So körperlich, dass es wehtut

Bern Theater, Zirkus oder Freakshow? Egal. Was der Cirquede Loin mit «Soror» zeigt, ist weibliche Selbstermächtigung.

«Soror» ist nichts für zarte Seelen. Foto: PD

«Soror» ist nichts für zarte Seelen. Foto: PD

Marina Bolzli@Zimlisberg

Eins vorneweg: Dieses Stück ist nichts für zarte Seelen. Hier wird gekotzt, gesoffen, geschissen, geschlagen. Masturbiert und an Haaren gezogen. Geredet wird viel, geschrien noch mehr, und Dialog gibt es keinen. Monolog nur einen, der in Erinnerung bleibt. Und dieser handelt von einem Urlaub mit dem Vater, Hustenanfällen der Tochter – und der Pointe: Er gab ihr eine Zigarette, das beruhige die Bronchien. Lachen im Publikum.

Kampflager für Frauen

Auf der Bühne steht kein Vater, von ihm ist immer nur die Rede. Auf der Bühne stehen vier Frauen (Newa Grawit, Martina Momo Kunz, Carolin Jakoby, Aedin Walsh). Es sind Schwestern, zeitweise auch Feindinnen, Vertraute, Geliebte. «Soror», der Titel des Stücks, heisst auf Lateinisch «Schwester».

Doch die Zustände, in denen sie sich befinden, muten eher an wie ein Kampf­lager, in dem sie sich rüsten zur weiblichen Selbstermächtigung. Sich raufen, sich befriedigen, sich ausziehen, rülpsen. Baseball spielen, ans Schlagzeug sitzen, den Sarg des Vaters zur Badewanne, zur Schaukel, zum Rennauto umfunktionieren.

Und das ist gerade jetzt, im Jahr eins nach der Debatte um #MeToo, nur Wochen nach dem nationalen Frauenstreik, das Thema der Stunde. «Soror» ist fast ganz in Frauenhand, auf und zu einem grossen Teil auch hinter der Bühne, es ist in einer Ko­operation der Gruppen Cirque de Loin um Newa Grawit und Les Mémoires d’Helène um Martina Momo Kunz entstanden.

Auch andere Produktionen des Cirque de Loin wie «Mendrisch» (2016/­2017) waren sehr körperlich, zielten gewollt unter die Gürtellinie, provozierten, faszinierten und wirkten nach. Immer flossen Schweiss und andere Säfte.

Ganz in Frauenhand

«Soror» ist da nicht anders. Und gerade deshalb so drängend. Frauen eignen sich hier in höchst lustvoller Weise vermeintlich männliches Terrain an. Sie nehmen das Leben in die Hand, imitieren zum Teil männliche Verhaltensweisen und führen sie so ad absurdum. Es ist bezeichnend, dass, kurz nachdem die erste Brust enthüllt wurde und auch leidenschaftlich gezeigt wird, ein unauffälliger weisshaariger Mann entschlossen das Zirkuszelt verlässt.

Ja, «Soror» spielt in der Arena eines Zelts, es gehört dem Cirque de Loin. Denn dieses Theaterstück ist auch Zirkus, Aedin Walsh ist eine irische Luftakrobatin, sie sorgt am freihängenden Seil für die wenigen poetischen Augenblicke. Auch Kunz, die wirblige Performerin, bringt einen Hauch Poesie hinein, zum Beispiel, wenn sie den Sarg sehr anmutig tanzen lässt. Kunz ist aber vor allem für eine sehr deftige Komik verantwortlich.

Wenn sie sich in ihrer selbst erfundenden lauten Sprache am ganzen Körper mit Zitrone einreibt, bevor sie dann reinbeisst, oder wenn sie es nicht mehr recht­zeitig zur Toilette schafft, dann muss man ganz einfach lachen. Und sich immer wieder fragen, in was für eine Freakshow man da geraten ist. Eine Freakshow wie eine wohltuende Ohrfeige, nach der man erst einmal ungläubig den Mund offen stehen hat, bevor man in erleichtertes Lachen ausbricht.

Weitere Vorstellungen: 13., 17., 18.7, je 20 Uhr, Gaswerkareal Bern.21., 23.8, je 20 Uhr, Warmbächli-Brache, Bern.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt