«Eine verschleppte Grippe kann gefährliche Folgen haben»

Wie behandelt man eine Grippe oder eine Erkältung richtig? Und wie beugt man vor? Die Tipps von Frank Metternich, Chefarzt am Kantonsspital Aarau.

«Neugeborene profitieren vom Grippe-Impfschutz ihrer Mutter»: Frank Metternich, Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik und Leiter des Kopf- und Halskrebszentrums am Kantonsspital Aarau. <nobr>Foto: Jorma Müller</nobr>

«Neugeborene profitieren vom Grippe-Impfschutz ihrer Mutter»: Frank Metternich, Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Klinik und Leiter des Kopf- und Halskrebszentrums am Kantonsspital Aarau. Foto: Jorma Müller

Silvia Aeschbach

Ich erinnere mich an eine schlimme Grippe. Zwischen dem Gefühl, fit zu sein, und beinahe vernichtenden Krankheitssymptomen lagen nur wenige Stunden. Ein üblicher Verlauf?
Ja, durchaus. Bei einer schweren Grippe kann sich der Gesundheitszustand eines Betroffenen innert weniger Stunden rasant verschlechtern.

Unglücklicherweise packte mich diese Grippe in Marbella. War ich an der Spanischen Grippe erkrankt?
Nein! Auch wenn Sie sich miserabel gefühlt haben, sind das zwei völlig verschiedene Erkrankungen. Die Spanische Grippe war eine Pandemie, die 1918 zuerst in Madrid aufgetreten ist. In den Monaten und Jahren nach ihrem Ausbruch starben zwischen 20 und 50 Millionen Menschen an dieser hochansteckenden Influenza.

Ich brauchte viele Wochen, bis ich wieder fit war. Sind solch lange Erholungszeiten normal?
Ja, auch das ist nicht aussergewöhnlich. Normalerweise dauert eine akute Grippephase zwischen drei und sechs Wochen. Aber es kann bis zu einem halben Jahr vergehen, bis man wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Dies, weil das Immunsystem im Kampf gegen die Krankheitssymptome sehr viel Kraft verbraucht hat und Zeit zum Regenerieren braucht.

Kann man diese Regeneration beschleunigen, indem man zum Beispiel ins Fitnessstudio oder in die Sauna geht?
Nein. Vor allem während der akuten Grippephase sollte körperliche Anstrengung unbedingt vermieden werden. Auch ein Saunagang mit Fieber kann gravierende Folgen haben, wie beispielsweise eine gefährliche Herzmuskelentzündung. Auch während der Rekonvaleszenz ist eine gewisse Schonung sinnvoll. So sollte man sein Arbeitspensum reduzieren, wenn man sich überfordert fühlt.

Wer will schon längere Zeit bei der Arbeit fehlen? Wir sind uns doch gewohnt, uns zusammenzureissen.
Und zu welchem Preis? Eine verschleppte Grippe kann nicht nur eine Herzerkrankung auslösen, auch Folgeerkrankungen wie eine Lungen- oder eine Hirnhautentzündung sind möglich.

«Eine Grippeimpfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz.»

Jedes Jahr beginnen um diese Zeit die Diskussionen, ob eine Grippeimpfung Sinn macht. Ihre Meinung?
Eine Grippeimpfung ist insbesondere bei Risikogruppen wichtig. Also bei Menschen ab 65 Jahren, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit chronischen Krankheiten wie Asthma, einem Herzleiden, Diabetes oder einer angeborenen oder erworbenen Immunschwäche. Auch Neugeborene profitieren vom Impfschutz ihrer Mutter: In den ersten Monaten nach der Geburt sind sie ebenfalls durch die Impfung geschützt. Und natürlich sollten sich alle Menschen impfen, die häufige soziale Kontakte haben. Pflegepersonal, Lehrer oder Angestellte im öffentlichen Dienst.

Gibt es einen idealen Zeitpunkt für eine Grippeimpfung?
Von Mitte Oktober bis Mitte November ist das ideale Zeitfenster. Dann ist der Impfstoff für die kommende Saison bestimmt. Auch wenn der Virenstamm nicht genau getroffen wird, liegt der Schutz bei 70 bis 90 Prozent. Aber auch bei einer Impfung im Dezember ist ein Grossteil dieses Schutzes noch gegeben.

Immer wieder klagen Menschen nach der Grippeimpfung über Schmerzen am Ort der Injektion und über Krankheitsgefühle.
Nach einer Impfung kann sich die Einstichstelle röten und schmerzen. Es können auch Gliederschmerzen oder Unwohlsein mit leicht erhöhter Temperatur auftreten. Diese Beschwerden verschwinden normalerweise in wenigen Tagen wieder.

Warum muss eigentlich jedes Jahr neu geimpft werden?
Der aktuelle Impfstoff enthält Antigene gegen die zu erwartenden Grippeviren. Influenzaviren können sich jedoch schnell verändern, und es können neue Virusvarianten auftreten.

Kann ich eine Grippe bekommen, auch wenn ich geimpft wurde?
Ja, eine Grippeimpfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz.

