Vermittler zwischen den Kulturen

Operndirektor Matthew Wild aus Kapstadt gibt am Konzert Theater Bern sein Schweizer Debüt als Regisseur. Er taucht mit Mozarts «Don Giovanni» in eine Spielercity ein.

Im Proberaum: «Don Giovanni»-Regisseur Matthew Wild hat den flinken Fingerdreh mit dem Casinochip raus.

Im Proberaum: «Don Giovanni»-Regisseur Matthew Wild hat den flinken Fingerdreh mit dem Casinochip raus. Bild: Raphael Moser

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In Kapstadt beginnt der Frühling. Matthew Wild ist in der südafrikanischen Metropole künstlerischer Direktor der Cape Town Opera, die mit 1500 Plätzen rund dreimal so gross ist wie das Stadttheater Bern.

Wir treffen den 38-Jährigen im Proberaum in der Felsenau an einem Tag, der das Ende des Sommers ankündigt. Nieselregen. Fiese Kälte. Der Regisseur empfängt dafür mit auffallend warmem Timbre in der Stimme, so, als wollte er die Ba­ritonrolle gleich selbst singen. Schliesslich entdeckte er die Welt der Oper mit 14, als er eine Musikkassette von Mozarts Meisterwerk geschenkt bekam.

Aufgehoben im Ensemble

Der Spielleiter, der vor allem Opern, aber auch Musicals in­szeniert, setzt sich erst zum zweiten Mal mit einem dramatischen Lustspiel auseinander. In Bern lobt er das warme «Welcome», aber auch das Engagement und Können der Künstler. «Ich wurde mit offenen Armen empfangen und durfte feststellen, dass sich bereits jeder mit seiner Rolle befasst hat.»

Wild, der sich auch in Europa als Opernregisseur pro­filiert, redet aus Erfahrung: «Ich liebe diese Produktionen weit mehr, als wenn die Sänger drei Tage vor der Premiere eingeflogen werden.»

Touristen in Kapstadt gehen auf den Tafelberg, den Südafrikaner reizt es, unsere Alpen auszukundschaften. Bis dato blieb jedoch kaum Zeit für einen Wandertag. «Don Giovanni» ist kein Klacks, und Matthew Wild weiss: «Lorenzo Da Pontes Libretto, von Mozart meisterhaft komponiert, ist ein komplexes Werk, das mit jeder Betrachtung neue Facetten evoziert.

Musik und Gesang müssen jederzeit auf den Punkt gebracht werden, darum braucht es intensive Proben.» Für Konzert Theater Bern hat Wild die Wiener Fassung im Fokus. «Oft wird die Prager Erstaufführung mit der zweiten Variante vermischt», sagt er, «das macht die Oper nicht nur länger, sondern auch weniger spannend.»

Wilds Don treibt es wild

Für Spannung ist gesorgt. Mat­thew Wilds Lesart des 1787 ur­aufgeführten Werks führt nach Las Vegas in die frühen Achtzigerjahre. Das erklärt auch die Pinnwand mit den entsprechenden Modeskizzen von Kostümbildner Ingo Krügler oder das Foto von Joan Collins als «Denver»-Biest Alexis. Den Auslöser gab Martin Scorseses Film «Casino» von 1995. «Unser Don ist ein reicher Zocker. Er lebt in einem Umfeld, in dem man sich Freiheiten nehmen kann, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen», sagt Wild.

Das Bling-Bling-Universum, in dem Drogen und schneller Sex den Alltag bestimmen, hat noch einen anderen Bezug: «Wir fo­kussieren auf einen Charakter, der sich dank seiner Macht auch Übergriffe leisten kann. Ich denke da an eine Person wie den jungen Donald Trump in Atlantic City.»

Mozarts Dramma giocoso, ein vergnügliches Gelage mit dramatischem Hintergrund, wird bei Matthews Wild zur Scheinwelt, in der Tugenden wie Vertrauen oder Treue nicht mehr von Bedeutung sind. «Ähnlich wie Scorsese lege ich Wert auf eine knisternde Atmosphäre, in der nebst Gewalt und billigem Sex der Humor nicht zu kurz kommt.»

Mozart als Must?

Kaum zu kurz kommt Wolfgang Amadeus. In der Schweiz wurde «Don Giovanni» innerhalb eines Jahres an fast allen Häusern gezeigt. Ist auch mal genug mit Mozart? Matthew Wild überlegt lange und sagt: «Schwierige Frage! Wenn ich nach Kapstadt gehe, werde ich ‹Die Zauberflöte› inszenieren. In meiner Heimat arbeiten wir kontinuierlich daran, Mozart auf die Spielpläne zu setzen, er gehört auch für meine Studenten zum Repertoire. Ausserdem erhalten wir keine Subventionen. Darum und weil in Südafrika das Musiktheater noch festeren Boden braucht, will ich dieses Genre dem Publikum mit vorwiegend bekannten Stücken näherbringen.»

Wild sieht Kapstadt als Pforte für den kulturellen Austausch zwischen dem Rest von Afrika und Europa und sich selbst als Vermittler: «Wir haben viele talentierte Sängerinnen und Sänger in Südafrika, und dieses Potenzial will ich fördern. Wenn Sopranistin Pretty Yende als Star in unser Land zurückkehrt, ist das der beste Ansporn für junge Künstler und ein enormer Boost für das kulturelle Schaffen.»

«Don Giovanni»,Premiere: Samstag, 14. Oktober, 19.30 Uhr, Stadttheater Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 17:08 Uhr

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