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Eloïse und das Passé simple

Wer schnell möglichst viel lernen will, quartiert sich am besten gleich bei einer Sprachlehrerin ein. Ein Rund-um-die Uhr-Sprachkurs ist nicht nur effizient, sondern kann zur Offenbarung werden.

Mady, die Hauslehrerin, und ihre Enkelin Eloïse fordern viel von ihren Schülern. Doch diese lernen auch viel – vielleicht, weil es keinen Feierabend gibt.
Mady, die Hauslehrerin, und ihre Enkelin Eloïse fordern viel von ihren Schülern. Doch diese lernen auch viel – vielleicht, weil es keinen Feierabend gibt.
Silvia Schaub
Zum Interview in Annecy: Natürlich wird es auf Französisch geführt.
Zum Interview in Annecy: Natürlich wird es auf Französisch geführt.
Silvia Schaub
Geschichte auf Französisch: Burg in La Roche-sur-Foron.
Geschichte auf Französisch: Burg in La Roche-sur-Foron.
Silvia Schaub
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Einen solchen Auftakt hätte ich nicht erwartet. Schon am allerersten Abend rutscht mir doch tatsächlich ein Subjonctif über die Lippen. «Il est important que j’apprenne le Français de tous les jours.» Ich war perplex. Waren meine jahrelangen Französischstunden also doch nicht ganz für die Katz gewesen?

Allzu oft brauche ich mein Französisch inzwischen nicht mehr. Ich glaubte, schon fast alles vergessen zu haben. Also kann ein Kurs zum Auffrischen der Kenntnisse nicht schaden, dachte ich mir. Und da ich keine Lust auf eine Sprachschule hatte, wo ich womöglich mit Teenies oder Twens in einer Klasse sitzen müsste, kam mir folgendes Angebot ganz gelegen. Wieso sich nicht einmal beim Lehrer zu Hause ganz individuell in eine Sprache vertiefen? Nicht irgendwo in einem Hotspot wie Paris oder an der Côte d’Azur, sondern in der beschaulichen Haute-Savoie. Sie liegt nahe der Schweizer Grenze und hat ebenso ihren Reiz, bietet die Gegend doch pittoreske Kleinstädtchen und viel Natur. Die Kurse «At the Teacher’s Home» der Sprachschule Home Language International finden nicht nur drinnen statt. Das Konzept sieht auch vor, dass man nachmittags unterwegs ist.

Meine Anfangseuphorie ist übrigens schnell wieder verflogen. Denn schon einen Moment später korrigiert mich Mady, meine Lehrerin: «Chambre spricht man mit einem harten und nicht mit einem weichen ‹sch› aus!» Also mindestens an meiner Aussprache kann ich noch feilen. Und ein paar Tipps in Sachen Interviews wären auch nicht schlecht. Wo es bei mir sonst noch hapert, merke ich beim Test, den ich am ersten Abend ausfüllen muss.

Grammatik am Esstisch

Am nächsten Morgen sitze ich statt in einem kühlen Schulzimmer im gemütlichen Esszimmer von Mady Tissot im kleinen Dorf Amancy. Die erste Herausforderung erwartete mich aber schon vor der Lektion. Madys 4-jährige Enkeltochter Eloïse schaut kurz vorbei, nimmt mich sogleich in Beschlag und konfrontiert mich mit der Frage: «As-tu aussi une tirelire?» Tirelire? Ich verstehe nur Bahnhof. Und schon bringt mir Eloïse ihr kleines Sparkässeli. Aha. Schon zum Frühstück ein neues Wort gelernt.

Mady ist eine spannende und engagierte Lehrerin – und eine genaue. Wir nehmen zum Einstieg «quelques nominalisations à partir d’un verbe» durch. Immer wieder tauchen in ihrem Lehrbuch Kapitel auf, die sie mit einer Brille markiert hat. Diese Übungen sind besonders herausfordernd. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass bei mir doch einiges an Grammatik hängen geblieben ist. Dafür schleichen sich immer mal wieder Anglizismen ein, die meine Privatlehrerin sogleich korrigiert. «Es heisst ‹rendre visite› und nicht ‹visiter›.» Aber sie ermuntert mich auch, doch nicht immer diese fürchterlichen «Est-ce que»-Sätze zu machen. «Das geht auch viel einfacher mit der Inversion. ‹As-tu› statt ‹Est-ce que tu as›.»

«Die Privatlehrerin korrigiert vieles. Aber sie ermuntert mich auch, doch nicht immer diese fürchterlichen ‹Est-ce que›-Sätze zu machen.»