Wie erkenne ich, ob ich an einer Grippe oder an einer Erkältung erkrankt bin?
Eine Grippe spürt man viel schneller und heftiger als einen grippalen Infekt. Die körperlichen Beschwerden wie Erkältungssymptome, Gliederschmerzen oder Fieber sind zwar ähnlich, bei einer Grippe jedoch viel intensiver ausgeprägt.

Zu welchem Zeitpunkt sollte man bei Grippesymptomen den Arzt aufsuchen? So schnell wie möglich.

Gilt das auch bei Kindern?
Ja, auf alle Fälle. Kinder erkranken oft häufiger und schwerer als Erwachsene, weil ihr Immunsystem viele Keime noch nicht kennt. Sie müssen gegen diese erst Antikörper bilden. Bei älteren Menschen ist ebenfalls Vorsicht geboten. Ihr Immunsystem arbeitet oft nicht mehr so gut wie bei jüngeren.

Und wie behandelt der Arzt eine Grippe?
In erster Linie symptomatisch mit schmerz- und fiebersenkenden Mitteln, die helfen, die stärksten Krankheitssymptome zu lindern. Für die spezifische Therapie stehen sogenannte Virustatika zur Verfügung. Diese Medikamentengruppe hemmt ein Enzym des Virus, wodurch die Virusfreisetzung aus infizierten Zellen und damit die weitere Ausbreitung des Erregers blockiert wird.

Keine Antibiotika?
Nein. Eine Grippe ist eine virale Erkrankung. Darum ist die primäre Behandlung mit einem Antibiotikum sinnlos. Sollte es zu einer zusätzlichen bakteriellen Infektion kommen, kann ein Antibiotikum erforderlich werden.

Wenn es kein spezielles Medikament gegen Grippe gibt, kann ich auch gleich in der Apotheke rezeptfreie Medikamente kaufen.
Eine Selbstmedikation kann gefährlich werden, da nicht selten Schmerzmittel oder Kombimedikamente gegen Erkältungsbeschwerden überdosiert werden. Es macht deshalb Sinn, sich medizinisch beraten zu lassen. Weiterhin müssen Komplikationen frühzeitig erkannt oder vermieden werden.

«Auch die berühmte Hühnersuppe ist zu empfehlen.»

Was kann ich selber zu einer Verbesserung meines Zustandes beitragen, wenn ich an einer Grippe erkrankt bin?
Neben den erwähnten Medikamenten ist es wichtig, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen: Wasser, mit Honig gesüsster Salbei- oder Thymiantee. Dies ist nötig, weil der Stoffwechsel im Krankheitsfall auf Hochtouren läuft. Inhalieren tut ebenfalls gut, allerdings sollte man mit ätherischen Ölen sparsam umgehen, weil diese die ohnehin schon strapazierten Schleimhäute angreifen könnten. Viel Ruhe und guter Schlaf helfen natürlich auch.

Was halten Sie als Schulmediziner von traditionellen Hausmitteln, wie sie etwa unsere Grosseltern angewendet haben?
Fieber kann mit Essigsocken gesenkt werden. Ein Zwiebelsud, mit etwas Kandiszucker gesüsst, oder ein Brustwickel mit gekochten Kartoffeln bringen bei Husten oder Bronchitis Linderung. Auch die berühmte Hühnersuppe ist zu empfehlen. Sie blockiert im Organismus bestimmte weisse Blutkörperchen, sogenannte Neutrophile, die für Entzündungsprozesse mitverantwortlich sind.

Und noch wichtiger: Wie kann ich mich vor Erkältungskrankheiten schützen?
Erkältungen werden durch eine Tröpfcheninfektion übertragen. Türklinken sind extreme Bakterienschleudern. Darum ist die wichtigste Prophylaxe, die Hände sorgfältig und ausgiebig mit Seife und warmem Wasser zu waschen. Und sie, wenn nötig, zusätzlich zu desinfizieren. Genügend Schlaf und eine mineral- und vitalstoffreiche Ernährung sind wichtig. Regelmässige Wechselduschen und Saunagänge stärken den Organismus. Viel frische Luft und möglichst wenig Stress stärken das Immunsystem. Zu Hause sollte man regelmässig lüften. Und ein Luftbefeuchter hilft vor dem Austrocknen der Schleimhäute.

Es gibt Menschen, die auf eine Prophylaxe mit Zink oder hoch dosiertem Vitamin C schwören. Ist das sinnvoll?
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass eine Gabe mit Zink die Länge einer Erkrankung nur minimal beeinflussen kann. Das gilt auch für hoch dosiertes Vitamin C. Der Körper kann nur bis 100 Milligramm aufnehmen, der Rest wird über die Niere wieder ausgeschieden.

Welche Prophylaxe betreiben
Sie selber?
Nach 25 Jahren im Spital ist mein Immunsystem recht abgehärtet. Nicht alles, was ich empfehle, mache ich selber (lacht). Aber ich trinke in den kalten Monaten mehr und versuche mich, ausgewogen zu ernähren. Ein wichtiger Punkt ist natürlich die Grippeimpfung in meinem Beruf. Und wenn ich stark erkältet bin, bleibe ich zu Hause.


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