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Textilherstellerin in NötenLantal streicht bis zu 75 Stellen

Der Lantal AG brechen die Umsätze weg. Nun sollen die Belegschaften in Langenthal und Melchnau reduziert und Teile der Produktion ausgelagert werden.

Auf einem Rundgang durch die Melchnauer Teppichweberei war Urs Rickenbacher im Jahr 2018 noch guter Dinge.
Auf einem Rundgang durch die Melchnauer Teppichweberei war Urs Rickenbacher im Jahr 2018 noch guter Dinge.
Fotos: Thomas Peter

Die Nachricht, die Geschäftsleiter Urs Rickenbacher am Dienstagmorgen seiner Belegschaft zu verkünden hatte, war ein Schock: Die Textilunternehmerin Lantal AG muss an den Standorten in Melchnau und Langenthal bis zu 75 Arbeitsplätze streichen. Zudem plant die Geschäftsleitung, einen Teil der Produktion – die Herstellung von Sitzbezügen und Vorhängen sowie die Produktion von neuen Musterentwicklungen – zum eigenen Unternehmen in den USA auszulagern.

Innovationen, neue Entwicklungen und Designs sollen nach wie vor in Langenthal gestaltet und hergestellt werden. Erfolgen jedoch konkrete Aufträge, so würden diese in den USA hergestellt. Die Entwicklung und Produktion von Teppichen bleibt weiterhin in der Schweiz. Die Auslagerung von Aufträgen erfolgt gemäss Lantal aus folgenden Gründen: In den USA würden bereits jetzt mehr und günstiger Flachgewebe produziert, zudem liege der Standort in unmittelbarer Nähe zu einem der weltweit grössten Sitzhersteller.

Langfristige Krise

Die Ankündigung der Lantal AG, fast ein Drittel ihrer 258 Arbeitsplätze abzubauen, ist ein schwerer Schlag für den Wirtschaftsstandort Oberaargau. In einer Medienmitteilung fordert die Gewerkschaft Unia das Unternehmen auf, die soziale Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden zu tragen und keine Kündigungen ohne Anschlusslösungen auszusprechen.

«Mir tut es extrem leid für unser Personal, dass wir einen solchen Schritt machen müssen.»

Urs Rickenbacher, Geschäftsleiter Lantal AG

Rickenbacher sagt, er habe in siebzehn Jahren als Lantal-Geschäftsleiter keine Situation von dieser Dramatik erlebt. «Mir tut es extrem leid für unser Personal, dass wir einen solchen Schritt machen müssen.» Aber wenn ein Unternehmen derart auf dem falschen Fuss erwischt werde und die Krise langfristigen Charakter habe, gebe es keine anderen Möglichkeiten als einen drastischen Stellenabbau.

Minus 85 Prozent Umsatz

In den letzten Jahren war die Textilherstellerin erfolgreich unterwegs, legte besonders im Luftverkehr deutlich an Umsatz zu. Doch als Firma, die fast ausschliesslich vom grenzüberschreitenden Geschäft abhängig ist, wurde sie von der Coronavirus-Pandemie heftig getroffen. Im Januar wirtschaftete das Unternehmen noch über den Erwartungen, im Februar gelangten die ersten Informationen aus China nach Langenthal. «Bis März waren wir vernünftig unterwegs», sagt Rickenbacher. Im April kam der Umsatzeinbruch: minus 85 Prozent.

Von den bis zu 320 Airlines, die Lantal normalerweise beliefert, blieben neue Aufträge aus, wurden Bestellungen storniert, Rechnungen hinausgezögert oder nicht mehr bezahlt. Ein Flugzeug am Boden braucht weder neue Teppiche oder Sitzbezüge noch Vorhänge. Wie Rickenbacher sagt, hat Lantal «extrem von Kurzarbeit Gebrauch gemacht». Der Markt entwickelt sich aber weiterhin negativ. So negativ, dass eine Entspannung und Erholung bloss schrittweise erfolgen und bis zum Jahr 2023 andauern werde.

In der Niederlassung in Melchnau entwickelte die Firma immer wieder neue Produkte, etwa handgetuftete Flugzeugteppiche.
In der Niederlassung in Melchnau entwickelte die Firma immer wieder neue Produkte, etwa handgetuftete Flugzeugteppiche.

Und auch dann zeigen laut Rickenbacher interne Prognosen, dass Lantal nur noch etwa 90 Prozent des früheren Marktvolumens im Luftverkehr erreichen wird – vor allem verursacht dadurch, dass Geschäftsleute anstelle eigentlicher Reisen weiterhin Videokonferenzen nutzen werden. Mittlerweile habe sich der Markt im Luftverkehr bei 30 Prozent stabilisiert. Doch selbst der Bodenverkehr mit Bus- und Tramfahrt habe einen Einbruch von bis zu 60 Prozent erlitten.

Wie geht es nun mit der Belegschaft weiter? In den nächsten fünfzehn Tagen wird die Lantal AG ein Konsultationsverfahren durchführen. Bevor dieses abgeschlossen ist, kann das Unternehmen keine konkreten Auslagerungspläne vorstellen. Sollten keine alternativen Vorschläge eingehen, wie eine Stellenreduktion abzuwenden ist, will die Geschäftsleitung ab Ende August die Umsetzung ihrer Abbaupläne vorantreiben. Laut Urs Rickenbacher wird die Verlagerung in die USA schrittweise und über mehrere Monate hinweg erfolgen.