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«Hat jemand einen Verstorbenen von 54 Jahren?»

Kann man lernen, mit dem Jenseits zu kommunizieren? Besuch im Kurs eines «ausgewiesenen Mediums».

«Alles ist Energie. Ein Medium kann die Energie lesen und in Worte übersetzen»: Martina Camenzind während des Kurses. Foto: Nicole Pont
«Alles ist Energie. Ein Medium kann die Energie lesen und in Worte übersetzen»: Martina Camenzind während des Kurses. Foto: Nicole Pont

Man könnte glauben, ich hätte mit einem Toten kommuniziert. Einem richtigen Toten. Das kam so: Ich besuchte den Kurs «Vertraue deiner Medialität» bei Martina Camenzind, einem «ausgereiften Medium» mit einer «tiefen Verbundenheit zur geistigen Welt», wie der Veranstalter, der Basler Psi-Verein, auf seiner Internetseite schreibt. Camenzind, rote Locken, grau-rosa Glitzer-Sneaker, hält Vorträge, gibt Kurse und stellt, wie sie sagt, in persönlichen Sitzungen Kontakte zur «geistigen Welt» für ihre Klienten her.

Die Teilnehmer des Kurses sollten während zweier Tage lernen, «Jenseitskontakte» aufzubauen und mit «spannenden Beweisen» zu gestalten. Ich ­machte einen Morgen lang mit. Kostenpunkt: 360 Franken für den zweitägigen Kurs.

Sensitivität üben

Der Tag beginnt mit Diesseitskontakten. 19 Frauen und ein Mann sitzen in einem Seminarraum am Neuweilerplatz auf mit Kunststoff bezogenen Stühlen im Halbkreis. In der Ecke steht eine Topfpflanze, an der Wand ein Tisch mit rosa Tischtuch und Kerzenleuchter, ein Raumtrenner schirmt die Fenster ab. Camenzind fordert uns auf, eine Partnerin zu suchen und die ­Sensitivität zu üben, ein Begriff aus der Mathematik. Will in diesem Zusammenhang heissen: die Energie des Gegenübers zu ­spüren.

Es geht darum, die Koordinaten eines Fremden herauszufinden: Familie, Beruf und so weiter. Die Logik dahinter: «Wenn ihr die Energie von lebenden Menschen spürt, könnt ihr auch die Energie der geistigen Welt mit eurem Bewusstsein wahrnehmen», sagt Camenzind. «Alles ist Energie. Ein Medium kann die Energie lesen und in Worte übersetzen.» Man hört ihr an, dass sie lange Zeit als Lehrerin gearbeitet hat. Sie spricht langsam und deutlich, fragt immer wieder freundlich nach: «Versteht ihr?»

Ein sanftes Gesicht

Meine Übungspartnerin ist mir sympathisch. Sie hat graue Haare, ein sanftes Gesicht und eine zurückhaltende Art. Aus einer vorhergehenden Übung weiss ich, dass ihr vieles nahegeht. Ich nehme ihre Hand und versuche, ihre «Energie zu spüren». Die Worte kommen mir wie von selbst; ich sage zu ihr: «Du hast Kinder.»

«Nein.»

«Aber du wolltest Kinder, es war schwierig für dich, dass du keine hast.»

«Ja, sehr.»

«Du hast trotzdem Kontakt zu vielen Kindern.»

«Ja, ich arbeite in einer Kinderkrippe.»

«Du hast ein Gottenkind.»

«Ja.»

«Es ist ein Knabe.»

«Nein, ein Mädchen.»

«Sie ist zwölf.»

«Fast, sie ist dreizehn.»

«Eure Beziehung ist nicht mehr so gut wie früher.»

«Doch, sie ist sehr gut.»

«Du gehst gerne im Wald spazieren.»

«Ja, oft.»

«In Menschenmengen fühlst du dich unwohl.»

«Stimmt.»

Jeder Treffer ein Beweis

Nach der Übung fragt Camenzind in die Runde: «Wer hat etwas gespürt?» Fast alle heben die Hand – auch ich, schliesslich habe ich meine Partnerin nicht so schlecht eingeschätzt. Nachher wird mir bewusst, dass ich bei der Übung ständig an meine Mutter gedacht und deren Charaktereigenschaften aufgezählt habe: Sie liebt Kinder, hat Gottenkinder im Teenageralter, ist gerne in der Natur, aber nicht in Menschenmengen. Meine Partnerin ist jedoch überzeugt, dass ich sie gespürt habe. Und auch für Camenzind ist jeder Treffer ein Beweis dafür, dass ich die Energie der Übungspartnerin in mein Bewusstsein gelassen habe.

Ja, diese sogenannten Beweise. Sie sind wichtig für Medien, auch für Camenzind. Immer wieder zeigt sie ihre Medialität, geht etwa zu einer Teilnehmerin, sagt: «Dein Vater ist gestorben. Es gab Auseinandersetzungen zum Grabstein. Er will dir sagen, dass er zufrieden ist mit dem Grabstein.» Die Frau nickt, und Camenzind sagt: «Für mich ist das ein Beweis dafür, dass man über die Energie Informationen über die Verstorbenen erhalten kann.» Medialität zu beweisen, sei nahezu unmöglich, sagt sie, «aber das Gegenteil ist auch kaum möglich. Oder kann jemand beweisen, dass es die geistige Welt nicht gibt?»

