Everyday for Future

Wenn das Abendessen plötzlich Anlass zu politischen Diskussionen zwischen Vater und Tochter gibt.

Gut und gut ergeben zusammen das ultimative Leibgericht: Schnitzel mit Spaghetti. Foto: Marc Dahinden

Gut und gut ergeben zusammen das ultimative Leibgericht: Schnitzel mit Spaghetti. Foto: Marc Dahinden

Laura de Weck@tagesanzeiger

Sophie(16) sitzt mit ihrem Vaterbeim Znacht.

Vater: So, heute gibts dein Lieblingsessen!

Sophie: Echt?

Vater: Ja, ein mit Liebe handgeklopftes und handpaniertes Schnitzel.

Sophie: Oh…

Vater: Was, oh?

Sophie: Danke, Papa, das ist total lieb. Aber ich will es nicht.

Vater: Dein Lieblingsessen?

Sophie: Weisst du, wie viel Methangas das Rindsschnitzel gefurzt hat?

Vater: Geht das jetzt wieder los?

Sophie: Der neuste Bericht des Weltklimarats sagt, vor allem auf Fleisch soll man verzichten.

Vater: Jetzt ist es doch schon tot, das Rind. Es kann nicht mehr furzen. Jetzt essen wir das.

Sophie: Nein.

Vater: Doch! Ob du das Schnitzel isst oder wegschmeisst, macht doch fürs Klima keinen Unterschied!

Sophie: Doch.

Vater: Hä?

Sophie: Ich möchte mich entwöhnen.

Vater: Von was?

Sophie: Ich muss mich von all dem entwöhnen, woran du mich gewöhnt hast.

Vater: Ich?

Sophie: Du und Mama, ihr habt mich daran gewöhnt, Fleisch zu essen, ständig Auto zu fahren, in überheizten Räumen zu sitzen und im Winter eine Flugmango zu essen. Und jetzt müssen wir uns alle von diesem Leben entwöhnen. In den Herbstferien fliege ich übrigens nicht mit nach New York.

Vater: Was? Weisst du, wie viel der Flug gekostet hat?

Sophie: Weisst du, wie viel CO2 der Langstreckenflug verbraucht?

Vater: Wir freuen uns seit Monaten auf diese Reise!

Sophie: Vier Tonnen, Papa! Der Durchschnittsschweizer verbraucht jährlich vierzehn Tonnen.

Vater: Süsse, ich finde es toll, dass du dich so engagierst. Aber...

Sophie: Aber ich find es schrecklich, dass du dich nie engagiert hast.

Vater: Ich? Wieso sprichst du die ganze Zeit von mir?

Sophie: Weil sich die Emissionen verdoppelt haben seit 1990. Seit du erwachsen bist, läuft alles aus dem Ruder. Was hast du dir dabei gedacht?

Vater: Ich?

Sophie: Ja, auch du. Warum habt ihr das gemacht?

Vater: Wir... Wir wussten ja nicht...

Sophie: Jetzt weisst du es.

Vater: Süsse, so einfach ist es nicht...

Sophie: Wie ist es dann?

Vater: Ich... Ich glaube, als Einzelner kann man nichts verändern, es müssen politische Entscheide...

Sophie: Die Politik wird entscheiden, dass wir uns alle entwöhnen müssen. Gibt es eine andere Lösung? Besser, wir fangen jetzt schon damit an. Denn wenn die ganze Gesellschaft von einem Tag auf den anderen auf Emissionsentzug ist, drehen sie alle durch.

Vater: Können wir nicht noch einen Tag mit der Entwöhnung warten?

Sophie: Nein, Papa, wir sind schon viel zu spät. Warum kapiert dein Hirn das nicht?

Vater: Wie redest du mit deinem Vater? Wie gehst du überhaupt mit deinen Eltern um? Seit Wochen haben wir ein schlechtes Gewissen, wenn wir baden statt duschen, wenn der Braten im Ofen gart, wenn wir im Internet ein schickes Familienauto suchen... Du kannst uns nicht so einengen. Weisst du denn, wer die grössten Klima­sünder sind? Kinder! Hätten wir auf dich verzichten sollen wegen des Klimas? Absurd!

Sophie: –

Vater: Tschuldigung, ich wollte dich nicht anschreien.

Sophie: Schon okay...

Vater: Komm, Süsse, komm in meine Arme, wir essen das Schnitzel und vergessen alles.

Sophie: Ich wollte nicht gemein sein.

Vater: Nein, ich muss mich ent­schuldigen.

Sophie: Schon okay, Papa, das ist doch ein ganz normales Verhalten für Süchtige. Jetzt iss zum letzten Mal dein Schnitzel. Danach stornieren wir die New-York-Reise. Du wirst sehen, die ersten Tage und Wochen sind hart. Und irgendwann hast du vergessen, dass du solche Dinge überhaupt gebraucht hast.

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