Auf ein Glas Wasser und Wein

Was passiert, wenn ein Präventionsfachmann einen Weingeniesser besucht? Ruedi Löffel und Walo Hänni zeigen: Es entwickelt sich ein munteres Gespräch.

Der eine trinkt nur Mineralwasser, der andere bleibt bei seinem Wein. Ruedi Löffel (links) und Walo Hänni stossen auf ihr Wiedersehen an.

Der eine trinkt nur Mineralwasser, der andere bleibt bei seinem Wein. Ruedi Löffel (links) und Walo Hänni stossen auf ihr Wiedersehen an.

(Bild: Andreas Blatter)

Stephan Künzi

Im Gang, der tief in den Sandstein des Gurtens führt, steht ein Gestell. Flasche reiht sich an Flasche hier, wo die Münsterkellerei ihre guten Tropfen lagert. Sicher 300 Weine seien hier zu sehen, klärt Gastgeber Walo Hänni auf, derweil Besucher Ruedi Löffel staunt: Wie gross die Vielfalt sei, habe er gar nicht gewusst.

Weinkenner trifft auf Abstinenzler – beim Rendezvous, zu dem sich der pensionierte FDP-Politiker Walo Hänni aus Köniz und der aktive EVPler Ruedi Löffel aus Münchenbuchsee treffen, prallen die Gegensätze aufeinander. Die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit im Grossen Rat, wo sie manches Duell ausgefochten haben. «Du hast dein Image als Moralist stets gepflegt», reibt Hänni seinem Gegenüber unter die Nase, worauf er zu seiner Überraschung hört: «Völlig abstinent bin ich gar nicht mehr.»

Seit ein paar Jahren, verrät Löffel, gönne er sich ab und zu wieder einen Cognac. Dies sei kein Widerspruch zu seinem Job als Leiter Suchtprävention beim Blauen Kreuz. In dieser Funktion stehe er für Genuss und Eigenverantwortung und: «Heute ist beim Blauen Kreuz eine Solidarmitgliedschaft ohne totale Abstinenz möglich.»

In den Kellereien der einstigen Hessbrauerei im Steinhölzli entspannt sich rasch ein munteres Gespräch. Hänni, der für den Ruhestand auf dem Areal ein Büro gemietet hat, führt zu einem Fass. Im passenden Ambiente will er auf das Wiedersehen anstossen.

Winzerhandwerk fasziniert

«Das nenne ich Diskriminierung», merkt Löffel mit einem Lächeln auf den Lippen an, während er zu einem dickwandigen Wasserglas greift. Hänni schenkt sich derweil einen Schluck Wein ein und brummt mit einem Blick auf das elegante Glas in seiner Hand: «Das ist die Diskriminierung wert.» «Ich werde mich revanchieren und dich ins Blaukreuzheim im Aeschiried einladen», kontert Löffel, «in Aeschiried war ich im Militär», fügt Hänni an. Worauf Löffel zurückstichelt: «Aber am Abend sicher nur in der Chemihütte.»

Mittlerweile trinkt auch Löffel sein Wasser aus einem eleganten Weinglas, das Gespräch wird ernst. «Ich habe Freude am Wein und trinke jeden Tag mein Glas», erklärt Hänni. Auch wegen des Drumherums: Der 71-Jährige schwärmt von der Faszination des Winzerhandwerks und von den lieblichen Landschaften, in denen die Trauben wachsen. Ihm gehe es um den Genuss, bekräftigt er, «ich muss doch nicht schon am Morgen etwas haben.» Was Löffel unvermittelt zur Frage bringt: «Wie merkst du, dass du genug hast?»

Erlebnis in der achten Klasse

Just das sei nämlich das Problem in seinem Berufsalltag, fährt der 53-Jährige fort. Die grosse Mehrheit in der Bevölkerung könne zwar mit dem Alkohol umgehen, ein kleiner Teil aber überschreite die Grenze. Löffel schildert den Beizenschluss an einem Barfestival, malt das Bild einer Schar von 4000 Besuchern. 200 bis 300 sind dicht bis stockhagelvoll, treten aggressiv auf, erbrechen oder urinieren in aller Öffentlichkeit – «gerade die Jungen müssen lernen, Mass zu halten».

«Solche Probleme hatten wir zu unserer Zeit nicht», sagt Hänni darauf. Um gleich zu betonen, dass er sich darob den Weingenuss nicht vermiesen lässt. «Bei einem längeren Nachtessen dürfen es durchaus auch mal ein paar Gläser sein, und dann fährt meine Frau.» Bei ihm sei es umgekehrt, reagiert Löffel, «ich fahre in einem solchen Fall». Anders als seiner Frau schmecke ihm der Wein gar nicht, vielleicht habe dies mit einem schlechten Erlebnis in der achten Klasse zu tun: «Ich war am Genfersee im Läset, und zu Beginn gab es nur Wein.»

Ein Prosit auf Distanz

Einig sind die beiden, dass sie sich bei einem Getränk gut entspannen können. Während sich Löffel ein Cola zero genehmigt, bleibt Hänni beim Wein, «er gehört dazu». Löffel zuckt auf. Da ist es wieder, das Gefühl diskriminiert zu werden. «Wer nicht mittrinkt, wird nur zu gern schief angesehen», stellt er fest. «Ich tue das nicht», sagt Hänni, «sehr gut», gibt Löffel zur Antwort. Beide prosten sich nochmals zu, diesmal auf Distanz. Bewusst – denn das ginge ohne Probleme sogar mit einem dickwandigen Wasserglas.

Berner Zeitung

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