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«Zensur ist zurück» – Frankreich streitet über Kunst

Die Serie «Death» der Fotografin Ahlam Shibli ist schon in mehreren Museen gezeigt worden, zuletzt in Barcelona. In Paris löst sie nun heftige Proteste aus – und ist damit kein Einzelfall.

Der Museumsdirektorin wurde mit dem Tod gedroht: Ein Besucher vor Bildern der Serie «Death» der palästinensischen Fotografin Ahlam Shibli im Museum Jeu de Paume in Paris (12. Juni 2013).
Der Museumsdirektorin wurde mit dem Tod gedroht: Ein Besucher vor Bildern der Serie «Death» der palästinensischen Fotografin Ahlam Shibli im Museum Jeu de Paume in Paris (12. Juni 2013).
Keystone
Der Vorwurf: Die Arbeit verherrliche Terrorismus. Auf den insgesamt 68 Fotos sind Palästinenser zu sehen, die im Kampf gegen Israel ihr Leben verloren.
Der Vorwurf: Die Arbeit verherrliche Terrorismus. Auf den insgesamt 68 Fotos sind Palästinenser zu sehen, die im Kampf gegen Israel ihr Leben verloren.
Keystone
Ahlam Shibli, auf diesem Bild an der Documenta in Kassel 2007: «Ich bin keine Aktivistin. Meine Arbeit besteht darin zu zeigen, nicht zu verurteilen.»
Ahlam Shibli, auf diesem Bild an der Documenta in Kassel 2007: «Ich bin keine Aktivistin. Meine Arbeit besteht darin zu zeigen, nicht zu verurteilen.»
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«Ich bin keine Aktivistin. Meine Arbeit besteht darin zu zeigen, nicht zu verurteilen», erklärte Shibli, der das Museum Jeu de Paume derzeit eine Retrospektive widmet. Am Eingang der Ausstellung wurde ein Text mit der Überschrift «Avertissement» (Warnung) angebracht, nachdem es zu heftigen Protesten gekommen war. Das Museum musste wegen Bombenalarms zeitweise schliessen und der Direktorin wurde mit dem Tod gedroht. Die Ende Mai eröffnete Retrospektive der palästinensischen Fotografin vereint sechs Serien, darunter auch die Werkgruppe «Death»: 68 Fotos von Palästinensern, die im Kampf gegen Israel ums Leben kamen.

Shibli hat Plakate fotografiert, die in Nablus an den Stadtmauern hängen. Nablus ist die grösste Stadt des Westjordanlands und zählt mehrere palästinensische Flüchtlingslager. Mit «Death» will die Fotografin zeigen, wie die toten Kämpfer im öffentlichen Raum und in der Erinnerung der Bevölkerung weiterleben.

In einem Brief an Frankreichs Kulturministerin Aurélie Filippetti beschuldigte der Rat jüdischer Institutionen Frankreichs (CRIF) das Museum, den «Terrorismus zu verherrlichen». Der Rat kritisierte vor allem die Begleittexte, in denen die Künstlerin für die Kamikaze-Terroristen den Begriff Märtyrer benutzt.

Facebook-Seite gesperrt

Seitdem hängt am Eingang der Ausstellung die Warntafel, auf der die Fotografin erklärt, dass die gezeigten Bilder weder Propaganda seien, noch der Verherrlichung des Terrorismus dienten. Dennoch rief die Organisation «France-Israël» Ende Juni zu einer Demonstration auf und forderte einen Abbruch der Ausstellung. «Die Zensur ist wieder zurück» titelte Frankreichs Presse, denn erst im März wurde die Facebook-Seite des Jeu de Paume gesperrt. Das Museum hatte aus Anlass der Schau «Laure Albin Guillot (1879-1962), l'enjeu classique» ein Schwarz-Weiss-Foto auf seine Seite gestellt.

Darauf war eine liegende nackte Frau zu sehen, bei der lediglich das Geschlecht durch ein weisses Tuch verdeckt war. Laut Museum war die Seite von Facebook zunächst 24 Stunden lang gesperrt. Später wurde auf dem Foto die Brust mit einem Balken verdeckt. Das Verbot von Nacktfotos gehört zu den Richtlinien des US-Unternehmens.

«Nicht zwischen einem Kunstwerk und einem Bild mit pornografischem Charakter zu unterscheiden, ist eine nicht nur zweifelhafte, sondern vor allem gefährliche Vermischung», erklärte damals das Museum.

Abbruch wegen Technikfehler

Im Herbst 2012 hatte das Pariser Institut der arabischen Welt (IMA) eine Videoinstallation des marokkanischen Künstlers Mounir Fatmi zurückgezogen. Der Film zeigte den Schriftsteller Salman Rushdie schlafend mit einer tickenden Uhr im Hintergrund. Der Künstler wollte damit gegen das Schweigen der arabischen Intellektuellen nach der Fatwa gegen den britisch-indischen Autor protestieren, auf dessen Kopf der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini 1989 eine Million Dollar ausgesetzt hatte.

Mittlerweile wurde die Prämie auf 3,3 Millionen Dollar erhöht. Wie der Künstler damals erklärte, sei das Klima nach dem anti-islamischen Film «Unschuld der Muslime» der Grund für die Selbstzensur des Instituts gewesen. Nur eine Woche zuvor musste Fatmi auf dem Kulturfestival «Le Printemps de Septembre» in der südfranzösischen Stadt Toulouse seine Installation «Technologica» auf Druck der muslimischen Gemeinde abbrechen - wegen eines Technikproblems warden die Koranverse nicht auf eine Fassade projiziert worden, sondern auf den Boden.

SDA

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