr empfehlen. Die verschiedenen Channels bieten für jede und jeden etwas. Allerdings kommt man nicht darum herum, Geld für einen qualitativ guten Kopfhörer auszugeben, sonst bleibt der «Orgasmus im Kopf» aus.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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