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Mit wachen Ohren schlafen

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, kommen mir viele Situationen in den Sinn, die mich überforderten. Meine Mutter war eine suizidäre Alkoholikerin und mein Vater ein alter Mann. Das war schlimm. Aber nicht nur.

Karin Widmer

«Weshalb kommt denn dein Opa mit an den Elternabend?» Wie oft habe ich diese Frage so oder so ähnlich gehört? Mein Vater war sechzig, als ich auf die Welt kam. Er war älter als mein Grossvater. Er war kein Vater, mit dem man ballspielen, schlittschuhlaufen oder skifahren konnte. Mein Vater sass die meiste Zeit auf dem Sofa, las Zeitungen und hörte griechische Politdiskussionen über sein Satellitenradio. Mehr als die Hälfte der Zeit lebte er in Griechenland, wo er als Anwalt und Unternehmensberater auch nach der Pensionierung weiter gefragt war und damit das Einkommen unserer Familie aufstockte. Zu dieser Zeit gab es in den Zügen noch teure Telefonkabinen. Kurz nach Zürich rief er uns jeweils an, um zu sagen, dass er bald ankommen werde. Wir konnten dann seine Pantoffeln bereitstellen und ihn an der Bushaltestelle abholen.Mein Vater war ein ernsthafter, alter Mann mit grosser Hornbrille. Er hasste jeglichen Lärm und fürchtete sich vor Krankheiten, weswegen wir bei Halsschmerzen und Erkältungen in der Wohnung einen weissen Mundschutz trugen. Mein Vater sprach kein Wort Deutsch und konnte mit meinen Schweizer Grosseltern nicht reden. Wir, meine Mutter, meine ältere Schwester und ich, kommunizierten mit ihm auf Französisch, obwohl das weder seine noch die Sprache meiner Mutter war. Ein kleiner, griechischer Akzent, grammatikalische Fehler und Wörter, die so nicht existierten, wir aber untereinander problemlos verstanden, sind bis heute an meinem Französisch hängen geblieben.

Meine Schwester und ich vergötterten und liebten unseren Vater, auch wenn er sich für uns erst interessierte, als wir logische Sätze formulieren konnten und vernünftig zu handeln begannen. Wir liebten ihn auch deshalb, weil er immer weinen musste, wenn wir weinten. Er starb an einem Herzversagen, als ich sechzehn war. Plötzlich. Unerwartet kann ich nicht sagen, denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon oft in Gedanken durchgespielt, wie es sein würde, wenn er nicht mehr wäre. Ich rechnete als Kind immer mit Katastrophen. Denn das Alter meines Vaters war der eine Grund zur Sorge; der andere war meine Mutter. Wenn mein Vater der Rettungsanker war, so war sie der Sturm. So einfach ist es in Wirklichkeit natürlich selten. In der Kinderlogik aber oft. Vielleicht war er auch nur die Boje, die zwar auf- aber wenigstens nicht ausfiel. Sie aber tat beides. Sie sprach auch ausser Haus in der Regel zu laut und vulgär, wiederholte sich, erbrach sich in der Öffentlichkeit, torkelte und musste beim Gehen gestützt werden.

Meine Mutter war Alkoholikerin. Seit wann, kann ich nicht sagen. Bestimmt hat ihr der Griff zur Flasche Trost gespendet in den Nächten, als sie allein mit zwei quengelnden Kleinkindern zu Hause festsass. Möglicherweise hat der Alkohol auch die Angst und den Schmerz betäubt, als ihr jüngerer Bruder zuerst an HIV erkrankte und wenig später starb. Das Wissen, dass mein Vater vor ihr sterben würde, wird ihren Konsum nicht gebremst haben. Doch das sind Vermutungen. Sicher weiss ich nur, dass meiner Schwester und mir schon früh klar war, dass sie trank und Beruhigungstabletten nahm.

Das heisst aber noch lange nicht, dass wir auch wussten, wie wir damit umzugehen hatten. Eine Zeit lang versuchten wir es mit Kontrolle, stöberten alle im Haus versteckten Flaschen auf und brachten kleine Markierungen an, um zu überprüfen, wie viel sie täglich runterkippte. Wir führten Listen und Tabellen. Aber es waren zu viele Verstecke und zu viele Flaschen, und oftmals fanden wir die Markierungen nicht mehr. Trotzdem konfrontierten wir sie während Wochen mit unseren Hochrechnungen und Mutmassungen, deren Wahrheitsgehalt sie jedoch unbeeindruckt abstritt. Immer wieder versuchten wir es mit Betteln. Wir flehten sie vor bestimmten, für uns wichtigen Ereignissen an, das Trinken bleiben zu lassen – und bewirkten damit nur das Gegenteil. Wir schoben andere Menschen vor und sagten, dass es für diese und jenen sicher schön wäre, wenn sie nicht mitten am Tag in ihr Zimmer verschwinden und ihren Rausch ausschlafen würde, und waren dann umso enttäuschter, wenn auch das nichts nützte.

