Konsum von Mineralwasser nimmt zu

Immer mehr Menschen verzichten auf Hahnenwasser und trinken lieber Wasser – ohne Kohlensäure – aus der Flasche. Wovor fürchten sich die Frischwasser-Abstinenten?

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Das perfekte Getränk gibt es jederzeit fast gratis: Hahnenwasser – kalorienfrei, sauber, gesund. Nur: Immer mehr – vor allem junge Leute – verzichten darauf. Mineralwasser ohne Kohlensäure gewinnt immer mehr an Beliebtheit.

Eine kleine Facebook-Umfrage im Freundeskreis bringt Erstaunliches zu Tage: Mehr als 120 Personen geben Antwort auf die Frage: Gibt es hier Leute, die kein Hahnenwasser trinken? Über die Hälfte von ihnen meint: Ja. Die Gründe sind vielfältig: «Hahnenwasser ist fürs WC», schreibt der Gastronom und wird bei genauerem Nachfragen etwas konkreter: Der Bleigehalt im Schweizer Wasser sei bedenklich. Angst um seine Männlichkeit hat der 30-jährige Musiker: «Es hat zu viele weibliche Hormone im Wasser.»

Jüngere tendieren zu Wasser aus der Flasche

Aber auch der Geschmack, Mikroplastik, Fluor und andere Rückstände werden als Grund genannt, warum immer mehr Menschen auf Hahnenwasser verzichten und lieber Wasser aus der Flasche trinken. Es sind vor allem junge Menschen, auch das zeigt die Facebook-Umfrage.

Umfrage

Von ihrem gesamten Trinkwasserverbrauch: Wieviel ist Hahnenburger?







Die Statistik bestätigt den Trend zum Wasser aus der Flasche. 1998 wurden in der Schweiz 680 Millionen Liter Mineralwasser verbraucht. Im letzten Jahr waren es bereits 965 Millionen Liter, eine Zunahme um 42 Prozent. Die Migros-Sprecherin Christine Gaillet stellt ausserdem fest: «Vor allem Mineralwasser ohne Kohlensäure gewinnt in letzter Zeit immer mehr an Bedeutung.»

Nach der Aufbereitung sauber

Bei so vielen Vorurteilen gegenüber dem «Hahnenburger» stellt sich die Frage, ob Flaschenwasser tatsächlich vorzuziehen ist. Der Fachmann winkt ab: «Unser Hahnenwasser ist qualitativ genauso gut wie das Wasser aus der Flasche», sagt Pius Kölbener, der St. Galler Kantonschemiker. «Das Rohwasser kann leichte Verunreinigungen enthalten, die dann bei der Aufbereitung zum Trinkwasser entfernt werden.»

Auch Schwermetalle, wie etwa Blei, sind für den Chemiker kein Problem – anders als bei den alten Römern, die sich mit ihren Blei-Wasserleitungen schwer belasteten. Als gefährlich gilt auch Mikroplastik. Die mikroskopisch kleinen Teilchen kommen immer häufiger im Abwasser vor, da sie auch in Hygieneartikeln wie etwa Shampoos oder Hautcremen verwendet werden.

Im Trinkwasser seien sie dann aber nicht mehr vorhanden, sagt der Kantonschemiker: «Mikroplastik-Partikel werden bereits in der Natur grösstenteils vom Wasser getrennt, etwa wenn das Wasser durch verschiedene Sedimentschichten fliesst.» In der Wasseraufbereitung wird das Wasser noch zusätzlich gefiltert.

Kein zudosiertes Fluor

Eine weitere Angst der Frischwasser-Abstinenten betrifft das Fluor, das dem Wasser beigefügt sein soll. Tatsächlich wurde dieser Stoff früher ins Trinkwasser gemischt, zur Kariesprophylaxe. «Zuletzt geschah dies 1993 in Basel, heute ist unser Wasser aber gänzlich frei von zudosiertem Fluor», sagt Urs Kamm vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches in Zürich. Schweizer Hahnenwasser sei dem abgefüllten Pendant in der Flasche ebenbürtig, meint auch Kamm: «Das zeigen diverse Analysen; die meisten Markenwasser haben nicht einmal mehr Mineralstoffe als unser Hahnenwasser.»

Das schlechte Image verdankt das Hahnenwasser nicht zuletzt dem guten Image, das die Hersteller dem Mineralwasser in den letzten Jahren verpasst haben. «Unsere Getränkewahl wird auch durch die Werbung beeinflusst», sagt Pascale Hoch von der Werbeagentur Kraftkom in St. Gallen, und ergänzt: «Die Mineralwasserindustrie steckt Millionen in die Werbung, um ein Image von Gesundheit und Schönheit zu schaffen.» Dabei sei auch die Herkunft ein wichtiges Verkaufsargument, sagt die Werberin. «Valser Quellwasser» klingt einfach besser als «Wasser aus dem Bodensee».

Mix aus See-, Grund- und Quellwasser

Das Wasser, das in den Schweizer Haushalten aus den Hähnen kommt, besteht zu 40 Prozent aus Grundwasser, weitere 40 Prozent sind Quellwasser, und die restlichen 20 Prozent sind sogenanntes Oberflächenwasser, das aus Seen und Flüssen stammt. Häufig ist das Hahnenwasser ein Mix aus diesen dreien, «der Anteil kann aber je nach Region und Ortschaft stark variieren», weiss Wasserexperte Kamm. So kommt etwa aus den Ostschweizer Hähnen häufig Oberflächenwasser aus dem Bodensee, das allerdings gar nicht an der Oberfläche gewonnen wird; in der Stadt Zürich stammen 70 Prozent aus dem See, der Rest ist Grund- und Quellwasser. Die Basler trinken Grundwasser, ein Teil davon wird aber dem Rhein entnommen, versickert dann und wird in Brunnen gefasst. Auch in der Stadt Bern wird Grundwasser getrunken.

Wasserexperte Kamm trinkt im Restaurant Mineralwasser und zu Hause Zürcher Hahnenwasser. «Das ist mehrfach aufbereitet und hervorragend im Geschmack», lautet sein Werbespot. Und auch der St. Galler Kantonschemiker, Pius Kölbener, spricht von sich, wenn er gefragt wird, wie es sich denn mit der Qualität des Hahnenwassers im Ausland verhalte – etwa in einer Grossstadt wie Rom oder noch weiter südlich, zum Beispiel in Kairo: «Ich frage die Einheimischen, ob sie es trinken, und verlasse mich nicht zuletzt auf meine Nase.» (nag/sda)

Erstellt: 21.12.2016, 14:39 Uhr

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