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«Mein bester Freund ist mein Psychiater»

Falsche Wimpern, echte Begeisterung: Gestern wurden die allerersten Swiss Influencer Awards verliehen.

«Mein Privatleben ist tot – genau so wie mein Inneres»: Raffaela Zollo aka Raffa's Plastic Life. Video: Anja Stadelmann

Selbstliebe, das können sie, die Selfie-Könige alias Influencer. So scheint es wenigstens am Donnerstagabend im Zürcher Volkshaus, wo der allererste Swiss Influencer-Award verliehen wird. Mit viel Glitzer, coolen Posen, falschen Wimpern und echter Begeisterung – vornehmlich für sich selbst, aber natürlich auch für die Fans, die zwar nicht hier sind, aber per Insta eben teilhaben.

Nominiert wurde in sieben Kategorien, von Mode über Travel bis zu Entertainment, und alle sind ganz aufgeregt. Denn ein paar zehntausend Follower haben ist das eine. Seinen Fame direkt vor anderen Menschen zu spüren, etwas ganz anderes. Heute Abend sind sie echte Stars – eine Verantwortung, der die Herren mit professionellen Posen und die Damen mit dem grosszügigen Einsatz von Contour-Make-up Rechnung tragen.

Riesen-Business

Es ist ein noch junges, doch bereits riesiges Business, das sich in fast allem vom klassischen Geschäft unterscheidet, nur in einem nicht: Hier es geht um Geld, sehr viel Geld. Rund 30 Millionen Franken gaben Schweizer Firmen im vergangenen Jahr für Influencer-Marketing aus, sagt Felicitas Morhart, Professorin für Marketing an der Uni Lausanne. Top-Influencer mit mehr als einer halben Million Followern können mit einem Post bis zu 42'000 Franken verdienen. Sogenannte Mikro-Influencer mit bis zu 30'000 Followern bekommen für eine Social-Media-Kampagne bis zu 36'000 Franken. Deshalb schwirren hier alle durcheinander, die an diesem Kuchen teilhaben möchten: Influencer, ihre Vermarkter, Fotografen, Werber und Marketing-Fachleute.

Im Volkshaus soll es nun aber nicht nur um die begnadetsten Selbstvermarkter gehen, sondern um Talent, Kreativität und Authentizität – und die Schweizer Szene natürlich. Im Teilnehmerfeld finden sich denn auch arrivierte Künstler wie Bligg (42'800 Follower), der mit seinen 42 Jahren schon zu den älteren gehört und für den Instagram nur ein Abfallprodukt seiner Musikerkarriere ist. Auch genuine Talente wie Komiker Gabirano (175'000 Follower) sind vertreten – als Teenie begann er, erste Videos aus seinem Kinderzimmer zu senden, und gehört heute mit 20 Jahren zu den Stars der Szene. Manche «vergramen» auch ihre Familie, wie Valentine Reine Caporale (75'000 Follower), auf ihrer Wall geht es um ihre Kinder, ihren Mann und Selbstgebackenes.

Auf dem Spiegelteppich

Passend zum Anlass gibt es keinen roten, sondern einen verspiegelten Teppich, dazu Alkohol und Häppchen, welche aber weitgehend verschmäht werden. Kauen kommt nicht gut auf Fotos, und man ist ja auch nicht einfach zum Spass hier.

Favoritin Zoë Pastelle etwa, nominiert in der Kategorie Fashion, schwebt in einer Art fliederfarbenem Tütü durchs Geschehen und gibt dienstfertig Interviews – meeega dankbar ist sie, hier sein zu dürfen, sie freut sich gewaltig – und zack, Seitenblick fürs Selfie mit dem nächsten Interessenten, bevor sie zur nächsten Kamera hüpft. Auf Insta geht es hauptsächlich darum, sich in jeder Lage perfekt zu inszenieren und top auszusehen. Entsprechend muss man sich hier auch nicht um eine Frauenquote sorgen: Mehr als die Hälfte sowohl der Nominierten als auch des Publikums sind Frauen.

Klamaukiger geben sich die Männer, Zeki alias Swissmeme – Kategorie Entertainment – grinst über den Spiegelteppich und klopft Sprüche, ebenso der Berner Gabirano, der von Kopf bis Fuss im Thrasher-Outfit wie ein Turm aus der Menge ragt. Und selbst Stars wie der Sänger Luca Hänni, die auch ein Mensch über 25 auf der Strasse erkennen würde, lassen sich von jedem anquatschen und erzählen von sich, als würde man sie schon seit Jahren kennen. So ist eben Insta; Nähe, Zugänglichkeit und direkte Kommunikation mit den Fans machen den Unterschied, sagen Social-Media-Experten.

Innerlich tot

Den Anlass hat man sich einiges kosten lassen – eine gute sechsstellige Summe, sagt Veranstalter und Jury-Mitglied Fabian Plüss, der zugleich auch Chef seiner eigenen Vermarktungsagentur Kingfluencers ist. Man will vor allem den noch jungen Schweizer Markt entwickeln, die Branche vorantreiben, auch neue Talente entdecken. Entsprechend hat man für die Kategorie «Newcomer» ein ganzes Rudel junger Talente gecastet, von denen das vielversprechendste ebenfalls einen Award bekommen wird.

Die Show dauert zwei Stunden und wird professionell und pünktlich abgewickelt. Claudia Lässer und Annina Frey moderieren, die abgesetzte Miss Schweiz Jastina Doreen Riederer darf jeweils die Preise auf die Bühne tragen und wird von den Moderatorinnen herumdirigiert, bitte hierhin Jastina, bitte nun zur Seite, nur sprechen darf sie nicht. Man fragt sich, wieso.

Dazwischen gibt es Showeinlagen, und die Gewinner dürfen ihre Trophäen auf der Bühne abholen. Tränen fliessen zwar keine, aber es zeigt sich doch deutlich, wer für das Leben auf der Bühne gemacht ist und wer eher weniger: Die einen stammeln verlegen, sie wüssten gar nicht, was sagen. Andere, wie Transfrau Raffaela Zollo (Kategorie Beauty), sind da schlagfertiger. Hinter ihrem opulentem Auftritt im Büstierkleid mit atemberaubendem Décolleté stehe «harte Arbeit, Durchsetzungsvermögen und eine grosse Klappe», erklärt sie der Moderatorin. Und auf die Frage, wie es denn in ihrem Privatleben so aussehe, gibt sie eine überraschende Antwort: «Tot, wie in mir drin auch. Der wichtigste Mensch in meinem Leben ist mein Psychiater.».

Man lacht, aber natürlich hat Zollo mit einem Satz die Kehrseite dieses neuen Business auf den Punkt gebracht: Hinter der perfekten Insta-Fassade verbergen sich nicht selten viel Selbstausbeutung, Angst und sogar Depressionen. Und wenn die Kandidaten auf der Bühne begeistert ausrufen, dass ihre Fans ihre besten Freunde, ja ihre Familie seien, dann ist das zwar nett gemeint, aber eigentlich tragisch. Denn Fans können liken, so viel sie wollen – echte Liebe kann das genau so wenig ersetzen wie ein Selfie echte Selbstreflexion.

Aber darum geht es ja auch nicht hier im Volkshaus, denn die Show muss weitergehen, Selbstliebe hin oder her.

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