Entlarvte Lügen

Im Stück «Die Erpressung» im Theater an der Effingerstrasse rechnet die neue Generation mit der alten ab. Und zwar brutal.

Stück wurde in Russland mehrfach verboten und schliesslich verfilmt.

Stück wurde in Russland mehrfach verboten und schliesslich verfilmt.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Eine Frau sitzt in ihrem Wohnzimmer im Morgenmantel und blättert in alten Alben. Im Fernsehen tanzen Menschen mit fragwürdigen Frisuren, und über der Tür der muffigen Kammer thront Karl Marx. Das Stück «Die Erpressung» – auch unter dem Titel «Liebe Jelena Sergejewna» bekannt – spielt in den Achtzigerjahren, vor dem Zerfall der Sowjetunion. Schüler einer Klasse wollen von der Lehrerin Jelena Sergejewna gute Noten erpressen.

Dabei schrecken sie vor psychischer Gewalt nicht zurück. Verrohung der Sitten oder legitime Auflehnung gegen ein System, das die Lehrerin vertritt? Die russische Dramatikerin Ljudmila Rasumowskaja wurde mit ihrem Stück, das in Russland mehrfach verboten und schliesslich verfilmt wurde, jedenfalls schlagartig bekannt.

Sechziger versus Achtziger

Das Theater an der Effingerstrasse bringt aktuell die deutsche Fassung von Susanne Rödel unter der Regie des freien Theaterschaffenden Philipp Jescheck auf die Bühne. Der 1982 geborene Deutsche inszeniert zum ersten Mal für das Effinger-Theater. Er tut dies mit viel psychologischem Gespür und Sinn für Spannung. Die Drehbühne ist der Wohnraum der Lehrerin (Daniela Voss) –  mal ihr bescheidener Salon, mal das ärmliche Badezimmer.

Man ahnt nichts Gutes, als die grölenden Schüler bei ihr eindringen, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Die exaltierte Ljalja (Julia Sewing), ihr intellektueller Freund Pascha (Aaron Frederik Defant), der verträumte Trinker Vitja (Simon Wenigerkind) und der intelligente und bösartige Strippenzieher Volodja (Philipp Auer) sind gekommen, um zu bleiben.

Während im zum Publikum gerichteten Fernseher (Bühne: Peter Aeschbacher) harmlose Trickfilme aus der Sow­jetunion über den Bildschirm flimmern, spitzt sich in der Stube die Lage zu. Die Kostüme (Sybille Welti) führen vor Augen, dass man es mit zwei unterschiedlichen Lagern zu tun hat. Jelena mit Faltenrock und Flechtfrisur ist noch in den Sechzigerjahren verhaftet, die Clique ist mit Yuppie-Mode in den Achtzigerjahren angekommen.

Aufrichtig anständig

Der 1993 in der Wiener Neustadt geborene Schauspieler Philipp Auer ragt nicht nur mit seiner Vokuhilafrisur heraus, sondern auch mit seinem eindringlichen Spiel. Auer stand bereits für «Das Treibhaus» auf der Bühne des Effinger-Theaters, wo er einen Wüterich mit gutem Herzen spielte. Jetzt ist es gewissermassen umgekehrt: Er gibt den bedachten, aalglatten Manipulator, mit Zügen von Bret Easton Ellis’ «American Psycho» und Ähnlichkeiten mit dem berüchtigten Alex aus Stanley Kubricks «A Clockwork Orange».

Auch Daniela Voss als Lehrerin, die für das alte System und ihre Ideale eintritt, vermag zu berühren. Sie will den Schlüssel zum Safe, in dem die Prüfungen der Schüler liegen, nicht herausgeben. Sie weigert sich, das System als das zu erkennen, was es ist: ungerecht. Ganz anders die Jungen, die ein Stück vom Kuchen wollen. Das gegenseitige Misstrauen erreicht einen Höhepunkt, als die Besatzer beschliessen, die Wohnung zu durchsuchen.

Zum Sound ihrer Zeit, in Slow-Motion-Posen, bekommt das Spektakel etwas Filmisches. Besoffen endet Vitja in der Dusche der Lehrerin, während Ljalja das Unrecht, das sie tun, erst erkennt, als es fast zu spät ist. Aufrichtig möchte die Lehrerin ihre Schüler in die Welt entlassen. Doch diese entlarven die Lügen der älteren Generation und verlieren dabei jeden Anstand.

Nächste Vorstellung: Do, 16.1.,20 Uhr, Theater an der Effingerstrasse, Bern. www.dastheater-effingerstr.ch

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