Irgendwann gaben wir sie auf. Wir beschränkten uns darauf, sie immer wieder ins Bett zu bringen, wenn sie nicht mehr gerade stehen konnte, und mit lauschenden Ohren zu schlafen, damit wir das Poltern hörten, wenn sie im Suff stürzte, um sie wenigstens, wenn sie am Boden lag, zudecken zu können. Wir übten uns in der Imitation einer heilen Familie und konnten das Bild vor Besuchern eine Weile lang aufrechtzuerhalten.

Ich versuchte aber grundsätzlich so oft wie möglich ausser Haus zu sein, was auch meiner Mutter entgegenkam. Sie schickte uns in jedes nur mögliche Lager, als Atheistin sogar in kirchliche. Bereits in der ersten Klasse war ich mit der Familie einer Schulfreundin für zwei Wochen im Sommer im Bündnerland, ab der dritten Klasse zudem jährlich für mindestens eine Woche mit den Nachbarn in den Skiferien. In der achten Klasse verbrachte ich alle fünf Sommerferienwochen mit meiner besten Freundin und ihrer Familie in Südfrankreich. So lernte ich geregelte Essens- und Schlafenszeiten kennen, den Unterschied zwischen Stocki und selbst gemachtem Kartoffelstock und das flüchtige Gefühl von Sicherheit.

Dank meiner Mutter war ich sehr eigenständig. Ich lernte früh zu mir und zu anderen zu schauen. Nur Hilfe holen lernte ich nicht. Ich sah tatenlos und überfordert zu, wie sich meine Mutter zu Tode trank. Als mein Vater starb, brach sie im Spital zusammen und wurde einer Untersuchung unterzogen. Die Ärzte attestierten ihr eine Lebenserwartung von fünf Jahren, falls sie so weitertrank. Das Problem war nur, dass meine Mutter sowieso, und zwar schon seit langem, nicht mehr leben wollte. Seit vielen Jahren drohte sie uns mit Suizid. Sie trank also unvermindert weiter. Meine Schwester und ich zogen von zu Hause aus und liessen sie in einer viel zu grossen und viel zu leeren Wohnung allein zurück. Wenn wir sie besuchten, war sie oft nicht mehr ansprechbar, lallte oder schlief. Einmal machte sie auf Drängen einer Ärztin einen Entzug, fiel aber danach schnell wieder in ihre alten Gewohnheiten zurück. Als sie zehn Jahre nach dem Tod meines Vaters noch immer am Leben war, konnte sie ihre Wohnung fast nicht mehr verlassen. Ihre Organe und der Gleichgewichtssinn waren bereits derart angegriffen, dass keine Chance mehr auf Heilung bestand.

Eine Selbsttötung mit Exit kam nun infrage.Während ihrer letzten Lebensmonate weinte sie oft, weil sich ihre Gedanken im Kreis drehten, weil sie kein Essen mehr im Magen behalten konnte und keinen Sinn mehr sah. Sie war verzweifelt, weil sie nicht einmal mehr die Kraft gehabt hätte, sich vor einen Zug zu werfen. Am Tag, an dem sie die tödliche Dosis einnahm, schickte ihr meine in der Zwischenzeit im Ausland lebende Schwester eine Nachricht. Als ich den Piepton hörte und meiner Mutter das Handy geben wollte, damit sie die SMS lesen konnte, zeigte sie einmal mehr kein Interesse. Da las ich die Worte meiner Schwester.

Sie schrieb: «Es war nicht leicht, an deiner Seite aufzuwachsen. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke, so fällt mir keine einzige Mutter ein, die mir lieber gewesen wäre. Du warst die beste für mich. Von niemandem hätte ich mehr lernen können. Dafür danke ich dir.» Ich habe seither mit meiner Schwester nie darüber gesprochen. Wir erzählen uns viel, reden aber nicht über unsere Vergangenheit. Sie hat sich ein neues Leben weit entfernt von den Orten unserer Kindheit und Jugend aufgebaut. Mit der Vergangenheit hat sie abgeschlossen, zumindest gegen aussen.

Ich war oft nicht bei meiner Familie. Ich war nicht zu Hause, als mein Vater starb, aber ich war dabei, als meine Mutter starb. Ich habe zugesehen, wie ihr Körper kremiert wurde, denn ich hatte gelernt, dass nichts so schlimm ist, wie die eigene Fantasie. Lange habe ich mich schuldig gefühlt, als mir bewusst wurde, dass es mir besser geht, seit meine Mutter nicht mehr am Leben ist. Trotzdem kann ich mich ohne Zögern den Worten meiner Schwester anschliessen. Ich habe alles Wichtige von meiner Mutter gelernt. Auch, wie ich nie sein möchte.

Berner Zeitung/zp

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