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«Altherrenrunden müssen Distanz lernen»

Weiter Wirbel um den Sexismus-Vorwurf gegen den deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle. Die Debatte über sexuelle Belästigung im Polit-Alltag ist lanciert. Immer mehr Journalisten melden sich zu Wort.

Rainer Brüderle schweigt auch heute weiter – aber in der Medien- und Onlinewelt ist längst die Debatte über den Artikel einer Journalistin zu mutmasslichen Annäherungsversuchen des deutschen FDP-Spitzenpolitikers entfacht und breitet sich wie ein Lauffeuer aus. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter kochen am Tag nach Veröffentlichung des «Stern»-Artikels bei vielen Usern die Emotionen weiter hoch, die Zeitungen berichten reihenweise über den Fall und immer mehr Journalisten melden sich zu Wort.

Der Journalistinnenbund hält den Bericht der Journalistin Laura Himmelreich über die mutmassliche Zudringlichkeit des FDP-Bundestagsfraktionschefs für einschneidend. Die Vorsitzende der Vereinigung, Andrea Ernst, sagte der Nachrichtenagentur DAPD, dass der Artikel enorm dazu beiträgt, dass sich das Verhältnis zwischen traditionsreichen Parteien und Presse verändern werde.

Altherrenrunden müssen Distanz lernen

«Denn allzu grosse Nähe, Anzüglichkeiten und Übergriffe werden öffentlich. Für die Altherrenrunden der politischen Macht ist das besonders schmerzlich. Sie müssen ab nun professionelle Distanz lernen», betonte Ernst. «taz»-Chefredakteurin Ines Pohl äusserte sich ähnlich. Die Berichterstattung werde dazu führen, dass sich Politiker künftig genauer überlegen, ob sie sich abfällig an eine Frau heranmachen, sagte sie am Freitag im Deutschlandfunk.

In dem mehrseitigen Porträt über Brüderle beschreibt die «Stern»-Journalistin Laura Himmelreich eine Situation vor gut einem Jahr, in der der 67-Jährige auf ihre Brüste geschaut und gesagt haben soll: «Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.» Zudem soll er ihre Hand genommen, diese geküsst und im Verlauf des Gesprächs gesagt haben: «Politiker verfallen doch allen Journalistinnen.» Mitte des Monats hatte bereits eine Autorin von «Spiegel online» über frauenfeindliche Szenen im politischen Alltag der Piratenpartei berichtet.

Der gestern erschienene Artikel über Brüderle hatte nicht nur Zuspruch erhalten. Vor allem in der FDP wurde der Zeitpunkt der Veröffentlichung des Berichts kritisiert.

«Unglaublich mutig»

Die Autorin Ursula Kosser sprang der Autorin dagegen bei. «Es ist schlichtweg unfair, ihr vorzuwerfen, sie hätte das doch direkt vor einem Jahr machen können», sagte sie am Freitag im Deutschlandfunk. Himmelreich hätte zunächst überprüfen müssen, ob es sich bei dem Verhalten des Politikers um einen einmaligen «Ausrutscher» gehandelt habe.

Dass sie sich entschlossen habe, die Geschichte jetzt zu schreiben, halte sie für «unglaublich mutig», sagte Kosser. Die ehemalige Spiegel-Journalistin hatte im Jahr 2012 das Buch «Hammelsprünge» veröffentlicht, in dem sie die Beziehung von Sex und Macht in der Bonner Republik schildert.

Auf Twitter kochten derweil die Emotionen weiter hoch und gehen weit über die Personalie Brüderles hinaus: Unter dem Hashtag #aufschrei etwa tauschen die Nutzer des Onlinedienstes seit Donnerstagnachmittag ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus aus. Mal handeln sie etwa von aufdringlichen Professoren, mal von beleidigenden Polizisten oder schamlosen Ärzten.

(dapd)

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