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Die enthaltsamen Männer radikalisieren sich

Alexander Rhodes wollte mit «No Fap» Männern dabei helfen, ihre Pornosucht zu überwinden. Inzwischen hat die Bewegung Kontakte zur neuen Rechten.

Alexander Rhodes gründete «No Fap» im Jahr 2011, nachdem er jahrelang exzessiv Pornos konsumiert hatte. Foto: Kristian Thacker (NYT/laif)
Alexander Rhodes gründete «No Fap» im Jahr 2011, nachdem er jahrelang exzessiv Pornos konsumiert hatte. Foto: Kristian Thacker (NYT/laif)

Für den US-Amerikaner Alexander Rhodes ist die Sache klar. Das alles sei eine Verschwörung der Pornoindustrie und er selbst das wahre Opfer. So heisst es zumindest in einem Video, das auf der Webseite seiner Firma «No Fap» zu sehen ist. Und mit dem Rhodes Geld für einen Gerichtsprozess sammeln will. Einen Prozess, den er selbst angestrebt hat, mit einer Klage gegen Nicole Prause.

Prause ist eine US-Neurowissenschaftlerin mit Forschungsschwerpunkt Sexualität und Gründerin des Forschungsinstituts Liberos LLC. Vor einigen Wochen hat Rhodes Klage gegen sie eingereicht – wegen übler Nachrede und daraus resultierender Geschäftsschädigung. Rhodes, von Beruf Programmierer, hat No Fap im Jahr 2011 gegründet, nachdem er – wie er selbst sagt – jahrelang exzessiv Pornos konsumiert und mehrfach täglich masturbiert hatte. Das Ziel seiner Firma ist es, anderen Männern dabei zu helfen, ihre angebliche Pornosucht zu überwinden und dem Drang, sich selbst zu befriedigen, zu widerstehen. Binnen weniger Jahre ist daraus eine Selbsthilfe-Webseite gewachsen, auf der nach eigenen Angaben Hunderttausende Nutzer einander unterstützen.

In ihrer Arbeit als Neurowissenschaftlerin aber zweifelt Prause an der Existenz von Pornosucht. Gemeinsam mit anderen Forschern hat sie vor einigen Jahren an der University of California in Los Angeles eine gross angelegte Studie durchgeführt, die zeigte, dass die Gehirne von Menschen, die nach eigenen Angaben Probleme mit ihrem Pornokonsum hatten, keine für eine Sucht typischen Reaktionen aufwiesen, wenn sie mit pornografischen Inhalten konfrontiert wurden.

Prause, die sich derzeit zum Inhalt der Klage nicht äussern möchte, hat immer wieder öffentlich über Pornosucht gesprochen. Was dazu geführt hat, dass sie von Mitgliedern der No-Fap-Community mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen überschüttet wurde. Prause hat die Polizei eingeschaltet. Rhodes, der No-Fap-Gründer, wiederum zweifelt am Wahrheitsgehalt der Vorwürfe von Prause – und wirft ihr jetzt vor, ihn fälschlicherweise des Cyberstalkings zu verdächtigen.

Misogynie und Rassismus

Rhodes selbst betont, dass es sich bei No Fap um ein Unternehmen handle, eine Plattform für Selbsthilfe – und keinesfalls um eine Bewegung. Es ist der Versuch, sich von den Äusserungen aus der No-Fap-Community zu distanzieren. Der Rechtsstreit mit Prause macht nun aber deutlich, was das grundlegende Problem mit No Fap ist: So leicht lässt sich die Grenze zwischen Plattform und Bewegung nicht ziehen. Beide teilen denselben Ursprung: ein Unterforum auf der Webseite Reddit, in dem sich einst Männer über ihre Schuldgefühle nach dem Pornoschauen austauschten. Viele Anhänger beziehen sich heute direkt auf Rhodes, sie bezeichnen ihn als «ihren König», sich selbst als «seine Armee».

Einer breiten Masse wurde die No-Fap-Bewegung mit dem sogenannten «No Nut November» bekannt.

