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Das Berner Dreigestirn aus der zweiten Reihe

Eiger, Mönch, Jungfrau, Lobhörner, Schilthorn, Schwalmere: Über mangelnde Bergprominenz kann man sich auf der Zweitageswanderung von Saxeten durch das Sulstal nach Mürren nicht beklagen.

Gruppenbild mit Sonne: Eiger, Mönch und Jungfrau zeigen sich Wanderern auf den Sousböden besonders eindrücklich.
Gruppenbild mit Sonne: Eiger, Mönch und Jungfrau zeigen sich Wanderern auf den Sousböden besonders eindrücklich.
Daniel Fleuti
Panorama auf dem Gipfel: Aussicht vom Bällehöchst auf den Brienzersee.
Panorama auf dem Gipfel: Aussicht vom Bällehöchst auf den Brienzersee.
Daniel Fleuti
Erfrischung am Wegesrand: Der Saxetbach sprudelt neben dem Wanderweg.
Erfrischung am Wegesrand: Der Saxetbach sprudelt neben dem Wanderweg.
Daniel Fleuti
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Ach, was sind sie doch berühmt. Eiger, Mönch und Jungfrau locken Heerscharen von Touristen ins Berner Oberland. Sie wollen das Dreigestirn bewundern, fotografieren und ihm so nah sein wie möglich. Dafür füllen sie Züge, überfüllen Bergbahnen, stürmen Dörfer, wagen sich zum ersten Mal im Leben auf eine Bergwanderung oder in eisige Höhen, am liebsten aufs Jungfraujoch.

Tritt man von der quirligen Touristenbühne einen Schritt zurück, sind Eiger, Mönch und Jungfrau immer noch majestätisch. Aber es wird merklich ruhiger und beschaulicher. Die Lobhornhütte ist so eine Aussichtskanzel in der zweiten Reihe, das Soustal und der Bällehöchst ebenso.

Wer sich hierhin begibt, geniesst nebst dem Blick auf das Dreigestirn so manches andere, das den Zauber der Berge ausmacht: stiebende Wasserfälle, schäumende Bäche, verträumte Moore, zerklüftete Karste, verwunschene Wälder, spiegelglatte Seen sowie stattliche Alphütten, vor denen Käsetücher und Kuhglocken hängen und auf deren Weiden behäbige Kühe das letzte Gras der Saison fressen.

Käse und Brot

Bällehöchst, Lobhornhütte und Soustal lassen sich zu einer Zweitageswanderung verknüpfen. Der Start erfolgt in Saxeten, auch so einem Platz in der zweiten Reihe, den es zu entdecken gilt. Pulsiert unten in Wilderswil das Tourismusleben und rennen einen am Bahnhof asiatische Touristen fast über den Haufen, ist 500 Meter weiter oben die Zeit stehen geblieben.

Trotzdem sind die unten auf die oben angewiesen: Der Saxetbach liefert dem Bödeli und der Brauerei Rugenbräu das Wasser. Zentrum Saxetens ist der einzige Gasthof, das Alpenrösli. Der kurze Abstecher lohnt sich, schon nur der urigen Atmosphäre wegen. Fehlt es frühmorgens an Nussgipfeln zum Kaffee, reicht die Wirtin flugs Käse und Brot – das sei ohnehin besser für die Wanderung.

Ja, die Wanderung. Schaut man dorthin, wo der Weg hinführt, wird einem etwas mulmig, besonders wenn die Wolken tief hangen. So wie heute. Düster und abweisend sieht es aus im Talschluss. Die Felsen sind hoch, das Gestein dunkel. Die erste halbe Stunde begleitet uns der Saxetbach mit seinem Spiel. Ein friedliches Gewässer, das bei Unwetter denen in Wilderswil eine Menge Material beschert.

Wie viel Kraft in ihm steckt, zeigt er zuhinterst im Tal: In zwei Wasserfällen stürzt er über die Felsen, sein Wasser bezieht er von den Hängen der Sulegg und der Schwalmere. Ein erster saftiger Aufstieg bringt uns an deren Fuss, auf die weitläufige Alp Unterberg. Steil und kräftezehrend gehts sogleich weiter, vorbei an neugie­rigen Kühen und durch wilde Wälder dem Sattel der Sulegg entgegen. Der Pfad gleicht streckenweise einer Kraterlandschaft – auch Kühe mögen Wanderwege.

Die Ankunft auf dem Sattel ist eine Wucht. Vorbei sind die lieblichen Weiden, die Sulegg ist ein dunkler Klotz aus Schiefer und Runsen. Durch ihre Steilwand führt der Pfad zur Lobhornhütte; bei dessen Anblick denkt man spontan an Umkehr. Lieber wenden wir uns dem sanften Rücken des Bällehöchst zu, dem Panoramaberg schlechthin. Brienzersee, Thunersee, Interlaken, Rothornkette, Hohgant, Aaretal – auf dem Gipfel gibts viel zu sehen.

Wenn da nur nicht dauernd der Gedanke an den Weiterweg wäre. Er ist, wider Erwarten, keine Knacknuss. Ein wenig abschüssig zwar und ganz schön steinig, aber bestens ausgebaut und sicher angelegt präsentiert er sich. Sogar die Kühe gehen ihn, wie wir später erfahren. Noch aber weiden sie um die Lobhornhütte und das Sulsseeli und geben Milch für den würzigen Bergkäse, der in der Hütte zum Frühstück serviert wird.

In die charmante Berghütte könnte man sich verlieben. Klein, gemütlich und mit vorzüglicher Küche und Freiluftwaschsalon samt Sicht auf Eiger, Mönch und Jungfrau. Würden die sich nicht hinter den Wolken verstecken, so wie den ganzen Tag.

Zweitageswanderungen haben den Vorteil, dass sich das Wetter über Nacht bessern kann; das tut es, wenn auch frühmorgens noch eine dicke Nebelsuppe wabert und das Sulsseeli nur für Blitzbetrachtungen aus dem Grau auftaucht. Für den Abstieg ins Soustal lohnt sich der Umweg über die Sousböden. Die Aussicht vom Hochtal auf Eiger, Mönch und Jungfrau ist top, die auf die zackigen Lobhörner ebenso. Ihre Form erinnert an die Dolomiten, bei Kletterern stehen sie hoch im Kurs. Das Schilthorn mit dem Drehrestaurant macht den Gipfelreigen komplett.

Selfiesticks und leichte Schuhe

Das Soustal ist die letzte Station in der zweiten Reihe, der sanft mäandrierende Sousbach und das markige Spaltenhorn prägen das idyllische Hochtal. Um das Wasser balgen sich Stromwirtschaft und Umweltverbände, das Spaltenhorn macht dem Matterhorn Konkurrenz.

Nach dem Soustal ist genug der Eigenwilligkeit. Jetzt gehts in die erste Reihe, über Marchegg auf dem Mountain View Trail nach Mürren. Das Berner Dreigestirn kommt nah und näher, aus den Bergwanderern werden leicht beschuhte Touristen, die mit Selfiesticks hantieren und einem freundlich «hello» entgegensäuseln. So ist das eben auf den ersten Plätzen.

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