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Welchen Sinn hat der offene Brief?

Offene Briefe haben sich zunehmends als satirische Publikumsbeschimpfung etabliert. Den Beigeschmack des kalkulierten Wutbürger-Ausbruchs werden sie aber nicht los.

In allerhand Zeitungen grassieren die Kommentare in Form eines offenen Briefes, in dem ein äusserst umsichtiger Kolumnist sich an eine öffentliche Person wendet. Bundesräte, Fussballtrainer oder Ex-Missen werden darin gelobt oder getadelt, obwohl der Kolumnist davon ausgehen kann, dass der Text für den Adressaten völlig unbedeutend ist. Warum nervt mich diese Kommentarform so stark, dass ich sie nicht ignorieren kann? A. R.

Lieber Herr R.Ich glaube, angefangen hat das Magazin «Titanic» mit den «Briefen an die Leser». Ich habe diese Form dann eine Weile mit meiner Radiokolumne «Briefe an die HörerInnen und aussen» abgekupfert – Asche auf mein Haupt. Eigentlich ist die Idee ja auch nicht ganz unlustig: Statt überflüssige Leserbriefe zu drucken («Leider hat der Verfasser des Artikels meine 1946 im Selbstverlag erschienene Studie zum Thema völlig unberücksichtigt gelassen . . .»), dreht man den Spiess um und betreibt satirische Publikumsbeschimpfung. In der «Titanic» gings allerdings um die mehr oder minder feinsinnige Verarschung peinlicher Personen des öffentlichen Lebens. Legendär sind z. B. die Briefe an Luise Rinser (vorzugsweise als «Ruine Linser» apostrophiert), in ihrer Sturm-und-Drang-Zeit lyrische Hitler-Verehrerin und später BundespräsidentInnen-Kandidatin der Grünen, aber wohl kaum «Titanic»-Abonnentin.

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