Seit 2013 ist No Fap ein eingetragener Markenname. Er darf nicht verwendet werden, um die allgemeine Absicht zu beschreiben, keine Pornos zu konsumieren und Masturbationsabstinenz zu praktizieren – so steht es auf der Webseite von Rhodes. Einer breiten Masse wurde die No-Fap-Bewegung mit dem sogenannten «No Nut November» bekannt; einen Monat lang versuchen Männer, sich nicht selbst zu befriedigen. Davon versprechen sie sich alle möglichen vagen Erfolge: neue Lebensfreude, besseres Selbstbewusstsein, mehr Kraft und Energie, weniger Probleme (lesen Sie hier, wie ein Betroffener seine Pornosucht erlebt).

Die No-Fap-Bewegung ist also eine, die sich offenbar um das Wohlergehen und die Gesundheit von Männern sorgt. Wie bei so vielen von Männern dominierten Communitys dieser Art versammeln sich aber unter dieser Oberfläche auch Männerrechtler und andere frauenfeindliche und rassistische Gruppierungen mit Verbindungen zur Alt-Right-Bewegung.

«Männerfeindlichkeit» nicht geduldet

Die Webseite von No Fap distanziert sich von solchem Gedankengut. Misogynie, Rassismus und andere pauschalisierende Aussagen seien in ihrer Community nicht erlaubt. Auffällig ist dabei jedoch, dass das Unternehmen in diesem Zusammenhang mit Begriffen arbeitet, wie sie sich sonst in der antifeministischen Männerrechtsbewegung finden lassen.

So wird zum Beispiel «Männerfeindlichkeit» als Diskriminierung auf eine Stufe mit Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie gestellt. Rhodes selbst war 2016 zu Gast im Podcast von Gavin McGinnes, einem ehemaligen Kopf der sogenannten «Proud Boys». Die Proud Boys sind eine gewaltbereite Organisation, die sich ausschliesslich aus Männern zusammensetzt und als neofaschistisch und rechtsextrem eingeschätzt wird. Zwei Jahre später bestritt Rhodes, von diesem Zusammenhang gewusst zu haben.

Möglichst viele Frauen rumkriegen

Die No-Fap-Community ist eine Bewegung, die zumindest in Teilen antisemitisch, rassistisch und frauenfeindlich ist – und die Follower auf der ganzen Welt hat. Auch im deutschsprachigen Internet finden sich No-Fap-Videos, in denen junge Männer Abstinenz predigen, um zu «Frauenmagneten» zu werden. Am Ende geht es also nicht darum, dass es Männern besser geht, sondern darum, dass sie möglichst viele Frauen rumkriegen.

Das, was als Pornosucht bezeichnet wird, sei vielmehr ein Symptom anderer psychischer Probleme.

Im Mai dieses Jahres hat die WHO zwanghafte sexuelle Störungen als Impulskontrollstörungen in die überarbeitete Version ihres internationalen Diagnosekatalogs aufgenommen. Inwiefern es sich bei angeblicher Pornosucht aber um eine solche zwanghafte Störung handelt, ist weiterhin umstritten.

David J. Ley, Psychologe und Autor des Buchs «The Myth of Sex Addiction», sagt: Das, was als Pornosucht bezeichnet wird, sei vielmehr ein Symptom anderer psychischer Probleme. Ley leugnet nicht, dass Pornokonsum tatsächliche körperliche Auswirkungen auf die eigene Sexualität haben kann. Doch das liege nicht an der Pornografie an sich, sondern an der Art und Weise, wie die überwältigende Mehrheit der Pornos gemacht ist, die auf den kostenlosen Seiten im Netz zu finden ist.

Rechtsextreme Verschwörungstheorie

In der No-Fap-Bewegung findet man aber radikale Ablehnung von Pornografie, die sich mitunter auch in radikalen Forderungen wie «Pornographers must die» niederschlägt. Im Internet kursiert ein Meme, auf dem ein blonder Junge und ein blondes Mädchen zu sehen sind, die vor einem Bildschirm mit den Buchstaben «XXX» sitzen. Hinter dem Bildschirm lauert ein Pornoproduzent, dessen Darstellung eindeutig antisemitisch ist – eine rechtsextreme Verschwörungstheorie, in der «die Juden» als Strippenzieher dargestellt werden.

Rhodes und No Fap distanzieren sich von diesen Auslegungen ihres Gedankenguts. Natürlich sei man nicht für ein generelles Pornoverbot, und natürlich lehne man Selbstbefriedigung nicht grundsätzlich ab, heisst es auf der Webseite. Das macht die Bewegung, die sich um seine Marke No Fap herum gebildet hat, aber nicht weniger gefährlich.

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