Try again, Landesmuseum

Das wichtigste Geschichtsmuseum der Schweiz ist neu auch eine Gamer-Bude. Das geht so nicht.

Inklusive Pizza-Attrappe: Eine Station der Ausstellung «Game».

Inklusive Pizza-Attrappe: Eine Station der Ausstellung «Game».

(Bild: PD)

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Der Soziologe Malcolm Gladwell sagt, Meisterschaft in irgendeinem Bereich setze ein Training von mindestens 10’000 Stunden voraus.

Da muss man gleich an die Millennials denken. Was aus ihnen noch alles hätte werden können! Aber sie haben halt ziemlich viel gegamet. Die jüngste Ausstellung im Landesmuseum, «Games», dürfte vielen 20- bis 40-Jährigen attraktiv vorkommen, zwischen Prunk-Ofen und Hodler-Schinken dürfen sie die alten Laster der Adoleszenz neu aufstarten.

Die Ausstellungsmacher haben das Museum in eine Spielbude verwandelt: Games von den 70ern bis in die Gegenwart sind spielbereit. Auf gehts also, hin zu den Arcade-Kästen, die man aus schummrigen Beizen der frühen 90er kennt. In «Rampage» gilt es, King-Kong, Godzilla und den Werwolf per Joystick zu verteidigen. Es ist ein Massaker: Ein Soldat wuselt mit Dynamit heran, jetzt kommen sie sogar mit dem Helikopter, und schon plumpst King-Kong vom Wolkenkratzer.

Komplett ambitionslos

Und weiter gehts: «Counter Strike», Shooter-Klassiker des Jahres 2000. Gehetze in engen Gängen, Changieren der Waffen. Wo ist die Geisel, wo ist die verdammte Geisel?! «Terrorists win.» Schliesslich die Virtual-Reality-Brille aufgesetzt und in die Welt von «Tilt Brush» hineinversetzt. Das ist ein Game, in dem man riesige Gemälde auf eine imaginäre Wand pinseln kann. Faszinierend.

Falls Sie nun einwenden, «Interaktivität» sei als mittelneuer Museumstrend ganz okay und Spasshaben an sich auch nichts Schlechtes, aber da fehle doch etwas – nun, Sie haben recht. Die Ausstellung im Landesmuseum ist komplett ambitionslos. Zum Vergleich: Würde man eine Ausstellung über Goethe allein mit einer Goethe-Gesamtausgabe bestreiten, in der die Besucher blättern könnten, würde einem das selbstverständlich allzu dürftig vorkommen.

Exakt diese kuratorische Selbstaufgabe sehen wir bei «Games»: Abgesehen von ein paar dünnen Zeilen zur jeweiligen Ära, etwa zur Ego-Shooter-Diskussion, gibt die Ausstellung zum Denken nichts her. Keine tieferen Gedanken zum Game als Kunstform, zur raffinierten Psychologie der Handy-Spiele oder zur Wechselwirkung von Game und Alltag, wie wir sie etwa gerade beim Spiel «Fortnite» erleben. Stattdessen hingestellte Konsolen und Headsets und eine sture Chronologie, die man auch auf Wikipedia haben kann. Fazit: Hängen geblieben auf Level 1. Try again, Landesmuseum!

«Games», ab 17.1., Landesmuseum Zürich

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