Jetzt wäre es Zeit fürs Mittagessen. Doch weil ich am Nachmittag nicht mehr da sein werde, darf ich noch einen Jenseitskontakt herstellen. Camenzind platziert mich auf einen Stuhl, alle anderen Teilnehmer sitzen mir in einem Halbkreis gegenüber. Camenzind fordert mich auf: «Schliess deine Augen. Lass die Energie über deinen Kopf in dein Rückgrat wandern. Dehne dein Bewusstsein aus, fülle den Raum damit. Wenn du dein Bewusstsein öffnest, kannst du die Energie der geistigen Welt aufnehmen. Spürst du Energie rechts oder links von dir?»

«Nun», sage ich, «mein rechter Arm ist schwerer.»

«Dann nimmst du jetzt bei deinem Arm die Energie wahr. Fühlt es sich weiblich oder männlich an?»

«Männlich», antworte ich instinktiv.

«Wie sieht er aus?»

Vor meinem inneren Auge erscheint ein Gesicht: «Dunkle Haare.»

«Wie alt?», fragt Camenzind.

«Zwischen fünfzig und sechzig.»

«Genauer.»

«54.»

«Versteht das jemand hier drin? Hat jemand einen Verstorbenen von 54 Jahren?»

«Er ist nicht ihr Vater»

Eine Teilnehmerin, nennen wir sie Maria, hebt die Hand. «Ich habe einen 54-jährigen Verstorbenen.» Camenzind fragt mich: «In welcher Beziehung standen sie?»

«In einer schwierigen. Er mag sie, will aber unbedingt, dass sie zu ihm aufsieht und ihn respektiert. Zuhören kann er ganz schlecht. Er ist nicht ihr Vater, ich weiss nicht, was er ist.»

«Hat er eine Botschaft an Maria?»

«Er möchte ihr sagen, dass er sie mag, aber er will auch, dass sie endlich das macht, was er ihr sagt. Er nervt ein bisschen in seiner Machoart.»

Camenzinds Fazit: «Du hast mit einem Verstorbenen kommuniziert.» Und zwar mit einem ganz bestimmten: mit einem Bekannten von Maria, der kürzlich gestorben ist.

Geschichte aus dem Stegreif

Für mich ist das nicht so klar. Zwar hatte ich den 54-Jährigen deutlich vor meinem inneren Auge gesehen, musste nie überlegen, bevor ich Camenzinds Fragen beantwortete.

Aber Geschichten erzählen ist mein Alltag. Als Journalistin arbeite ich zwar mit Fakten, aber ich interpretiere die Welt. Und für meine Tochter erfinde ich mindestens einmal täglich eine Geschichte aus dem Stegreif. Sie gibt mir Stichworte, zum Beispiel: «Ein Schaf geht ins Hallenbad», und schon ergibt sich für mich eine Geschichte daraus. Das fühlt sich ähnlich an wie das Kommunizieren mit angeblich Verstorbenen: so, als würde nicht ich die Geschichte erzählen, sondern die Geschichte mich.

Darum sage ich: «Ich glaube nicht, dass ich mit einem Toten geredet habe. Sondern dass mein Erzählautomatismus eingesetzt hat.»

Die anderen Teilnehmerinnen können nicht verstehen, dass ich meiner Medialität nicht vertraue. Die eine sagt: «Du hast doch mit der geistigen Welt gesprochen. Wie kannst du da noch zweifeln?»

Eine andere Teilnehmerin sagt: «Ich weiss, dass es die geistige Welt gibt und wir mit ihr kommunizieren. Es ist wie mit der Liebe. Du kannst die Liebe zu deiner Tochter auch nicht beweisen, aber sie existiert.»

Ich bin nicht überzeugt und bitte Martina Camenzind, meine Energie zu lesen und mir Beweise zu bringen. Sie setzt sich mir gegenüber und sagt: «Bei dir im Job gibt es grad viele Umbrüche. Vor zwei Monaten ist eine Hoffnung zerschlagen. Jetzt fängt etwas Neues an.»

Das ist korrekt, lässt sich aber auch auf meinem Facebook- und meinem Twitter-Profil ablesen. «Ich goog­le die Leute sicher nicht», sagt Camenzind.

Gute Menschenkennerin

Vielleicht ist sie einfach eine gute Menschenkennerin. Sogenannte Medien gehen in ihren Sitzungen häufig gleich vor: Sie machen allgemeine Aussagen, die auf fast jeden Menschen zutreffen können, beispielsweise: «Sie hatten im Beruf gerade eine Veränderung.» Dabei beobachten sie die Reaktion ihres Gegenübers und tasten sich so Schritt für Schritt vor. Cold Reading nennt man diesen Trick.

Camenzind lacht: «Cold Reading interessiert uns nicht. Uns interessieren Fakten.» Bei diesem Satz muss ich lachen, weil ich mir spontan überlege, was mein verstorbener Schwiegervater, ein Faktenmensch mit grossem Humor, dazu sagen würde. Bis jetzt hat er mir keine Botschaft geschickt.

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