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Revolutionär im Zug

Vor 100 Jahren reiste Revolutionär Lenin in einem Extrazug von Zürich nach Russland. Das Stück «Zürich–Petrograd einfach» begibt sich mithilfe von historischen Dokumenten auf seine Spuren.

Auf nach Russland: Im Theaterstück werden Lenin und seine Gesinnungsgenossen auf ihrem Weg nach Petrograd begleitet.
Auf nach Russland: Im Theaterstück werden Lenin und seine Gesinnungsgenossen auf ihrem Weg nach Petrograd begleitet.
Matthias Kaeser/zvg

Lenin ertrug es nicht, wenn Leute im Zug rauchten. Das ist durch historische Dokumente belegt. Wie der russische Revolutionär reagiert haben könnte, wenn Leute sich trotzdem eine Ziga­rette anzündeten, zeigt «Zürich– Petrograd einfach» des Basler Theaterduos Maria Thorgevsky und Dan Wiener. Natürlich ist das nur eine kleine Episode des Stücks. Es handelt von der Zugfahrt, die Kommunist Lenin mit etwa 30 Gleichgesinnten am 9. April 1917 unternahm.

Zuvor hatte er im Schweizer Exil gelebt, unter anderem in Bern, nun, nach der Februarrevolution, wollte er nach Russland zurückkehren. Doch das war gar nicht so einfach – die Reise führte durch deutsches Gebiet, und dort herrschte Krieg. Schliesslich konnte die Gruppe Sonderkonditionen aushandeln und per Zug ausreisen. Nach der Oktoberrevolution, nur Monate später, war Lenin bereits an der Macht.

Zugfahrt 100 Jahre danach

Letzten April, 100 Jahre nach der historischen Zugfahrt, zeigten Thorgevsky und Wiener das Stück in einem Extrazug, der aus Zürich Richtung St. Petersburg losfuhr (und fahrplanmässig in Etzwilen stoppte). Die Passagiere im Zug konnten der Euphorie, den Gedanken und Sorgen der Revolutionäre lauschen.

Doch die Revolution wurde nicht verherrlicht, es kamen auch die Verlierer, die Unterdrückten und Getöteten zur Wort. Je nachdem, in welchem Waggon die Teilnehmer der Zugfahrt sassen, sahen sie eine andere Auswahl an Szenen. Nun ist im Berner Progr das ganze Stück zu sehen.

Keine «persönliche Rache»

Regisseurin Thorgevsky, selbst Russin, war dieses Stück ein besonderes Anliegen. «Viele russische Familien wurden nach der Revolution getrennt», sagt sie. «Der eine Familienteil kämpfte für die Revolution, der andere dagegen.»

Für sie war es ein Ziel, auch die gegenrevolutionäre Seite zu Wort kommen zu lassen, denn die habe während der ganzen Sowjetzeit keine Stimme gehabt. «Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist nicht meine persönliche Rache an Lenin, im Gegenteil, überraschenderweise ist mir dieser Schurke während der Arbeit am Stück sogar ein bisschen sympathisch geworden.»

«Grausamkeiten sind wahr»

Der Auftrag zu dieser Produktion kam von den Lehrstühlen für osteuropäische Geschichte der Universitäten Bern, Basel und Zürich. Die Historikerinnen und Historiker seien nach dem Besuch des Stückes erstaunt gewesen, wie viele ihnen bekannte Quellen sie wiederentdeckt hätten. Thorgevsky hat sich auf historische Texte gestützt, «alle die Grausamkeiten, die vorkommen, sind wahr», sagt sie.

Erfunden habe sie lediglich die zwischenmenschlichen Konflikte im Zug, konkrete Gespräche, «alles, was das Leben betrifft». Denn dort unterscheidet sich auch ein Revolutionär nicht massgeblich von einem normalen Zugpassagier.

«Zürich–Petrograd einfach»,6. und 7. 10., 20 Uhr, 8. 10., 17 Uhr, Progr, Bern, Vorverkauf: ticketino.com

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