Silvia Schaub

Wir folgen dem Lehrbuch nicht immer ganz genau. Dazwischen schweifen wir ab und verlieren uns in angeregten Diskussionen über «la vie». Und das ist bei Mady besonders interessant. Bevor sie nämlich als Privatlehrerin zu arbeiten begann, organisierte die studierte Ökonomin während 26 Jahren Konferenzen für das World Economic Forum in der ganzen Welt. Noch immer denkt die inzwischen pensionierte Französin gerne an diese Zeit zurück und hat viel darüber zu erzählen. Deshalb ist sie auch gleich mein erstes Interviewopfer. Geschickt korrigiert – oder vielmehr optimiert – Mady meine Fragen, damit ich ihr noch spannendere Antworten entlocken kann. Natürlich will ich wissen, wie sie zu diesem Job gekommen ist und was die grössten Herausforderungen («défi», schon wieder ein neues Wort) waren, wie sie sich mit ihren Kindern organisierte (dank ihrem Mann) und welch spannende Länder sie durch ihren Beruf kennen gelernt hat.

Einen Feierabend gibt es nicht

An Feierabend ist allerdings bei einem Sprachkurs dieser Art nicht zu denken. Man befindet sich immer irgendwie in der Schule – beim nachmittäglichen Rundgang durch das reizende Städtchen La Roche sur Foron, beim Kaffee mit Tochter Aman­dine oder beim Abendessen. Auszeit gibts nur im Bett, wo ich völlig erschöpft sofort in einen traumlosen Tiefschlaf falle. Aber der Vorteil ist: Man hat die Sprache immer um sich, kann ihr gar nicht entrinnen, sodass man fast automatisch beginnt, französisch zu denken.

Dass der Aufenthalt bei Mady erste Früchte trägt, spüre ich am nächsten Tag bei einem Ausflug nach Annecy. Dort soll ich nicht nur die Stadt entdecken, die auch als «Venedig der Alpen» gilt, sondern meine Interviewtechnik ausprobieren. Wir treffen Dominique, die Koordinatorin der Schule Home Language International und auch selbst Lehrerin, sowie ihren Mann Marc.

Der ehemalige Bankdirektor und heutige Abgeordnete im Stadtparlament ist ein kundiger Stadtführer, obwohl er ursprünglich aus dem Burgund stammt. Er weiss viel über die Geschichte des hübschen Städtchens, führt durch die engen Gassen und vorbei an den Flüssen – und ich bekomme gleich auch noch eine Geschichtslektion direkt vor Ort. Sein Französisch ist natürlich lupenrein, aber er legt ein Tempo hin, dem ich kaum folgen kann. Bei seiner Frau Dominique ergeht es mir nicht anders.

Später, als wir bei einem ­Pineau des Charentes (einem alkoholischen Getränk aus unfermentiertem Traubenmost und Eau de vie de Cognac), Confit de canard und Pommes de terres persillées sitzen (die Sprache geht mittlerweile auch durch den Magen!), bin ich schon langsam warmgelaufen.

Von ihr erfahre ich, dass sie über 40 Lehrer im Einzugsgebiet zwischen Lyon und Genf betreut und wie viel Fingerspitzengefühl es für die Zuteilung der Schüler braucht. «Ich möchte schliesslich, dass sie zufrieden sind und wirklich Fortschritte machen.» Sie erzählt, weshalb diese Kursart so erfolgreich ist. «Weil jeweils nur ein Schüler pro Familie untergebracht wird. Und durch die Abkapselung von der eigenen Sprache schnelle Fortschritte erzielt werden können.»

Meist sind es entweder Schülerinnen oder Schüler, die in der Schule aufholen müssen, angehende Lehrer, die sich auf einen Abschluss vorbereiten oder Berufsleute, die in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lernen wollen.

Streng – auch für die Lehrerin

Es ist übrigens nicht nur für die Schüler herausfordernd, sondern auch für die Lehrpersonen. Mady ist schliesslich nicht nur für die Schulstunden verantwortlich, sie ist auch meine Köchin, meine Unterhalterin, meine erste Anlaufstelle bei Fragen aller Art. «Nach einer Kurswoche oder zwei brauche ich jeweils schon ­etwas Erholung», meint sie schmunzelnd. Doch ihr entspreche diese Art von Unterricht und gleichzeitig Betreuung. «Ich finde es spannend, so unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, quasi die Welt bei mir zu Gast zu haben.»

Doch Mady bekommt zwischendurch auch mal etwas Entlastung durch Eloïse. Die Kleine korrigiert mich, wo immer sie kann: «Non, on ne dit pas un bouillotte, on dit une bouillotte.» Am letzten Abend erzählt sie mir eine Geschichte und lehrt mich, dass selbst 4-Jährige schon das Passé simple perfekt können: «Ce fut une fois un éléphant qui rencontra un lion . . .»

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