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Warum lächelt niemand auf alten Fotos?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktorinnen und Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Denise Jeitziner
Bitte nicht lächeln: An das Motto hielten sich alle, die kein unvorteilhaftes Foto wollten. Wie hier James Frazier Reed und seine Frau Margret. (Foto: Keystone)
Bitte nicht lächeln: An das Motto hielten sich alle, die kein unvorteilhaftes Foto wollten. Wie hier James Frazier Reed und seine Frau Margret. (Foto: Keystone)

Früher war alles besser? So ernst, wie die Leute auf alten Schwarzweissfotos dreinschauen, kann das unmöglich stimmen. Urgrossvater Siegfried zieht neben seiner frisch angetrauten Josephine einen regelrechten Lätsch. Oma und ihre Geschwister sehen auf dem Familienfoto so aus, als hätten sie etwas ausgefressen und sähen nun nicht einer Kamera ins Objektiv, sondern einer Tracht Prügel ins Auge. Da war kein fröhliches «Tschiiiiis», da wurden Augen aufgerissen und Backenzähne aufeinandergepresst.

Dass auf alten Fotos alle so ernst dreinschauen, hat aber nichts damit zu tun, dass die Leute überhaupt nichts zu lachen gehabt hätten. Es war nur wichtig, sich die Heiterkeit im entscheidenden Moment zu verkneifen. Denn anno dazumal war es verpönt, auf Bildern fröhlich zu posieren. Mark Twain fasste es so zusammen: «Ein Foto ist ein äusserst wichtiges Dokument, und es gibt nichts Vernichtenderes für die Nachwelt als ein albernes, törichtes Lächeln, das für immer festgehalten wird.» Wenn man bedenkt, dass es zu jener Zeit weder Zahnspangen noch Kieferorthopäden gab, spielten in manchen Fällen vermutlich auch ästhetische Überlegungen mit.

«Es gibt nichts Vernichtenderes für die Nachwelt als ein albernes, törichtes Lächeln, das für immer festgehalten wird.»

Mark Twain

Heutzutage ist es genau andersherum. Ein fröhlicher Ausdruck scheint geradezu Pflicht zu sein: Nur ein lachendes Gesicht ist ein fotowürdiges Gesicht. Von Pass- und Topmodelfotos vielleicht mal abgesehen. Manche Kameras haben sogar integrierte Lächeln-Detektoren und lösen automatisch ein Bild aus, sobald sie auch nur einen Ansatz von Zähnen registrieren.

Das einstige Bitte-nicht-lächeln-Motto hatte aber nicht nur mit Zeitgeist und Ästhetik zu tun, es lag vor allem auch an der Technik. Damals gab es noch keine Kameras, die zwei Dutzend gestochen scharfe Bilder pro Sekunde schiessen konnten; die Belichtungszeit dauerte mehrere Minuten. Erst um 1840 schafften es die ersten Fotoapparate bei ganz günstigen Lichtverhältnissen, die Zeitspanne auf 45 Sekunden zu senken, und es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis ein Bild sofort nach dem Klick im Kasten war.

Die Porträtierten mussten sich also vorgängig für einen Gesichtsausdruck entscheiden, den sie während der gesamten Belichtungszeit halten konnten. Ansonsten liefen sie Gefahr, am Ende für ein missglücktes Bild mit verschwommenem Gesicht bezahlen zu müssen. Und Stillhalten klappt mit einem ernsten Gesicht besser als mit einem fröhlichen. Abgesehen davon sieht ein eingefrorenes Lächeln nie vorteilhaft aus, egal, ob scharf oder unscharf. Das wissen wir spätestens, seitdem es Selfies gibt.

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