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Lageristen und LKW-Fahrer leben nicht im Schlaraffenland

Ich kaufe, also bin ich – das scheint die Philosophie der Zeit zu sein. Sie funktioniert überall. Die Folgen werden ausgeblendet. Und die Moral ist machtlos.

Shopping macht die Menschen froh – aber nicht alle. Bild: Walter Bieri/Keystone
Shopping macht die Menschen froh – aber nicht alle. Bild: Walter Bieri/Keystone

Ganz gross wird das, ganz gross wirst du, rufen die blinkenden Buchstaben aus den Onlineshops von den Bildschirmen, seit Wochen rufen sie das. Im Grunde geht dieses Spiel das ganze Jahr so, aber im Dezember ist das Rufen und Buhlen noch lauter als sonst. Weihnachten. Kaufseligkeit. 30 Prozent Rabatt auf die Käsereibe, wenn Sie in den nächsten drei Minuten bestellen. Cyber Monday, Pre Sale, After Sale, dies und das könnte auch gefallen, keine Versandkosten, hier schnell ein Häkchen, alles kein Stress.

Kein Stress? Der Kaufdruck impliziert das Gegenteil – und eine neue und digitale Eskalation des Konsums, die an Terror grenzt, Glücksterror. Die Kriegsführung im Kleinen übernehmen Online-Anzeigen, die immer dann hochschiessen, wenn man das gesuchte Produkt vergessen hatte; den grossen Rest übernehmen die Shops, die immer da sind, und der Kunde, der immer da ist. Überhaupt, der zerrissene Kunde. Wenn doch permanent Schlussverkauf ist, wenn der Online-Umsatz am Black Friday allein in den USA bei 7,4 Milliarden US-Dollar lag: Welche Werbeagentur erfindet dann den White Sunday, an dem man ohne schlechtes Gewissen alles Unnötige einkaufen darf? Wer schenkt der Welt den Chocolate Wednesday, an dem man moralneutral ins Schlaraffenland reisen darf?

«Nicht die Lehre Gandhis, sondern jene von Jeff Bezos.»

Die Lagerlogistikerinnen und Lastwagenfahrer leben nicht im Schlaraffenland. Jeder weiss das. Jeder weiss, dass die Amazon-Ära nicht auf der Lehre Gandhis beruht, sondern auf der von Jeff Bezos. Neulich wurde bekannt, dass verletzte Lagerarbeiter in den Vereinigten Staaten nach Unfällen einfach an den Arbeitsplatz zurückgeschickt worden sein sollen. Jeder weiss – und leugnet -, dass die Arbeitsbedingungen nichts mit dem Kein-Stress-Gerede zu tun haben, das diese Firma, ihr Umsatz lag 2018 bei rund 232,9 Milliarden US-Dollar, so mächtig gemacht hat wie einen Staat, der noch dazu kaum zu greifen ist. «Prime» ist ein Lebensmodell, das reibungslose Tagesabläufe verspricht und diesen Ablauf insofern zunichte macht, als dass man ständig Pakete suchen und Pakete zurückschicken muss.

Praktisch, aber nicht human

Und jetzt ist auch gut mit Alarmismus. Die Menschen haben nun mal Systeme tief in ihr Leben gelassen, die praktisch sind, aber nicht bekannt für humane Geschäftsmodelle. Im Gegenzug bekommen diese Systeme sehr viele, sehr private Daten geschenkt. Und? Nagt schon ein bisschen. Ist aber kollektiv egal. So egal, dass man nicht lange mit diesen Binsen langweilen will: Apple baut Telefone, schön wie sonst was, doch Apple steht seit Jahren in der Kritik wegen seiner Steuertricks. Bei dem Modehändler Zalando sind Mitarbeiter angehalten, einander per Personalsoftware zu bewerten. Und Facebook? Gut, lassen wir das.

Wollte man dem nahenden Fest einen Sinn abverlangen, der über Schenken, Stress und Wachstum hinausgeht, ist man schnell beim Innehalten, beim Gedanken an andere. Zu den anderen könnte man auch den Lieferando-Fahrer und die Arbeiterin aus dem Logistikzentrum Bad Hersfeld zählen, theoretisch. Denn diese anderen sind zwar Teil der Dienstleistungsstrukturen, die das rasende Leben ermöglichen, aber auch sehr weit weg. Bis natürlich auf den DHL-Boten, der einem die Windeln und die iPhones in die Wohnung hochträgt.

«Ein neues Handy kann glücklich machen, so zwei, drei Tage lang.»

Kein Alarmismus, kein Aburteilen – aber eine Frage sei gestattet, weil man den Menschen, auch den kaufenden, ja ernstnehmen muss: Wie vollbringt ein Vernunftwesen den schizophrenen Meisterakt einzustimmen, wenn das Lied der Big-Tech-Bösartigkeit gesungen wird, um dann auf «Kaufen» zu drücken? Es ist billig, es ist bequem, klar. Aber der routinierte Konsument scheint auch ein paar knallharte Techniken der Digitalisierung gelernt zu haben. Vielleicht: Wer verdrängt und sich abzuschotten weiss, kommt besser durch. Oder: Ein neues Handy kann glücklich machen, so zwei, drei Tage lang.

Der Konsumkultur ist mit Moral kaum beizukommen, sie ist das Widerspiel der Moral. Konsum als kalkulierter Irrsinn ist so erfolgreich, dass er als Narrativ überall auf der Welt funktioniert. Nur wenige können sich dem entziehen.

Schöne Sachen anzuziehen und auf schönen Möbeln rumsitzen zu wollen, gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Das Schöne spendet Trost und kann das Unschöne fernhalten. Natürlich kann man gut existieren, wenn man nicht die 10'000 Gegenstände eines deutschen Durchschnittshaushalts besitzt, viele unnütz, manche absurd. Auf sich zu schauen und dieses Selbst mit Dingen zu behängen, sich zu belohnen, all das mag von einer gewissen Schwelle an snobistisch klingen, im Kapitalismus ist das per definitionem aber nicht böse. Es ist logisch.

«Das Fest, die Engelein, die Pakete, alle sind bald da.»

Onlineshopping besteht, das ist viel extremer als beim physischen Einkaufen, aus vielen Mikroentscheidungen. Was kaufe ich, bestelle ich beim Monopol oder gehe ich in den kleinen Buchladen, der bald sterben wird, gibt es das noch billiger? All diese Entscheidungen geben Struktur und ordnen die eigene kleine Welt, die ja immer auch gross ist. Da draussen: bald acht Milliarden Menschen, die Apokalypse derart beschworen, dass man geneigt ist, sie 08/15 zu finden, viele Dinge, die passieren, viele, die man nicht versteht. Hier drinnen: Pakete, Geschenke, Rückzug aus dem riesigen Zusammenhang. Das kleine Glück.

Dass dieses Wegdriften den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität gefährdet, ist kaum wahrnehmbar, während man so konsumiert, wie man das heute eben macht; während man aus dem Zustand permanenter Wachheit in Passivität runterfährt. Würde man Produktbeschreibungen verfassen, könnte man es auch so ausdrücken: individuelle Ohnmacht nach allzu beschleunigter Inanspruchnahme. Also bestellt man noch ein Kissen, ein Kleid. Das Fest, die Engelein, die Pakete, alle sind bald da. Irgendwann wird man schon aufwachen aus diesem Rausch. Aber bitte nicht mehr dieses Jahr.

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