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Ein ganzes Dorf als Sprachschule

Wer nach Bagno di Romagna kommt, merkt schnell, dass das Lernen nach dem Italienischunterricht nicht aufhört. Ob Wirtin, Buchhändlerin oder Touristen – alle verwickeln die Gäste in Gespräche.

Meine Gastmutter ist laut den Unterlagen 65 Jahre alt und verwitwet, interessiert sich für fremde Kulturen und kocht gern. «Dick werden bei der fröhlichen Witwe», title ich im Geist und male mir während der langen Zugfahrt aus, wie Tina und ich zusammen essen, Wein trinken und plaudern. Es ist neblig und nieselt, als ein Fahrer mich vor meinem Zuhause in Bagno di Romagna ablädt. «La ragazza è qui!», schreit er in die Gegensprechanlage. «Vengo, vengo», brüllt eine heisere, müde Stimme zurück. Meine Gastmutter öffnet die Tür. Ihre Stirn liegt in Falten, die Haare stehen ihr zu Berge, dunkle Ringe liegen unter ihren Augen.

Ich hatte mit einem Nachtessen gerechnet, doch es blubbert kein Sugo in der Küche. Stattdessen läuft eine Quizshow auf Rete5, für die sich Tina brennend interessiert. «Mit 250'000 Euro könnte ich mein Dach reparieren», sagt sie. Und es folgt ein Abriss ihres Lebens in Zahlen: Zwei Jahre alt war ihr Sohn, als das Ehepaar ihn adoptierte. 15 Tage war ihr Mann krank, bevor er vor 28 Jahren plötzlich starb.

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