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Der Beichtstuhl ist kein «Folterinstrument»

In einem grossen Interview hat sich Papst Franziskus zur Zukunft des Katholizismus geäussert. Die Kirche benötige ein «neues Gleichgewicht» – und solle sich nicht nur mit Homosexualität befassen.

«Man muss nicht endlos davon sprechen», sagt der Papst über Homosexualität und Abtreibungen: Franziskus auf dem Petersplatz. (18. September 2013)
«Man muss nicht endlos davon sprechen», sagt der Papst über Homosexualität und Abtreibungen: Franziskus auf dem Petersplatz. (18. September 2013)
AFP

Papst Franziskus hat die katholische Kirche eindringlich aufgefordert, sich nicht nur mit Fragen der Abtreibung, der homosexuellen Ehen und der Verhütung zu befassen. «Das geht nicht», kritisierte Franziskus in einem heute Donnerstag veröffentlichten Gespräch mit einer Reihe jesuitischer Zeitschriften. Die Kirche solle ein «neues Gleichgewicht» für ihre zahlreichen Lehren finden und helfen, die Wunden der Menschen zu heilen, sagte der Pontifex in einem ersten grossen Interview. Überstürzte Reformen will er vermeiden.

Die Ansichten der Kirche in Fragen wie der Abtreibung seien durchaus bekannt, erklärte Franziskus. «Aber man muss nicht endlos davon sprechen», kritisierte das Kirchenoberhaupt. Ihm sei im übrigen bereits vorgeworfen worden, nicht viel «über diese Sachen» zu reden, erwähnte Franziskus. Wenn man aber darüber spreche, «dann muss man den Kontext beachten.» Die dogmatischen wie moralischen Lehren der Kirche seien jedenfalls nicht alle gleichwertig, «eine missionarische Verkündigung konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige». Franziskus erinnerte auch daran, was er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro über Homosexuelle gesagt hatte: «Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt.»

Briefe von Homosexuellen

Er habe in seiner früheren Zeit in Buenos Aires Briefe von Homosexuellen erhalten, die «soziale Wunden» enthielten, weil diese sich immer von der Kirche verurteilt fühlten. «Aber das will die Kirche nicht», bekräftigte der Papst. «Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen», warnte der Papst. Der Beichtstuhl der katholischen Kirche sei im übrigen auch «kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit», etwa, wenn eine Frau eine Abtreibung beichte.

«Was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen.» Die Kirche habe damit eine Aufgabe so wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht, wo Wunden geheilt würden. Klar wandte sich der Papst in dem Interview erneut auch gegen eine Weltkirche, die wie eine kleine Kapelle nur Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen könne.

Hirten statt Staatsdiener

«Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmässigkeit reduzieren», verlangte Franziskus, «diese Kirche, mit der wir denken und fühlen, ist das Haus aller.» Notwendig seien dabei Mut und Kühnheit. «Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatsdiener.»

Franziskus lud auch dazu ein, Veränderungen und Reformen nicht zu überstürzen. «Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen», erklärte er, ohne dabei direkt auf die von ihm auf den Weg gebrachte Kurienreform einzugehen. Er misstraue improvisierten Entscheidungen.

SDA/ami

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